OME-Lexikon

Brünn/Brno

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Brünn

Amtliche Bezeichnung

tschech. Brno

Anderssprachige Bezeichnungen

lat. Brun(n)a

Etymologie

Als wahrscheinlichste Erklärung für die Herkunft des Namens Brno gilt die Herleitung vom altslawischen Wort brn (= Lehm bzw. Sumpf). Umstritten ist die Ableitung des Stadtnamens von dem keltischen Wort bryn (= Hügel).

2. Geographie

Lage

Brünn liegt auf 49° 12' nördlicher Breite, 16° 36' östlicher Länge, 200 km südöstlich von Prag/Praha, 140 km nördlich von Wien und 130 km nordwestlich von Pressburg/Bratislava.

Topographie

Brünn liegt am Übergang des südmährischen Flachlands zum mittelmährischen Bergland im Talbecken der sich hier vereinigenden Flüsse Schwarza (Svrátka) und Zwitta (Zwittawa, Svítava), etwa 220-250 m über N.H.N.

Region

Mähren

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Tschechien. Verwaltungssitz der Region Südmähren (Jihomoravský kraj). Brünn ist seit 1641 die Hauptstadt Mährens. Seit 1784 war es als Hauptstadt des Kronlandes Mähren Sitz des Mährisch-Schlesischen Guberniums, seit 1850 residierte hier der mährische Statthalter. 1928-1949 war Brünn Hauptstadt des Landes Mähren-Schlesien. 1939-1945 gehörte die Stadt zum Protektorat Böhmen und Mähren.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Das Wappen, dessen Ursprung in der Forschung aufgrund fehlender Quellen umstritten ist, zeigt seit 1315 einen dreieckigen gotischen, an den Ecken abgerundeten Schild, mit vier horizontalen Balken in den Farben (von oben nach unten) Weiß-Rot-Weiß-Rot im Größenverhältnis 1:2.2:2 (vor 1918 auch Rot-Weiß-Rot-Weiß).

Mittelalter

Die Anfänge der Stadt liegen zum einen linksseitig entlang der Zwitta in den heutigen Stadtteilen Malmeritz (Maloměřice), Schimitz (Židenice) und weiter Richtung Obersess (Obřany), zum anderen vor allem im Gebiet von Alt-Brünn (Staré Brno) an einer Furt über die Schwarza, wo sich zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert slawische Handwerker und Händler niederließen. Archäologen haben hier u. a. Keramiken und Bronzeschmuck, Skelette sowie die Fundamente einer frühromanischen Rotunde, die um 1000 auf dem Areal des späteren Zisterzienserinnenklosters entstand, und ihrer Nachfolgebauten freigelegt. Die präurbane Siedlung und ihr geistliches Zentrum lagen in unmittelbarer Nähe einer 1091 erstmals erwähnten, nur unscharf lokalisierbaren "Burg". Diese ist jedoch nicht identisch mit der Burg Spielberg, die erst 1277 in den Quellen auftaucht. Die Burg in Alt-Brünn diente als Verwaltungszentrum der Provincia Brunensis.

Um 1200 verlagerte sich der Siedlungsschwerpunkt in nordöstlicher Richtung auf das Areal des heutigen Stadtzentrums. Während unterhalb des Petershügels (Petrov) slawische Handwerker und Händler siedelten, ließen sich im Umfeld der Jakobskirche Deutsche und im Bereich der Nikolauskapelle auf dem heutigen Freiheitsplatz Wallonen nieder.

1243 verlieh König Wenzel I. der Stadt umfangreiche Privilegien, die an die Babenberger Stadtrechte (Enns, Wien) anknüpften. Die Verwaltung der Stadt lag in den Händen eines königlichen Richters und des 24-köpfigen städtischen Rats (Schöffen). Deutsche Namen dominieren in der Bürgerschaft. Ab 1328 wurden Ratslisten geführt, auch hier bleiben tschechische Namen die Ausnahme.

Bild

Erste bekannte Darstellung Brünns und des Spielbergs,
Holzstich von Johann Willenberg, 1593 [Museum der
Stadt Brünn, Inv.-Nr. 2289].

