OME-Lexikon

Bukowina

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Bukowina (auch Buchenland)

Anderssprachige Bezeichnung

ukr. Bukovyna; rum. Bucovina; poln. Bukowina; russ. Bukovina; franz. Bucovine; engl. Bukovina; hebr. בוקובינה.

Etymologie

Namensgebend für die Bukowina waren die ausgedehnten Buchenwälder in der Region (slawisch buk= Buche). Als Flurname ist die Bezeichnung erstmals 1412 in einer Urkunde zur Benennung von Waldgebieten an den Flüssen Sereth (ukr. Seret, rum. Siret) und Pruth (ukr./rum. Prut) nachgewiesen (damals als Große und Kleine Bukowina). Im Abtretungsvertrag zwischen dem Fürstentum Moldau (rum. Moldova) und der Habsburgermonarchie (1775) wird der gesamte Landstrich offiziell als „Bukowina“ bezeichnet.

2. Geographie

Lage und Topographie

Die Bukowina erstreckt sich von West nach Ost über 96 km und von Nord nach Süd über 168 km. Im Westen wird sie von den Karpaten begrenzt; im Norden und Nordwesten bilden die Flüsse Dnjestr (ukr. Dnister, rum. Nistru) und Czeremosch (ukr. Čeremoš, rum. Ceremuş) die natürlichen Grenzen, im Süden die Goldene Bistritz (rum. Bistrița Aurie). Im Jahr 1940 wurde die historische Region (1918: 10.500 km2) in einen nördlichen, sowjetischen, und einen südlichen, rumänischen Teil aufgespalten. Heute haben der ukrainische Verwaltungsbezirk rund um die Bezirkshauptstadt Czernowitz/Černivci (Černivecka oblast) und der rumänische Verwaltungsbezirk um die Bezirkshauptstadtadt Suczawa/Suceava (Judeţul Suceava) zusammen eine Größe von 16.600 km², da Verwaltungsgrenzen verschoben wurden.

Landschaftlich lassen sich drei Teile unterscheiden: das Gebirgsland der Karpaten im Westen und Südwesten, das vorgelagerte Hügelland im Osten und Nordosten sowie die Flusstäler im Südosten, die in die podolische Tiefebene auslaufen. Fichten- und Tannenwälder bedecken gegenwärtig ungefähr die Hälfte des Landes; Buchenwälder sind überwiegend im Karpatenvorland zu finden.

Historische Geographie

Im 10. und 11. Jahrhundert gehörte der geographische Raum der Bukowina zum Kiewer Reich, ab dem 12. Jahrhundert zum Fürstentum Halicz (ukr. Halic’ke knjazyvtvo). Im 14. Jahrhundert wurde sie Teil des moldauischen Woiwodats, das im 16. Jahrhundert unter die Oberhoheit der Osmanen fiel. 1774, nach einer kurzen Besatzung durch russische Truppen im Zuge des Russisch-Osmanischen Kriegs, begann die Okkupation durch  die Habsburgermonarchie,  an die die Region  dann abgetreten wurde (staatsrechtlich geregelt in der Konvention von Konstantinopel, 7. Mai 1775). Bis 1786 stand die Bukowina unter Militärverwaltung; danach wurde sie als Verwaltungskreis des Königreichs Galizien und Lodomerien von Lemberg/Ľviv/Lwów aus regiert. 1849 wurde die Bukowina ein eigenständiges österreichisches Kronland im Rang eines Herzogtums. Die endgültige Loslösung von Galizien zog sich über ein Jahrzehnt hin. Nach einer provisorischen Regierung erfolgte 1854 die Einrichtung einer Bukowiner Landesbehörde, bevor sich 1861 der erste Landtag konstituierte. Mit dem Zerfall des Habsburger Imperiums am Ende des Ersten Weltkriegs ging die Bukowina vollständig an das Königreich Rumänien über.

