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Heimatbuch

1. Definition und Kurzbeschreibung

Das Vertriebenen-Heimatbuch ist eine von ehemaligen Einwohnern oft kollektiv verfasste Monographie über ihre alte Heimat. Heimatbücher enthalten in einer Mischung aus subjektiver und faktenorientierter Darstellung über das Chronikalische hinaus Texte und Bilder zum sozialen Leben vor Ort, meist auch zu Wirtschaft, Natur und Landschaft, Volkskunde, kirchlichem Leben, örtlichen Bauten, lokalen Persönlichkeiten, Anekdoten und Namenkunde sowie zur Vertreibung. Ergänzt wird dies oft durch die Nachkriegsgeschichte des Ortes und das Schicksal seiner vertriebenen Bewohner nach 1945. Die Werke enthalten meist Karten- und Dokumentationsmaterial sowie Einwohner- und Häuserlisten, dagegen eher selten Register und Literaturlisten.[1]

Eine zentrale Funktion der Werke ist die Archivierung von Lokalwissen und Erinnerung, mithin die Verschriftlichung des kommunikativen Gedächtnisses der Zeitzeugen. Ihre Autoren sehen dies als Voraussetzung für die spätere Aufnahme in das kulturelle Gedächtnis der Gesamtgesellschaft.[2] Direkte Adressaten sind jedoch die Mitglieder der Erlebnisgeneration, die im Heimatbuch ihr Gedächtnis gemeinschaftlich festschreiben.

Obwohl sich in den Werken ein klarer Themenkanon nachweisen lässt, lose angelehnt an heimat- und landeskundliche Schemata, gibt es fast kein Thema, das nicht ins Heimatbuch passt. Diese Offenheit ist ein Grund dafür, dass es zum zentralen Medium für die Lokalerinnerung der Vertriebenen wurde.

2. Begriff und historischer Abriss

Heimatbücher, die auch mit diesem Begriff bezeichnet wurden (anfangs auch Heimatsbuch, in Böhmen und Mähren [Gemeinde-]Gedenkbuch), gibt es im deutschen Sprachraum seit dem frühen 20. Jahrhundert. Ihre Vorgeschichte geht zurück auf die Entstehung der Heimatkunde nach den Befreiungskriegen; in den 1920er Jahren erreichten Heimatbücher ein beachtliches Niveau und hohe Auflagen.[3]

Die ersten Autoren nach der Vertreibung schrieben v. a., um ihre bereits verblassende Erinnerung festzuhalten. Doch war die Heimatbuchform der Vorkriegszeit unterschwellig präsent, sonst hätte sich das Heimatbuch nicht so schnell als Medium der Erinnerung durchsetzen können. Bei Donauschwaben, Siebenbürger Sachsen und Sudetendeutschen erwies sich die Schriftenklasse als besonders produktiv, während andere wie die Russlanddeutschen keine monographischen Heimatbücher publizierten. Großstädte (Breslau/Wrocław, Danzig/Gdańsk, Prag/Praha) wurden kaum in Heimatbüchern verewigt, die Referenzräume der Werke hatten in Gegenteil vor der Vertreibung oft weniger als 1.000 Einwohner.

Im Normalfall stellte eine Gruppe (Heimatortsgemeinschaft) ehemaliger Einwohner gemeinsam das Buch zusammen; als Herausgeber oder Bearbeiter fungierten gebildete Laien wie Lehrer, Geistliche und andere Studierte sowie für einen Teil der ehemaligen Ostgebiete ehemalige Verwaltungsangehörige (insbesondere Ostpreußen). Mit der Zeit schwand die Zahl der Überlieferungsträger, und Autoren waren oft diejenigen, die noch Erinnerungen beizutragen hatten. Erst in den letzten Jahrzehnten sind auch Frauen in verantwortlicher Position zu finden.

Heimatbücher sind von hohem symbolischen Wert für die Gemeinschaften, die sie schreiben, aber auch für das Individuum, das sich ihnen zugehörig fühlt. Viele Werke zeigen dies mit hochwertiger Ausstattung. Dennoch ist charakteristisch, dass auch mit bescheidenen Mitteln ein Heimatbuch von Wert geschaffen werden konnte.

Falls sich keine landsmannschaftliche Organisation, Patengemeinde oder anderen Geldgeber fanden, finanzierten die Gemeinschaften die Werke selbst, oft durch Pränumeration. Die Mehrzahl erschien in kleinen Auflagen im Selbstverlag und ging direkt an die Gruppenmitglieder, sodass Heimatbücher in Bibliotheken schlecht repräsentiert sind. Neben landsmannschaftlichen Spezialbibliotheken ist die Martin-Opitz-Bibliothek die einzige Institution, die Werke aller Herkunftsregionen sammelt.