Markgraf Johann Heinrich (1322–1375) privilegierte die Bürger wiederholt; aus dem Residenzcharakter der Stadt ergaben sich jedoch auch finanzielle Belastungen (Stadtsteuer) sowie die militärische Unterstützung bei allen kriegerischen Unternehmungen des Markgrafen. Der mährische Adel traf sich in Brünn zum Landesgericht und zu den Landtagen. Die Pestepidemien 1349/50, 1356 und 1372 mit ihren demographischen Einbrüchen sowie eine verheerende Feuersbrunst 1356 lähmten vorübergehend die Entwicklung der Stadt als wirtschaftlich-politisches Zentrum der Markgrafschaft Mähren und Gegenpol gegenüber Olmütz/Olomouc als geistlichem Zentrum. In der Hussitenzeit blieb Brünn mit seinem katholischen deutschen Patriziat König Sigismund von Luxemburg treu.

Neuzeit

Von 1526 bis 1918 gehörte Brünn als Zentrum der Markgrafschaft Mähren zum habsburgischen Herrschaftsbereich. Nach der Schlacht am Weißen Berg 1620 besetzte die kaiserliche Armee Brünn, das sich trotz innerer konfessioneller Gegensätze bereits 1619 durch die Bildung eines 30-köpfigen Direktoriums auf die protestantische Seite geschlagen hatte. Ein königlicher Unterkämmerer ernannte fortan den von Deutschen dominierten Rat. Der 1560 in städtischen Besitz übergegangene Spielberg wurde konfisziert. 1643 und 1645 belagerten die Schweden erfolglos die Stadt, die unter dem Kommando des französischen Hugenotten Louis Raduit de Souches stand.

Bild

Barockes Grabmal Raduit de Souches'
in der Brünner Jakobskirche
[Foto: T. Krzenck].

Die Kriegsmühen der Bürger belohnte Ferdinand III. mit einem neuen Wappen mit dem kaiserlichen Doppeladler sowie einem Schuldenerlass. Die Ratsherren erhielten Adelstitel und weitere Privilegien; die kommunale Selbstverwaltung blieb jedoch durch einen königlichen Richter eingeschränkt. Brünn, seit 1641 alleinige Landeshauptstadt und Aufbewahrungsort der Landtafeln, wurde systematisch zur Landesfestung ausgebaut, die auch Friedrich II. 1742 im Ersten Schlesischen Krieg nicht einzunehmen vermochte.

1784 richtete Kaiser Joseph II. im Rahmen seiner Reformen u. a. gemeinsame politische und gerichtliche Behörden für Mähren und Österreichisch-Schlesien mit Sitz in Brünn ein. In den Napoleonischen Kriegen besetzte das französische Heer zweimal die Stadt: nach der vor den Toren Brünns bei Austerlitz/Slavkov ausgetragenen "Dreikaiserschlacht" um die Jahreswende 1805/06 sowie 1809.

In der Revolution 1848/49 demonstrierte die Landeshauptstadt ihre Loyalität gegenüber dem Kaiser. Die am 15. März 1848 auf kaiserlichen Befehl in Brünn gegründete Nationalgarde unterdrückte Ende Oktober 1848 Arbeiterunruhen in der Stadt. Die neue von Kaiser Franz Joseph I. am 1. Juli 1850 gebilligte Gemeindeordnung hatte auch die Eingemeindung von 27 Brünner Vorstädten zur Folge.

Eine Woche nach der Proklamation der Tschechoslowakei im Herbst 1918 musste der deutsche Stadtrat abtreten. Am 6. November 1918 übernahm der als Regierungskommissar eingesetzte Petr Kerndlmayer von Ehrenfeld zusammen mit einer 24-köpfigen Kommission (16 Tschechen, 8 Deutsche) die Verwaltung der Stadt. Im April 1919 wurden 22 Dörfer eingemeindet (Groß-Brünn). Dem im Ergebnis der Wahlen vom 29. Februar 1920 entstandenen Stadtparlament gehörten 61 Tschechen und 29 Deutsche an. Wichtige gesamtstaatliche Organisationen kamen nach Brünn, u. a. das Oberste Gericht.