Seit dem Zweiten Weltkrieg ist die Region geteilt – eine Folge des Ribbentrop-Molotov-Pakts 1939. Zwar wurde die Bukowina im geheimen Zusatzprotokoll, in dem Ostmitteleuropa in deutsche und sowjetische Einflussgebiete aufgeteilt wurde, nicht explizit benannt. Doch die Sowjetunion sah den Norden der Region als ihrem Einflussgebiet zugehörig, das sich bis Bessarabien erstreckte. Die Sowjetarmeebesetzte das Gebiet am 28. Juni 1940 und gliederte es der Ukrainischen SSR an. Die Rückeroberung im Juli 1941 durch Rumänien mithilfe der deutschen Armee konnte die machtpolitischen Kräfteverhältnisse auf Dauer nicht rückgängig machen. Im März 1944 rückte die sowjetische Armee erneut ein und der nördliche Teil der Bukowina mit der Hauptstadt Czernowitz blieb von da an Teil der Ukrainischen Sowjetrepublik bzw. seit 1991 der unabhängigen Ukraine. Der südliche Teil der Bukowina gehört seit 1918 ununterbrochen zu Rumänien; die Hauptstadt wurde in der Folge der Teilung Suczawa.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Das Wappen des Fürstentums Moldau, zu dem die Bukowina bis 1775 gehörte, bildeten Mond, Morgenstern und zentral ein Auerochse. Im Wappen des österreichischen Kronlandes fand sich der Auerochse wieder – hier auf einem blau-rot gespaltenen Schild mit drei goldenen Sternen. Über dem Schild war ein Herzogshut zu sehen. Das rumänische Staatswappen der Zwischenkriegszeit zeigte ebenfalls den Auerochsen. Das Bukowina-Wappen zu Zeiten der Ukrainischen Sowjetrepublik unterschied sich in seiner Gestaltungsweise grundlegend. Buchenblätter sowie die zwei Bukowiner Flüsse Dnjestr und Pruth waren unterhalb eines Stadttores zu erkennen; Hammer und Sichel ersetzten die Krone. Das Wappen der heutigen Oblast’ Černivci kombiniert das Stadttor von Czernowitz, den moldauischen Adler und Buchenblätter als Symbol für die Bukowina.

Beinamen

Am bekanntesten ist wohl heute Paul Celans Beschreibung der Bukowina als „Gegend, in der Menschen und Bücher lebten“, womit er auf das reichhaltige Schaffen vor allem der Czernowitzer Literaten hinwies. Nach dem Ersten Weltkrieg, als das multiethnisches Imperium Österreich-Ungarn zerfallen war, wurden Beinamen für die Bukowina populär, die auf das (lange friedliche) Zusammenleben mehrerer Ethnien verwiesen, etwa „Europa im Kleinen“ oder „Schweiz des Ostens“. Entsprechend dem Beinamen „Klein-Wien des Ostens“ für Czernowitz wurden Bukowiner manchmal als „Buko-Wiener“ bezeichnet. Aufgrund der Entfernung vom imperialen Zentrum kursierten zeitgenössisch wenig schmeichelhafte Bezeichnungen wie „K.u.k.-Strafkolonie“ und „Halb-Asien“. 

Vor- und Frühgeschichte

Die erste Besiedlung der Bukowina wird auf ungefähr 1600 v. Chr. datiert. Werkzeug- und Waffenfunde bei Sereth/Siret sowie die Entdeckung von Hünengräbern bei Tumuli zeugen davon. Von Bedeutung war unter anderem der Einfluss der Skythen, die den Austausch mit der griechischen Hochkultur pflegten. Der Fund eines Tempelschatzes bei Mielnica deutet auf Kontakte mit den Persern hin. Vermutlich waren die Perser unter Darius I. bis ins bukowinische Gebiet vorgedrungen. In der Folge entwickelten die Daker großen Einfluss im Karpatenraum. Als das Römische Reich sie im Jahr 107 endgültig unterwarf, wurde die Bukowina Teil der römischen Provinz Dakien. Nach massiven Einfällen der Goten ließ der römische Kaiser Aurelianus (214–275) in den 270er Jahren die Provinz räumen. Auf die Goten folgten die Hunnen, deren Niedergang wiederum den Westgoten eine Möglichkeit zur Wiederbesiedlung eröffnete. Aus dieser Phase, dem 5. Jahrhundert n. Chr., stammen Zeugnisse von der ersten slawischen Besiedlung, die sich in den nächsten Jahrhunderten fortsetzte.

Mittelalter

Zur slawischen Besiedlung kamen seit dem 12. Jahrhundert die Walachen hinzu, aus denen die späteren Rumänen hervorgingen. Czernowitz, die bis heute größte Stadt der Bukowina, war eine slawische Stadtgründung – dies legen zumindest die Wortherkunft und die Registrierung in einem russländischen Städteverzeichnis nahe. Eine genaue Jahreszahl der Gründung liegt nicht vor, doch dürfte im 12. Jahrhundert die Siedlung entstanden sein, die an den Handelswegen längs des Dnjestrs, Pruths und Sereths lag. An den Sereth-Zuflüssen wurden in dieser Phase madjarische und wohl auch deutsche Siedlungen gegründet.

Das 13. und 14. Jahrhundert waren von den Mongolenstürmen geprägt und somit keine Zeit der Prosperität. Um 1350 konnte durch eine Allianz zwischen dem ungarischen König Ludwig I. dem Großen von Anjou (1326–1382) und dem polnischen König Kasimir III. dem Großen (Kazimierz III Wielki, 1310–1370) die südliche Bukowina zurückgewonnen werden. Hier entstand das Fürstentum Moldau. Die nördliche Bukowina stand damals unter polnischer Herrschaft. Ende des 14. Jahrhunderts fiel dem Fürstentum Moldau auch die nördliche Bukowina zu. Im 15. Jahrhundert unter Stefan dem Großen (Ştefan cel Mare, 1433–1504) erlebte die Region ihre moldauische Blütezeit, in der bedeutende Klosterbauten errichtet wurden.

