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Kulturwerke

1. Kurzdarstellung

Der meist mit näherer Spezifizierung versehene Begriff „Kulturwerk“ wird allgemein als Bezeichnung für eine Initiative, Vereinigung oder Institution verwendet, die im weitesten Sinne der Kulturförderung verpflichtet ist. Die von den Vertriebenen und Flüchtlingen in der Bundesrepublik Deutschland gegründeten Kulturwerke gehören zu den Vertriebenenorganisationen. Sie sind bzw. waren entweder mehreren Herkunftsregionen zugleich oder einem einzelnen Herkunftsgebiet gewidmet. Die Kulturwerke engagieren sich auf sämtlichen Gebieten der Kultur(-förderung), der Bildungsarbeit und der historisch ausgerichteten Wissenschaften.

2. Aufgaben

Bei Gründung der Kulturwerke standen die Stärkung der Identität der in die Gesellschaft der jungen Bundesrepublik noch nicht integrierten Vertriebenen und Flüchtlinge durch Pflege und Vermittlung der Kultur ihrer Herkunftsgebiete, die Sicherung und Bewahrung von Kulturgut, die wissenschaftliche Forschung sowie die Verbreitung von Kenntnissen unter der Mehrheitsbevölkerung im Mittelpunkt. Mit den Kulturwerken schufen sich die Vertriebenen Instrumente ihrer Kulturarbeit, die erheblichen Anteil daran hatten, dass ihr Geschichts- und Kulturverständnis in entsprechend interessierten Kreisen ihrer neuen Umgebung gepflegt, verbreitet und bewahrt wurde (z. B. durch Archive und Bibliotheken). Für die Vertriebenen selbst bildeten die Kulturwerke auch Faktoren eigener Identitätspolitik und -bildung, die insofern auch zur Integration der Vertriebenen und Flüchtlinge beitrugen. Die in den Verlagen der Kulturwerke kontinuierlich erschienenen Publikationen trugen zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn bei.

3. Geschichte

Um das Jahr 1950 wurden vier Vereine gegründet, die als die wichtigsten „Kulturwerke“ der Vertriebenen gelten und faktisch die Funktion von zentralen Kulturinstituten innehatten oder noch haben.

1. Adalbert Stifter Verein (ASV): Der ASV wurde bereits 1947 in München als kulturelle Vereinigung der aus der Tschechoslowakei gekommenen Deutschen gegründet. Er stellte zunächst eine Art Dachverband für Einzelinitiativen dar und entwickelte sich zu einer Koordinierungsstelle für kulturelle Aktivitäten innerhalb der sudetendeutschen Verbandsstrukturen („Aiblinger Beschluss“, 1948). Seit der Neufassung der Vereinssatzung 1951 firmierte der ASV offiziell als „Kulturwerk der sudetendeutschen Volksgruppe“[1], das auch von der Sudetendeutschen Landsmannschaft anerkannt wurde. Im Folgenden nahm (bzw. nimmt) der ASV, in Abgrenzung zur politischen Arbeit der Landsmannschaft, zahlreiche Aufgaben im Kulturbereich wahr, u. a. die Einrichtung bzw. Unterhaltung einer Bibliothek, die Herausgabe des „Stifter-Jahrbuchs“ ([1.]1949; 2.1951–8.1964; 9.1971; N.F. 1.1987ff.), der Serie „Sudetenland. Europäische Kulturzeitschrift. Böhmen-Mähren, Schlesien. Vierteljahresschrift für Kunst, Literatur, Volkskultur und Wissenschaft“ (seit 1958; ab 2014 „Sudetenland. Europäische Kulturzeitschrift“) und die Durchführung von Ausstellungen sowie wissenschaftlicher Projekte.