Zeitgeschichte

Am 15. März 1939 besetzte die deutsche Wehrmacht Brünn. Bürgermeister Rudolf Spazier (1887–1963) wurde zum Rücktritt gezwungen, der Brünner NS-Vertreter Oskar Judex (1894–1953) zum Nachfolger bestimmt. Während der Besatzung 1939–1945 dienten neben dem Spielberg auch mehrere Studentenheime als Gestapo-Gefängnisse. Am 26. April 1945 wurde Brünn von der Roten Armee eingenommen, fast 1.300 Häuser in der Stadt wurden zerstört.

Die noch in Brünn verbliebenen Deutschen wurden am 30. Mai 1945 im "Brünner Todesmarsch" Richtung Pohrlitz/Pohořelice zur österreichischen Grenze getrieben. Die Zahl der Todessopfer ist umstritten; nach neueren Studien dürfte sie bei ca. 5.200 Personen gelegen haben. Im Garten des Brünner Augustinerklosters erinnert seit 1995 ein Gedenkstein an die Opfer dieser wilden Vertreibung. Nach der offiziellen Abschiebung der Deutschen 1945 verblieben lediglich 1.500 Bewohner deutscher Nationalität in Brünn.

In der Zeit des Totalitarismus (1948–1989) entwickelte sich Brünn zu einer "sozialistischen Groß- und Messestadt", deren politische Bedeutung dem Prager Zentralismus untergeordnet wurde. Mit der sowjetischen Invasion im August 1968 begann auch in Brünn die sog. Normalisierung. Erst mit der "Samtenen Revolution" Ende 1989 endete die sozialistische Ordnung. Im Sommer 1992 wurde in der Villa Tugendhat die friedliche Separation der ČSFR in die Tschechische und die Slowakische Republik beschlossen. Brünn ist heute eine moderne Industrie- und Messestadt mit einem breiten Kulturangebot, Sitz des Verfassungsgerichts und des Obersten Verwaltungsgerichts der Tschechischen Republik sowie der Generalstaatsanwaltschaft.

Bevölkerung

Die Einwohnerzahl dürfte 14. Jahrhundert bei etwa 6.000-7.000 gelegen haben, sank am Ende des 15. Jahrhunderts aber auf etwa 5.000. Dem Anstieg auf 11.000 vor 1618 folgte ein erneutes Absinken im 30-jährigen Krieg auf 4.500 (1650). Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bewirkte die Industrialisierung einen raschen Zuwachs. 1846 (Innere Stadt und Vorstädte): 45.354; 1880: 82.660, davon 48.951 Deutsche (60 %) und 32.142 Tschechen; 1910: 125.737, davon 81.617 Deutsche (65,9 %) und 41.943 Tschechen; 1919: 131.663, davon 80.144 Tschechen und 45.233 Deutsche (34,4 %); 1921: 221.758, davon 157.189 Tschechen und 55.816 Deutsche (25,9 %), hinzu kamen 3.818 Juden sowie 1.671 Personen anderer Nationalitäten; 1930: 264.925, davon 212.760 Tschechen und 52.165 Deutsche (20,3 %); 1950: 284.946; 1991: 388.296. Am 1.1.2013 hatte Brünn 378.327 Einwohner. 2001 bekannten sich offiziell 425 Personen als tschechische Staatsbürger deutscher Nationalität.

Erstmals wurden 1253 Juden in Brünn erwähnt, die im Südwesten der ummauerten Stadt lebten. Sie genossen wiederholt als Kammerjuden königlichen Schutz, wurden aber dennoch 1454, ebenso wie in anderen königlichen Städten Mährens, vertrieben und verschwanden de facto für vier Jahrhunderte aus dem Stadtbild. Erst die Revolution 1848 führte zur völligen bürgerlichen Gleichstellung der Juden, deren Zahl 1857 auf 2.230 stieg, wobei viele jüdische Unternehmer den wirtschaftlichen Aufstieg der Stadt vorantrieben. 1890 lebten bereits 7.087 Juden in Brünn; ihre Zahl erhöhte sich bis 1938 auf etwa 12.000. Zwischen November 1941 und Juli 1943 wurden über 9.000 Juden über Theresienstadt/Terezín nach Osten deportiert und ermordet. Die heutige Jüdische Gemeinde in Brünn und Südmähren zählt etwa 350 Personen.