Neuzeit

Durch die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung der Region im Spätmittelalter wuchs das Interesse der angrenzenden Mächte, das zuvor vor allem geographisch-strategischer Art war. Dem Osmanischen Reich gelang es ab der Wende zum 16. Jahrhundert, das Fürstentum in seinen Einflussbereich zu bekommen. Trotz Tributpflicht bewahrte sich der Feudalstaat Eigenständigkeit. Nach der Schlacht von Călugăreni (1595) konnte der walachische Fürst Michael der Tapfere (Mihai Viteazul, 1558–1601) das Gebiet dem Einfluss des Sultans entziehen und verband Siebenbürgen, Moldau und die Walachei unter seiner Herrschaft. Doch dieses Konstrukt war nur von kurzer Dauer. Zum Ende des 17. Jahrhunderts stand die Bukowina als Teil des Fürstentums Moldau in immer direkterer Abhängigkeit vom Osmanischen Reich – das Fürstentum  war zu einem Vasallenstaat geworden. Der Abgabendruck stieg, was zusammen mit den wiederkehrenden kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Osmanischem und Russländischem Reich zu einem Verfall der Region führte. Mit dem Ende des Russisch-Osmanischen Krieges 1768–1774 okkupierte Habsburg, im Einvernehmen mit dem Russländischen Reich, das Gebiet.

Österreich hatte militärisch-strategische Interessen an der Bukowina, die eine direkte Verbindung zwischen Nordsiebenbürgen und Galizien ermöglichte. Entsprechend groß war der politische Wille, die Region zu konsolidieren und zu stabilisieren. Kaiser Joseph II. (1741–1790) wollte aus der Bukowina eine Vorzeigeprovinz machen, in der Reformideen prioritär umgesetzt werden sollten. Dazu diente die gezielte Anwerbung von Siedlern in das relativ bevölkerungsarme Gebiet (etwa sechs Personen je Quadratkilometer). Ab 1782 trug die staatlich gesteuerte Politik folglich mit zum multiethnischen Gepräge der Bukowina bei. Neben den Gruppen der Magyaren, Slowaken und russischen Altgläubigen, die als „Lipowaner“ bekannt sind, die in der Bukowina aufgrund von wirtschaftlicher Not oder religiöser Repression eine Heimat suchten, warb die Militärregierung deutschsprachige Bauern und Handwerker an. Ferner kamen Verwaltungsbeamte, die aus allen Gebieten des Habsburgerreiches stammten. Die administrative Anbindung an das Kronland Galizien und Lodomerien (1787) förderte den Bevölkerungszuwachs. Aus Galizien kamen Ukrainer (in der Habsburgermonarchie als Ruthenen bezeichnet), die der polnischen Dominanz entkommen wollten, und Juden, die in der Bukowina das Recht erhielten, Handwerk zu betreiben und sich als Bauern zu betätigen.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert entstanden zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen immer wieder einander überlagernde soziale und ethnische Spannungen. In den verschiedenen ethnischen Gruppen waren bestimmte Erwerbsmuster dominant: So waren etwa Rumänen und Ukrainer in der Land- und Forstwirtschaft stark vertreten. Nach einer Berufsgliederung von 1910 waren 90 Prozent von ihnen in diesen Erwerbszweigen tätig, womit sie über dem Durchschnitt in der landwirtschaftlich geprägten Bukowina lagen (71 Prozent).[1] Es gab unter den Rumänen, wie auch vereinzelt unter den Ukrainern, adlige Großgrundbesitzer, größtenteils handelte es sich jedoch um einfache Bauern. Die Beteiligung von Rumänen und Ukrainern an Industrie und Gewerbe, Handel und Verkehr, öffentlichem Dienst, Militär und freien Berufen lag  zwischen 2 und 5 Prozent. Hier waren die Anteile von Juden, Deutschen (Österreichern) und Polen deutlich höher.

Zudem begannen sich die Ethnien zu organisieren: Bei den Rumänen kam es schon in den 1840er Jahren zu Vereinsbildungen. 1865 gründete sich der wichtigste, langjährigste Verband der Bukowiner Rumänen, die „Gesellschaft für Rumänische Kultur in der Bukowina“ (Societatea pentru Cultura şi Literatura Română în Bucovina). Ab den 1890er Jahren zogen Ukrainer und etwas später Deutsche gleich. Die „nationalen Häuser“ in Czernowitz und kleineren Städten sind noch heute Symbole dafür. 1910 trat dann eine neue Wahlordnung in Kraft, die die Landtagsmandate nach einem komplizierten Schlüssel auf die unterschiedlichen ethnischen und ständischen Gruppen verteilte. Dieser sogenannte „Bukowiner Ausgleich“ konnte sich in der Praxis jedoch nicht beweisen: Im Ersten Weltkrieg ein umkämpfter Kriegsschauplatz, fiel die Bukowina nach Kriegsende an Rumänien, das diese Politik des Ausgleichs nicht fortsetzte.

