OME-Lexikon

Stiftung für deutsche Volks- und Kulturbodenforschung, Leipzig

1. Kurzbeschreibung

Die Stiftung für deutsche Volks- und Kulturbodenforschung in Leipzig wurde im Oktober 1926 gegründet. Vorläuferorganisation war die von Wilhelm Volz ins Leben gerufene Deutsche Mittelstelle für Volks- und Kulturbodenforschung. Die Stiftung stand sowohl personell als auch finanziell in enger Kooperation mit dem Auswärtigen Amt (AA) und dem Reichministerium des Innern (RMI). Am 8. August 1931 wurde sie offiziell aufgelöst.

2. Aufgaben

Die Stiftung für deutsche Volks- und Kulturbodenforschung wurde als Dachorganisation für "die wissenschaftliche Erforschung des deutschen Volks- und Kulturbodens"[1] konzipiert und stellte somit die Institutionalisierung des einflussreichen Forschungsparadigmas der deutschen Volks- und Kulturbodenforschung dar. Die Arbeit der Stiftung diente der "wissenschaftliche[n] Unterbauung der Politik",[2] vor allem hinsichtlich der Revision des Versailler Vertrags. Laut Satzung sollte diese Aufgabe verfolgt werden durch

"a. die Abhaltungen wissenschaftlicher Tagungen

b. durch Herausgabe und Förderung wissenschaftlicher Arbeiten

c. durch Anregung und Förderung wissenschaftlicher Forschungen

d. durch Verbreitung der Forschungsergebnisse in den fachwissenschaftlichen Organen".[3]

Die Aufgaben der Stiftung umfassten einerseits die Durchführung eigener Forschungs- und Publikationsprojekte, andererseits die Förderung volkstumspolitisch relevanter Forschungs- und Publikationsprojekte dritter Stellen.

Bild

Karte 9: Notwendige Stassenbauten,
Stand 1.IV.1929 [In: Wilhelm Volz, Hans
Schwalm, Die deutsche Ostgrenze,
Unterlagen zur Erfassung der Grenz-
zerreissungschäden, Langensalza 1929].

Ein zentrales Forschungsprojekt der Stiftung war die Erstellung eines "Handwörterbuchs des Grenz- und Auslandsdeutschtums", eines kulturgeographisch ausgerichteten "Gesamtwerk[s] über das Deutschtum im Grenz- und Ausland, das die weitgespannten Einzelforschungen zusammenfaßt".[4] Neben einer Bibliographie des "Grenzdeutschtums beidseitig der Grenzen" sollte es eine mehrbändige Enzyklopädie mit themenbezogenen und regionalen Artikeln umfassen. Die Stiftung wurde außerdem mit der Erforschung der "Grenzzerreißungsschäden" im Osten beauftragt. Im Rahmen des Projekts, das neben einer Publikation ein umfassendes Kartenwerk zum Ergebnis hatte,[5] sollte eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme des Schadensausmaßes der neuen Grenzziehung für die administrative, wirtschaftliche und soziale Infrastruktur des östlichen Grenzgebiets durchgeführt und damit die Unhaltbarkeit der neuen Grenze belegt werden. Diesem Projekt wurde von Seiten der Preußischen Regierung ein hoher propagandistischer Wert beigemessen.[6]

Vor allem die Übernahme von Aufgaben des Wissenschaftsmanagements ließ die Stiftung in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre zu einer tragenden Institution der Volkstumsforschung werden. Durch die Organisation von Tagungen bot sie führenden Wissenschaftlern der Volks- und Kulturbodenforschung ein Forum; durch enge Zusammenarbeit mit anderen volkstumspolitischen Stellen errichtete sie ein dichtes Forschungsnetzwerk, das zur Etablierung des Topos des Volks- und Kulturbodens in Wissenschaft und Lehre beitrug. Hohe staatliche Druckkostenzuschüsse finanzierten die Publikation bzw. Förderung zahlreicher Monographien, Sammelbände, Landkarten und Handbücher. Dabei fungierte die Stiftung als Vermittler, indem sie vom AA oder dem RMI erhaltene Finanzmittel an als förderwürdig eingestufte Projekte weiterleitete. Darüber hinaus übte sie Gutachtertätigkeiten für offiziöse Stellen und Ministerien aus.