Wirtschaft

Nach dem Dreißigjährigen Krieg erlebte Brünn einen langsamen, zunächst merkantilistisch geprägten wirtschaftlichen Aufschwung. 1663 erfolgte in der Brünner Vorstadt Radlas die Gründung der ersten Baumwollmanufaktur. Als ein Meilenstein auf dem Weg in die Industrielle Revolution erwies sich die 1751 durch Johann Anton Kehrnhofer gegründete "Leihbank Unser Lieben Frau" in Brünn, eine Art staatsbeteiligte Entwicklungsbank. Innerhalb eines Jahrhunderts stieg die südmährische Stadt zu einer europäischen Industriemetropole auf. Der Beginn der Brünner Manufakturgeschichte in den 1780er Jahren ist mit den Tuchfabriken von Johann Leopold Köffiler (1743–1814) und Johann Heinrich Offermann (1748–1793) verbunden.

1845 gab es bereits 45 Fabriken, die von deutschen oder deutsch-jüdischen Unternehmern geführt wurden. Zu den bekanntesten gehörte die Firma der aus Düren (Rheinland) eingewanderten Familie Schoeller, die in Brünn 1818/19 die "Gebrüder Schoeller k. k. priv. Feintuch und Schafwollwarenfabrik" begründete.

1802 wurde die erste Spinnmaschinenfabrik gegründet. 1861 entstand die Gießerei des Ignaz Stork, in der 1912 Viktor Kaplan seine berühmte Turbine konstruierte, 1864 die Maschinenfabrik von Friedrich Wannieck und 1889 die Königsfelder Maschinenfabrik. Als 1839 der Anschluss Brünns an die Eisenbahnstrecke nach Wien erfolgte, waren in den Brünner Vorstädten ein Drittel der Produktion aller Tuchfabriken und ein Viertel aller Färbereien ganz Mährens und Österreichisch-Schlesiens konzentriert. Unter maßgeblicher Beteiligung jüdischer Unternehmer entstanden neue Firmen wie L. Auspitz, Gebrüder Popper sowie Löw & Schmal. Sie festigten den Ruf der mährischen Hauptstadt als "österreichisches Manchester".

In der Zeit des sog. Protektorats Böhmen und Mähren gewann der Rüstungsbetrieb Zbrojovka besondere Bedeutung. Im Stadtteil Lösch entstand eine Fabrik zur Herstellung von Flugzeugmotoren, das spätere Zetor-Werk. Nach dem Krieg wurde die Produktion auf die Fabrikation von Traktoren umgestellt.

Gesellschaft

Die wachsenden ethnisch-nationalen Spannungen zwischen Tschechen und Deutschen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führten zur Gründung zahlreicher national definierter Vereine. 1861 entstand der deutsche Turnverein, 1868 wurde der tschechische Turnverein Sokol gegründet. Im 1873 fertiggestellten Gemeinschaftshaus (Besední dům) siedelten sich tschechische Vereine an, u. a. der Leseverein (Čtenářský spolek). Das deutsche Vereinsleben konzentrierte sich im 1891 im Stil der deutschen Spätrenaissance errichteten Deutschen Haus (1945 zerstört). Unter den jüdischen Vereinen sind u. a. Bar Kochba und Makkabi Brno (Sportvereine) zu nennen.

Religions- und Kirchengeschichte

Bild

Die Brünner Pfarrkirche St. Jakob, bis
1945 das Gotteshaus der Brünner
Deutschen [Foto: T. Krzenck].

Seit dem 13. Jahrhundert diente die Pfarrkirche St. Jakob als Kirche der Deutschen, während St. Peter und Paul den Tschechen vorbehalten blieb. 1227–1239 ließen sich die Dominikaner nieder, um 1230 die Minoriten und seit 1240 die Augustinerinnen im sog. Herburgkloster. Die erste Gemahlin König Johanns von Luxemburg gründete 1312 einen Konvent der Dominikanerinnen in der Stadt, während Elisabeth von Polen-Kalisch, die Witwe Wenzels II., 1323 das monumentale Zisterzienserinnenkloster Aula S. Mariae in Alt-Brünn stiftete.