Das Vertriebenen-Heimatbuch hatte andere Konjunkturen als sein bundesdeutsches Pendant. Seine Publikation hatte ihren Höhepunkt nach Abschluss der Ostverträge 1970, als gleichzeitig das bundesdeutsche Heimatbuch massiv einbrach. Dem letzten Hoch nach der Wiedervereinigung folgte ein bis heute anhaltender Abschwung. Da das Heimatbuch an die Autorschaft der Erlebnisgeneration gebunden ist, sind Siebenbürger Sachsen und Donauschwaben, die meist erst als Spätaussiedler ihre Heimat verließen, heute die einzigen, die noch Heimatbücher schreiben, während bei anderen Gruppen mit dem Generationenwechsel das Ende des Heimatbuchs einherging.

Im Vergleich der Heimatbücher aller Vertriebenen kristallisieren sich sehr klar landsmannschaftliche Gruppen mit deutlich unterscheidbaren Gruppengedächtnissen und fundierenden Mythen heraus. Dabei zeigen sich Gemeinsamkeiten zwischen den deutschen Minderheiten in Polen und in Südosteuropa, die z. B. alle die Tradition des guten Zusammenlebens mit ihren andersnationalen Nachbarn betonen, die erst der Zweite Weltkrieg zerstört habe. Die Sudetendeutschen und die Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten sind die beiden anderen klar abzugrenzenden Gruppen, die in bestimmten Aspekten der Erinnerungskonstruktion stärker als die ehemaligen "Volksdeutschen" gewisse bundesdeutsche Diskurse aufnehmen.

3. Forschungsstand und Perspektive

Heimatbücher wurden als von Laien verfasste graue Literatur von der Forschung lange ignoriert. Eine erste Gesamtdarstellung leistete 1979 die Bibliographie von W. Kessler, der jedoch kaum weitere Arbeiten folgten.[5] Erst mit dem wachsenden Interesse an Erinnerungskultur entstanden in den 2000er Jahren mehrere Studien, die Werke einzelner Landsmannschaften sowie die in ihnen vertretenen Geschichtsbilder analysierten.[6] J. Faehndrich bot in ihrer Analyse der Heimatbücher aller Landsmannschaften neben der Geschichte der Schriftenklasse eine Einordnung in die Kontexte von Gruppengedächtnis, Geschichtskonstruktion und Erinnerungskultur.[7]

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Mathias Beer (Hg.): Das Heimatbuch. Geschichte, Methodik, Wirkung. Göttingen 2010.
  • Jutta Faehndrich: Eine endliche Geschichte. Die Heimatbücher der deutschen Vertriebenen. Köln u. a. 2011 (Visuelle Geschichtskultur 5).
  • Ulrike Frede: "Unvergessene Heimat" Schlesien. Eine exemplarische Untersuchung des ostdeutschen Heimatbuches als Medium und Quelle spezifischer Erinnerungskultur. Marburg 2004 (Schriftenreihe der Kommission für Deutsche und Osteuropäische Volkskunde in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde e. V. 88).
  • Wolfgang Kessler: Ost- und südostdeutsche Heimatbücher und Ortsmonographien nach 1945. Eine Bibliographie zur historischen Landeskunde der Vertreibungsgebiete. Hg. von der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat OKR. München, New York 1979.
  • Katalin Orosz-Takács: Die zur Erinnerung gewordene Heimat. Heimatbücher der vertriebenen Ungarndeutschen. Diss. [Ts.]. Budapest 2007. URL: http://doktori.btk.elte.hu/lit/orosznetakacs/diss.pdf.

Anmerkungen

[1] Nach Kessler: Ost- und südostdeutsche Heimatbücher und Faehndrich: Eine endliche Geschichte.

[2] Faehndrich: Endliche Geschichte, S. 41-43.

[3] Zur (Vor-)Geschichte des Heimatbuchs Faehndrich: Endliche Geschichte, S. 44-68.

[4] Faehndrich: Endliche Geschichte, Kapitel 6 und passim.

[5] Kessler: Ost- und südostdeutsche Heimatbücher.

[6] Fabian Koch: Die Heimat, wie sie wirklich war. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte in Sudetendeutschen Heimatbüchern. In: Archiv für Familiengeschichtsforschung 16 (2012), Nr. 2, S. 42-62; Leni Perenčević: "Fern vom Land der Ahnen". Zur Identitätskonstruktion in bosniendeutschen Heimatbüchern. In: Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde 51 (2010), S. 45-74; Alexander Usler: Das Geschichtsbild in sudetendeutschen Heimatbüchern nach 1948. In: Peter Heumos (Hg.): Heimat und Exil. Emigration und Rückwanderung, Vertreibung und Integration in der Geschichte der Tschechoslowakei. München 2001 (Bad Wiesseer Tagungen des Collegium Carolinum 21), S. 23-35.

[7] Faehndrich: Endliche Geschichte.

Zitation

Jutta Faehndrich: Heimatbuch. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte im östlichen Europa, 2013. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/55232.html (Stand 26.09.2013).

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OME-Redaktion (Stand: 25.04.2018)