2. Südostdeutsches Kulturwerk e. V. (SOKW): Das SOKW wurde 1951 ebenfalls in München als Träger der „Südostdeutschen Kultur- und Forschungsstelle“ gegründet, zur „Durchführung wissenschaftlicher und kultureller Untersuchungen“ und zur „Darstellung der Geschichte und Kultur der deutschen Herkunftsgebiete im Südosten Europas“ (u. a. Banat, Batschka, Bessarabien, Bukowina, Dobrudscha, Gottschee, Siebenbürgen).[2] Das SOKW unterhielt 1956–2005 einen eigenen Verlag, in dem die „Südostdeutschen Vierteljahresblätter“ erschienen (7.1958–54.2005; Vorläufer: „Südostdeutsche Heimatblätter“ 1.1951–6.1957) sowie die „Veröffentlichungen des Südostdeutschen Kulturwerks“. Es führte wissenschaftliche Projekte im Bereich Geschichte und Literaturwissenschaft durch, erarbeitete Lehrangebote für Schulen und Universitäten, organisierte Kulturtagungen und Ausstellungen, vergab Kulturpreise, legte eine Nachlasssammlung und eine Bibliothek an.

3. Nordostdeutsches Kulturwerk (NOKW): Ebenfalls 1951 wurde der Verein NOKW in Lüneburg gegründet, der als Träger des „Instituts Nordostdeutsches Kulturwerk“ fungierte. Das NOKW hatte die Aufgabe, die Einflüsse deutscher Kultur in Pommern, in West- und Ostpreußen, in der Provinz Posen, in den baltischen Ländern sowie in Russland und Polen darzustellen und zu erforschen.[3] Das NOKW hatte drei Abteilungen: Die Nordost-Bibliothek, das Nordostdeutsche Archiv und den Verlag Nordostdeutsches Kulturwerk. Seine wissenschaftlichen Aktivitäten entsprachen weitgehend denen des SOKW. Wichtigste Veröffentlichungen waren bzw. sind die Zeitschrift  „Nordost-Archiv. Zeitschrift für Geschichte und Landeskunde“ (1.1968­–24.1991; N.F. als „Archiv für Regionalgeschichte“ 1.1992ff.) sowie die „Schriften des NOKW“.

4. Stiftung Kulturwerk Schlesien (SKS): Das gleichfalls seit 1951 arbeitende, aber erst 1952 gegründete „Kulturwerk Schlesien e. V.“ (ab 1975 „Stiftung Kulturwerk Schlesien“) bezog den „gesamtschlesischen Raum“, also Nieder- und Oberschlesien, ein und hatte die Aufgabe, „den schlesischen Beitrag zur deutschen und europäischen Kultur deutlich zu machen, seine weitere Wirksamkeit zu fördern sowie schlesisches Kulturgut zu erhalten und zu pflegen“.[4] Die Arbeit der SKS war zunächst in Arbeitskreise nach Fächern aufgeteilt (Bildende Kunst, Musik, Literatur, „gesamtschlesische Stammesfragen“, Ostkunde). Das SKS unterhielt ebenfalls einen eigenen Verlag und eine Bibliothek, führte bzw. führt wissenschaftliche Tagungen (insbesondere Nachwuchstagungen) durch und gab die Serie „Schlesien – Eine Vierteljahresschrift für Kunst, Wissenschaft und Volkstum heraus (1.1956–41.1996) sowie ab 1966 die bis heute erscheinende Zeitschrift „Schlesischer Kulturspiegel“.

Über die vier genannten Kulturwerke hinaus sind noch weitere „Kulturwerke“ mit regionalem Bezug entstanden, deren Tätigkeit allerdings heute erloschen ist (1953 „Kulturwerk der Vertriebenen Deutschen e. V.“; 1965 „Donaudeutsches Kulturwerk Saarland e. V.“) oder die heute nur noch vereinzelt Aktivitäten entfalten (1972 „Kulturwerk Danzig“; 1974 „Stiftung Kulturwerk Wartheland“). Bis heute bestehen die 1950 (Vorgängereinrichtung 1932) in Lüneburg gegründete „Carl-Schirren-Gesellschaft e. V. – Deutsch-Baltisches Kulturwerk e. V.“, die sich die Pflege der Kultur der Deutschbalten zur Aufgabe gemacht hat, und das 1969 gegründete „Karpatendeutsche Kulturwerk Slowakei e. V.“ in Karlsruhe, das sich bis heute als zentrales Kulturinstitut für die Karpatendeutschen der Slowakei versteht. Beide Einrichtungen besitzen jeweils eine Bibliothek, ein Archiv sowie museale Sammlungen („Deutschbaltisches Museum“ als Teil des „Ostpreußischen Museums“ in Lüneburg; „Karpatendeutsche Museum“ in Karlsruhe-Durlach) und setzen sich für die Darstellung und Erforschung der jeweiligen regionalen Kultur und Geschichte ein.

