OME-Lexikon

Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung

1. Kurzbeschreibung

Zweck der 2008 errichteten Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung (SFVV) ist es, „im Geiste der Versöhnung die Erinnerung und das Gedenken an Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert im historischen Kontext des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik und ihrer Folgen wachzuhalten“[1]. Die praktische Arbeit der SFVV ist nicht nur auf die Vertreibung der Deutschen bezogen, sondern greift auch weitere Zwangsmigrationen im Europa des 20. Jahrhunderts ebenso wie aktuelle Themen auf. Ihre konzeptionelle Ausrichtung und bisherige Tätigkeit war und ist in Politik, Medien und Wissenschaft von kontroversen Debatten über den sachgerechten und ausgewogenen Umgang mit der Thematik sowie über Fragen der Musealisierung und Dokumentation des historischen Geschehens verbunden. Standort des Ausstellungs-, Informations- und Dokumentationszentrums der SFVV wird das (umgebaute) „Deutschlandhaus“ am ehemaligen Anhalter Bahnhof in Berlin-Kreuzberg sein. Die Übergabe des Baus ist für 2018 und die Eröffnung der Dauerausstellung für 2019 geplant. (Stand Februar 2017).

Das neue Dokumentationszentrum entsteht am ehemaligen Anhalter Bahnhof in Berlin (Stand Februar 2017) [Foto: Tomek Kwiatosz, Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung].
Das neue Dokumentationszentrum entsteht am ehemaligen Anhalter Bahnhof in Berlin (Stand Februar 2017) [Foto: Tomek Kwiatosz, Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung].

2. Vorgeschichte 1999–2008 („Zentrum gegen Vertreibungen“ und „Sichtbares Zeichen“)

„Zentrum gegen Vertreibungen“ (ZGV)

1999 schlug die neu gewählte Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach (damals CDU), gemeinsam mit Peter Glotz (SPD, 1939–2005) vor, an zentraler Stelle in Berlin einen nationalen Gedenkort zur Erinnerung an Flucht und Vertreibung der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges und nach dem Krieg zu schaffen. Zu diesem Zweck gründete der BdV im Jahr 2000 die Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“.

Das Vorhaben wurde von der Öffentlichkeit im In- und Ausland kontrovers diskutiert. Unter anderem wurde die Sorge geäußert, dass der zentralen Bedeutung der Erinnerung an den Holocaust in der Bundesrepublik ein neues Opfernarrativ gegenübergestellt werden solle und dieser damit relativiert werden könne. Grundsätzlich bestanden vor allem in Polen, aber auch in der Tschechischen Republik Vorbehalte gegen die Einrichtung eines zentralen deutschen Erinnerungsortes zum Themenkomplex der Vertreibung in Berlin, die sich zunächst gegen das ZgV und später auch gegen die SFVV richteten. Befürchtet wurden insbesondere eine Entkontextualisierung des Vertreibungsgeschehens, die einseitige Betonung der deutschen Opferperspektive (Selbstviktimisierung), eine Umdeutung von Täter- und Opferrollen im Zweiten Weltkrieg sowie eine mangelnde Thematisierung insbesondere der polnischen Leiderfahrungen. Kritisiert wurde (im Hinblick auf die SFVV) auch ein zu großer konzeptioneller Einfluss des BdV.

Während der BdV mit seinem Plan zur Errichtung eines auf die deutschen Vertriebenen ausgerichteten Gedenkorts in Berlin von großen Teilen der CDU/CSU unterstützt wurde, stand die SPD-geführte Bundesregierung diesem Ansatz eher kritisch gegenüber. Als Alternativen wurden die Lokalisierung eines derartigen Zentrums in Breslau/Wrocław oder in Görlitz/Zgorzelec vorgeschlagen beziehungsweise ein dezidiert europäischer Ansatz durch die Bildung eines Europäischen Netzwerkes gegen Vertreibungen (siehe Europäisches Netzwerk Erinnerung und Solidarität) verfolgt. Schließlich gab es noch die Auffassung, dass ein weiterer Erinnerungsort überhaupt nicht notwendig sei, weil die Thematik durch das Deutsche Historische Museum (Berlin), das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Bonn) sowie die verschiedenen, den ehemaligen deutschen Ostprovinzen und Siedlungsgebieten gewidmeten Landesmuseen ausreichend behandelt werden würde.