Seit 1530 erhielt der Protestantismus in Brünn Einzug, stieß jedoch auf den entschiedenen Widerstand der Katholiken. 1572 kamen die Jesuiten nach Brünn. Der Olmützer Bischof Kardinal Franz von Dietrichstein veranlasste seit 1599 ein konsequentes Vorgehen gegen die Lutheraner, die z. B. ihre Toten nicht mehr bei St. Jakob begraben durften. 1604 ließen sich die Kapuziner in Brünn nieder. Mit der Niederlage des böhmischen Ständeaufstands 1620 und dem nachfolgenden Strafgericht siegte der Katholizismus endgültig. 1777 stieg Brünn zur bischöflichen Residenz auf.

1783 wurde das ehemalige Zisterzienserinnenkloster Alt-Brünn den Augustiner-Eremiten zugewiesen. Das Kloster wurde 1950 von der kommunistischen Regierung aufgelöst. 1989 kehrten die Augustiner in die Abtei zurück. Das ursprüngliche Brünner Augustinerkloster St. Thomas am heutigen Mährischen Platz (Moravské náměstí) wurde 1350 gegründet (ihre Kirche diente als Grablege der mährischen Luxemburger) und 1752 zur Abtei erhoben, da der Klerus einen Vertreter zu den Sitzungen des Landtages der mährischen Stände zu entsenden hatte. Aus dieser historischen Tatsache ergibt sich die Besonderheit, dass Brünn die weltweit einzige Abtei des Augustiner-Eremitenordens (OSA) ist. Der Naturforscher Gregor Mendel war von 1868 bis zu seinem Tod 1884 Abt dieses Klosters.

Die erste neuzeitliche Jüdische (Große) Synagoge wurde 1855 in neuromanischem Stil erbaut (1939 von den Nationalsozialisten niedergebrannt). 1859 erfolgte die Konstituierung der Jüdischen Gemeinde. 1904 kam die Neue Synagoge hinzu. Während des Ersten Weltkrieges flüchteten einige tausend Juden aus Galizien nach Brünn. Nach Gründung der Tschechoslowakei 1918 wurden die jüdischen Institutionen in der Legionärsstraße (tř. Kpt. Jaroše) und am Glacis (Koliště) konzentriert. 1936 kam die Synagoge der Agudas achim hinzu. Im Jahr 1998 wurde in Brünn die erste Moschee Tschechiens erbaut.

Bildung und Wissenschaft

Einige Notare der Kanzlei Kaiser Karls IV. bekleideten in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts die Stellen von Kanonikern zu St. Peter in Brünn und verbreiteten in der Stadt frühhumanistisches Gedankengut. Zahlreiche geistliche Einrichtungen wie St. Jakob und der Minoritenorden besaßen eigene Büchereien mit wertvollen Handschriften.

Das 1578 eröffnete Jesuitengymnasium wurde nach Vertreibung der Jesuiten 1773 auch für weltliche Lehrer und jüdische Schüler geöffnet. Aus diesem ging das 1848 verstaatlichte und 1878 reformierte k. k. (Erste) Gymnasium mit deutscher Unterrichtssprache hervor (nach 1918 Masaryk-Staatsgymnasium).

1775 konstituierte sich in Brünn eine Schulkommission für Mähren, die auch für die Eröffnung einer normalen Hauptschule sorgte. Auch die Pfarrschule zu St. Jakob wurde zur Hauptschule erhoben; weitere ausnahmslos deutsche Schulgründungen folgten. Gerade im höheren und niederen Schulwesen Brünns fanden die ethnisch-nationalen Gegensätze zwischen Deutschen und Tschechen nach 1850 ihren signifikanten Ausdruck, wobei der "Kampf um das Kind" (Tara Zahra) bereits im Vorschulalter begann. 1900 gab es 18 deutsche und 11 tschechische Kindergärten, daneben 19 deutsche und 6 tschechische Volks- und Bürgerschulen, deren Zahl sich auch durch die späteren Eingemeindungen bei gleichzeitiger Differenzierung weiter erhöhte.

Im Zuge der Josefinischen Reformen siedelte 1778 die Universität Olmütz nach Brünn um, bereits vier Jahre später kam es jedoch zur Rückverlegung nach Olmütz. Eine führende Rolle im Kulturleben nahm das 1817 gegründete Franzensmuseum (Mährisches Landesmuseum) ein, 1839 erfolgte die Gründung des Mährischen Landesarchivs (Moravský zemský archiv). 1849 wurde die Deutsche Technische Hochschule Brünn gegründet, die bis 1945 bestand. 1899 kam die Tschechische Technische Hochschule Brünn (Vysoké učení technické v Brně), 1919 die Masaryk-Universität hinzu.

