OME-Lexikon

Neukirch an der Katzbach/Nowy Kościół

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Neukirch an der Katzbach

Amtliche Bezeichnung

poln. Nowy Kościół

Anderssprachige Bezeichnungen

lat. Nova ecclesia

Etymologie

Der Name des Ortes wird in den Quellen damit erklärt, dass er wahrscheinlich einer der ersten war, die nach der Einführung des Christentums in Schlesien eine eigene Kirche besaßen.

2. Geographie

Lage

Neukirch liegt auf 51° 04′ nördlicher Breite, 15° 51′ östlicher Länge, ca. 210-240 m über NHN, ca. 7 km südwestlich von Goldberg/Złotoryja und ca. 82 km westlich der regionalen Hauptstadt Breslau/Wrocław.

Topographie

Das Dorf liegt am linken Ufer der Katzbach (Kaczawa), eines linken Nebenflusses der Oder, im Bober-Katzbach-Gebirge (Góry Kaczawskie).

Region

Niederschlesien

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Polen. Neukirch ist das größte Dorf der Gemeinde Schönau (Gmina Świerzawa) im Kreise Goldberg (Powiat złotoryjski) und liegt in der Woiwodschaft Niederschlesien (Województwo dolnośląskie).

3. Geschichte und Kultur

Geschichte

Das Dorf und die Person des dortigen Pfarrers werden in den schriftlichen Quellen erstmals im Jahr 1217 erwähnt. Zu jener Zeit gehörte Neukirch einem Wittich von Zirn. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts war die Ortschaft Teil der herzoglichen Ländereien. Um das Jahr 1300 wurde Neukirch von der Familie von Zedlitz gekauft und blieb, mit einer Unterbrechung in den Jahren 1608–1719, fünfzehn Generationen lang, bis zum Jahr 1945, in deren Besitz.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam Neukirch unter polnische Verwaltung. In den Jahren 1945–1954 war der Ort Sitz einer gleichnamigen Gemeinde (Gmina Nowy Kościół). Zwischen 1975 und 1998 gehörte er zur Woiwodschaft Hirschberg (Województwo jeleniogórskie).

Bevölkerung

Nach 1945 wurde die deutsche Bevölkerung von Neukirch vertrieben. Im Ort ließen sich Polen nieder, zum Teil Heimatvertriebene aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten. Heute leben in Neukirch 1.209 Personen (Stand 2011).[1]

Wirtschaft

Jahrhundertelang waren Ackerbau und Viehzucht die wichtigsten Einnahmequellen in Neukirch. Seit der frühen Neuzeit kam noch die Tuchmacherei hinzu.

Der wirtschaftliche Aufschwung kam für die Ortschaft erst im Jahr 1895, als Neukirch an die neu errichtete Eisenbahnstrecke zwischen Schönau/Świerzawa und Goldberg angeschlossen wurde. Anfang des 20. Jahrhunderts waren im Dorf vier Großbetriebe ansässig: ein Basaltwerk, eine Tuch-, eine Zement- und eine Schokoladenfabrik, die auf zahlreichen Ansichtskarten abgebildet wurde.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde in Neukirch die erste polnische Kupfermine auf schlesischem Boden eröffnet. Das Fördervolumen des 1954 in Betrieb genommenen Bergwerks Nowy Kościół betrug in den Jahren 1954–1968 insgesamt 4.025.847 Tonnen Kupfererz. Nachdem Anfang der 1960er Jahre neue Minen in der Umgebung von Lüben/Lubin und Polkwitz/Polkowice eröffnet wurden und der Abbau unrentabel wurde, schloss der Neukircher Stollen im Jahr 1968. Die Gegend rund um Neukirch ist reich an Achaten, deren Vorkommen zu den größten in Polen gehören. Dies macht den Ort attraktiv für Mineraliensammler.

Religions- und Kirchengeschichte

Evangelisches Bethaus und Schule in Neukirch, Kupferstich von Friedrich Bernhard Werner von 1749 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv.Nr. P 1560].
Evangelisches Bethaus und Schule in Neukirch, Kupferstich von Friedrich Bernhard Werner von 1749 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv.Nr. P 1560].

Neukirch ist ein bedeutender Ort für die Geschichte des Christentums in Schlesien. Erstens wurde hier mit höchster Wahrscheinlichkeit[2] zur Zeit der Christianisierung eine der ersten Kirchen der Region erbaut, und zweitens hielt man hier die erste lutherische Predigt in Schlesien. Wie sein Vater Siegmund von Zedlitz (zwischen 1415 und 1420–1508) war der damalige Besitzer von Neukirch, Georg von Zedlitz (1444–1552), ein leidenschaftlicher Hussit. Als er von Martin Luthers (1483–1546) Thesen hörte, schickte er zwei seiner Diener zu ihm, die ihn laut Überlieferung[3]fragen sollten, ob er der von Jan Hus (um 1370–1415) prophezeite Schwan sei. Nach weiteren Gesprächen sandte Luther einen seiner Schüler nach Neukirch, den Augustinermönch Melchior Hofmann/Hoffmann, einen gebürtigen Goldberger. Die erste Predigt hielt Hofmann im Jahr 1518 auf der Burg derer von Zedlitz. Dies führte zu einem Konflikt mit der Äbtissin des Benediktinerinnenklosters in Striegau/Strzegom, die im Besitz des Kirchenlehens für das Dorf war und eine Klage bei König Ferdinand I. (1503–1564) einreichte. Der Streit endete schließlich 1530 mit dem Verkauf des Kirchenlehens an Georg von Zedlitz, woraufhin Hofmann offiziell als Pfarrer eingesetzt wurde.