Im Zuge der Diskussion wurde zunächst die Konzeption des ZgV ‚europäisiert‘: So wurde in die zu schaffende Gedenkinstitution ein historischer Überblick über Vertreibungen in Europa integriert, was dem Selbstverständnis des BdV als Opfergruppe entsprach. Allerdings schien dies den Vorwurf zu bestätigen, dass die deutschen Vertriebenen im ZgV den Opfern der NS-Verbrechen gleichgestellt würden, was wiederum einer Nivellierung der deutschen Kriegsschuld Vorschub leisten würde. Auch die Thematisierung von NS-Verbrechen, wie z.B. die gewaltsamen Umsiedlungs- und Vernichtungspläne (Generalplan Ost), ließ die Kritik aus Wissenschaft und Politik nicht verstummen.[2] Die Stiftung ZgV führt seit 2006 deutschlandweit Veranstaltungen (insbesondere Wanderausstellungen) durch. Deren Vorsitzende Erika Steinbach sieht diese Initiative weiterhin als treibende Kraft in der Diskussion über die Erinnerung an Flucht und Vertreibung der Deutschen – gerade auch mit Blick auf die Tätigkeit der SFVV, sodass die Arbeit des ZgV auch nach deren Konstituierung fortgesetzt wird.

Das „Sichtbare Zeichen“ (2005–2008)

Die nach der Bundestagswahl 2005 gebildete Große Koalition aus CDU/CSU und SPD nahm in ihren Koalitionsvertrag das Vorhaben auf, „im Geiste der Versöhnung auch in Berlin ein sichtbares Zeichen“ zu setzen, um „an das Unrecht von Vertreibungen zu erinnern und Vertreibung für immer zu ächten“[3]. Dabei handelte es sich um einen Kompromiss zwischen der das BdV-Konzept unterstützenden CDU/CSU und der die Netzwerk-Initiative befürwortenden SPD. Im März 2008 veröffentlichte die Bundesregierung eine erste Konzeption für das „Sichtbare Zeichen“[4], welche den konzeptionellen und organisatorischen Rahmen absteckte, indem Dauer- und Wechselausstellungen, das Dokumentations- und Informationszentrum sowie die Durchführung von Veranstaltungen und die internationale Vernetzung vorgegeben wurden. Im Folgenden betrafen die sich weiter verschärfenden Konflikte insbesondere die Frage des Umfangs der Beteiligung des BdV an dem Vorhaben.

3. Gesetzliche Grundlagen

2008 verabschiedete der Deutsche Bundestag das Gesetz zur Errichtung der SFVV mit den Stimmen von CDU/CSU, SPD und FDP bei Enthaltung von Bündnis 90/Die Grünen und Ablehnung durch Die Linke. Das am 30.12.2008 in Kraft getretene Gesetz (letzte Änderung 14.06.2010) bestimmt das für diesen Zweck selbst in eine rechtsfähige bundesunmittelbare Stiftung umgewandelte „Deutsche Historische Museum“ (DHM) zum Träger der unselbstständigen Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung.

Unter § 16, Abschnitt 2, werden der Stiftungszweck sowie die dafür notwendigen Schritte formuliert: die Einrichtung einer Dauerausstellung, welche die Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert in ihrem historischen Kontext und ihrer europäischen Dimension sowie die daraus resultierenden Folgen darstellt; dazu Einzelausstellungen, die spezielle Aspekte der Gesamtthematik beleuchten. Ebenso sollen aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse vorgestellt und diskutiert sowie die Sammlung und Auswertung „einschlägiger Unterlagen und Materialien, insbesondere von Zeitzeugenberichten“[5], durchgeführt werden. Die erwünschte Zusammenarbeit mit anderen Museen und Forschungseinrichtungen in Deutschland und in Europa ist ebenfalls im Gesetz verankert.