1904 wurde in den Räumen des Alten Landhauses das Brünner Stadtmuseum eröffnet, heute sind dessen Sammlungen Bestandteil des Museums der Stadt Brünn (Muzeum města Brna) auf dem Brünner Spielberg. Das Kunstgewerbemuseum (Uměleckoprůmyslové muzeum) birgt eine bedeutende Sammlung internationalen wie nationalen Kunsthandwerks. Dokumente zur Stadtgeschichte finden sich im Stadtarchiv (Archiv města Brna). Die BRUNA als Heimatverband der (ehemaligen) Brünner gibt den Brünner Heimatboten, der Brünner Deutsche Sprach- und Kulturverein den Kleinen Brünner Gassenboten heraus.

Kunstgeschichte

Die Anfänge der Kathedralkirche St. Peter und Paul auf dem Petershügel reichen mindestens in das 12. Jahrhundert zurück. Im 14. Jahrhundert wurde die ursprüngliche romanische Basilika zu einer gotischen Hallenkirche umgebaut. Die Innenausstattung geht auf die Phase der Barockisierung im 18. und der Regotisierung im 19. Jahrhundert zurück. Die spätgotische Stadtpfarrkirche St. Jakob (begonnen 1220) wurde 1575 vollendet, die Sakristei von Anton von Pilgram 1510 angebaut. Der um 1460 in Brünn geborene Baumeister gilt auch als Schöpfer des 1511 vollendeten spätgotischen Portals des 1311 erbauten, später mehrfach erneuerten Alten Rathauses. Die 1356 von Markgraf Johann Heinrich gestiftete ehemalige Augustinerkirche St. Thomas wurde 1661–1666 nach Entwürfen von Giovanni Battista Erna barockisiert. Die um 1385 geschaffene Pietà aus Kalkstein in der Kirche wird Heinrich Parler d. J. zugeschrieben. Auf dem Mendelplatz (Mendlovo náměstí) steht die 1323 von Königin Elisabeth von Polen-Kalisch als Kirche eines Zisterzienserinnenklosters gegründete Marienkirche, deren Fertigstellung nach 1340 erfolgte.

Die seit etwa 1230 in Brünn ansässigen Dominikaner errichteten am später nach ihnen benannten Platz im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts ein neues Gotteshaus. Bereits im Mittelalter hatten die Dominikaner einen Teil ihres Klosters dem in Brünn tagenden Mährischen Landtag für seine Sitzungen abgetreten. Der Gebäudetrakt wurde immer wieder erweitert, bis 1935 die Stadtverwaltung, nach Aufgabe des Alten Rathauses aus Platzmangel, hier einzog (sog. Neues Rathaus/Nová radnice). Daniel Gran schuf das barocke Deckenbild Herkules beschützt Künste und Wissenschaft im ehemaligen großen Ständesaal, in dem heute das Stadtparlament tagt.

Der annähernd dreieckige Freiheitsplatz (naměstí Svobody) mit der 1679 zum Dank für die Abwendung der Pest gestifteten Mariensäule ist das Herz des historischen Stadtzentrums. Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit begrenzten Adelspalais den Platz – erhalten ist der einstige Stadtpalast der Herren von Leipa und Dauba. Das zwischen 1589 und 1596 von Georg Gialdi erbaute Herrenhaus gilt als wichtiges Werk der sog. "Mährischen Renaissance".

Der Parnass-Brunnen auf dem Krautmarkt (Zelný trh) entstand 1693–1695 nach einem Entwurf von Johann Bernhard Fischer von Erlach. Im unteren Teil des Platzes steht die Redoute, das älteste, aus dem 18. Jahrhundert stammende Theater der Stadt; den oberen Teil beherrscht das in den Jahren 1614–1620 nach Plänen des italienischen Architekten G. G. Tencalli erbaute Palais Dietrichstein, benannt nach dem Gubernator Mährens, der nach der Schlacht am Weißen Berg 1620 die Rekatholisierung einleitete. Die Räume des Palais beherbergen heute das Mährische Landesmuseum.

