OME-Lexikon

Heimat

1. Genese des Begriffs

Etymologie

Das Wort „Heimat“ ist in seinem Lautbestand seit dem 15. Jahrhundert nachweisbar. Seine Vorläufer sind althochdeutsch heimuoti bzw. heimōti und mittelhochdeutsch heimout(e). Als etymologisch rekonstruierbar gilt die indogermanische Wurzel kei mit ihrer Bedeutung liegen bzw. Ort, an dem man sich niederlässt.

Träger, Gebrauch

Der Begriff „Heimat“ erfährt gegenwärtig eine zunehmende Präsenz, die fast alle Lebensbereiche umfasst. Früher zunächst in juristischen Kontexten, dann zunehmend in politisch-nationalen Diskursen verwendet, wird der Begriff „Heimat“ heute jenseits der quasi angestammten Themenfelder von Heimatpflege und Heimatvertriebenen von Unterhaltungsmedien, Tourismus und Werbung ebenso aufgegriffen wie etwa in den Bereichen Nahrung, Wohnungsausstattung und Freizeit eingesetzt. Zunehmend gerät „Heimat“ zum Stimulans, Versprechen und Erklärungsangebot in den Bereichen Lebensstil, Konsum, Sozial- und Gesellschaftspolitik. Dies erscheint bemerkenswert angesichts jahrzehntelanger Zurückhaltung, ja teilweiser Abstinenz als Reaktion auf eine Instrumentalisierung während des sog. „Dritten Reichs“ sowie nachfolgende gesellschaftspolitische Setzungen sozialistischer Politik. Und so mischen sich auch unter die gegenwärtig so leicht anmutende Handhabung des Heimatbegriffs härtere Lesarten. Seinem Einsatz als inflationäre Lifestyle-Attitüde stehen einerseits auf Anerkennung und andererseits auf Ausgrenzung bedachte Sprechweisen von Heimat und sogar handgreiflich ausschließende Positionen rechtsextremer Kreise gegenüber.  

Fremdsprachige Entsprechungen, Übersetzungen, Übernahmen

Das Wort „Heimat“ in seinem klassischen deutschen Begriffsfeld ist in anderen Sprachen ohne direkte Entsprechung. Deshalb wird etwa im Amerikanischen zur adäquaten Bezeichnung der deutsche Begriff verwendet (german heimat). Englisch homeland bzw. native land, französisch lieu d´origine bzw. pays natal sowie tschechisch domov, polnisch mała ojczyzna, russisch rodina, rumänisch ţara natala und ungarisch szülöföld besitzen große inhaltliche Nähe, ohne das gesamte Bedeutungsspektrum abzudecken.

2. Definition

„Heimat“ wird im populären Diskurs jenseits seiner heute großen Bedeutungsoffenheit im Kern als eine vor allem raumbezogen gedachte Größe verstanden, die identitäre Vertrautheit und Unterscheidbarkeit sichert. Genauer besehen entwickelt sich der persönliche Heimatbezug dynamisch aus subjektiven Erlebnissen, die geprägt sind durch direkte soziale Beziehungen und Emotionen, welche mit einem bestimmten Ort verbunden sind. Demgegenüber steht der gesellschaftlich vermittelte Heimatbegriff (Politik, Werbung, Tourismus etc.) als vorwiegend regional fixierte Größe in vorrangig ästhetisch-erlebnishafter Ausprägung und mit historisch bzw. je nach Zielsetzung stark schwankender Programmatik. Ein im intellektuellen Milieu und Diskurs der Spätmoderne entwickelter, akteurszentrierter und handlungsorientierter Zugang versteht „Heimat“ wiederum als ein dynamisches Produkt aktiver Gestaltung („Beheimatung“).

