OME-Lexikon

Groß Stein/Kamień Śląski

Text

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Groß Stein

Anderssprachige Bezeichnung

poln. Kamień Śląski

Etymologie

Die Ortsbezeichnung gehört zu den topographischen Namen und kann mit großer Wahrscheinlichkeit auf das reiche Vorkommen von Kalkstein zurückgeführt werden.

2. Geographie

Lage

50° 32′ 25″ nördlicher Breite, 18° 04′ 28″ östlicher Breite, 20 km nordwestlich vom St. Annaberg/Góra Świętej Anny und von Groß Strehlitz/Strzelce Opolskie sowie 26 km südöstlich von Oppeln/Opole ; administrativ gehört Groß Stein zur Gemeinde Gogolin, Kreis Krappitz/Krapkowice in der Woiwodschaft Oppeln.

Topographie

Groß Stein liegt am Übergang von der Schlesischen Niederung (Nizina Śląska) zum Schlesischen Hochland (Wyżyna Śląska), in der Mulde zwischen dem Flusstal der Oder (Odra) und dem Annaberg, im Naturschutzgebiet „Groß Stein“, 200–250 m über dem Meeresspiegel. Der Kalkstein stellt den Bodenschatz der landwirtschaftlich geprägten Region dar und wird in nahe gelegenen Steinbrüchen gewonnen.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Groß Stein besitzt kein eigenes Wappen, jedoch trifft man in der Pfarrkirche, auf Gebäuden, Denkmälern usw. auf die Wappen der drei Adelsgeschlechter, die hier ihren Sitz hatten: von Larisch, Odrowąż und von Strachwitz.

Wappen von Larisch [Foto: Izabela Błaszczyk].
Glasfenster in der Pfarrkirche Groß-Stein.
Wappen von Odrowąż [Foto: Izabela Błaszczyk].
Die Wappen der Adelsfamilien von Larisch, Odrowąż und von Strachwitz.
Wappen von Strachwitz [Foto: Izabela Błaszczyk].
[Fotos: Izabela Błaszczyk].

Beinamen

Zweisprachiges Ortsschild Kamień Śląski - Groß Stein [Foto: Izabela Błaszczyk].

Der älteste Biograf des hl. Hyazinth, Stanislaus von Krakau, bezeichnete den Geburtsort des Heiligen in De vita et miraculis Sancti Jacchonis als Cameyn (um 1352). Nicolaus Hissovianus erwähnte den Ort in einem Hexametergedicht zu Ehren des Heiligen als Camensis samt Beinamen Lapidis. In den Visitationsakten aus dem 17. Jahrhundert finden sich die Bezeichnungen Wielki Kamień, Maior Kamien, Magno Kamen. Die deutsche Bezeichnung Groß Stein lässt sich zum ersten Mal in den Schemata der Diözese von 1724 neben der Bezeichnung Mega-Kamień nachweisen. Die Visitationsakten aus dem Jahre 1736 benennen den Ort als Mega-Stein. Im 19. und 20. Jahrhundert trug er den offiziellen Namen Groß Stein. Im Umlauf war parallel dazu die Bezeichnung Wielki Kamień. Nach 1945 wurde der Ort in Kamień Śląski umbenannt. In der schlesischen Mundart wird er schlicht als Kamion bezeichnet. 2010 erhielt er zusätzlich den amtlichen deutschen Namen Groß Stein.

Vor- und Frühgeschichte

Die ältesten archäologischen Funde aus der Gegend stammen aus der Jungsteinzeit. Die Region war bereits zur Zeit der Lausitzer Kultur (1000–400 v. Chr.) bewohnt. Durch die Gegend führte eine Nebenroute des Handelsweges, der das römische Imperium mit der Ostsee verband. Entlang der Handelsroute entstanden zahlreiche Siedlungen der westslawischen Opolanen.

Mittelalter

Zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde der Ort (als Castrum Kamencz bzw. Lapis) in der Polnischen Chronik des Gallus Anonymus (ca. 1113/1116). An der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert herrschten dort die Ritter aus dem Geschlecht der Odrowąż (Odrovasius). Sie errichteten eine Wehrburg, an deren Stelle heute eine Schlossanlage steht. Erster Besitzer von Groß Stein soll Ritter Eustachy Odrowąż gewesen sein, Sohn des Saul Odrowąż, Bruder des Bischofs Iwo Odrowąż (ca. 1160–1229; Erbauer der romanischen Marienkirche in Krakau/Kraków) und zugleich Vater des hl. Hyazinth (1183–1257). Die Besitzung Groß Stein erbte der Bruder des hl. Hyazinth, Jakob. In Urkunden werden bis 1476 recht nahtlos weitere Besitzer dokumentiert. Anschließend folgt eine Lücke in den Aufzeichnungen. Es wird angenommen, dass die Güter bereits zu dieser Zeit zum großen Teil im Besitz des Zisterzienserklosters Himmelwitz/Jemielnica waren.

