OME-Lexikon

Bukarest/Bucureşti

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Bukarest

Amtliche Bezeichnung

Bucureşti; ältere rum. Schreibung: Bucureşci

Anderssprachige Bezeichnungen

frz., span. Bucarest; engl. Bucharest

Etymologie

Der rumänische Name bedeutet wörtlich "Du bist froh" und wird volksetymologisch mit der legendenhaften Stadtgründung durch den Hirten Bucur in Verbindung gebracht. Er kann aber auch, vermutlich korrekter, als Sippenname ("zu denen des Geschlechts Bucur gehörig") gedeutet werden.[1]

2. Geographie

Lage

44º 26' nördlicher Breite, 26º 6' östlicher Länge.

Topographie

Bukarest liegt zwischen dem Karpatenbogen und der Donau in der Walachischen Tiefebene (rum. Câmpia Română), südlich des Vrancea-Gebiets, einer der seismisch aktivsten Regionen Europas. Die Stadt wurde wiederholt von schweren Erdbeben getroffen, zuletzt 1940 und 1977. Im Stadtnorden erstreckt sich ein natürlicher Seengürtel, der sich aus den Flüssen Dâmboviţa und Colentina speist.

Region

Walachei

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Hauptstadt Rumäniens. Bukarest ist das einzige Munizipium (municipiu), das ein eigenes Verwaltungsgebiet innerhalb des Kreissystems (Judeţe) des Landes bildet, zudem Sitz des Patriarchen der rumänisch-orthodoxen Kirche und der römisch-katholischen Erzdiözese Bukarest.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Das Stadtwappen[2] zeigt einen goldenen bekrönten Adler (Krone Mirceas des Alten) auf blauem Schild, in den Krallen Schwert und Zepter, im Schnabel ein Kreuz, unterhalb ein Spruchband in den rumänischen Nationalfarben mit dem Motto Patria şî dreptul meu (= Meine Heimat und mein Recht), auf der Brust des Adlers ein roter Schild mit dem Stadtpatron, dem hl. Demetrios dem Neuen von Basarbowo (Sfântul- Cuvios Dimitirie cel Nou Basarabov), mit den Attributen eines Soldatenheiligen. Das Wappen ist bekrönt von sieben Zinnen, auf der mittleren ein schwarzer Adler mit Kreuz im Schnabel.

Prä-urbane Entwicklung

Paläolithische und neolithische (u. a. Gumelniţa-Kultur) sowie bronzezeitliche (u. a. Tei-Kultur) Funde auf dem heutigen Stadtgebiet lassen auf eine frühe Besiedlung schließen.[3] Römische und slawische Funde gelten als Belege für Siedlungskontinuität.[4] Die günstige Lage an Ost-West-Handelswegen zwischen den Übergängen im Karpatenbogen und der Donau im Süden und dem Schwarzen Meer im Osten prägte die Entwicklung nachhaltig.

Mittelalter und frühe Neuzeit

Ansätze einer urbanen Entwicklung stehen im 15. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Etablierung des Fürstentums Walachei. Neben den ersten Fürstensitzen Argisch/Curtea de Argeş und Tergowisch/Târgovişte diente die Siedlung bald als Herrschersitz (Cetate de scaun). Basarab I. (Negru Vodă) soll im 14. Jahrhundert den Bau einer Befestigungsanlage an der Dâmboviţa veranlasst haben. Schon unter Vlad III. Drăculea (dem "Pfähler") lassen sich Bautätigkeiten am alten Fürstenhof (Curtea veche) nachweisen; ein von ihm 1459 gezeichnetes Dokument enthält die erste Erwähnung der Stadt als Grad (= Burg) Bucureşti. In den folgenden 250 Jahren wuchs die Bedeutung des Ortes, der sich unter Constantin Brâncoveanu (†1714) endgültig als Fürstensitz etablierte. Kämpfe mit den Osmanen und innenpolitische Verwicklungen brachten wiederholte Zerstörungen der Stadt und einen Wechsel des Fürstensitzes (mit Tergowisch/Târgovişte) mit sich.

Bild

Ioan Alexandru Paraschivescu (1855–1901):
Mahalaud Dracului [Wikimedia Commons].

