OME-Lexikon

Evakuierung

1. Begriff

Etymologie

„Evakuierung“ (lat. evacuare, leeren) bezeichnet die Räumung eines Gebietes von den dort befindlichen Menschen. Teilweise finden alternativ auch Begriffe wie „Räumung“ oder „Freimachung“ Anwendung.

Definition

Unter „Evakuierung“ ist eine häufig unter Zwang stattfindende Migration zu verstehen, die aufgrund einer Notlage in einer bestimmten Region (Kriegsgefahr, Havarien technischer Einrichtungen, Naturereignisse) veranlasst wird. Diese Migration findet meist unter der Prämisse statt, dass es sich um eine vorübergehende Maßnahme handelt und eine Rückkehr der Betroffenen möglich ist. In vielen Fällen lässt sich der Ablauf einer Evakuierung kaum von dem einer Flucht oder einer Zwangsumsiedlung trennen. Neben dem Ziel einer situationsbedingen, vorübergehenden Migration nennen Johannes Großmann und Fabian Lemmes für „Evakuierung“ drei weitere Merkmale: Es handele sich um eine administrativ eingeleitete Maßnahme; betroffen sei meist die ‚eigene‘ Bevölkerung eines die Evakuierung einleitenden Staates; für die Betroffenen bestehe häufig eine Ambivalenz aus Schutz- und Zwangsmaßnahme. Als Zielsetzungen einer Evakuierung benennen beide Autoren den Schutz der Bevölkerung, aber auch die Erleichterung militärischer Operationen, die Sicherung (kriegs-)wichtiger Ressourcen und die Entfernung potentiell gegenüber dem herrschenden Staat unzuverlässiger Bevölkerungsteile aus der betroffenen Region.[1]

Träger, Gebrauch

In der Geschichte finden sich zahlreiche Fälle kriegsbedingter Evakuierungen, so zum Beispiel die Räumung Moskaus während Napoleons Russlandfeldzug im Jahr 1812 oder die teilweise Evakuierung von Frontzonen während des Ersten Weltkriegs (z. B. in Ostpreußen 1914). Eingesetzt wurde der Begriff zugleich bei schwerwiegenden Atomunfällen wie Tschernobyl oder Fukushima sowie bei der Entschärfung von aus dem Zweiten Weltkrieg stammenden Bomben in deutschen Innenstädten.

Der Begriff der Evakuierung findet mit Blick auf die Geschichte der Deutschen im östlichen Europa in erster Linie Verwendung, um die kriegsbedingten, im Verlauf und gegen Ende des Zweiten Weltkriegs meist zwangsweise eingeleiteten Migrationen sogenannter ‚Volksdeutscher‘ aus Ost- und Südosteuropa sowie der Bevölkerung aus den ehemaligen deutschen Ostprovinzen zu benennen. Allerdings variierte der zu bezeichnende Migrationsvorgang in der zeitgenössischen Benutzung des Begriffs. So benannten die Nationalsozialisten damit zunächst die Räumung der deutsch-französischen Grenzregion 1939/40, dann teilweise auch die Deportation der Juden. Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges wurde der Begriff auch auf die Ausquartierung von Bombengeschädigten aus deutschen Großstädten angewandt. Im Jahr 1943 versuchte die nationalsozialistische Propaganda wiederum, den nach einer Notsituation klingenden Begriff der Evakuierung zu vermeiden und ihn durch „Rückführung“, „Räumung“ oder „Freimachung“ zu ersetzen.

Fremdsprachige Entsprechungen

engl. evacuation; franz. évacuation; poln. ewakuacja; tschech. evakuace; slowak. evakuácia; russ. ėvakuacija.

2. Historischer Abriss: Evakuierungen am Ende des Zweiten Weltkriegs

Die vom nationalsozialistischen Deutschland durchgeführten Evakuierungen begannen im Jahr 1943 mit der parallel zum Rückzug der Wehrmacht stattfindenden ‚Rückführung‘ von Deutschen aus Russland. Beteiligt waren zunächst vor allem Akteure der nationalsozialistischen Volkstums- und Umsiedlungspolitik wie die Volksdeutsche Mittelstelle, die ihre Erfahrungen und Zielsetzungen einbrachten. Diese organisatorische Verbindung zeigt, dass die Evakuierungen bei Kriegsende auch im Kontext der nationalsozialistischen Umsiedlungsagenda seit 1939 zu sehen sind. Ab 1944 folgten Evakuierungen von Teilen der deutschen Bevölkerung aus Rumänien, Ungarn, Serbien und der Slowakei. Im Zuge des Vorrückens der sowjetischen Truppen lösten die nationalsozialistischen Behörden seit dem Herbst 1944 meist kurzfristig die Flucht der deutschen Bevölkerung aus den östlichen Regionen des Deutschen Reiches (vor allem Ostpreußen und Schlesien) aus. Die bis zum Kriegsende andauernden Evakuierungen erfolgten nicht selten unter Zwang: Vielfach weigerten sich die Betroffenen, ihre Wohnorte zu verlassen. Dies betraf etwa die zu „Festungen“ erklärten Großstädte Königsberg/Kaliningrad und Breslau/Wrocław, deren Bewohner mit Ausnahme der unmittelbar an der Verteidigung beteiligten Personen zu Jahresbeginn 1945 unter Gewaltanwendung und zum Teil mit ungeklärtem Ziel evakuiert worden sind. Anders als von vielen beteiligten Akteuren nach 1945 behauptet, verliefen die meisten Räumungen nicht organisiert, sondern chaotisch. In der Mehrheit handelte es sich bei den Betroffenen um Frauen und Kinder sowie ältere Menschen.