1852 endete der Festungsstatus Brünns, seit 1860 wurden die Befestigungsanlagen nach Wiener Vorbild durch eine Ringstraße und Parkanlagen ersetzt.

Die Tätigkeit von Architekten wie Bohuslav Fuchs, Ernst Wiesner, Otto Eisleroder Jiří Kroha machte Brünn in der Zwischenkriegszeit zu einem Zentrum der Moderne (u. a. Kommerzbank am Freiheitsplatz, Hotel Avion in der Tschechischen Gasse/Česká, Villen und Einfamilienhäuser in Schreibwald/Pisárky oder in Schwarze Felder/Černá Pole). 1928–1930 baute Ludwig Mies van der Rohe die Villa des deutsch-jüdischen Unternehmerehepaars Fritz und Grete Tugendhat (seit 2001 UNESCO-Weltkulturerbe). 1928 präsentierte sich die Tschechoslowakei zur Zehnjahresfeier der Staatsgründung mit einem neuen Messegelände (Výstaviště) in den Formen des Internationalen Stils als fortschrittliche Nation.

Seit 1963 findet in Brünn die internationale Biennale des graphischen Designs statt. In Brünn wurden u. a. der Architekt Adolf Loos (1870–1933) und der Bildhauer Anton Hanak (1875–1934) geboren.

Theater- und Musikgeschichte

Seit 1600 fanden Vorstellungen durchreisender Schauspieler in dem von der Stadt erworbenen Tavernen-Gebäude am Krautmarkt statt, das 1693 niederbrannte. 1734 errichtete man ein neues, hölzernes Schauspielhaus, das ebenfalls mehrfach Feuersbrünsten zum Opfer fiel. Auf Initiative des Bürgermeisters Gustav Winterholler (1833–1894) begann man 1881 mit dem Bau des Deutschen Stadttheaters am Obstmarkt (heute Mahenovo náměstí) nach Entwürfen der Wiener Theaterarchitekten Ferdinand Fellner und Hermann Helmer.

1862 wurde der Brünner Musikverein gegründet. Als Konzertsaal der Brünner Deutschen diente auch das Deutsche Haus. Die Wurzeln der 1956 gegründeten Brünner Philharmoniker reichen in die Wirkungszeit Leoš Janáčeks (1854–1928) im ausgehenden 19. Jahrhundert zurück. Die heutige Musik-Akademie im Gebäude des ehemaligen Deutschen Staatsgymnasiums trägt seinen Namen, zudem findet alle zwei Jahre im Herbst in Brünn das internationale Janáček-Musikfestival statt. Den Namen des Komponisten trägt auch das 1965 eröffnete Janáček-Theater als Bühne für Oper und Ballett. In Brünn wurde u. a. der deutsch-jüdische Komponist und Oscar-Preisträger Erich Wolfgang Korngold (1897–1957) geboren.

Literatur- und Pressegeschichte

1486 wurde in Brünn mit der Agenda Olomucensis das erste Buch gedruckt. Als erste Brünner Zeitung erschienen 1755 die Wöchentlichen Intelligenz-Zettel, 1778 folgte die Brünner politische Zeitung (seit 1814 Tageszeitung). Ab 1850 erschien auch der Brünner Tagesbote. 1893 gründete der Politiker und Journalist Adolf Stránský (1855–1931) in Brünn die liberale Zeitung Lidové noviny, die älteste noch unter dem ursprünglichen Namen existierende tschechische Zeitung. Eine wichtige Rolle spielte die 1786 von Joseph Georg Traßler gegründete und 1861 von Rudolf Maria von Rohrer übernommene Druckerei- und Verlagsanstalt, die 1897 durch Zukauf des Verlages Friedrich Irrgang ergänzt wurde, in der die größte mährische Zeitung, der Tagesbote, erschien.