Zeitgeschichte

Nach dem Zusammenbruch des Habsburgerreiches stand die Zukunft des Kronlandes Bukowina zur Disposition. Der letzte Landeschef, Josef Graf von Ezdorf (1846–1931), übergab das Land dem ukrainischen und rumänischen Nationalrat zusammen mit der Verfügung, die Zukunft der Region gemeinsam und einvernehmlich zu gestalten – eine naheliegende Ermahnung angesichts der Spannungen zwischen beiden ethnischen Gruppen. Zwar übernahmen ein ukrainischer und ein rumänischer Abgeordneter, Omeljan Popovyč und Aurel von Onciul, zunächst noch gemeinsam die Regierungsgewalt, die gemeinsame Regierungszeit währte jedoch nur kurz. Rumänien sicherte sich in der Folge die Macht in der Region, erstens durch militärische Aktionen (Einnahme von Czernowitz am 11. November 1918) und zweitens durch einen pseudo-demokratischen Akt. Am 28. November 1918 fand der „Generalkongress der Bukowina“ in Czernowitz statt, auf dem die Delegierten die dauerhafte Vereinigung der Bukowina mit dem Königreich Rumänien beschlossen. Die ukrainische Unabhängigkeitsbewegung hatte dem nichts entgegenzusetzen. Zutritt und Abstimmungsrecht erhielten beim Kongress nur geladene Gäste, die – so der Hauptkritikpunkt – nicht das ethnische und politische Spektrum der Bukowiner Bevölkerung widerspiegelten. Von 74 eingeladenen Personen waren 48 Rumänen, was nicht dem Proporz der Ethnien in der Region entsprach. Im Vorfeld der Veranstaltung forderten die Juden in der Bukowina eine Garantie, dass der Rumänische Nationalrat sich für ihre vollen Bürgerrechte in Großrumänien einsetzen würde, denn im Gegensatz zum Habsburgerreich gab es in Rumänien bis 1923 keine Gleichberechtigung für die Juden. Die jüdischen Bewohner der Bukowina fürchteten einen rechtlichen Rückschritt. Tatsächlich blieb die Garantie aus, sodass der Jüdische Volksrat auf eine Teilnahme am Generalkongress verzichtete. Der deutschen Forderung nach kultureller Autonomie wurde anfangsweitgehend entsprochen. Nicht eingeladen waren hingegen ukrainische Abgeordnete.

Nach der so herbeigeführten Angliederung der Bukowina an Rumänien, der im Friedensvertrag von Saint-Germain-en-Laye legitimiert wurde (Südbukowina 1919, Nordbukowina 1920), erfolgte eine schrittweise „Rumänisierung“ der Region. Dazu gehörten die Eingliederung in den zentralistisch geführten rumänischen Staat und seine Verwaltungsstrukturen wie auch eine Nationalitätenpolitik, die repressive Züge gegenüber der nicht-rumänischen Bevölkerung trug, obwohl diese (Ukrainer, Juden, Deutsche und Polen) zusammen 60 Prozent der damaligen Gesamtbevölkerung  stellten. Für die staatlichen Posten in Verwaltung und Justiz wurden von nun an quasi-muttersprachliche Rumänischkenntnisse vorausgesetzt, was de facto für viele ein Ausschlusskriterium bedeutete.

Die ukrainische Bevölkerung geriet am stärksten unter Druck und reagierte mit teils bewaffnetem Widerstand. Demzufolge galt in ihren Siedlungsgebieten bis 1928 der Ausnahmezustand. Zu Beginn der 1920er Jahre waren viele ihrer politischen Führer in Haft, sodass es keine eigenständige ukrainische Partei gab. Zudem waren die Schulen ein wichtiger Ort der Rumänisierungskampagne: Unterrichtsangebote auf Deutsch und Ukrainisch wurden in den 1920er Jahren gezielt zurückgefahren. 1927 musste die letzte ukrainischsprachige Schule schließen. 1913 gab es in der gesamten Bukowina 97 deutschsprachige Schulen, die der späteren Rumänisierungspolitik weitgehend zum Opfer fielen (1919/20 bestanden 64 Volksschulen, 1923/24 noch 31 und 1927/28 nur eine, danach kam es aber zu einem leichten Wiederanstieg). Der sprachliche Anpassungsdruck war hoch, dank der hohen Anzahl deutschsprachiger Juden konnte sich Deutsch als Umgangssprache der Städte weitgehend behaupten.