Nicht zu vergessen ist, dass vielerorts parallel zu den Räumungen die Ermordung von Juden oder politischen Gegnern forciert wurde.

Nach Kriegsende versuchten viele der Evakuierten in ihre Heimatorte zurückzukehren. Diejenigen, denen dies gelang, wurden jedoch in den meisten Fällen auf Grundlage des Potsdamer Abkommens später zwangsausgesiedelt.

3. Debatten und Kontroversen

Viele Darstellungen zeigen bis heute Unschärfen bei der Kontextualisierung der Evakuierungen 1944/45 auf. Dazu zählt die Verortung zwischen der nationalsozialistischen Volkstumspolitik einerseits und dem Geschehen von Flucht und Vertreibung, aber auch die Einbeziehung von militärisch-politischen Entwicklungen in Südosteuropa andererseits. Die Evakuierungen werden in der Historiografie meist dem Geschehen von Flucht und Vertreibung zugeordnet. Allerdings müssen Intentionen und Kontexte berücksichtigt werden, um diese Migrationsvorgänge über die erwähnte Zuordnung hinaus historisch einordnen zu können. Dazu gehört zunächst, dass im letzten Kriegsjahr nicht nur im Osten, sondern auch an der Westfront (z. B. die Räumung der Stadt Aachen im September 1944) Evakuierungen stattfanden, was die Frage nach den Zielsetzungen aufwirft. Die Planungen der NS-Behörden offenbaren zudem, dass es nicht allein um den Schutz der Zivilbevölkerung ging, sondern in vielen Fällen die Rekrutierung von Arbeitskräften und der Abtransport von Material von großer Bedeutung war. Bei den im Vergleich zum Geschehen in den ehemaligen deutschen Ostprovinzen nur wenig thematisierten Evakuierungen aus Ostmittel- und Südosteuropa muss zudem die Gesamtentwicklung in den beteiligten Staaten berücksichtigt werden. So plante etwa der mit Deutschland kollaborierende Slowakische Staat umfassende Räumungen im Osten des Landes, weswegen von einer Reihe parallel ablaufender, sich gegenseitig beeinflussender Fluchtbewegungen auszugehen ist.

Diskutiert wurde in der Vergangenheit zudem häufig die Rolle der Wehrmacht und der nationalsozialistischen Verwaltung. Während ältere Publikationen darauf verweisen, dass die Wehrmacht alles für den Schutz der deutschen Zivilbevölkerung unternommen habe, zeigen neuere Studien, dass nicht die Absicherung der Evakuierungen, sondern die Fortsetzung des Krieges Vorrang hatte.[2] In letzter Zeit wurde zudem die Frage aufgeworfen, inwieweit die Entscheidung für die Evakuierungen überhaupt richtig war. Zwar ist auf die Gräueltaten sowjetischer Soldaten an Zivilisten in Regionen, die von der Front überrollt wurden, hingewiesen worden. Eva Hahn und Hans Henning Hahn argumentieren dagegen, dass die Evakuierungen chaotische Zustände auslösten und zu einer großen Zahl von Opfern geführt hätten.[3] Der Tenor der meisten anderen Studien lautet dagegen, dass nicht die Evakuierungen, sondern ihre oft kurzfristig und schlecht organisierte Durchführung das Leid der Flüchtenden ausgelöst habe.[4]

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Götz Aly: „Endlösung“. Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden. Frankfurt/M. 1995.
  • R[ay] M. Douglas: Ordnungsgemäße Überführung. Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. 2. Auflage München 2014.
  • Johannes Großmann/Fabian Lemmes: Evakuierungen im Zeitalter der Weltkriege. Stand der Forschung, Konzepte und Perspektiven. In: Dies./Nicolas J. Williams/Oliver Forcade/Rainer Hudemann (Hg.): Evakuierungen im Europa der Weltkriege. Berlin 2014, S. 11–34.
  • Eva Hahn/Hans Henning Hahn: Die Vertreibung im deutschen Erinnern. Legenden, Mythos, Geschichte. Paderborn 2010.
  • Ian Kershaw: Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45. München 2013 (engl. Original 2011).
  • Jochen Oltmer: Migration. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2012. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/53946.html (Stand 18.1.2012).
  • Michael Schwartz: Ethnische „Säuberung“ als Kriegsfolge: Ursachen und Verlauf der Vertreibung der deutschen Zivilbevölkerung aus Ostdeutschland und Osteuropa 1941 bis 1950. In: Rolf-Dieter Müller (Hg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg 10/2: Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945. Die Folgen des Zweiten Weltkrieges. München 2008, S. 509–656.

Anmerkungen

[1] Großmann/Lemmes: Evakuierungen im Zeitalter der Weltkriege, S. 16f. 

[2] Kershaw: Das Ende, S. 289.

[3] Hahn/Hahn: Die Vertreibung im deutschen Erinnern, S. 262–292.

[4] Kershaw: Das Ende, S. 167f. und 256.

Zitation

Martin Zückert: Evakuierung. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2017. URL: http://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32812 (Stand 16.02.2017).

Nutzungsbedingungen für diesen Artikel

Copyright © Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE), alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk entstand im Rahmen des Projekts „Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa“ und darf vervielfältigt und veröffentlicht werden, sofern die Einwilligung der Rechteinhaber vorliegt. Bitte kontaktieren Sie: ome-lexikon(at)uni-oldenburg.de

Wenn Sie fachliche Hinweise oder Ergänzungen zum Text haben, wenden Sie sich bitte unter Angabe von Literatur- und Quellenbelegen an die Redaktion.