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Köslin/Koszalin

Text

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Köslin

Amtliche Bezeichnung

poln. Koszalin

Frühere Bezeichnungen

Kussalin/Cussalin, Kusselin, Cöslin, Cößlin

2. Geographie

Lage

54º 11‘ nördlicher Breite und 16º 11‘ östlicher Länge auf 32 Meter Höhe (n.p.m.) ca.  40 km östlich von Kolberg/Kołobrzeg. Stettin/Szczecin ist ca. 150 km, Danzig/Gdaṅsk 200 km entfernt.

Topographie

Köslin liegt im Hinterland der pommerschen Ausgleichsküste. Unmittelbar vor der rund 12 km entfernten Ostseeküste liegt im Norden der Jamunder See (poln. Jezioro Jamno), der durch eine Nehrung von der Ostsee getrennt ist und u.a. vom Mühlenbach (Dzierżecinka) gespeist wird, der auch Köslin durchfließt. Westlich der Stadt  erhebt sich der Gollen (von slaw. Cholm/Cholin = Berg), ein Moränenzug des Pommerschen Landrückens, dessen Bewaldung im Nordwesten und (Süd-)Osten der Stadt erhalten ist.

Region

Hinterpommern

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Republik Polen, Woiwodschaft Westpommern (Województwo zachodniopomorskie)

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Das älteste Kösliner Wappen zeigte einen segnenden Bischof, ab dem 15. Jahrhundert setzte sich das zuvor bereits als Siegel verwendete Haupt Johannes des Täufers, Schutzpatron des Bistums Cammin, durch. 1938 erhielt die Stadt ein stilisiertes Wappen mit einem Doppelhaken (Wolfsangel) und zwei Ringen. Auf dem aktuellen polnischen Stadtwappen sieht man einen Ritter zu Pferde mit einer den pommerschen Greif zeigenden Standarte und einem Schild mit polnischem Adler.

Mittelalter

Während die Anfänge der slawischen Besiedlung des Kösliner Landes bereits im späten 8. Jahrhundert angesetzt werden, stammen die Siedlungsreste auf dem Stadtgebiet aus dem ausgehenden 11. bzw. frühen 12. Jahrhundert. 1214 erhielten die Prämonstratenser aus Belbuck (poln. Białobocki) das westlich der Erhebung Gollen gelegene Dorf Cossalitz von Herzog Bogislaw II (um 1177–1220); seit 1248 gehörte der Ort zum Hochstift Cammin. Im Jahr 1266 erfolgte durch Bischof Hermann von Gleichen († 1289) die Gründung der Stadt Cussalin nach lübischem Recht.

Neuzeit

1532 setzte sich die Reformation in Köslin durch. Anschließend erfuhr die Stadtentwicklung aufgrund starker Bevölkerungsverluste durch mehrere Pestepidemien sowie Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg empfindliche Rückschläge (1535, 1585 und 1653/54). 1648 wurde das Territorium brandenburgisch, von 1701 bis 1945 war es Teil der preußischen Provinz Pommern. 1718 vernichtete ein großer Stadtbrand erneut mehr als 300 Häuser, Rathaus, Schloss und Schlosskirche. 1815 entstand der Regierungsbezirk Köslin, 1818 der Fürstentumer Kreis, der 1872 in die Kreise Köslin, Kolberg und Bublitz aufgeteilt wurde. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Köslin nach Stettin zur zweitgrößten Stadt Hinterpommerns und zum regionalen Wirtschafts- und Verwaltungszentrum.