Neukirch blieb ein wichtiges Zentrum der Reformation in Schlesien, auch nach dem Jahr 1654, als die Marienkirche im Zuge der Gegenreformation wieder katholisch wurde. Trotz zahlreicher Bekehrungsversuche blieb die Gemeinde jedoch größtenteils evangelisch. Nach dem Ersten Schlesischen Krieg erlaubte Friedrich der Große (1712–1786) 1743 den Bau eines neuen Gotteshauses. Daraufhin fand der erste protestantische Gottesdienst am 18. Oktober desselben Jahres statt, vorerst jedoch wieder auf der Burg derer von Zedlitz.

Nach 1945 veränderte sich die konfessionelle Zugehörigkeit des Ortes, dessen Bewohner heute größtenteils katholisch sind. Seitdem ist die Johanniskirche ein römisch-katholisches Gotteshaus, und das alte Pfarrhaus dient als evangelisches Gebetshaus.

Kunstgeschichte

Ansicht der Kirchenruine von Neukirch (vor 1945) [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 236146].
Ansicht der Kirchenruine von Neukirch (vor 1945) [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 236146].
Turm der Kirchenruine Neukirch (vor 1945) [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 236145].
Turm der Kirchenruine Neukirch (vor 1945) [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 236145].

Das Gebäude der Marienkirche in Neukirch, also des „novo Templo“, von dem der Ort seinen Namen erhielt, wird in den Quellen zum ersten Mal im Jahr 1307 erwähnt. Aus der erhaltenen Bausubstanz kann man schließen, dass es um die Mitte des 13. Jahrhunderts errichtet wurde. Von dem spätromanischen Charakter des Baus zeugen die Dienste entlang des Kirchenschiffs und ein Portal auf der Nordseite. Im Spätmittelalter bekam die Kirche ein Netzgewölbe. Aus dieser Zeit stammt auch eine Verteidigungsmauer mit Schießscharten und einem Torhaus mit Pechnase. Anfang des 17. Jahrhunderts wurde die Kirche mit einem Turm versehen und um zwei Anbauten erweitert; im südlichen ist die Jahreszahl 1626 eingraviert. Aufgrund der schwindenden katholischen Gemeinde fehlte es an Mitteln, um den Kirchenbau instand zu halten. Er verfiel Anfang des 19. Jahrhunderts und war seither als die „Ruinenkirche“ bekannt. 1931 sanierte man den Kirchturm. Beim Gotteshaus befand sich bis 1945 die Gruft der Familie von Zedlitz.

Evangelische Kirche Neukirch, vor 1910 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 143118].
Evangelische Kirche Neukirch, vor 1910 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 143118].
Schloss in Neukirch [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. P153].
Schloss in Neukirch [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. P153].

Der Bau der neuen lutherischen Johanniskirche am Ufer der Katzbach wurde im Jahr 1749 vollendet. 1853 wurde das Gotteshaus umgebaut; es erhielt einen Turm und gewann einen klassizistischen Charakter.

Die Wasserburg der Familie von Zedlitz wurde im Jahr 1319 erbaut. In späteren Jahrhunderten mehrmals aus- und umgebaut, war sie einer der wenigen Adelssitze in Schlesien mit einem Fachwerkstock, der über die Grundmauer vorkragte. 1900 wurde an der Stelle der alten Burg ein neues Schloss im neugotischen Stil errichtet, das jedoch während der Kämpfe um Schlesien im Februar 1945 niederbrannte. In späteren Jahren riss man die Ruine ab.

„Allegorie der reformatorischen Kirche“, unbekannter schlesischer Maler, um 1570, Tempera, Holz, 130x87cm. [Sammlungen des Erzdiözese-Museums Breslau / Muzeum Archidiecezjalne we Wrocławiu, Inv.-Nr. 988].
„Allegorie der reformatorischen Kirche“, unbekannter schlesischer Maler, um 1570, Tempera, Holz, 130x87cm. [Sammlungen des Erzdiözese-Museums Breslau / Muzeum Archidiecezjalne we Wrocławiu, Inv.-Nr. 988].