3. Historischer Abriss

Bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war „Heimat“ ein juristischer Begriff mit geographischer Orientierung, d.h., er war an persönlichen Besitz von Haus und Hof gebunden und bezeichnete u.a. ein Aufenthalts- bzw. Bleiberecht, insbesondere bei altersbezogener Bedürftigkeit und in sozialen Notlagen. Im Zuge der Französischen Revolution, der Industrialisierung und den damit verbundenen großen gesellschaftlichen Umwälzungen erfolgte ein fundamentaler Bedeutungswandel, der für das 19. und beginnende 20. Jahrhundert ein regional und gemeinschaftsstiftend konfiguriertes, territoriales Heimatverständnis hervorbrachte. Damit verband sich ein Vorstellungsmuster, das nun mehr durch die drei Faktoren Idealisierung, Emotionalisierung und Ästhetisierung charakterisiert wurde. So geriet der Heimatbegriff im bürgerlichen Verständnis der Zeit zum idealisierten Gegenbild der sich durch die Industrialisierung verändernden Gesellschaft mit ihren wirtschaftlichen, sozialen und politischen Spannungen. Die Emotionalisierung zeigt sich ausformuliert in einer – im Übrigen bis zur Gegenwart fortwirkenden – starken Gefühlsempfindung, die in Bildern von Harmonie und Innigkeit schwelgt und sich als Wertgefüge versteht. Und Ästhetisierung umschreibt  den künstlerisch-gestalterischen Ausdruck von Heimat, wie er beispielsweise in der breit sortierten Heimatliteratur ebenso greifbar ist wie landauf-landab in den Bemühungen um retrospektiv orientierte Ortsbild- und Landschaftspflege, um Brauchtums- und Volkskulturpflege, wo nach augenfälligen Darstellungsformen intakter Harmonie in Rückbindung an die Tradition gesucht wird.

Das zunächst in Abgrenzung zu Vorstellungen von „Vaterland“ und „Nation“ eingeübte „bürgerliche“ Heimatverständnis geriet in den 1910er- bis 1930er-Jahren in nationalistische und nationalsozialistische Zusammenhänge. In Absetzung von diesem gesellschaftspolitischen Kontext konnte sich erst ab den 1960er-Jahren eine weithin entnationalisierte sowie entpolitisierte – und heute auch mehr und mehr entregionalisierte − Auffassung etablieren, die seither „Heimat“ als ländlich-naturverbunden eingekleidete, psychisch befriedigende Sphäre entwirft. 

Neben diesen im 19. und 20. Jahrhundert entwickelten Einstellungsmustern, die den Begriff bis zur Gegenwart begleiten, entfaltete sich zuerst in intellektuellen Kreisen seit den 1960er-Jahren und heute in Diskursen zur Spätmoderne eine Sichtweise, die Heimat als ein dynamisches Produkt aktiver Gestaltung versteht („Beheimatung“) sowie auf die konkreten persönlichen Lebenserfahrungen und -verhältnisse mit ihren identitätsstiftenden Emotionalitäten und sozialen Bindungen zugeschnitten ist.

4. "Heimat" im östlichen EUropa

Die politisch-gesellschaftlichen Veränderungen des 20. Jahrhunderts wie auch der Gegenwart hatten und haben in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa (wie auch anderswo) deutliche Auswirkungen auf das Identitätsmanagement und damit auch auf Beheimatungsprozesse der betroffenen Bevölkerungsgruppen. Die Orientierungsweisen und Bewältigungsstrategien von Vertriebenen  und (Spät-)Aussiedlern aus diesen Regionen sowie von Angehörigen der gegenwärtig dort residierenden Nationen offenbaren die Typenbreite von Beheimatungsvorgängen zwischen zugewiesenen „Heimaten“ bzw. erzwungenen Reaktionen einerseits und initiativ gesuchten Prozessen andererseits. „Heimat“ fungiert hierbei jeweils als Identifikationsangebot. Doch zugleich bildet die Suche nach „Heimat“, gerade angesichts der vielfältigen, namentlich auch subjektiv schmerzlichen gesellschaftlichen Dynamik, eine Strategie der Selbstbehauptung.

5. Beheimatung, Heimatverlust und „neue Heimat“

Die Strategien, die auch die im Verlauf vieler Jahrhunderte ins östliche Europa kommenden deutschsprachigen Siedler anwandten, um sich die Fremde zur „Heimat“ zu machen, waren vielfältig und von den jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen abhängig. Entscheidend war dabei vor allem der Grad der wirtschaftlichen Unabhängigkeit wie auch der religiösen, sprachlichen  und kulturellen Selbstbestimmung. Diese Faktoren bestimmten in Wechselwirkung mit dem Selbstverständnis von Einzelnen und Gruppen das jeweilige Ausmaß von Akkulturation und Integration auf der einen sowie Segregation und Isolation auf der anderen Seite. Und sie beeinflussten auch die Konservierung und Kultivierung „heimatlicher“ Kulturelemente.