Zeitgeschichte

1923 wurde Köslin freie Kreisstadt. Bei den Reichstagswahlen im März 1933 wurde die NSDAP mit 47 Prozent stärkste Partei vor der SPD mit 21 Prozent der Stimmen[1]; beide Ergebnisse lagen über dem Reichsdurchschnitt. Bis kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs blieb die Stadt von direkten Kampfhandlungen und Zerstörungen verschont; Anfang März 1945 begannen Flucht und anschließende Vertreibung bzw. Aussiedlung der Kösliner Bevölkerung. Im Mai 1945 kam Köslin unter polnische Verwaltung, und anschließend wurde die Woiwodschaft Köslin gebildet, die 1999 in der Woiwodschaft Westpommern aufging. Die Stadt behielt nach dem Zuzug der polnischen Bevölkerung und dem Wiederaufbau ihre Bedeutung als regionales politisches, kulturelles und wirtschaftliches Zentrum.


Verwaltung

Köslin beherbergte zahlreiche Ämter und Behörden, darunter Landratsamt, Eisenbahnbetriebsamt, Oberpostdirektion und verschiedene Gerichte.

Bevölkerungsentwicklung

An der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert hatte die Stadt ca. 3.000 Einwohner, nach dem Dreißigjährigen Krieg nur noch 1.200 (1671), 1740 zählte Köslin rund 2.500 Einwohner, um 1800 wieder rund 3.200. Mitte des 19. Jahrhunderts erreichte die Einwohnerzahl dann 10.000 und verdoppelte sich bis 1900. 1939 lebten rund 33.500 Menschen in Köslin; diese Zahl wurde etwa Mitte der 1950er Jahre wieder erreicht, aktuell (2016) beträgt die Einwohnerzahl 107.680.[2]



Wirtschaft

Fischfang, Holzwirtschaft und das Weberhandwerk waren schon im Mittelalter bedeutend; zu diesen Wirtschaftszweigen kamen weitere, die auf Handel und Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte aus dem Umland in Molkereien, Brauereien, zahlreichen Mühlen etc.  beruhten. Aus einer Papiermühle entstand 1833 eine Fabrik, auch Fischveredelung, Möbelherstellung und Maschinenfabrikation wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgebaut, wozu auch der 1859 erfolgte Anschluss an das Eisenbahnnetz beitrug. 1912 richtete Köslin die Pommersche Gewerbe-, Industrie- und Landwirtschaftsausstellung aus. Kurzzeitig wurden in Köslin sogar Automobile hergestellt. Prägend und wirtschaftlich bedeutend für die Stadt waren zudem die vielen, auch überregionalen Behörden und das Militär. In den 1960er Jahren bestanden u. a. eine Fabrik für Isolatoren, eine Süßwarenfabrik, Saatgutveredelung und eine Fabrik für Christbaumschmuck, die überwiegend für den Export produzierten.

Militärgeschichte

1713 wurde Köslin Garnisonsstadt. Im Siebenjährigen Krieg  (1756–1763) wurde Köslin 1760 von russischen Truppen belagert und teilweise zerstört. Von 1806 bis 1808 erfolgte eine Besatzung durch französische Truppen.

Unterbrochen durch die Demilitarisierung nach dem Ersten Weltkrieg blieb Köslin ein wichtiger Militärstandort. Am 3. März 1945 erfolgte die Einnahme der Stadt durch die Rote Armee, Teile der Innenstadt wurden dabei zerstört.

Religions- und Kirchengeschichte

Köslin beherbergte seit 1277 ein Kloster der Zisterzienserinnen, unter deren Patronat die Kirche St. Marien stand; auch eine Wallfahrtskapelle auf dem Gollen wurde vom Kloster unterhalten. 1532 trat die Stadt zur Reformation über, seither war die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung evangelisch-lutherisch. Daneben gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine apostolische Gemeinde, Baptisten und Methodisten. Die Zahl der Katholiken blieb bis 1939 unter 1.000, allerdings war Köslin mit der 1868 erbauten St. Josephs-Kirche der Mittelpunkt der katholischen Gemeinden von rund 20 Städten und Landgemeinden Hinterpommerns. Unter nationalsozialistischer Herrschaft bildete der Kirchenkreis Köslin einen wichtigen Rückzugsort der Bekennenden Kirche.