Durch die Unselbstständigkeit der Stiftung wird eine gewisse Kontrollfunktion des DHM gewährleistet. Ein aus 21 Persönlichkeiten bestehender Stiftungsrat soll durch eine breite gesellschaftliche Aufstellung das Erreichen der Stiftungsziele sichern. Der bis zu 15 Mitglieder umfassende „wissenschaftliche Beraterkreis“ soll dazu beitragen, dass „die historischen Ereignisse ausgewogen und geschichtswissenschaftlich fundiert sowie lebendig, umfassend und anschaulich“ dargestellt werden. Durch eine erwünschte internationale Zusammensetzung des Beraterkreises – unter anderem auch mit Vertretern aus Polen und Tschechien – sollte eine multiperspektivische Gestaltung der Stiftungsarbeit gewährleistet werden. Die SFVV ist Teil der Kultur- und Wissenschaftsförderung nach § 96 BVFG (Bundesvertriebenengesetz).

4. Organisatorischer Aufbau

Zum Gründungsdirektor der SFVV wurde Manfred Kittel berufen (bis 2014). Im Jahr 2009 konstituierte sich der zunächst aus 13, nach der Gesetzesänderung 2010 aus 21 Mitgliedern bestehende Stiftungsrat, dessen Mitglieder von den jeweiligen Institutionen entsandt und vom Bundestag bestätigt werden mussten. Der Stiftungsrat setzt sich wie folgt zusammen:[6]

  • vier Mitglieder des Deutschen Bundestages,
  • ein Mitglied des Auswärtigen Amtes,
  • ein Mitglied des Bundesministeriums des Innern,
  • die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien,
  • sechs Mitglieder des BdV,
  • zwei Mitglieder der evangelischen Kirche,
  • zwei Mitglieder der katholischen Kirche,
  • zwei Mitglieder des Zentralrates der Juden in Deutschland,
  • Präsident der Stiftung „Deutsches Historisches Museum“,
  • Präsident der Stiftung „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“.  

Ebenso wurde der wissenschaftliche Beraterkreis von zunächst neun auf bis zu 15 Mitglieder erweitert. Nach Rücktritten mehrerer Mitglieder im Sommer 2015 wurde eine Neubesetzung nötig, die 2016 erfolgte. Für diese konnten auch wieder Wissenschaftler aus dem Ausland gewonnen werden, allerdings keine aus Polen.

Die Fläche der Dauerausstellung wird ca. 1700 m2 betragen, für Sonderausstellungen sind ca. 400 m2 vorgesehen. Für die Umgestaltung des Deutschlandhauses sowie den allgemeinen Aufbau der Stiftung sind 38 Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt veranschlagt, der laufende Betrieb wird mit jährlich 2,5 Millionen Euro kalkuliert.[7] Mittlerweile (Stand Oktober 2016) wird von einer Verdoppelung des laufenden Haushaltsbudgets ausgegangen; die (Um-)Baukosten sollen sich um ca. 16 auf 53 Millionen Euro erhöhen.[8] Allerdings werden nur ca. 50 Prozent des renovierten und umgebauten Hauses von der Stiftung genutzt werden. Der Rest wird vom Eigentümer (Bundesanstalt für Immobilienangelegenheiten) an andere Nutzer vermietet. Partner für die Ausstellungsarchitektur ist das „Atelier Brückner“ (Stuttgart); das „Deutschlandhaus“ wird unter Erhalt der denkmalgeschützten Fassade unter Leitung des „Marte.Marte Architekten-Büros“ (Weiler/Österreich) kernsaniert; die Gestaltung eines „Raumes der Stille“ erfolgt durch das Büro „Königs Architekten“ (Köln).