Auch für die jüdische Bevölkerung der Region wurde es schwer; ihre in den Pariser Vorortverträgen festgeschriebene Gleichstellung wurde verzögert. Im Gegenzug identifizierten sich nur wenige Juden mit dem neuen Staat. Viele studierten im Ausland und schlossen sich der zionistischen Bewegung an.

Hauptsächliche Regierungspartei in dieser Phase war die liberale Demokratische Partei der Vereinigung (Partidul Democrat al Unirii), bis Ende der 1920er Jahre die einzige Partei, die sich durchgängig in der bukowinischen Parteienlandschaft etablieren konnte. Im Allgemeinen werden die 1920er Jahre für die demokratische Entwicklung als relativ positiv beschrieben, trotz aller Krisenphänomene, die der Parlamentarismus damals schon zeigte. Seit Ende der 1920er Jahre bekamen dann Parteien und Bewegungen in Rumänien Zulauf, die offen gegen Minderheiten agitierten, womit gemäßigtere Parteien, wie etwa die Bauernpartei (Partidul Național Țărănesc) wiederum unter Druck gerieten. Ab 1934 forderten Politiker unter dem Druck der arbeitslosen rumänischen Jugend Ukrainern und Juden den Zugang zu Bildungseinrichtungen und staatlichen Stellen komplett zu verbieten. Ihre Präsenz in Wirtschaftsunternehmen wurde beschränkt. Als 1937 die Nationalchristliche Partei (Partidul Național Creștin) an die Macht kam, verstärkte sich der regierungsoffizielle Antisemitismus. Zahlreichen Juden wurde die Staatsbürgerschaft entzogen, was zu Protesten aus dem Ausland führte. Dessen ungeachtet setzten die rumänischen Machthaber diese Politik fort. In der Bukowina verlor bis 1939 ein Drittel der jüdischen Bevölkerung seine Staatsbürgerschaft, darunter zahlreiche alteingesessene Czernowitzer.[3]

Das sogenannte ‚Russenjahr‘ 1940 mit der Annexion des Nordteils der Region durch die Sowjetunion bedeutete Enteignung, Verstaatlichung und Deportation für ca. 12.000 Bukowiner, darunter 3.500 Juden. Zahlreiche Rumänen flohen in den noch rumänischen südlichen Landesteil; die deutsche Bevölkerung wurde in beiden Teilen umgesiedelt aufgrund unterschiedlicher Staatsverträge zwischen dem Deutschen Reich und jeweils Rumänien (für die Südbukowina) und der Sowjetunion (für die Nordbukowina). Für die jüdische Bevölkerung sollte das Schlimmste noch kommen: Als im Juli 1941 rumänische Truppen den nördlichen Teil wieder in Besitz nahmen, galten die Juden als Kollaborateure, was als Rechtfertigung für ihre Verfolgung diente. In der Folge wurde die jüdische Bevölkerung der Bukowina Opfer von Repressionen und Übergriffen unterschiedlicher Gruppen. Im Sommer 1941 fanden Pogrome statt, teils von Sondereinheiten, teils von Einwohnern begangen. Im Herbst 1941 folgte die Ghettoisierung und Deportation nach Transnistrien, was als rumänischer Holocaust bekannt wurde. Die genaue Zahl der überlebenden Bukowiner Juden ist nicht bekannt. Im November 1943 waren in Transnistrien 34,149 der deportierten Bukowiner Juden am Leben. Weitere konkrete Zahlen aus Transnistrien sind nicht überliefert.[2] In Czernowitz selbst konnten 17.000 Juden den Krieg überleben, da sie mit Spezialausweisen versorgt wurden. Die anderen wurden Opfer von Unterernährung, Krankheiten, Seuchen und Massenerschießungen. Die meisten Überlebenden entschlossen sich in der Folge zur Emigration, häufig zuerst nach Rumänien, Deutschland oder Österreich, bevor viele von ihnen nach Palästina oder die USA weiterzogen.

Der Ausgang des Zweiten Weltkriegs zementierte die Teilung der Bukowina. Mit deren Aufteilung auf die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik und das nach Kriegsende deutlich verkleinerte Rumänien blieben die Veränderungen in der ganzen Region dauerhaft festgeschrieben. Weitere ethnische Entmischung war die Folge: So verließen die Nordbukowina ca. 30.000 Rumänen, ca. 10.000 Polen wurden nach Polen umgesiedelt, während Ukrainer und weitere Sowjetbürger angesiedelt wurden, um in der erstarkenden ortsansässigen Industrie oder der öffentlichen Verwaltung und dem Schulwesen zu arbeiten. Ab 1940/1941 bzw. spätestens ab 1944, nachdem es zur endgültigen Teilung von Nord- und Südbukowina gekommen war, verliefen die Entwicklungen auf allen Ebenen unabhängig voneinander. Beide Teile der Bukowina hatten kaum mehr Kontakt. Gemeinsam hatten sie nur die absichtliche Verdrängung der multiethnischen Vergangenheit.