Nach dem Ende des Kalten Krieges setzte eine Modernisierung und Internationalisierung der Arbeit der Kulturwerke ein, die sich nun stärker kooperativ vernetzten und für Einrichtungen im östlichen Europa zu wichtigen Partnern wurden. Die 2000 erfolgte Neukonzeption der Kultur- und Wissenschaftsförderung nach § 96 des Bundesvertriebenengesetzes bedeutete für die Arbeit der Kulturwerke eine Zäsur. Während der ASV weiter institutionell gefördert wurde, wurde die institutionelle Förderung der SKS beendet, so dass deren Aktivitäten rückläufig waren. Das vom NOKW getragene „Institut Nordostdeutsches Kulturwerk“ in Lüneburg und das vom SOKW getragene Institut in München wurden aufgelöst, 2001 als wissenschaftliche Forschungsinstitute neu gegründet und als „An-Institute“ mit den Universitäten in Hamburg und München verbunden („Institut für deutsche Kultur und Geschichte Nordosteuropas e. V.", IKGN; „Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas“, IKGS). Sie sind seitdem vor allem mit wissenschaftlicher Forschung und Lehre befasst. Die Arbeit der Kulturwerke bzw. ihrer Nachfolgeeinrichtungen ist heute den Methoden und Themen der modernen beziehungsgeschichtlich ausgerichteten Kulturvermittlung bzw. der historisch ausgerichteten Ostmitteleuropaforschung verpflichtet. Ihre Aktivitäten sind national und international vernetzt und insbesondere für die jeweilige Regionalforschung von herausgehobener Bedeutung.

Liste der Kulturwerke (nach Gründungsjahren)

1947: Adalbert Stifter Verein e. V. (ASV), München

1950: Carl-Schirren-Gesellschaft e.V. – Deutsch-Baltisches Kulturwerk (Vorgängereinrichtung 1932), Lüneburg

1951: Nordostdeutsches Kulturwerk e. V. (NOKW), Lüneburg

1951: Südostdeutsches Kulturwerk e. V. (SOKW), München

1952: Kulturwerk Schlesien e. V. (SKS), Neumarkt-Oberpfalz, ab 1957 Würzburg

1953: Kulturwerk der Vertriebenen Deutschen e. V., Schloss Burg an der Wupper, seit 1972 „West-Ost-Kulturwerk“, Bonn

1965 Donaudeutsches Kulturwerk Saarland e. V., Banater Kirchenbucharchiv, Homburg; 1981 aufgelöst

1969: Karpatendeutsches Kulturwerk Slowakei e. V., Karlsruhe

1972: Kulturwerk Danzig, Arbeitsgemeinschaft zur Rettung und Förderung Danziger Kulturguts, Düsseldorf

1974: Stiftung Kulturwerk Wartheland, 1974, Hannover (heute Wiesbaden)