Entwurf für den Raum der Stille [Foto: Königs Architekten, Köln].
Entwurf für den Raum der Stille [Foto: Königs Architekten, Köln].

5. Konzeption und Pläne

Die Arbeitsschwerpunkte der SFVV sowie die Überlegungen zum Dokumentations- und Informationszentrum (Bibliothek, Mediathek, Archiv) sind ebenso wie die Fragen, mit welchen Inhalten sich die entstehende Dauerausstellung auseinandersetzen und in welcher Form dies geschehen soll, in dem von Manfred Kittel vorgelegten und vom Stiftungsrat am 25. Juni 2012 verabschiedeten Konzeptionspapier skizziert.[9] Nach einem Prolog und einem geographischen Überblick enthält das Papier folgende Aufstellung der zu behandelnden Themen (Schwerpunkte liegen auf der Dauerausstellung, s. Kapitel 4–6):

  1. das Prinzip des ethnisch homogenen Nationalstaats und der Zerfall der Vielvölkerimperien am Ende des Ersten Weltkriegs,
  2. Mehr- und Minderheiten zwischen den Weltkriegen,
  3. „Volksgemeinschaft“, Antisemitismus und „Lebensraum im Osten“: zentrale Bestandteile des Nationalsozialismus,
  4. der Zweite Weltkrieg,
    - Besatzungsterror, Zwangsmigration und Völkermord als Teil der NS-Herrschaft,
    - das „ethnische Regime“ der stalinistischen Sowjetunion,
    - Evakuierung und Flucht der deutschen Zivilbevölkerung,
  5. die Vertreibung der Deutschen und die Neuordnung Europas,
    der Weg zur Potsdamer Konferenz,
    - „Wilde Vertreibungen“,
    - Zwangsaussiedlungen,
    - Deportation, Internierung und Vertreibung in Südosteuropa,
  6. Flüchtlinge und Vertriebene in Deutschland und in Europa nach 1945: Strategien, Konflikte und Erfolge von Integrationsprozessen,
    - Ankunftserfahrungen,
    - Zwischen Integration und Assimilation: Flüchtlinge und Vertriebene in beiden deutschen Teilstaaten,
    - Versöhnungsinitiativen,
  7. Nach 1989: Auf dem Weg zu einer europäischen Erinnerungskultur?

Neben der Schwerpunktsetzung auf den Zweiten Weltkrieg ist die starke Berücksichtigung der Nachkriegszeit sowie der Flucht und Vertreibung der Deutschen deutlich erkennbar. Es sollte ein möglichst umfassender chronologischer Ansatz realisiert werden, der die Vertreibung der Deutschen „eingebettet in den Kontext europäischer Vertreibungen im 20. Jahrhundert“ darstellt. Die Entstehung des ethnischen Nationalismus ebenso wie die Minderheitenproblematiken des 19. und frühen 20. Jahrhunderts werden als mögliche Grundlagen von Flucht und Vertreibung thematisiert, ohne diese Zusammenhänge als zwangsläufige Entwicklung darzustellen. Im Rahmen von Sonderausstellungen soll auf Fallbeispiele aus Geschichte und Gegenwart des weiteren Themenfeldes eingegangen werden.  Zusätzlich zur Darstellung der Konfliktgeschichte sollen Wege der Verständigung und Versöhnung aufgezeigt werden.

Hinsichtlich authentischer Exponate für die Dauerausstellung befindet sich die SFVV noch in der Sammlungsphase. Zentral für die Ausstellung werden konzeptionsgemäß auch Zeitzeugenberichte sowie Ego-Dokumente sein, die zusätzlich zum historischen Geschehen auch individuelle Schicksale, etwa langfristige Traumatisierungen, aus verschiedenen sozialen Schichten und Generationen verdeutlichen sollen. Da infolge des Erlöschens der Erlebnisgeneration kaum noch Zeitzeugen vorhanden sind, stellt sich die Frage nach der Zielgruppe. Von diesem Bildungs- und Lernort sollen historisch interessierte Bürger, Nachfahren von Vertriebenen und sowohl Schulklassen als auch ausländische Besucher angesprochen werden. Ein durchgängig mehrsprachiges Angebot soll nicht zuletzt Gäste aus dem östlichen Europa einladen.