Außerhalb der Bukowina hielt sich hingegen ein Bild der Region, das von ‚Exil-Bukowinernʻ gepflegt und besonders durch die Literatur jüdischer Schriftsteller bekannt wurde. Nach 1989 und insbesondere mit dem Beitritt Rumäniens zur EU im Jahr 2007 sind wieder mehr Kontakte zwischen Nord und Süd entstanden sowie mit ‚historischen Partnernʻ in Deutschland und Österreich.

Bevölkerung

Ab 1812 ermöglichte ein offizieller Duldungsschein die dauerhafte Niederlassung jüdischer Zuwanderer. Zu einem sprunghaften Anstieg kam es zwischen den Jahren 1868 und 1881, als diese Bevölkerungsgruppe um 40 Prozent anwuchs.[4] 1900 machten Juden circa 13 Prozent der Bevölkerung aus, womit sie etwas über dem Bevölkerungsanteil der Deutschen lagen.[5] Viele Juden lebten in Czernowitz, sodass die Stadt, nach Wien und Lemberg, die drittgrößte Gemeinde zur Jahrhundertwende in Österreich-Ungarn hatte. Da die Bukowina-Juden mehrheitlich deutschsprachig waren, und sie mit den nicht-jüdischen Deutschen die Mehrheit der Stadtbevölkerung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellten, war Deutsch die am häufigsten verwendete Sprache in der bukowinischen Hauptstadt, im öffentlichen Leben, aber auch den Familien. Auf dem Land lagen die Anteile des Rumänischen und des Ukrainischen deutlich höher – ein Spiegelbild der Siedlungsstruktur. Im 19. Jahrhundert zogen zahlreiche ukrainischsprachige Personen zu, sodass die rumänischsprachige Bevölkerung ihre zahlenmäßige Dominanzstellung verlor. 1910 gab es laut einer österreichischen Volkszählung ungefähr 800.000 Einwohner in der Bukowina, mit 38,4 Prozent ukrainisch sprechenden Menschen, 34,5 Prozent rumänisch-, 21,2 Prozent deutsch- (Juden und Deutsche, wobei die Juden mit 60 Prozent in der Mehrheit waren), 4,6 Prozent polnisch- und 1,3 Prozent ungarischsprachigen.[6] In den österreichischen Volkszählungen erfolgte die Einteilung nach Umgangssprache, sodass Juden und Deutsche zusammen eine Gruppe bildeten. Zudem war es ein binäres System: Die Zuordnung erfolgte zu jeweils einer Sprache, was dem gemischtkulturellen Alltag in den Familien und den transkulturellen Handelskontakten kaum gerecht wurde.

Heute leben in der Oblast’ Černivci 918.500 und im rumänischen Teil 688.435 Menschen. Die Bevölkerungen sind ethnisch weitgehend homogen, wie Statistiken des Jahres 2000 zeigen: 96,7 Prozent aller Bewohner des Bezirks Suceava (nicht komplett identisch mit der historischen Südbukowina) sahen sich als Rumänen, 1,4 Prozent als Ukrainer; die übrigen Gruppen lagen jeweils unter einem Prozent. Als Deutsche verstanden sich 0,3 Prozent. Im Gebiet Czernowitz erwies sich die Bevölkerung als etwas gemischter, die Ukrainer mit 70,8 Prozent dominierten hier ebenfalls klar (danach: Rumänen 10,7, Moldawier 9,0, Russen 6,7, Juden 1,8, Polen 0,5 Prozent). Als Deutsche bezeichneten sich 0,02 Prozent.[7]

Wirtschaft

In der Phase der Zugehörigkeit zu Galizien hatte die Bukowina einen peripheren Status. Nachdem sie 1849 zu einem eigenständigen Kronland der Monarchie mit eigener Verwaltung erhoben worden war, erlebte sie in den folgenden eine ambivalente wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung. Hervorzuheben ist der Anschluss an das europäische Eisenbahnnetz (1866 Czernowitz, 1867 Suczawa), welcher die Entstehung von Industrie beförderte. Zuvor, bis ins 18. Jahrhundert, gehörte die Viehzucht zu den Haupteinkommensquellen der Bukowiner Bevölkerung. Der zusätzlich betriebene Ackerbau diente hauptsächlich der Subsistenzwirtschaft. Für den Eigenbedarf wurden überwiegend Mais, Hirse und Kartoffeln angebaut. Im Nordwesten der Bukowina spielte Pferdezucht eine größere Rolle, die besonders vom Staat/Militär und den Huzulen betrieben wurde. Als die Bukowina Teil des Habsburgerreichs wurde, trat – bedingt durch die wachsende Nachfrage nach Holz – die Forstwirtschaft hinzu. Der Ausbau der Eisenbahn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts förderte diesen Sektor, der dann zum wichtigsten Wirtschaftszweig neben der Landwirtschaft avancierte. Zudem entwickelte sich die Bäderkultur: Dorna-Watra/Vatra Dornei und Kimpolung/Câmpulung Moldovenesc waren beliebte Kur- und Urlaubsorte geworden. Im Vergleich zu anderen Kronländern blieben die wirtschaftliche und die infrastrukturelle  Entwicklung unterdurchschnittlich. Viele Bukowiner suchten daher in der überseeischen Emigration ihr Glück. Von großer Bedeutung war die Gründung der Universität in Czernowitz im Jahr 1875, der am weitesten östlich gelegenen weitgehend deutschsprachigen Universität in Europa. Sie trug zum kulturellen Aufschwung der Region bei, deren Politik und Kultur von den unterschiedlichen Ethnien geprägt war.