Bis dahin entwickelte sich um die mittelalterliche Burg eine unbefestigte Siedlung urbanen Charakters, die nach und nach umliegende Dörfer als Mahala (Vorstadt) integrierte, vor allem nach ihrer Erhebung zur Hauptstadt, insbesondere unter Constantin Brâncoveanu. Zur Zeit der Fanarioten entstanden zahlreiche Brücken über die Dâmboviţa, wo ferner Wassermühlen das Bild prägten. Die Mahalas bestanden aus unregelmäßig um die Kirchen gruppierten einstöckigen Holzbauten, daneben beherrschten die massiveren Bojarenhäuser mit Gärten das Stadtbild. Prägendes Element waren zudem die Gasthöfe für reisende Händler (rum. han).

19. Jahrhundert

Nach dem Ende der Fanariotenherrschaft (vgl. Rumänien) schwand der osmanische Einfluss zusehends. 1789–1791 war Bukarest von österreichischen Truppen unter Friedrich Josias von Sachsen-Coburg-Saalfeld, zwischen 1807 und 1812 im Russisch-Türkischen Krieg von russischen Truppen besetzt. Um 1800 wurde die Stadt von Erdbeben und Pestwellen erschüttert.

In der Übergangszeit zum souveränen Staat Rumänien ist die Niederschlagung des Aufstands unter Tudor Vladimirescu 1821 durch die Osmanen stadtgeschichtlich bedeutsam, ferner als Modernisierungsschub das "Organische Reglement" (erstes verfassungsartiges Gesetzeswerk in Rumänien) unter russischer Protektion (nach dem Russisch-Osmanischen Krieg 1828/29).

In die Auflösungserscheinungen des Osmanischen Reichs hinein verbreitete sich von Bukarest ausgehend die Walachische Revolution von 1848, die in Bukarest von Nicolae Bălcescu, Gheorghe Magheru, Ion Brătianu und anderen betrieben wurde. Auf Ersuchen Russlands wurde der Aufstand durch eine Intervention osmanischer Truppen im September 1848 beendet. Die Zeit der Besetzungen dauerte an: Im Krimkrieg 1853–1856 wurde Bukarest abwechselnd von russischen, osmanischen und österreichischen Truppen besetzt. 1861 wurde der Ort Hauptstadt des unter Alexandru Ioan Cuza aus den Donaufürstentümern Moldau und Walachei gebildeten vereinigten Fürstentums Rumänien. Nach innenpolitischen Verwicklungen wurde Karl Eitel Friedrich von Hohenzollern-Sigmaringen 1866 als Carol I. Fürst des jungen Staates, der 1878 endgültig vom Osmanischen Reich unabhängig und 1888 Königreich wurde. Unter Carol I. brachten Reformen und Modernisierungsbestrebungen dem stetig wachsenden Bukarest eine Blütezeit. Bis zum Ersten Weltkrieg schritt die Industrialisierung zügig voran, woran auch zahlreiche deutsche Akteure ihren Anteil hatten (vgl. unten).

20. Jahrhundert und Gegenwart

Den bulgarischen Expansionsbestrebungen wurde nach dem Zweiten Balkankrieg mit dem Frieden von Bukarest (1913) Einhalt geboten. Nach anfänglicher Neutralität trat Rumänien 1916 auf Seiten der Entente in den Ersten Weltkrieg ein; in der Folge wurde Bukarest von Dezember 1916 bis November 1918 von den Achsenmächten besetzt, die rumänische Regierung nach Jassy/Iaşi verlegt.

Die großen Gebietsgewinne für Rumänien nach dem Ersten Weltkrieg durch den Vertrag von Trianon (1920) bedeuteten auch für die Hauptstadt des nun selbstbewusst auftretenden Nationalstaats einen Aufschwung. Kulturell und politisch wurde die im 19. Jahrhundert begonnene Hinwendung nach Westeuropa intensiviert.

Als Rumänien am 23. November 1940 auf Seiten des Deutschen Reichs in den Zweiten Weltkrieg eintrat, wurden deutsche Truppen u. a. in Bukarest und Umgebung stationiert, um wichtige Ölfelder zu schützen. Nachdem das Land am 23. August 1944 nach einem Staatsstreich auf die Seite der Alliierten gewechselt war, wurde Bukarest sukzessive von sowjetischen, amerikanischen und schließlich deutschen Streitkräften bombardiert. Am 31. August 1944 marschierte die Rote Armee in die Stadt ein.

Bild

Blick vom Hotel Intercontinental auf den Universitäts-
platz (Piaţa 21. decembrie 1989) [Foto: © T. Schares].