Eine jüdische Gemeinde existierte seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert, hundert Jahre später erreichte sie mit mehr als 300 Mitgliedern ihren höchsten Stand; 1933 lebten noch 123 Juden in Köslin, in den Jahren der nationalsozialistischen Verfolgung sank ihre Zahl auf 25 (1939),[3] im Sommer 1942 wurden die letzten verbliebenen Juden aus der Stadt und dem Regierungsbezirk Köslin deportiert.[4] 

Bildung und Wissenschaft

Bereits 1358 wird eine der Geistlichkeit unterstellte Schule in Köslin erwähnt, nach der Reformation entstand (vor 1555) eine städtische Lateinschule; 1821 wurde sie durch ein Gymnasium ersetzt. Eine „Private Höhere Mädchenschule“ existierte ebenfalls und wurde 1912 städtisches Lyzeum. 1890 siedelte die preußische Kadettenanstalt aus Chulm nach Köslin über, 1920 wurde sie geschlossen und als staatliches Realgymnasium fortgeführt. An weiterführenden Bildungseinrichtungen gab es von 1821 bis 1925 ein Lehrerseminar und eine Landwirtschaftliche Fachschule. Während der nationalsozialistischen Herrschaft existierte hier eine von 38 Nationalpolitischen Bildungsanstalten (NPEA). Aus der 1968 gegründeten Fachhochschule wurde 1996 die Technische Universität, die größte von sechs Hochschulen bzw. Hochschulstandorten in Köslin, die derzeit insgesamt 12.000 Studierende haben.

Alltagskultur

Wie vergleichbare Städte verfügte Köslin zu Beginn des 20. Jahrhunderts über eine Vielzahl von Vereinen, Verbänden und Innungen, die das gesellschaftliche und kulturelle Leben der Stadt (mit)prägten. Darunter waren eine Reihe militärischer Vereine, kirchliche und wohltätige Zusammenschlüsse, Gesangs- sowie Tierzuchtvereine. Die Infrastruktur der Stadt bot verschiedene Möglichkeiten der Freizeitgestaltung wie Theater- und Konzertbesuche, Gaststätten, Cafés usw.; beliebte Ausflugsziele waren der Gollen, der Jamunder See und die nahe gelegene Ostseeküste.

Kunstgeschichte, Architektur

Die Altstadt Köslins verfügt über einen regelmäßigen mittelalterlichen Grundriss mit einem großen zentralen Marktplatz. Die gotische Marienkirche (erbaut vor 1331, von 1534 bis 1945 evangelische Pfarrkirche), die Gertraudenkapelle, erstmals erwähnt 1459 und heute Kirche der evangelischen Gemeinde, und die ehemalige Klosterkirche (heute polnisch-orthodoxe Kirche) sind die ältesten erhaltenen Sakralbauten der Stadt.

An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert prägten vor allem die großen öffentlichen Bauten das Stadtbild; stilistisch sind hier vor allem Neo-Gotik (Oberpostdirektion, 1884), Historismus (Alte Regierung, 1903), Neo-Klassizismus (Kaiser-Wilhelm-Krankenhaus, 1913) und Neo-Renaissance (Karkutschstift, 1920) vertreten. In den 1920er und 1930er Jahren entstanden weitere repräsentative Großbauten wie die neue Regierung (Neo-Klassizismus, 1937-39, heute Wojewodschaftssitz) und auch moderne kubische Bauten wie das Land- und Amtsgericht (1920er Jahre) und die Pommersche Bank (1936-38). Die zerstörten Häuser um den zentralen Marktplatz (Rynek) und das Rathaus wurden durch moderne Bauten im Stil der Ostmoderne ersetzt. Ab Ende der 1950er Jahre entstanden neue Stadtviertel wie die Hochhaussiedlung Północ (Norden).