3. Organisation

Die Stiftung bestand aus einem Verwaltungsrat, einem wissenschaftlichen Beirat und einem wissenschaftlichen Ausschuss. Dem Verwaltungsrat gehörten die Geographen Albrecht Penck als Präsident, Wilhelm Volz als Geschäftsführer und, zum Zeitpunkt der Gründung, Friedrich Metz als Schriftführer an. Dieser schied jedoch aufgrund von Meinungsverschiedenheiten im Oktober 1928 aus. Mitglieder des Verwaltungsrates waren jeweils ein Vertreter des RMI, des AA und der sächsischen Landesregierung, Vertreter aller drei Institutionen nahmen zudem regelmäßig an den wissenschaftlichen Tagungen teil. Der Verwaltungsrat wählte den wissenschaftlichen Beirat (maximal neun Mitglieder), der sich aus Wissenschaftlern aus den entsprechenden Grenzregionen einschließlich Österreichs zusammensetzte. Der wissenschaftliche Ausschuss (ca. 30 Personen) hatte bei Entscheidungen über die Finanzierung größerer Projekte eine beratende Funktion. Die Finanzierung des Haushaltes der Stiftung wurde durch das RMI und das AA getragen.[7] Die enge personelle Zusammenarbeit und die staatliche Finanzierung der Stiftung verliehen ihr einen halbamtlichen Charakter, auch wenn sie sich nach außen hin als unabhängig und streng wissenschaftlich darstellte. Es bestand außerdem eine enge Kooperation mit anderen volkstumspolitischen Stellen wie dem Deutschen Schutzbund und dem Deutschen Auslandsinstitut. Von 1930 bis 1933 erschienen die Deutschen Hefte für Volks- und Kulturbodenforschung, die zunächst von der Stiftung herausgegeben und nach deren Auflösung 1931 von Carl Petersen und Hans Schwalm "in der Form eines freien Verlagsunternehmens" weitergeführt wurden.[8]

4. Geschichte

Die Stiftung für deutsche Volks- und Kulturbodenforschung wurde am 30. Oktober 1926 im RMI in Berlin gegründet.[9] Volz hatte sich bereits seit 1921 um die Organisation einer zentralen Stelle für die wissenschaftliche Bearbeitung kultur- und wirtschaftsgeographischer Auswirkungen der Grenzziehungen in Oberschlesien bemüht. 1921 wurde die Mittelstelle für zwischeneuropäische Arbeit gegründet, ein ständiger Ausschuss, dem neben Volz auch Penck, Joseph Partsch und Karl Christian Loesch und Albert Wacker, beide Mitglieder des Deutschen Schutzbundes, angehörten. Der an die Bezeichnung "Achsenmächte" erinnernde Begriff Zwischeneuropa wurde schließlich vom Topos des Volks- und Kulturbodens abgelöst. Das RMI initiierte aufgrund der zunehmend aufwendigen Finanzierung der Deutschen Mittelstelle für Volks- und Kulturbodenforschung im Oktober 1926 deren Umwandlung in eine Stiftung.

