OME-Lexikon

Vertriebenendenkmäler

1. Definition

Vertriebenendenkmäler sind auf Dauer angelegte Erinnerungszeichen im öffentlichen Raum, die an Vertreibungen erinnern oder von Vertriebenen errichtet wurden. Die in Deutschland existierenden Vertriebenendenkmäler entstanden nach 1945 und erinnern speziell an die Zwangsmigration der Deutschen aus dem Osten im Zweiten Weltkrieg und unmittelbar danach, an ihre Toten und an die verlassenen Herkunftsgebiete. Über den Kreis der Vertriebenen hinaus sollen Denkmäler als Erinnerungsmedien auf die gesamte Öffentlichkeit wirken und eine spezifische Ausprägung der historischen Erinnerung gesellschaftlich nachhaltig verankern. Die permanente Wirkung der räumlich fixierten Erinnerungszeichen wird zu bestimmten Gelegenheiten durch rituelle Erinnerungspraktiken punktuell verstärkt, z. B. bei Heimattreffen oder an bestimmten Gedenktagen wie dem Tag der Heimat oder dem Volkstrauertag.

2. Anzahl und Verbreitung

In Deutschland gibt es über 1.500 Vertriebenendenkmäler, die - mit einem deutlichen Schwerpunkt in den "alten" Bundesländern - heute über die ganze Bundesrepublik verteilt sind. Sie wurden meist auf lokaler Ebene von örtlichen Vertriebenenverbänden in enger Kooperation mit der jeweiligen Kommune, die über den öffentlichen Raum verfügt, errichtet. Viele Denkmäler sind im Rahmen von Patenschaften westdeutscher Kommunen für die Vertriebenen einer ehemals 'ostdeutschen' Stadt entstanden. Auch manche Landsmannschaften verfügen über ein eigenes Denkmal, wie etwa die Siebenbürger Sachsen in ihrer Patenstadt Dinkelsbühl. Verschiedene Bundesländer förderten und fördern noch immer die Errichtung von Denkmälern finanziell im Rahmen der Kulturförderung nach §96 Bundesvertriebenengesetz. Als einziges Bundesland verfügt der Freistaat Bayern seit 1998 über ein zentrales Vertriebenendenkmal in Nürnberg.

3. Formen und Motive

Vertriebenendenkmäler besitzen mehrheitlich eine relativ schlichte, künstlerisch wenig ambitionierte Form. Es dominieren einfache Gedenksteine, die oftmals lediglich als reine Schriftträger fungieren. In der frühen Bundesrepublik war das Kreuz als Denkmalform weit verbreitet. Als traditionelles christliches Trauersymbol diente es dem Totengedenken, als Symbol der Passion stand es für das erlittene Leid der Vertriebenen. Während des Kalten Krieges wurde es aber auch als abgrenzendes Symbol des europäischen Abendlandes und darüber hinaus als Symbol der politischen Hoffnung auf eine Grenzrevision verwendet.

Die häufigsten Motive auf Vertriebenendenkmäler sind bis heute Wappen. Sie repräsentieren die verlassene Heimat, sollten aber als deutsche Hoheitszeichen lange Zeit auch einen territorialen Anspruch symbolisieren.

Seit Mitte der 1980er Jahre nahm das Motiv von Frauen und Kindern während der Flucht bzw. Vertreibung zu. In einer Zeit, in der allgemein das Bewusstsein für die NS-Opfer wuchs, wurde somit das Leid der Flucht- oder Vertreibungserfahrung sowie der pauschal als unschuldig dargestellte Opferstatus der deutschen Vertriebenen motivisch stärker in den Fokus gerückt.

4. Historischer Abriss

Die erste Hochzeit der Errichtung von Vertriebenendenkmälern bildeten die 1950er Jahre. Das Bedürfnis nach Gedenkorten für die Toten der Vertriebenen, aber auch der territoriale Revisionismus und der politische Kontext des Kalten Krieges ließen in diesem Jahrzehnt fast 400 Denkmäler entstehen. In den folgenden zwei Jahrzehnten war die Zahl neu errichteter Denkmäler geringer, bevor in den 1980er Jahren ein zweiter Denkmalboom einsetzte. Dieser wurde politisch durch die von der Bundesregierung unter Helmut Kohl propagierte "geistig-moralische Wende" und die damit verbundene Aufstockung der Fördermittel für die Anliegen der Vertriebenenverbände begünstigt. Er erfolgte aber auch in Reaktion auf die zunehmende Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus im öffentlichen Raum. Nach der Vereinigung der Bundesrepublik mit der DDR entstanden auch in den neuen Bundesländern Vertriebenendenkmäler, die hier bis dahin politisch nicht erwünscht gewesen waren. Auch im Westen Deutschlands werden bis in die Gegenwart Vertriebenendenkmäler errichtet.

5. Funktionen

Orte der Trauer

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Gedenkkreuz vor dem Ratzeburger Dom
[Foto: S. Scholz].

Rund die Hälfte aller Vertriebenendenkmäler befindet sich auf Friedhöfen oder an Kirchen. Diese Standorte sowie die Tatsache, dass ein großer Teil der Inschriften an die Toten der Vertriebenen erinnert, verweist auf die Bedeutung der Denkmäler für das Totengedenken. Gerade in den ersten Jahren nach Kriegsende fungierten sie oft als Ersatzorte verlassener oder unbekannter Gräber im Osten. Hier wurde der zurückgelassenen Toten, der während der Flucht und Vertreibung Verstorbenen, insbesondere aber der im Krieg als Soldaten gefallenen Angehörigen der Vertriebenen gedacht. In dieser Hinsicht stellten Vertriebenendenkmäler nicht selten Ergänzungen zu den bestehenden Kriegerdenkmälern der Einheimischen in der bundesdeutschen Aufnahmegesellschaft dar. Sie integrierten die Vertriebenen damit in das Konstrukt einer deutschen Opfergemeinschaft.