Als Hauptstadt der Sozialistischen Republik Rumänien (1948–1989) verdoppelte Bukarest seine Einwohnerzahl und verdreifachte sein Areal innerhalb von 40 Jahren. Der Zentralismus der Zeit des Königreichs setzte sich fort, sodass Bukarest auch in kommunistischer Zeit politischer, wirtschaftlicher und kultureller Mittelpunkt des Landes war. Bauliches Symbol dieser Periode ist die Casa Scînteii (heute: "Haus der freien Presse" - Casa presei libere), die nach dem Vorbild der Moskauer Lomonossow-Universität im Stil des Sozialistischen Realismus erbaut wurde und die Presseverlage und -agenturen des Landes beherbergte.

Bukarest war Hauptschauplatz der revolutionären Ereignisse von 1989, die zum Sturz Nicolae Ceauşescus führten, und nach Temeswar/Timişoara die zweite Stadt, in der die Proteste aufflammten. Die Gründung der demokratischen Republik Rumänien brachte der alten und neuen Hauptstadt einen wirtschaftlichen Aufschwung, aber auch spezifische Verwerfungserscheinungen (Straßenhunde und Straßenkinder, Innenstadtbrachen, Bauruinen, überalterte Infrastruktur und ein unzureichend funktionierendes Verwaltungswesen).

Verwaltung

Die Stadt ist in sechs Sektoren mit je eigener Verwaltung und Bürgermeisterei aufgeteilt, daneben hat die Stadt einen Oberbürgermeister (Primarul general al municipiului).

Bevölkerung und Religion

Als Handelsplatz hatte Bukarest traditionell ein internationales Gepräge und bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs eigene armenische, griechische, jüdische, türkische, aber auch kleinere deutsche und verschiedene slawische u. a. Viertel und entsprechende religiöse Gemeinden. Dieses Gepräge ist in der Zeit des Kommunismus zurückgedrängt worden und zeigt sich heute am deutlichsten an den erhaltenen Sakralbauten der verschiedenen Gemeinden: armenische Kirche, lutherische Kirche, römisch-katholische Erzdiözesankirche, italienische katholische Kirche, griechische Kirche, mehrere Synagogen u. a. m.

Heute bekennen sich die meisten Rumänen in Bukarest zur rumänisch-orthodoxen Kirche, daneben gibt es kleine griechisch-katholische, römisch-katholische und evangelisch-reformierte Gemeinden sowie eine geringe Zahl von Juden und Muslimen.

Nach dem sprunghaften Wachstum der Stadt im 19. und 20. Jahrhundert geht die Bevölkerung seit einiger Zeit zurück, die Spitze war Anfang der 1990er Jahre mit über 2 Millionen Einwohnern erreicht, denen gegenwärtig (2011) 1,68 Millionen Einwohner gegenüberstehen (vgl. Abb.). Nach der Volkszählung [Recensământ] 2011 besteht die Bevölkerung Bukarests zu über 96 % aus Rumänen, weniger als 4 % bezeichnen sich als einer anderen Ethnie zugehörig.[5]

Bevölkerungsstruktur Bukarests nach der Volkszählung 2011 (obere Zeile; darunter zum Vergleich 2002). 

Gesamt

rumän.

Roma

ungar.

deutsch

ukr.

türk.

tatar.

russ.

andere

keine Angabe

1.677.985

1.646.230

3.525

3.012

922

199

2.147

272

774

10.272

10.632

1.926.334

1.869.069

27.322

5.834

2.358

425

2.473

363

1.141

14.953

545

Bevölkerungsentwicklung Bukarests (nach verschiedenen Quellen)