Im 20. Jahrhundert kam es im Zuge der NS-Besatzungs- und Bevölkerungspolitik zu in Europa bislang beispiellosen Bevölkerungsverschiebungen. Umsiedlung, Deportation sowie Flucht und Vertreibung während und infolge des Zweiten Weltkriegs führten  zu zwangsweisem Heimatverlust, von den Betroffenen qualifiziert als ,Entheimatung‘ und Entwurzelung aus zum Teil seit Generationen angestammter Zugehörigkeit zum vertrauten Lebensraum und einem vielfach multinationalen beziehungsweise multiethnischen Sozialverbund.

Besonders für die Flüchtlinge und Vertriebenen in Westdeutschland wurde ein retrospektives, idealisiertes Verständnis von Heimat  zu einem wirkmächtigen Projektionsfeld der Sehnsucht nach Restituierung eines erfüllenden Lebenskontextes in Anerkennung und Zugehörigkeit, zumal sich die Aufnahmegesellschaft eher zögerlich und nur rudimentär – weil vorrangig administrativ sowie wirtschaftlich-materiell − um ihre Integration bemühte. Vor diesem Hintergrund entstanden im Vertriebenenkontext auf privater Initiative sowie als Verbands- oder Patenschaftsprojekte ein umfangreiches Heimatschrifttum sowie hunderte von Heimatstuben. In diesem Geist wurde auch eine vielfältige landsmannschaftliche Traditionspflege (u.a. Trachten, Lied und Musik, Mundart der Herkunftsgebiete)  betrieben. Dagegen führten Heimatreisen durch die persönliche Konfrontation mit den aktuellen Verhältnissen in den Herkunftsorten vielfach  zur (allmählichen) Anerkennung des Status quo und zu binationalen Bekanntschaften mit regelmäßigen Besuchen bis in die Gegenwart.   

Seit den 1990er-Jahren gibt es zudem – mit oder ohne familiären Vertreibungshintergrund −, das Phänomen der Remigration bzw. der Migration in den Herkunftskontext von Vorfahren in die früheren Gebiete im östlichen Europa.

Diese Beheimatung in Landschaften, die durch die Vorgänge von Flucht, Vertreibung und staatlich organisierter Neuansiedlung historisch geprägt sind, vollziehen aktuell vor allem Angehörige der heute dort situierten Nationen, indem sie sich etwa in privaten und kommunalen Initiativen mit der (auch) deutschen Vergangenheit und dem gemeinsamen Kulturerbe dieser Regionen auseinandersetzen. Statt externer ethnischer beziehungsweise nationaler oder rein geographisch-topographischer Bezüge stehen subjektiv empfundene Möglichkeiten zur Erfüllung  psychischer und sozialer Bedürfnisse an den gewählten Orten im Vordergrund, wobei sich ein Zugehörigkeitsgefühl  aufgrund der jeweiligen Gegebenheiten individuell entwickelt.

Auch im Kontext der Zuwanderung von (Spät-)Aussiedlern wurde „Heimat“ zum Argument, indem jene als Rückkehr in die „Urheimat“ interpretiert wurde. 

6. Bibliographische Hinweise

  • Hermann Bausinger: Auf dem Weg zu einem neuen, aktiven Heimatverständnis. Begriffsgeschichte als Problemgeschichte. In: Der Bürger im Staat 33 (1983), Nr. 4, S. 211–218.
  • Beate Binder: Heimat als Begriff der Gegenwartsanalyse? Gefühle der Zugehörigkeit und soziale Imaginationen in der Auseinandersetzung um Einwanderung. In: Zeitschrift für Volkskunde 104 (2008), S. 1-17.
  • Ina-Maria Greverus: Auf der Suche nach Heimat. München 1979.
  • Olaf Kühne, Annette Spellerberg: Heimat in Zeiten erhöhter Flexibilitätsanforderungen. Empirische Studien im Saarland. Wiesbaden 2010.
  • Manfred Seifert: Heimat und Spätmoderne. Über Suchbewegungen nach Sicherheit angesichts von Mobilität, Migration und Globalisierung. In: Rheinisches Jahrbuch für Volkskunde 39 (2011/2012), S. 199-221.
  • Dorothee Wierling (Hg.): Heimat finden. Lebenswege von Deutschen, die aus Russland kommen. Hamburg 2004.

Zitation

Manfred Seifert: Heimat. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2016. URL: http://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p42287 (Stand 02.09.2016).

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