 

Orte der Integration

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Einweihung einer Gedenktafel in Cloppenburg 2008
[Foto: C. Mensing, Nordwest-Zeitung].

Im Hinblick auf die Integration im Westen kam den Vertriebenendenkmälern eine ambivalente Funktion zu. Errichtet in einem wechselseitigen symbolischen Akt der Landnahme und Landgabe, dienten sie einerseits als Symbole der Beheimatung und der sozialen Anerkennung. Durch die Setzung von öffentlichen Erinnerungszeichen wurden die Vertriebenen Teil der gemeinsamen Erinnerungstopographie. Andererseits konnten Vertriebenendenkmäler einer Neubeheimatung auch entgegenwirken, indem sie diese durch den Appell, die alte Heimat nicht verloren zu geben, als eine lediglich provisorische markierten. In den vergangenen Jahren wurde die erfolgte Integration selbst zunehmend in Denkmälern erinnert.

Orte des politischen Appells

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Sockelinschrift am Ostlandkreuz in Schelklingen von
1952, Tag der Heimat 2009 [Foto: B. Körner,
Schwäbische Zeitung Ehingen].

Bis zu der endgültigen staatlichen Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze im Rahmen der deutschen Wiedervereinigung von 1990 fungierten Vertriebenendenkmäler immer wieder als Orte der politischen Mobilisierung. Sie sollten einer endgültigen Anerkennung des territorialen Verlustes entgegenwirken und vielmehr zum Festhalten an der staatlichen Zugehörigkeit der verlorenen Ostgebiete beitragen. Als politische Mahnmale waren sie in Form, Motivik und Inschrift, vor allem durch die an ihnen gehaltenen Reden oftmals Symbole des Heimatrechtes und des Revisionsanspruches. Bewusst unpräzise gehaltene Inschriften und Motive trugen zur Konstruktion eines imaginären 'deutschen Ostens' bei, dessen territoriale Grenzen meist unscharf blieben. In dieser Hinsicht standen Vertriebenendenkmäler in der Tradition des Revisionsdiskurses der Zwischenkriegszeit.

Heute dienen Vertriebenendenkmäler vermehrt dem politischen Appell, Vertreibungen generell als Unrecht zu ächten.

Orte der Geschichtsdeutung

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Denkmal in Oberursel von 1981
[Foto: Max Klockgether].

Vertriebenendenkmäler sind bis heute Orte der Geschichtsdeutung, die durch ihre kontinuierliche öffentliche Präsenz Einfluss auf das historische Bewusstsein nehmen sollen. Flucht und Vertreibung erscheinen dabei in der Regel losgelöst von ihrem historischen Kontext. Der ursächliche Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg wird ausgeblendet. Festgeschrieben werden dagegen die Erinnerung an Verlusterfahrungen und der Opferstatus der Vertriebenen. Als Orte des Opfergedenkens stehen Vertriebenendenkmäler im öffentlichen Raum in einer latenten Konkurrenz zu Gedenkorten der NS-Opfer.

War bereits seit den 1960er Jahren der in vielen Denkmälern zum Ausdruck kommende territoriale Revisionismus gelegentlich Gegenstand von gesellschaftlichen oder politischen Kontroversen, so wird in den vergangenen Jahren bei der Planung und Errichtung von Vertriebenendenkmälern immer öfter das Verhältnis der Vertreibungserinnerung zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und an die Opfer des NS-Regimes kontrovers diskutiert.

6. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Bund der Vertriebenen - Vereinigte Landsmannschaften und Landesverbände (Hg.): Mahn- und Gedenkstätten der deutschen Heimatvertriebenen. Bonn 2008 (online fortgeführt unter URL: http://www.bund-der-vertriebenen.de/infopool/inmemoriam.php3).
  • Hans Hesse, Elke Purpus: Monuments and Commemorative Sites for German Expellees. In: Bill Niven, Chloe Paver (Hg.): Memorialization in Germany since 1945. Basingstoke 2010, S. 48-57.
  • Jeffrey Luppes: To Our Dead. Local Expellee Monuments and the Contestation of German Postwar Memory. Phil. diss. Univ. of Michigan. Ann Arbor 2010, URL: http://deepblue.lib.umich.edu/bitstream/2027.42/78786/1/jluppes_1.pdf.
  • Retterath, Hans-Werner: Das "Kreuz des deutschen Ostens" bei Bad Harzburg. Ein zentrales Vertriebenen-Mahnmal als Ausfluss von Abendland-Ideologie, Kriegerdenkmalskult und völkischer Schutzarbeit. In: Acta Ethnologica Danubiana 13 (2011), S. 67-100.
  • Stephan Scholz: Vertriebenendenkmäler. Topographie einer deutschen Erinnerungslandschaft. Paderborn 2015.
  • Stephan Scholz: Denkmäler. In: Ders., Maren Röger, Bill Niven (Hg.): Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung. Ein Handbuch der Medien und Praktiken. Paderborn 2015, S. 75−88.

Zitation

Stephan Scholz: Vertriebenendenkmäler. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2014. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/62398.html (Stand 24.08.2015).

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