Neuzeit

Schloss Groß Stein, 2. Hälfte 19. Jahrhundert [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 127305].
Schloss Groß Stein, 2. Hälfte 19. Jahrhundert [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 127305].

Im Jahr 1617 verkaufte der Abt die Güter, um Mittel für den Wiederaufbau der abgebrannten Klosteranlange in Himmelwitz zu erhalten. 1660 erwarb Balcar (Balthasar) von Larisch (Besitzer der Groß Steinischen Güter von 1660–1687) das Schloss. Bis 1799 war es im Besitz der Familie von Larisch, die wesentlich zur Verbreitung des Kultes des hl. Hyazinth und damit zur Bekanntheit des Ortes beitrug. Magdalena Engelburg Gräfin Kottulińska-Kriszkowitz (1659–1751), die Witwe von Ludwig von Larisch († 1702), errichtete in der Kemenate, in der der Heilige geboren worden sein soll, eine Schlosskapelle zu seinen Ehren.

1799 gingen die Besitzungen in die Hände der Familie von Strachwitz über, die zum alten schlesischen Adel gehörte und aus dem niederschlesischen Groß Zauche/Sucha Wielka stammte. Traditionell erhielt in der Familie der erste Sohn, der die Güter erbte, auch den Namen Hyazinth. Darüber hinaus trugen die neuen Herrscher jedoch wenig zur Verehrung des Heiligen und zur Verbreitung seines Kultes bei. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges waren sieben Grafen aus der Familie von Strachwitz von Groß Zauche und Camminetz Grundherren von Groß Stein.

Zeitgeschichte

Schloss vor der Renovierung, Abbildung auf einer Informationstafel in Groß Stein  [Foto: Izabela Błaszczyk].
Schloss vor der Renovierung, Abbildung auf einer Informationstafel in Groß Stein.
Schloss nach der Renovierung [Foto: Izabela Błaszczyk].
Rechts: nach der Renovierung [Fotos: Izabela Błaszczyk].

Letzter Herr von Groß Stein war Hyazinth Alois von Strachwitz (1893–1968). In der Nachkriegszeit erfolgte die Enteignung der Strachwitz’schen Güter durch die polnischen Behörden. Der Sohn des letzten Besitzers, Hyazinth (1920–2002), wurde auf eigenen Wunsch im Familiengrab in Groß Stein bestattet. Von 1940 bis Herbst 1944 bestand bei Groß Stein ein Kriegsgefangenenlager; die Schlossanlage wurde als Lazarett genutzt. Im Dezember 1945 bezog ein staatliches Kinderheim die Räume. Im Jahre 1954 wurde die Schlossanlage dem militärisch genutzten Komplex des nahe gelegenen Flugplatzes Oppeln-Groß Stein angegliedert. 1970 zerstörte ein Brand die bereits stark beschädigten Gebäude weiter. Infolge der gesellschaftlich-politischen Umwälzungen der Jahre 1989/90 in Polen ging das Schloss für kurze Zeit in kommunalen Besitz über, 1990 wurde es der Oppelner Diözese übertragen. Diese  nahm sich der schwierigen Aufgabe des Wiederaufbaus an, der  unter anderem durch die Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit finanziert wurde. Das Schloss dient heute als Tagungszentrum. Die Kapelle des hl. Hyazinth wurde wieder zu einem Pilgerziel. Angrenzend an das Schloss entstand 2005 das Rehabilitations- und Erholungszentrum Sanatorium Sebastianeum Silesiacum.

Bevölkerung und Gesellschaft

Bevölkerungsentwicklung im Kreis Groß Strehlitz (1828-1910)
Grafik zur Bevölkerungsentwicklung im Kreis Groß Strehlitz (1828-1910) nach Leszek C. Belzyt: Pruska statystyka językowa (1825–1911) a Polacy zaboru pruskiego, Mazur i Śląska. [Die preußische Sprachenstatistik (1825–1911) und die Polen im preußischen Teilungsgebiet, in Masuren und Schlesien]. Zielona Góra 2013, S. 297.

Im Kreis Groß-Strehlitz, zu dem Groß Stein gehörte, war die Bevölkerung über die Jahrhunderte hinweg überwiegend polnischsprachig. Die Zahl der Deutschsprachigen wuchs jedoch im Laufe des 19. Jahrhunderts stetig, von 1.781 im Jahre 1828 bis 12.616 im Jahr 1910. Zu dieser Zeit gaben von 1.360 Einwohnern von Groß Stein 1.079 an, nur Polnisch zu beherrschen, 183 Polnisch und Deutsch sowie 98 nur Deutsch. In der Volksabstimmung (1921) sprachen sich 416 von 722 stimmberechtigten Einwohnern für Polen aus.