Bild

Kunst- und Baugeschichte

Aus allen historischen Phasen der Stadt haben sich Bauwerke erhalten. Prägend ist das Nebeneinander orientalischer und okzidentalischer Elemente, die im Brâncoveanu-Stil (z. B. Schloss Mogoşoaia im Norden der Stadt, Kreţulescu-Kirche) künstlerisch verschmolzen sind. Typisch sind zudem durch Plätze verbundene Boulevards (etwa die sternförmig am Triumphbogen-Platz zusammentreffenden Boulevards), zwischen denen sich unübersichtliche Viertel und (ehemalige) Vorstädte mit verwinkelten orientalischen Gassen befinden. Baulich findet sich neben dieser auf dem Balkan einzigartigen Stilverschmelzung jeder seit dem 19. Jahrhundert entwickelte architektonische Stil westlicher Prägung, vom Klassizismus über den Jugendstil, das Bauhaus und den Sozialistischen Realismus bis zur Postmoderne. Aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammen kulturelle Prachtbauten wie das Nationaltheater (1852), das Athenäum (1888), das Hauptgebäude der Universität (1869), die zentrale Universitätsbibliothek (1895) u. a. m. Innerstädtisch hält stadtarchitektonische Frankophilie (die der Stadt den Beinamen "Klein-Paris" Micul Paris, gab) und auch die internationale Moderne Einzug, Triumphbogen und der Telefonpalast (Palatul Telefoanelor) im Art-Deco-Stil sind hierfür beispielhaft.

Eine der größten Zäsuren in der neueren Stadtgeschichte bildet das Erdbeben vom 4. März 1977, dessen große Zerstörungen von KP- und Staatschef Ceauşescu als Vorwand für eine durchgreifende Umstrukturierung der Innenstadt im Stil des Sozialistischen Realismus genommen wurden, der etwa ein Fünftel der Altstadtfläche zum Opfer fielen. Kern der Umgestaltung ist der monströse "Boulevard des Sieges des Sozialismus" (heute Bulevardul Unirii) als Ost-West-Achse mit dem nicht weniger megalomanen "Palast des Volkes" (heute Parlamentspalast, rum. Palatul Parlamentului). Schon vorher hat der Sozialismus im Stadtbild seine Spuren in Form von Wohnblocks und dem in den 1950er Jahren erbauten, der Moskauer Lomonossow-Universität nachempfundenen "Haus der freien Presse" (Casă presei libere) hinterlassen.

Kritisch zu werten ist in der Gegenwart das Fehlen eines Strukturentwicklungsplans für Bukarest auch 20 Jahre nach der Wende.

Verkehr, Wirtschaft

Bild

Bukarest (Holzschnitt: 1717) [Wikimedia Commons].

Ende des 18. Jahrhunderts wurden Kanalisierungsarbeiten und der Bau einer Wasserleitung durchgeführt, außerdem erblühte das Manufakturwesen.

Die bisher fertiggestellten Autobahnen Rumäniens verbinden Bukarest im Nordwesten mit Piteşti und im Osten mit Konstanza/Constanţa. Rumäniens größter Bahnhof Gara de Nord (Anbindung der Stadt an die Bahnlinie 1869) und die Flughäfen Băneasa und Otopeni im Norden machen die Stadt zum nationalen und internationalen Verkehrskreuz. Bukarest ist wirtschaftliches Zentrum des Landes, zahlreiche Dienstleister und Banken haben hier ihren Hauptsitz. Ein Großteil der Medienunternehmen ist in der Hauptstadt ansässig, zudem die Bukarester Börse und das große Ausstellungsgelände Romexpo. Für die Stadt und den sie umschließenden Kreis (Judeţ) Ilfov spielen die metallverarbeitende und die Maschinenbauindustrie eine bedeutende Rolle.

Bildung

Bukarest hat acht staatliche Universitäten: Universität Bukarest (UB), Polytechnische Universität (Politehnica), Universität für Bauwesen (UTCB), Universität für Landwirtschaft und Veterinärmedizin, Universität für Medizin und Pharmazie, Universität für Architektur und Stadtplanung, Wirtschaftsakademie (ASE), Hochschule für Politik und Verwaltung. Zudem sind Hochschulen für Kunst und Design, Musik, Film sowie Polizei- und Militärakademien angesiedelt; die zahlreichen privaten Universitäten sorgten in jüngerer Zeit z. T. für Skandale ("Diplomfabriken"). In der Hauptstadt befinden sich auch der Hauptsitz der Rumänischen Akademie und die Nationalbibliothek.

Literatur

Bukarest ist als Hauptstadt auch Kultur- und Medienzentrum des Landes. Die meisten bedeutenden Verlage Rumäniens haben hier ihren Sitz. Auch nach der Wende war der legendäre Bukarester Kriterion-Verlag der wichtigste Verlag für deutschsprachige Literatur (und andere Minoritätenliteraturen) Rumäniens. Einige der wichtigsten rumänischen Schriftsteller stammten oder stammen aus Bukarest, z. B. Tudor Arghezi, Mircea Eliade, Mircea Cărtărescu (der der Stadt in seiner Romantrilogie Orbitor ein literarisches Denkmal gesetzt hat). Die deutschsprachigen Autoren Paul Celan (1920–1970) und Alfred Margul-Sperber (1898–1967) hatten enge Verbindungen zu Bukarest; Oscar Walter Cisek (1897–1966) war in Bukarest geboren.