4. Die Deutschen in der Bukowina

Vor 1775 lebten nur vereinzelt deutsche Siedler, z. B. aus Galizien und Siebenbürgen stammend und im Mittelalter zugezogen, in der Bukowina. Erst unter der Herrschaft der Habsburger begann eine gezielte, aber zeitlich begrenzte, Ansiedlungspolitik. Siedler aus den deutschsprachigen Landen wurden angeworben, um die spärlich bevölkerte Region weiter zu erschließen. Dafür wurden ihnen bestimmte Privilegien in Aussicht gestellt, etwa deutliche Steuerminderung und Befreiung vom Militärdienst (bis 1830/31). Der Staat stellte zudem Grund, Haus, Geräte und Tiere. Insgesamt handelt es sich bei den Deutschen – je nach Unterscheidung – um drei oder vier distinkte Gruppen. Hugo Weczerka etwa unterscheidet:

  1. Bauern und ländliche Handwerker aus Südwestdeutschland, die im Hügelland zwischen Gebirge und Pruthtal siedelten (Hauptphase 1782–1787),
  2. Bergleute aus der Zips, die in den Tälern des Flusses Moldau und der Goldenen Bistritz siedelten und überwiegend im Erzabbau arbeiteten (1784–1809),
  3. deutschböhmische Glas- und Waldarbeiter sowie Waldbauern, die am Karpatenrand angesiedelt wurden (1793–1817 und 1835–1850),
  4. bürgerliche Schichten der Städte, die aus den verschiedenen Kronländern stammten (1775–1918).

Andere Forscher benennen lediglich die Gruppen, also „Schwaben“ (was ein pauschalisierender Sammelbegriff für deutschsprachige Personen aus dem Westen war), „Zipser“ und „Böhmerwäldler“, zwischen denen sprachlich, konfessionell und kulturell deutliche Unterschiede bestanden. Im späten 19. Jahrhundert gründeten sich erste Vereine und Vereinigungen, die sich als christlich-deutsch verstanden, und somit die Grundlage für ein deutsch-völkisches regionales Bewusstsein legten. Trotz einer zu beobachtenden schrittweisen Entwicklung hin zu einer Integration der Siedlergruppen haben sich die Deutschen in der Bukowina bis zum Ende des Ersten Weltkrieges nicht als eigene und distinkte Gruppe verstanden.[9] Erst in der Zwischenkriegszeit wurde, unter dem Druck der Rumänisierung und vor dem Hintergrund allgemeiner völkisch-nationaler Umtriebe, das Verbindende der deutschen Siedlergruppen stärker betont: In der Festschrift zum 25-jährigen Bestehen der wichtigsten dieser Organisationen, des 1897 gegründeten Vereins der christlichen Deutschen in der Bukowina, wurde die Trennung der deutschen Gruppen ebenso herausgestrichen wie die langsame Integration betont: Erst die „Sammlung aller so weit zerstreuten und durch verschiedene Schranken getrennten Deutschen in einem einzigen Vereine [konnte] dem Begriff des Bukowiner Deutschtums den rechten Sinn und Ausdruck verleihen.“[10] Der Begriff der Bukowina-Deutschen verfestigte sich erst zum Ende der 1920er Jahre. In den 1910er und 1920er Jahren findet sich wiederkehrend die Formulierung des „Deutschtum in der Bukowina“ oder „Bukowiner Deutschtum“.[11] Noch im Handwörterbuch des Grenz- und Auslandsdeutschtums wird moniert, dass „die Herkunft der buchenländ. Dt. so verschieden ist u. ihre Schicksalsgemeinschaft in der neuen Heimat nicht lange u. tief genug wirkte“, so dass „das völkische Bewusstsein und der Wille zur Volksgemeinschaft nicht überall kräftig genug“ sei, trotz des erkennbaren „klaren Festhaltens am Deutschtum.“[12] Zugespitzt ließe sich sagen, dass also erst unter dem weiteren Eindruck der NS-Volksgruppenrhetorik und vor allem durch die Erfahrungen von Umsiedlung und Heimatverlust viele Bukowiner Deutsche zu einem dauerhaften Selbstverständnis als Bukowina-Deutsche kamen.