Zu den in Brünn geborenen österreichischen Schriftstellern gehört der monarchistisch-patriotische Dichter Richard von Schaukal (1874–1942). Robert Musil (1880–1942) studierte in Brünn Maschinenbau und beschrieb in seinem Roman Der Mann ohne Eigenschaften die düstere Atmosphäre der Industriestadt. Fast vergessen ist die deutsch-jüdische Literatur Brünns, auch weil viele Autoren ihre Vaterstadt früh verließen, u. a. Philipp Langmann (1862–1931), Ernst Weiß (1882–1940), Oskar Jellinek (1886–1949), Ernst Lothar (1890–1974) und Fritz Beer (1911–2006). Aus Brünn stammen auch die tschechischen Schriftsteller František Halas (1901–1949), Bohumil Hrabal (1914–1997), Ludvík Kundera (1920–2010), Jan Skácel (1922–1989), Milan Kundera (geb. 1929) und Jan Trefulka (geb. 1929).

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • "BRUNA", Heimatverband der Brünner in der Bundesrepublik Deutschland e. V. (Hg.): Lexikon bedeutender Brünner Deutscher 1800-2000. Ihr Lebensbild, ihre Persönlichkeit, ihr Wirken. Berühmte und Bedeutende, Ausgezeichnete und Verdienstvolle, Bekannte und weniger Bekannte. Zusgest. von Erich Pillwein, Helmut Schneider. Schwäbisch Gmünd 2000.
  • Jaroslav Dřímal, Václava Peši (Red.): Dějiny města Brna [Geschichte der Stadt Brünn]. 2 Bde. Brno 1969, 1972.
  • Lukáš Fasora: Svobodný občan ve svobodné obci? Občanské elity a obecní samospráva města Brna 1851–1914 [Ein freier Bürger in einer freien Gemeinde? Die bürgerlichen Eliten und die Gemeindeselbstverwaltung der Stadt Brünn 1851–1914]. Brno 2007 (Edice Země a kultura ve střední Evropě 6).
  • Vladimír Filip, Vlastimil Schildberger ml., Jan Břečka, Lubor Nedbal: Brno- Brünn 1939–1945. Roky nesvobody – Jahre der Unfreiheit. 3 Bde. Brno 2011–2013.
  • Hermann Freudenberger, Gerhard Mensch: Von der Provinzstadt zur Industrieregion (Brünn-Studie). Ein Beitrag zur Politökonomie der Sozialinnovation, dargestellt am Innovationsschub der industriellen Revolution im Raume Brünn. Göttingen 1975 (Studien zum Wandel von Gesellschaft und Bildung im neunzehnten Jahrhundert 13).
  • Hanns Hertl (Hg.): Der "Brünner Todesmarsch" 1945. Die Vertreibung und Mißhandlung der Deutschen aus Brünn. Eine Dokumentation. Schwäbisch Gmünd 1998 (in tschechischer Sprache Praha 2005).
  • Karel Kuča: Brno. Vývoj města, předměstí a připojených vesnic [Brünn. Die Entwicklung der Stadt, ihrer Vorstädte und eingemeindeten Dörfer]. Praha, Brno 2000.
  • Zdeněk Kudělka, Jindřich Chatrný (Hg.): For New Brno. The Architecture of Brno 1919–1939 (Catalogue Museum of the City of Brno). Brno 2000.
  • Rudolf Procházka: Dějiny Brna [Geschichte Brünns]. Bd. 1: Od pravěku k ranému středověku [Von der Vorgeschichte zur Frühen Neuzeit]. Brno 2011.
  • František Šujan: Dějepis Brna [Geschichte Brünns]. Brno 1902. (digitalisiert unter https://openlibrary.org/books/OL24608713M/D%C4%9Bjepis_Brna)
  • Katharina Wessely: Theater der Identität. Das Brünner deutsche Theater der Zwischenkriegszeit. Bielefeld 2011.

Periodika

Weblinks

Zitation

Thomas Krzenck: Brünn/Brno. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2013. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/54186.html (Stand 02.12.2013).

Nutzungsbedingungen für diesen Artikel

Copyright © Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE), alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk entstand im Rahmen des Projekts „Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa“ und darf vervielfältigt und veröffentlicht werden, sofern die Einwilligung der Rechteinhaber vorliegt. Bitte kontaktieren Sie: ome-lexikon(at)uni-oldenburg.de

Wenn Sie fachliche Hinweise oder Ergänzungen zum Text haben, wenden Sie sich bitte unter Angabe von Literatur- und Quellenbelegen an die Redaktion.