1845 zählte Groß Stein etwas mehr als 500 Einwohner. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte ein anhaltendes Bevölkerungswachstum ein: Von 720 Personen im Jahr 1861 verdoppelte sich die Einwohnerzahl bis 1933 (1.435), 1939 waren es dann 1.617[1] Einwohner. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam es in Groß Stein nicht zur Zwangsaussiedlung. Beinahe die gesamte Bevölkerung des Ortes wurde als „autochthon“ eingestuft und erhielt eine vorübergehende Bescheinigung ihrer polnischen Herkunft.

1946 lebten in Groß Stein 1.263 Menschen. Freiwillige Ausreisen nach Deutschland erfolgten insbesondere in den Jahren 1956–1958 im Rahmen der Familienzusammenführung sowie Ende der 1970er und in den 1990er Jahren aus vorwiegend ökonomischen Gründen. 1986 wohnten in Groß Stein 1.450 Personen, 1996 nur noch 1.020. Heute zählt das Dorf wieder 1.417 Einwohner.

Religions- und Kirchengeschichte

Abbild des hl. Hyazinth [Foto: Izabela Błaszczyk].
Abbild des hl. Hyazinth oberhalb des Eingangs zur Schlosskapelle.
Rechts: Pfarrkirche in Groß Stein [Fotos: Izabela Błaszczyk].

Die große Mehrheit der Bevölkerung in Groß Stein war stets katholisch. Der Anteil der jüdischen und der evangelischen Bevölkerung war gering, zwischen 1 und 3 Prozent.

Groß Stein gilt als Geburtsort des hl. Hyazinth (poln. św. Jacek) (1183–1257) sowie des seligen Ceslaus von Breslau (ca. 1175/80–1242) und der seligen Bronislawa (ca. 1200–1259). Insbesondere seit der Heiligsprechung Hyazinths (1594) wurde Groß Stein zum beliebten Wallfahrtsort und zum wichtigsten Zentrum seines Kultes neben Krakau. Orte der Verehrung stellen heute die Pfarrkirche und die Schlosskapelle dar. Zum Gedenktag am 17. August kommen jedes Jahr tausende Pilger nach Groß Stein.

Gedächtnis- und Erinnerungskultur

Ortsansichten von Groß Stein: Kirche, Schloß, Ort und Kriegerdenkmal. Postkarte vor 1945 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 107382].
Ortsansichten von Groß Stein: Kirche, Schloß, Ort und Kriegerdenkmal. Postkarte vor 1945 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 107382].

Im Dorf befindet sich ein Denkmal zu Ehren der Gefallenen aus den beiden Weltkriegen mit polnischer und deutscher Inschrift. Ein weiteres Denkmal gedenkt der Toten der Schlesischen Aufstände. Der Cholera-Friedhof erinnert an die Opfer der Cholera-Epidemie im Jahr 1874. Beigesetzt wurden dort 1945 auch unbekannte deutsche Soldaten. Auf dem Friedhof der Pfarrkirche befinden sich der alte Grabstein sowie das erneuerte Familiengrab der gräflichen Familie von Strachwitz.

4. Diskurse/Kontroversen

Die nationale bzw. regionale (schlesische) Identität der Bewohner von Groß Stein ist wie in vielen Gemeinden Oberschlesiens bis heute Gegenstand von Kontroversen.

5. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Franciszek Grabelus: Kult św. Jacka w Kamieniu Śląskim [Der Kult des hl. Hyazinth in Groß Stein]. Opole 1998.
  • Franciszek Grabelus: Dzieje parafii św. Jacka w Kamieniu Śląskim [Geschichte der Pfarrei des hl. Hyazinth, Groß Stein]. Opole 2005.
  • Erwin Mateja: Kamień Śląski. Groß Stein – Geschichte der Wallfahrt zum Hl. Hyazinth. Opole 2003.
  • Joseph Scholtyssek: Kronika Kamienia Śląskiego. Chronik der Pfarrei Groß-Stein. Mit Einführung, Erläuterungen und Übersetzung ins Polnische von Joanna Rostropowicz. 2. Aufl. Opole 1994.

Weblinks

Anmerkung

[1] Die Zahlen von 1933 und 1939 nach Michael Rademacher: Deutsche Verwaltungsgeschichte von der Reichseinigung 1871 bis zur Wiedervereinigung 1990 (http://www.verwaltungsgeschichte.de/strehlitz.html; aufgerufen 02.08.2017).

Zitation

Izabela Błaszczyk: Groß Stein/Kamień Śląski. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2017. URL: http://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32392 (Stand 03.08.2017).

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