Kontroversen

Ähnlich wie bei anderen Vertriebenenorganisationen sind die personellen und ideologischen Kontinuitäten in die Zeit des Nationalsozialismus noch nicht durchgehend untersucht worden; der 1960 von Lilian Schacherl gegebene pauschale Hinweis, dass die Gründer des ASV „durchweg politisch unbelastete Männer“[5] gewesen seien, hat sich als nicht zutreffend erwiesen. Der „Volkstumssoziologe“[6] Max Hildebert Boehm (1891–1968), auf dessen Initiative das NOKW gegründet wurde, betonte die „Gesamtkonzeption des deutschen Volks- und Kulturbodens“[7] als Ausgangspunkt dieser landsmannschaftlich-kulturpolitischen Initiativen. Dementsprechend wurden im Zusammenhang mit personellen auch ideologische Kontinuitäten, u. a. das Anknüpfen der Kulturwerke an völkische Traditionen und ein rückwärtsgewandtes Geschichtsbild in der kulturellen Arbeit – insbesondere in den ersten beiden Jahrzehnten nach ihrer Gründung – kritisiert.[8]

5. Bibliographische Hinweise

Literatur/Quellen

  • Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (Hg.): 50 Jahre Südostdeutsches Kulturwerk, Südostdeutsche Vierteljahresblätter. 1951-2001. München 2001 (Veröffentlichungen des Südostdeutschen Kulturwerks 6).
  • Wolfgang Kessler (Bearb.): Ostdeutsches Kulturgut in der Bundesrepublik Deutschland. Ein Handbuch der Sammlungen, Vereinigungen und Einrichtungen mit ihren Beständen. Hg. v. der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat. München u. a. 1989.
  • Kulturwerk Danzig e.V. (Hg.): 30 Jahre Kulturwerk Danzig e. V. (1972–2002). Düsseldorf 2003.
  • Heinrich von zur Mühlen: Kulturwerke als Träger ostdeutscher Kulturarbeit. In: Hans Joachim Merkatz (Hg.): Aus Trümmern wurden Fundamente. Vertriebene, Flüchtlinge, Aussiedler. Drei Jahrzehnte Integration. Düsseldorf 1979, S. 367–377.
  • Ulrich Prehn: „Kaderschmiede“ für den „Tag X“: Max Hildebert Boehm und die (Nord-) Ostdeutsche Akademie. In: Alexander Gallus, Axel Schildt (Hg.): Rückblickend in die Zukunft. Politische Öffentlichkeit und intellektuelle Positionen in Deutschland um 1950 und 1930. Göttingen 2011 (Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte 48), S. 238–253.
  • Ulrich Prehn: Max Hildebert Boehm. Radikales Ordnungsdenken vom Ersten Weltkrieg bis in die Bundesrepublik. (Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte, Bd. 51) Göttingen 2013.
  • Lilian Schacherl: Die Kulturwerke der Vertriebenen. Ihre Aufgaben, Tätigkeitsberichte und Arbeitsmethoden. Hg. v. Ostdeutschen Kulturrat. Bonn 1960.
  • Tobias Weger: „Volkstumskampf“ ohne Ende. Sudetendeutsche Organisationen, 1945–1955. Frankfurt/M. 2008 (Die Deutschen und das östliche Europa – Studien und Quellen 2).

Weblinks

Anmerkungen

[1] Weger: Volkstumskampf, S. 246; Kessler, Ostdeutsches Kulturgut, S. 349.

[2] SOKW: 50 Jahre, S. 5; Kessler, Ostdeutsches Kulturgut, S. 466.

[3] Kessler, Ostdeutsches Kulturgut, S. 78f.

[4] Kessler, Ostdeutsches Kulturgut, S. 221.

[5] Schacherl, Kulturwerke, 1960, S. 8

[6] Ulrich Prehn, „Kaderschmiede“, 2011, S. 241.

[7] Zitiert nach Ulrich Prehn: „Volk“ und Raum in zwei Nachkriegszeiten. Kontinuität und Wandlungen in der Arbeit des Volkstumsforschers Max Hildebert Boehm. In: Habbo Knoch (Hg.): Das Erbe der Provinz. Heimatkultur und Geschichtspolitik nach 1945. Münster 2001 (Veröffentlichungen des zeitgeschichtlichen Arbeitskreises Niedersachsen), S. 50–72, hier S. 68.

[8] Vgl. Weger, Volkstumskampf, S. 229–251.

Zitation

Matthias Weber: Kulturwerke. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2018. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32709 (Stand 02.03.2018).

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