6. Bisherige Aktivitäten (Ausstellungen, Veranstaltungen)

Seit 2010 veranstaltet die SFVV Vorlesungen, Symposien, Tagungen, Zeitzeugengespräche, Buchvorstellungen und Filmvorführungen, u. a. in Kooperation mit der „Stiftung Topographie des Terrors“, der „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ sowie der „Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“. Ebenfalls widmete man sich politisch aktuellen Themen wie der Situation der Krim-Tataren während der Krimkrise im Jahr 2014. Die SFVV beteiligte sich an der 7. Berlin Biennale 2012 und trat 2013/14 mit einer Open-Air-Ausstellung vor dem Deutschlandhaus und 2014/15 mit der Wanderausstellung zu globalen Zwangsmigrationen („Twice a Stranger“) im Verbund mit einer Werkstattausstellung („Gewaltmigration erinnern“) im Rahmen einer Sonderausstellung im DHM an die Öffentlichkeit. Im November/Dezember 2016 wurde in Serbien, Kroatien und in Ulm der von der SFVV und dem Donauschwäbischen Zentralmuseum Ulm herausgegebene internationale Tagungsband zum Thema des Verschwindens der deutschsprachigen Minderheiten in Jugoslawien in der Kriegs- und Nachkriegszeit vorgestellt.[10]

7. Weitere Kontroversen

Besetzung des Stiftungsrats 2009/10

Nach den Bundestagswahlen im Herbst 2009 spitzte sich der Konflikt um die Besetzung der dem BdV zustehenden Sitze im Stiftungsrat der SFVV zu. Wie schon die SPD in der vorherigen Regierung lehnte die nun mitregierende FDP Erika Steinbach als Mitglied des Stiftungsrates ab, da besonders in Polen durch ihren Einfluss eine einseitige Fokussierung auf eine deutsche Opfergeschichte befürchtet würde. Die Verweigerung eines schnellen Kompromisses durch den BdV sollte sich letztlich für diesen auszahlen, da er im Frühjahr 2010 für den Verzicht Steinbachs auf einen Sitz im Stiftungsrat eine Änderung des Stiftungsgesetzes durchsetzen konnte: Im vergrößerten Stiftungsrat wurden der Anteil der BdV-Mitglieder von drei auf sechs erhöht sowie das Budget und die Ausstellungsfläche erweitert.

Die sich über Monate hinziehende Kontroverse führte dazu, dass sich einige Mitglieder aus dem Stiftungsrat und dem wissenschaftlichen Beraterkreis zurückzogen. Der polnische Historiker Tomasz Szarota kommentierte seinen Rückzug damit, dass es hier nicht um die Versöhnung der Deutschen mit ihren Nachbarn, sondern der Deutschen mit sich selbst gehe. Der Zentralrat der Juden ließ seine Mitgliedschaft im Stiftungsrat ruhen, nachdem zwei BdV-Mitglieder des Stiftungsrates mit umstrittenen Äußerungen zur Kriegsschuldfrage hervorgetreten waren.[11]

Eckpunktepapier 2010

Das von Kittel entworfene Eckpunktepapier vom 25.10.2010 wurde in der Geschichtswissenschaft kontrovers diskutiert.[12] Die Kritik – mangelhafte Kontextualisierung des Vertreibungsgeschehens  im Hinblick auf die NS-Verbrechen sowie Fokussierung auf die deutschen Opfer – ähnelte weithin der am ZgV.[13] Bereits im Vorfeld wurde von einer Historikergruppe um Martin Schulze Wessel ein alternatives Konzept für die Stiftung vorgestellt, welches erneut die Idee eines kooperativen Netzwerkes aufgriff.[14] Ein wesentlicher Kritikpunkt war, dass die SFVV die Vertreibung an zentraler Stelle in die Erinnerungskultur Deutschlands integrieren wolle. Im Ergebnis wurde das auf Basis des Eckpunktepapiers weiterentwickelte Konzeptionspapier von Kittel ohne größere Diskussion am 25.06.2012 vom Stiftungsrat einstimmig beschlossen.