Musik

Das musikalische Leben der Stadt entfaltete sich seit dem 19. Jahrhundert in einer Vielzahl von Vereinen, darunter acht Gesangvereine, der älteste von 1836. Seit 1956 gibt es ein Symphonieorchester, das 2014 die neu erbaute Philharmonie bezog.

Buch-, Druck- und Mediengeschichte

In der Stadt erschienen die Kösliner Zeitung, gegr. 1825 als Allgemeines Pommersches Volksblatt, und Der Hinterpommer, der sich als „Organ für die werktätige Bevölkerung“ (Titelzusatz im Jahr 1924) verstand und sein Erscheinen 1933 einstellen musste.

Gedächtnis- und Erinnerungskultur

1766 wurde das 500jährige Gründungsjubiläum der Stadt festlich begangen.

Als Wahrzeichen der Stadt galt das 1829 errichtete Gollenkreuz als Denkmal für die Gefallenen der Freiheitskriege gegen Napoleon.

Bereits 1948 wurde der Heimatkreis Köslin als Zusammenschluss ehemaliger Kösliner gegründet. 1953 übernahm die Stadt Minden die Patenschaft über die Kösliner. In Minden wurde auch die Kösliner Diakonissenanstalt wieder begründet und es entstand dort die Kösliner Heimatsammlung. Als ehemaliger Standort eines Zisterzienserinnenklosters ist Koszalin heute eine Station auf der „Straße der Zisterzienser in Polen/Szlak Cysterski w Polsce“.

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Geschichte der Stadt Coeslin: von ihrer Gründung bis auf gegenwärtige Zeit nach Urkunden und zuverlässigen Quellen bearb. v. Johann Ernst Benno. Cöslin 1840.
  • Dzieje Koszalina [Geschichte Köslins]. Hg. v. Bogusław Drewniak u. Henryk Lesiński. Pozńan 1967.
  • Marian Rębkowski, Rafał Simiński: Die Anfänge der Stadt Köslin (Koszalin). In: Baltische Studien. Pommersche Jahrbücher für Landesgeschichte, NF 102 (2016), S. 7–30
  • Franz Schwenkler: 1266–1966. Köslin. Die siebenhundertjährige Geschichte einer Stadt und ihres Kreises. Eckernförde, 2. Aufl. 1988.

Periodika

  • Köslin-Kurier. Hg. v. Heimatkreisausschuss Köslin, Minden, 1 (1987) ff.
  • Rocznik Koszalinski. Hg. v. Koszalińskie Towarzystwo Społeczno-Kulturalne i Polskie Towarzystwo Historyczne, Oddział w Słupsku, Koszalin, 1 (1965) ff.

 

Weblinks

Anmerkungen

[1] Nach Michael Rademacher: Deutsche Verwaltungsgeschichte. Unter: http://www.verwaltungsgeschichte.de/koeslin.html (aufgerufen am 06.02.2018)

[2] Einwohnerzahlen bis 1939 nach:  Schwenkler 1988, S. 114; für 2016: Głowny Urząd Statystycny (GUS). Ludność. Stan i struktura oraz ruch naturalny w przekroju terytorialnym w 2016 roku. Stan w dniu 31 XII, S. 98. http://stat.gov.pl/download/gfx/portalinformacyjny/en/defaultaktualnosci/3286/3/21/1/size_and_structure_of_population_and_vital_statistics_in_pl_by_terri_as_of_31_dec_2016.pdf (aufgerufen am 06.02.2018)

[3] Vorstehende Zahlen nach Michael Rademacher: Deutsche Verwaltungsgeschichte. Unter: http://www.verwaltungsgeschichte.de/koeslin.html (aufgerufen am 06.02.2018).

[4] http://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/k-l/1108-koeslin-hinterpommern (aufgerufen am 06.02.2018)

Zitation

Heinke Kalinke: Köslin/Koszalin. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2018. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32298 (Stand 15.02.2018).

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