Die Arbeit der Stiftung war durch persönliche und fachliche Differenzen zwischen Penck und Volz geprägt. Die Hauptredaktion des "Handwörterbuchs" etwa, die von einem Redaktionsausschuss mit bis zu 800 Mitarbeitern unterstützt wurde, wechselte in den Jahren 1926 bis 1931 aufgrund von Differenzen mehrfach, die Drucklegung des Handbuches erfolgte erst nach der Auflösung der Stiftung.[10] Im Februar 1931 initiierte das NSDAP-Organ Nationalsozialistische Monatshefte eine Pressekampagne gegen die Stiftung. Neben der verzögerten Publikation des Handwörterbuchs standen Vorwürfe wegen Veruntreuung und Verschwendung von Stiftungsgeldern durch den Stiftungsbuchhalter und durch Volz im Mittelpunkt der Kampagne, in die auch Metz und Penck involviert waren. Am 8. August 1931 beschloss der Reichsinnenminister, die Stiftung aufzulösen. Volz schied am 15. Oktober 1931 als Geschäftsführer aus und beantragte ein Disziplinarverfahren gegen sich selbst, das jedoch wegen Nichtigkeit eingestellt wurde. Die Geographen Metz und Hugo Hassinger leiteten im November 1931 die Errichtung einer neuen "Mittelstelle mit gleichem wissenschaftlichen Programm"[11] in Berlin in die Wege, in die auch das Leipziger Inventar überführt werden sollte. Zeitgleich mit dem Ende der Stiftung erfolgte die Gründung der Volksdeutschen Forschungsgemeinschaft (VFG), für die die Stiftung in vielerlei Hinsicht Vorläuferfunktion hatte.

5. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Michael Fahlbusch: "Wo der deutsche … ist, ist Deutschland!" Die Stiftung für deutsche Volks- und Kulturbodenforschung in Leipzig 1920–1933. Bochum 1994 (Abhandlungen zur Geschichte der Geowissenschaften und Religion-Umwelt-Forschung, Beiheft 6).
  • Michael Fahlbusch: Grundlegung, Kontext und Erfolg der Geopolitik vor 1933. Thesenpapier vorgelegt zur 39. Jahrestagung der Gesellschaft für Geistesgeschichte am 30. Oktober bis 1. November 1997 in Potsdam. URL: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/beitrag/diskusio/nszeit/nszeit11.htm (Abruf 25.10.2012).
  • Ingo Haar: Historiker im Nationalsozialismus. Deutsche Geschichtswissenschaft und der "Volkstumskampf" im Osten. Göttingen 2000 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 143).
  • Ingo Haar: Leipziger Stiftung für Volks- und Kulturbodenforschung. In: Ingo Haar, Michael Fahlbusch (Hg.): Handbuch der völkischen Wissenschaften. Personen – Institutionen – Forschungsprogramme – Stiftungen. Unter Mitarb. von Mathias Berg. München 2008, S. 374-382.
  • Albrecht Penck: Deutscher Volks- und Kulturboden. In: Karl Christian von Loesch (Hg.): Volk unter Völkern. Breslau 1925 (Bücher des Deutschtums 1), S. 62-73.
  • Verwaltungsrat der Stiftung für deutsche Volks- und Kulturbodenforschung (Hg.): Die Tagungen der Stiftung für deutsche Volks- und Kulturbodenforschung Leipzig der Jahre 1923–1929. Langensalza 1930.

Anmerkungen

[1] PA AA R 60383, Satzung der Stiftung für Volks- und Kulturbodenforschung 1926.

[2] PA AA R 60382, Protokoll der Sitzung der Deutschen Mittelstelle vom 16. November 1925.

[3] PA AA R 60383 (Anm. 1).

[4] Carl Petersen, Otto Scheel, Paul Hermann Ruth, Hans Schwalm: Vorwort. In: Dies. (Hg.): Handwörterbuch des Grenz- und Auslandsdeutschtums. Erster Band. Breslau 1935, S. V.

[5] Wilhenm Volz: Die deutsche Ostgrenze. Unterlagen zur Erfassung der Grenzzerreißungsschäden. Textband und Kartenanhang. Langensalza 1929.

[6] Fahlbusch: Stiftung, S. 102f.

[7] PA AA R 60383 (Anm. 1).

[8] Carl Petersen, Hans Schwalm: Dem 3. Jahrgang zum Geleit. In: Deutsche Hefte für Volks- und Kulturbodenforschung 3 (1933), S. 1.

[9] Fahlbusch: Stiftung, S. 71.

[10] Fahlbusch: Stiftung, S. 129.

[11] PA AA R 60353, Brief des Reichsministers des Innern an das Auswärtige Amt vom 11. Januar 1932.

Zitation

Agnes Laba: Stiftung für deutsche Volks- und Kulturbodenforschung, Leipzig. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2012. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/53872.html (Stand 03.06.2015).

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