Sonderausstellungen 2014

Ein weiterer Konflikt wurde durch eine Ausstellung der SFVV im DHM hervorgerufen.  Sowohl die „Werkstattausstellung“ der Stiftung als auch die von der Europäischen Union geförderte Wanderausstellung „Twice a Stranger“ riefen inhaltliche Kritik hervor. Als problematisch wurden ein einseitiger Schwerpunkt auf der Zwangsmigration der Deutschen, falsche Opferzahlen und fehlerhafte Illustrationen sowie vor allem eine unzureichende Kontextualisierung in Bezug auf den von Deutschland ausgelösten Zweiten Weltkrieg bewertet.

Aktuelle Entwicklung

Dem im Dezember 2014 erfolgten Rücktritt Manfred Kittels als Direktor der SFVV schloss sich eine längere Interimsphase an, bis Gundula Bavendamm, die bisherige Leiterin des AlliiertenMuseums Berlin zum April 2016 als neue Direktorin berufen wurde. Zwischenzeitlich hatte die letztlich nicht erfolgreiche Nominierung von Winfrid Halder (Direktor der „Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus. Deutsch-osteuropäisches Forum“, Düsseldorf) zum Direktor der SFVV zu Konflikten mit und innerhalb des wissenschaftlichen Beraterkreises und zu weiteren Austritten aus diesem Gremium geführt, sodass die Interimsführung der SFVV bis zum März 2016 dem Direktor der „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“, Uwe Neumärker, übergeben worden war.

Am 17.10.2016 wurde Richtfest am Deutschlandhaus gefeiert. In diesem Zusammenhang schlug Kulturstaatsministerin Monika Grütters vor, dass die Verzögerungen im Bauablauf für eine „Nachjustierung“ der Ausstellungskonzeption genutzt werden sollten. Entsprechende Vorschläge von Gundula Bavendamm seien im Stiftungsrat auf positive Resonanz gestoßen. Bavendamm betonte dazu, dass die Vertreibung der Deutschen ein Schwerpunkt der Stiftung bleibe, aber neben dem Kontext der NS-Herrschaft als weiterer Themenkomplex die historischen Geschehnisse mit aktuellen Fluchtbewegungen stärker verbunden werden sollten.[15]

8. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Manuel Becker: Geschichtspolitik in der „Berliner Republik“. Konzeptionen und Kontroversen. Wiesbaden 2013.
  • Mathias Beer: Flucht und Vertreibung der Deutschen. Voraussetzungen, Verlauf, Folgen. München 2011.
  • R[ay] M. Douglas: ‚Ordnungsgemäße Überführung‘. Die Vertreibung der Deutschen nach dem 2. Weltkrieg. 2., durchgesehen Aufl. München 2012.
  • Eva Hahn, Hans Henning Hahn: Die Vertreibung im deutschen Erinnern. Legenden, Mythos, Geschichte. Paderborn u. a. 2010.
  • Peter Haslinger: Die Dynamik der aktuellen geschichtspolitischen Debatten um "Flucht und Vertreibung" in Zentraleuropa. In: Ulf Brunnbauer, Michael G. Esch, Holm Sundhaussen (Hg.): Definitionsmacht, Utopie, Vergeltung. „Ethnische Säuberungen“ im östlichen Europa des 20. Jahrhunderts. Berlin 2006 (Geschichte – Forschung und Wissenschaft 9), S. 281–301.
  • Piotr M. Majewski: The Topic of Forced Migration in the Planned Museum of the Second World War in Gdańsk. In: Deutsches Historisches Museum; International Association of Museums of History; Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung (Hg.): Flucht, Vertreibung, Ethnische Säuberung. Eine Herausforderung für Museums- und Ausstellungsarbeit weltweit (Flight, Expulsion and Ethnic Cleansing. A Challenge for the Work of Museums and Exhibitions Worldwide). Berlin 2010, S. 124–129.
  • Bill Niven: Reactive Memory. The Holocaust and the Flight and Expulsion of Germans. In: Marc Silberman, Florence Vatan (Hg.): Memory and Postwar Memorials. Confronting the Violence of the Past. New York 2013, S. 51–69.
  • Stephan Raabe, Anne Velder: „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“. Reaktionen in Polen auf die Besetzung des Wissenschaftlichen Beirates, Vorgeschichte und Konzepte des Stiftungsprojekts. Hg. v. Konrad-Adenauer-Stiftung, 07.12.2010: http://www.kas.de/polen/de/publications/21385/ (Abruf 24.02.2017).
  • Maren Röger: Flucht, Vertreibung und Umsiedlung. Mediale Erinnerungen und Debatten in Deutschland und Polen seit 1989. Marburg 2011 (Studien zur Ostmitteleuropaforschung 23).
  • Karl Schlögel: Nach der Rechthaberei. Umsiedlung und Vertreibung als europäisches Problem. In: Dieter Bingen, Włodzimierz Borodziej, Stefan Troebst (Hg.): Vertreibungen europäisch erinnern? Historische Erfahrungen, Vergangenheitspolitik, Zukunftskonzeptionen. Wiesbaden 2003 (Veröffentlichungen des Deutschen Polen-Instituts Darmstadt 18), S. 11–38.
  • Ute Schmidt: Vermintes Gelände. Drei Ausstellungen zu Flucht und Vertreibung in Berlin. In: Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat (20) 2006, S. 162–172.
  • Stephan Scholz: Vertriebenendenkmäler. Topographie einer deutschen Erinnerungslandschaft. Paderborn 2015.
  • Peter Steinbach: Erinnerung – Gedenken – Geschichtspolitik. In: Hans Henning Hahn, Robert Traba (Hg.): Deutsch-Polnische Erinnerungsorte. Band 4: Reflexionen. Paderborn 2013, S. 315-336.
  • Stefan Troebst: The Discourse on Forced Migration and European Culture of Remembrance. In: Hungarian Historical Review 1 (2012), H. 3–4, S. 397–417.
  • Tim Völkering: „Flucht und Vertreibung“ ausstellen – aber wie? Konzepte für die Dauerausstellung der "Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung" in der Diskussion. Bonn 2011 (Friedrich-Ebert-Stiftung, Reihe Gesprächskreis Geschichte 93).

Weblinks

Anmerkungen

[1] Gesetz zur Errichtung einer Stiftung „Deutsches Historisches Museum“ (DHMG) vom 21.12.2008: http://www.gesetze-im-internet.de/dhmg/index.html#BJNR289110008BJNE001600000 (Abruf 24.02.2017).

[2] Vgl. u. a. Becker: Geschichtspolitik, S. 485; Hahn, Hahn: Die Vertreibung im deutschen Erinnern, S. 103–111.

[3] Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD: Gemeinsam für Deutschland. Mit Mut und Menschlichkeit, 11.11.2005, S. 114: http://www.kas.de/upload/ACDP/CDU/Koalitionsvertraege/Koalitionsvertrag2005.pdf (Abruf 24.02.2017).

[4] Konzeption der Bundesregierung für ein „Sichtbares Zeichen gegen Flucht und Vertreibung“ vom 19.03.2008: http://www.sfvv.de/sites/default/files/downloads/konzeption_bundesregierung_2008_sfvv_0.pdf (Abruf 24.02.2017).