Deutsche in Bukarest

Davon, dass Deutsche seit dem späten Mittelalter in Bukarest ansässig waren, zeugen im ehemaligen Händlerviertel der Altstadt die Namen der Leipziger Straße (Str. Lipscani) und der benachbarten Str. Smârdan, die vormals Deutsche Straße (Uliţa Nemţească) hieß. Im 19. Jahrhundert, unter Carol I., bestimmte eine größere Anzahl Deutscher das kulturelle (bemerkenswert v. a. die publizistische Tätigkeit[6]) und wirtschaftliche Leben der Stadt mit. In der Stadt wirkten die Bildhauerfamilie Storck und der Hofbildhauer des Königshauses, Emil Wilhelm Becker, der u. a. das bedeutende Grabmal des unbekannten Soldaten im Carol-Park schuf. Der Bierbrauer Erhard Luther gründete 1869 die noch heute existierende Griviţa-Brauerei.[7] 1930 hatte Bukarest über 14.000 deutsche Einwohner.[8]

Die heute in Bukarest lebende kleine Gruppe der Altreich- (oder Regats-)Deutschen ist stark überaltert; es handelt sich vornehmlich um Angehörige und Nachkommen der deutschsprachigen Minderheit in Rumänien, die in der kommunistischen Zeit wegen ihrer Arbeit in Industrie und Dienstleistungsberufen sowie v. a. im Kulturbereich (Kriterion-Verlag, Tageszeitung Neuer Weg, erscheint bis heute als Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien) in die Hauptstadt kamen.[9] Sie sind in der Ortsgruppe des "Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien" (Forumul de centru Bucureşti) organisiert. Neben dem staatlichen Goethe-Kolleg (Colegiul German Goethe) gibt es eine Reihe deutschsprachiger Erziehungs- und Bildungseinrichtungen.

Gedächtnis- und Erinnerungskultur

In Straßen- und Platznamen wird bedeutender Ereignisse der Nationalgeschichte (Vereinigung der Fürstentümer, Vereinigung von Großrumänien, Revolution von 1989) gedacht, durch Benennung nach diesen Ereignissen selbst (Piaţa Unirii = "Vereinigungsplatz", Piaţa Revoluţiei, Calea Victoriei usw.) oder durch Benennung nach historischen Persönlichkeiten.[10]

Die Zeit des Königreichs und besonders des "deutschen" Königs Carol I. wird im öffentlichen Bewusstsein, in Publikationen, Filmen u. a., zum "goldenen Zeitalter" verklärt.

Die Aufarbeitung des im 20. Jahrhunderts geschehenen Unrechts und problematischer Ereignisse der jüngeren Geschichte ist dagegen schleppend und spielt im öffentlichen Leben und Bewusstsein eine untergeordnete Rolle. Das Pogrom gegen Juden (1941), die Deportation Tausender Juden und Roma nach Transnistrien und die Verbrechen des kommunistischen Regimes finden wenig Ausdruck in der Erinnerungskultur. Seit 2009 gibt es ein von dem in Ploieşti geborenen Bildhauer Peter Jacobi geschaffenes Holocaust-Memorial.