Aus Neukirch stammt das auf 1570 datierte Gemälde eines unbekannten schlesischen Malers mit dem Titel „Allegorie der reformatorischen Kirche“.
Auf dem Bild wird Georg von Zedlitz zweimal dargestellt: wie er einer Predigt Luthers zuhört und wie er auf eine Beichte bei Philipp Melanchthon (1497–1560) wartet. Nachdem das Gemälde nach 1654 vom Altar der rekatholisierten Marienkirche entfernt worden war, hing es erst im Schloss der Familie von Zedlitz und später, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, in der Johanniskirche.
Heute befindet es sich in den Sammlungen des Museums der Erzdiözese Breslau.[4]

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Markus Bauer, Jan Harasimowicz, Andrzej Niedzielenko, Jasper v. Richthofen (Hg.): Szlachta na Śląsku. Średniowiecze i czasy nowożytne. Katalog wystawy Rycerze Wolności, Strażnicy Praw. Adel in Schlesien. Mittelalter und Frühe Neuzeit. Katalog zur Ausstellung Ritter der Freiheit, Hüter des Rechts. Dresden 2014.
  • Johann Adam Hensel: Protestantische Kirchen-Geschichte der Gemeinen in Schlesien Nach allen Fürstenthümern, vornehmsten Städten und Oertern dieses Landes, und zwar vom Anfange der Bekehrung zum christlichen Glauben vor und nach Hußi, Lutheri und Calvini Zeiten bis auf das gegenwärtige 1768ste Jahr, nebst einem vollständigem Verzeichniß aller itzt lebenden Geistlichen bey den evangelischen Kirchen, in acht Abschnitten abgefasset und mit einer Vorrede versehen von Friedrich Eberhard Rambach Königlich Preußischen Ober-Consistorialrath und Inspector der Kirchen und Schulen in Schlesien. Leipzig, Liegnitz 1768.
  • E. K…e: Die evangelische Kirche in Schlesien, insbesondere die Verdienste der freiherrl. Familie v. Zedlitz-Neukirch um dieselbe. Aus geschichtlichen Quellen und Urkunden. In: Ulrich Junker (Hg.): Die evangelische Kirche in Schlesien und die Familie von Zedlitz-Neukirch. Bodnegg 2016, S. 5-15 (ursprünglich in: Schlesische Provinzialblätter. Neue Folge, Jg. 1865, Bd. 4, S. 672-681).
  • Siegfried Knörrlich: Der Heimat Bild. Heimatbuch des Kreises Goldberg-Haynau. Liegnitz 1928.
  • Romuald Łuczyński: Losy rezydencji dolnośląskich w latach 1945-1991 [Schicksale der niederschlesischen Adelsresidenzen in den Jahren 1945-1991]. Wrocław 2010.
  • Eufrazyna Piątek, Zygfryd Piątek, Henryk Rusewicz: Tropami śląskiej miedzi [Auf den Spuren des schlesischen Kupfers]. Lubin, Złotoryja 2004.
  • Franz Schroller: Schlesien. Eine Schilderung des Schlesierlandes. Bd. 2. Glogau [1887].
  • Bożena Steinborn: Złotoryja, Chojnów, Świerzawa: zabytki sztuki regionu [Goldberg, Haynau, Schönau: Kunstdenkmäler  der Region]. Wrocław 1959 (Śląsk w zabytkach sztuki).
  • Neukirch. In: Ernst Badstübner, Dietmar Popp, Andrzej Tomaszewski, Dethard von Winterfeld (Hg.), Sławomir Brzezicki, Christine Nielsen (Bearb.): Dehio-Handbuch der Kunstdenkmäler in Polen. Schlesien. München, Berlin 2005 [polnische Version: Zabytki sztuki w Polsce – Śląsk. Warszawa 2006], S. 342.
  • [Hugo] We[czerka]: Neukirch. In: Ders. (Hg.): Handbuch der historischen Stätten. Schlesien. Stuttgart 1977 (Kröners Taschenausgabe 316), S. 368f.
  • [Arnold] zum Winkel (Schriftltg.): Liegnitz, Goldberg, das schöne Katzbachtal. Berlin-Halensee 1925 (Deutschlands Städtebau).

Weblink

Anmerkungen

[1] GUS – Główny Urząd Statystyczny [Hauptamt für Statistik]: http://stat.gov.pl/files/gfx/portalinformacyjny/pl/defaultaktualnosci/5670/21/1/1/1_miejscowosci_ludnosc_nsp2011.xlsx (Abruf 30.09.2016).

[2] Vgl. E. K…e: Die evangelische Kirche, S. 5.

[3] Vgl. Hensel: Protestantische Kirchen-Geschichte, S. 130; E. K…e: Die evangelische Kirche, S. 7; Schroller: Schlesien, S. 57.

[4] Vgl. Titelbild zu: Joachim Bahlcke, Beate Störtkuhl, Matthias Weber (Hg.): Der Luthereffekt im östlichen Europa. Geschichte, Kultur, Erinnerung. München 2017. (http://www.bkge.de/Publikationen/Print/Schriften_des_Bundesinstituts/Band_64.php).

Zitation

Artur Robert Białachowski: Neukirch an der Katzbach/Nowy Kościół. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2016. URL: http://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p46467 (Stand 14.12.2016).

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