[5] Gesetz zur Errichtung einer Stiftung „Deutsches Historisches Museum“ (DHMG) vom 21.12.2008.

[6] http://www.sfvv.de/de/stiftung/stiftungsrat (Abruf 24.02.2017).

[7] „Berlin Aktuell“: Vertriebenen-Ausstellung im Deutschlandhaus erst 2018: http://www.berlin.de/aktuelles/berlin/3887234-958092-vertriebenenausstellung-im-deutschlandha.html (Abruf 24.02.2017); zu den jährlichen Kosten: Deutscher Bundestag: Drucksache 16/11117 (16. Wahlperiode). 27.11.2008. Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Kultur und Medien (22. Ausschuss) zu dem Gesetzentwurf der Fraktionen der CDU/CSU und SPD – Drucksache 16/10571 – Entwurf eines Gesetzes zur Errichtung einer Stiftung „Deutsches Historisches Museum“: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/111/1611117.pdf (Abruf 24.02.2017).

[8] Sabine Beikler: Deutschlandhaus in Berlin wird 16 Millionen Euro teurer. In: Der Tagesspiegel (online), 14.10.2016: http://www.tagesspiegel.de/berlin/sitz-der-bundesstiftung-flucht-vertreibung-versoehnung-deutschlandhaus-in-berlin-wird-16-millionen-euro-teurer/14686334.html (Abruf 24.02.2017).

[9] Manfred Kittel; Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung (2012): Konzeption für die Arbeit der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung und Leitlinien für die geplante Dauerausstellung. Berlin: http://www.sfvv.de/de/stiftung-grundlagenpapiere/konzeption-2012 (Abruf 24.02.2017).

[10] Vgl.: http://www.sfvv.de/de/veranstaltungen/buchpr%C3%A4sentation-belgradserbien/vom-%C2%BBverschwinden%C2%AB-der-deutschsprachigen (Abruf 24.02.2017).

[11] Sven Felix Kellerhoff: Dauerstreit bei der Versöhnung. In: Die Welt, 14.03.2010: http://www.welt.de/welt_print/politik/article6764205/Dauerstreit-bei-der-Versoehnung.html (Abruf 24.02.2017); Sven Felix Kellerhoff: Zentralrat stoppt Mitarbeit in Vertriebenen-Stiftung. In: Die Welt, 06.09.2010: http://www.welt.de/politik/deutschland/article9441982/Zentralrat-stoppt-Mitarbeit-in-Vertriebenen-Stiftung.html (Abruf 24.02.2017).

[12] Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung: Eckpunkte für die Arbeit der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung und die geplante Dauerausstellung. Veröffentlicht am 25.10.2010: http://www.sfvv.de/sites/default/files/downloads/2010_10_25_eckpunkte_sfvv.pdf (Abruf 24.02.2017).

[13] Vgl. hierzu beispielsweise das Diskussionsforum von H-Soz-Kult um das Konzeptionspapier für die SFVV (Ende 2010): Vertreibung ausstellen. Aber wie? Debatte über die konzeptionellen Grund­züge der Ausstellungen der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/index.asp?pn=texte&id=1350 (Abruf 24.02.2017).

[14] Martin Schulze Wessel, K. Erik Franzen, Claudia Kraft, Stefanie Schüler-Springorum, Tim Völkering, Volker Zimmermann, Martin Zückert: Konzeptionelle Überlegungen für die Ausstellungen der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=1355&type=diskussionen, 09.09.2010 (Abruf 24.02.2017).

[15] Beraterkreis für Stiftung Flucht und Vertreibung ohne Polen. In: rbb: 17.10.2016: http://www.rbb-online.de/kultur/beitrag/2016/10/Deutschlandhaus-Berlin-Ausstellung-Flucht-Vertreibung.html (Abruf 24.02.2017).

Zitation

Vincent Regente: Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2017. URL: http://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32668 (Stand 26.04.2017).

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