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Axel Barner (Hg.): Stadtführer Bukarest. Bukarest 1995.
  • Constantin C. Giurescu: Istoria Bucureştilor [Geschichte Bukarests]. 3. Aufl. Bucureşti 2009.
  • Birgitta Gabriela Hannover: Bukarest. Die rumänische Hauptstadt und ihre Umgebung. Berlin 2008.
  • Nicolae Iorga: Istoria Bucureştilor [Geschichte Bukarests]. Bucureşti 2008 (Neuauflage der Originalausgabe Bucureşti 1939).
  • Paul Jeute: Bukarest. Historischer Kontext und Prägung der urbanen Entwicklung durch das herrschende politische Leitbild. München 2011.
  • Hans Liebhardt: Deutsche in Bukarest. Zwei-drei Jahrhunderte erlebter Geschichte. Bukarest 2003.
  • Hans Liebhardt: In Bukarest und Altrumänien. Deutsche Spuren noch und noch. Bukarest 2006.
  • Hans-Christian Maner: Deutsche Spuren in der Geschichte Bukarests. Begegnung und Wirken zwischen Offenheit und Abkapselung. Notizen aus Reiseberichten und Erinnerungen. In: Südostdeutsche Vierteljahresblätter 46/3 (1997), S. 245-255.
  • Hans Petri: Geschichte der evangelischen Gemeinde zu Bukarest. Leipzig 1939 (Beiträge zur Kenntnis des Deutschtums in Rumänien 2).
  • Christa Stache, Wolfram G. Theilemann (Hg.): Evangelisch in Altrumänien. Forschungen und Quellen zur Geschichte der deutschsprachigen evangelischen Kirchengemeinden im rumänischen Regat. Hermannstadt, Bonn 2012 (Veröffentlichungen des evangelischen Zentralarchivs in Berlin 9; Miscellanea ecclesiastica 9).
  • Joachim Vossen: Bukarest. Die Entwicklung des Stadtraums von den Anfängen bis zur Gegenwart. Berlin 2004.

Weblinks

Anmerkungen

[1] Die Nachkommen des Fürsten Vlad Dracul erhielten bspw. den Geschlechtsnamen "Drăculești".

[2] Es ersetzt durch Beschluss Nr. 76 vom 26.7.1993 des Oberbürgermeisters (Primăria generală a Capitalei) das sozialistische Stadtwappen; das erste Stadtwappen aus dem 19. Jahrhundert wird in dem Entwurf aufgegriffen, vgl. http://www1.pmb.ro/pmb/bucuresti/hot76.htm (Abruf 22.04.2013).

[3] Abb. von Fundstücken bei Giurescu: Istoria, S. 841 (Tafel 1).

[4] Vermutet wird ein römisches castrum, das allerdings bislang nicht nachgewiesen werden konnte.

[5] Hier die Zahlen laut vorläufigem Endergebnis (rezultate preliminare) des vom Nationalen Statistikamts (Institutul național de statistică) durchgeführten Zensus 2011, vgl. http://www.recensamantromania.ro/rezultate-2/ (Abruf 22.04.2013). Zumindest die Zahl der in Bukarest lebenden Roma betreffend müssen die Ergebnisse der Zählung von 2011 mit Vorsicht betrachtet werden (vgl. 2002), die Angaben beruhen auf der Muttersprache laut eigener Angabe; die Ungenauigkeit des Zählverfahrens und der Durchführung ist m. E. bereits kurz nach Abschluss publik geworden, vgl. Allgemeine Zeitung für Rumänien, 2.11.2011, http://www.adz.ro/artikel/artikel/volkszaehlung-verlief-mit-geringer-praezision/ (Abruf 22.04.2013).

[6] Vgl. Horst Fassel: Die kulturelle Identität der Bukarester Deutschen. In: Banatica. Beiträge zur deutschen Kultur 4/1996, Sonderheft Nation oder Ethnien? Wege und Irrwege, S. 82-98, hier S. 84.

[7] Hierzu die Einzelbetrachtungen bei Liebhardt: Deutsche und Liebhardt: In Bukarest.

[8] Volkszählung 1930: Institutul central de statistică: Recensământul general al populației României din 29 decemvrie 1930. București: Monitorul oficial 1930.

[9] Vgl. Angelika Herta, Martin Jung (Hg.): Vom Rand ins Zentrum. Die deutsche Minderheit in Bukarest. Berlin 2011, S. 8ff.

[10] Die jetzige Piaţa Charles de Gaulle hieß im Verlauf der vergangenen 100 Jahre beispielsweise nacheinander: Pta. M. Eminescu, Pta. Adolf Hitler, Pta. Generalisimul I.V. Stalin und Pta. Aviatorilor. Dass Systemwechsel extensive Umbenennungsaktionen nach sich ziehen, die auch auf die Bewohner verwirrend wirken können, zeigt folgendes Beispiel: Eine U-Bahn-Station an der Kreuzung Calea Griviţei - Bd. Ion Mihalache trägt den Namen 1. Mai, weil der Bd. Ion Mihalache früher Bd. 1. Mai hieß, mittlerweile hat jedoch eine wichtige Straße in einem anderen Stadtteil diesen Namen.

Zitation

Thomas Schares: Bukarest/Bucureşti. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2013. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/54190.html (Stand 22.04.2013).

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