Den deutschen Kolonisten war primär das Ziel vorgegeben, sich in die bestehenden Siedlungen einzugliedern. Entsprechend entstanden überwiegend deutsche Zusiedlungen zu bereits existierenden Siedlungen; vor allem bei den Deutschböhmen kam es zur Gründung neuer Dörfer. Geschlossene deutsche Siedlungsgebiete gab es in der Bukowina also nicht – ganz im Gegensatz zur Siedlungsstruktur der Rumänen und Ukrainer in der Bukowina oder auch zur Siedlungsstruktur der Deutschen im benachbarten  Bessarabien. Nur in einigen Gebieten gab es (bis zur Umsiedlung nach dem Ribbentrop-Molotov-Pakt 1940) einen größeren Bevölkerungsanteil. Zu nennen sind Rosch/Roša, heute ein Stadtteil von Czernowitz, der überwiegend von Deutschen besiedelt war, sowie Radautz/Rădăuți und Umgebung. Insgesamt überstieg der Anteil der Deutschen an der Gesamtbevölkerung bis 1910 nie 9 Prozent (1850: 6,5 Prozent).

Laut einer Volkszählung im Jahre 1900 waren zwei Drittel der Deutschen römisch-katholisch und ein Drittel evangelisch-lutherisch. Die Rumänen waren fast ausschließlich (99 Prozent) orthodoxen Glaubens (griechisch-orientalisch), ebenso die Ruthenen (90 Prozent), von denen 8 Prozent der unierten Kirche angehörten. Polen, Armenier und Ungarn wiederum waren fast ausschließlich römisch-katholisch; sie stellten 12 Prozent der Bevölkerung. 13 Prozent waren laut Volkszählung „Israeliten“.[13]

In der Habsburgermonarchie war Deutsch Amtssprache; 1860 wurden Rumänisch und Ruthenisch zusätzlich äußere Amtssprachen, so dass Behördenkorrespondenz und Reden im Landtag in diesen Sprachen geführt werden konnte. Doch waren gerade diese Bevölkerungsgruppen von der im Vergleich zum Rest Cisleithaniens überdurchschnittlich hohen Analphabetenrate betroffen: 1890 waren 80 Prozent aller Bukowiner über sechs Jahren Analphabeten (Cisleithanien insgesamt: 30 Prozent).[14]

Die Universität in Czernowitz als eine überwiegend deutschsprachige Bildungseinrichtung zog deutschsprachige Intellektuelle an. Unter den Hochschullehrern war Raimund Friedrich Kaindl (1866–1930), Historiker und Ethnologe, der zahlreiche Arbeiten zur Geschichte der Bukowina vorlegte. Kaindl engagierte sich deutschnational, auch in seinen Schriften.[15]

Die privilegierte Stellung der deutschen Sprache im kulturellen und öffentlichen Leben, kam der deutschen Kultur in der Region insgesamt zugute. Insbesondere die Bukowiner Juden, sich als jüdisch begreifend, trugen wiederum entscheidend zur Bedeutung der deutschen Kultur und Sprache in der Region bei. Zu nennen sind unter anderen der Schriftsteller und Publizist Karl Emil Franzos (1848–1904), der Tenor Joseph Schmidt (1904–1942) sowie die Politiker Benno Straucher (1854–1940) und Mayer Ebner (1872–1955). Zahlreiche soziale, wirtschaftliche und kulturelle Aktivitäten wurden vom jüdischen städtischen Bürgertum getragen, sodass sich das kulturelle Leben in der Bukowina stark auf die Hauptstadt Czernowitz fokussierte. Dadurch lässt sich auch die vergleichsweise rege Kooperation zwischen Deutschen und Juden und die späte Nationalisierung der Deutschen in der Bukowina erklären. Doch die Rede von der „deutsch-jüdischen Symbiose“ in der Bukowina täuscht über Spannungen hinweg. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges entwickelte sich in den studentischen Vereinigungen bereits ein überwiegend christliches Konzept vom Deutschtum. Einen ‚Arierparagraphen‘ hat es bei den Czernowitzer Burschenschaften nicht gegeben, was aber den Antisemitismus nicht ausschloss. In den 1920er Jahren vereinte die beiden Gruppen noch der gemeinsame Kampf gegen die Rumänisierung, und es gab punktuelle Kooperationen, doch in den 1930er Jahren war diese pragmatische Allianz weitgehend beendet – gerade zu dem Zeitpunkt, als die rumänische Rechte in Czernowitz erstarkte und vermehrt begann, Juden zu drangsalieren.

Die deutsche Bevölkerung hatte nach einem Wechsel der staatlichen Zugehörigkeit des Gebietes Hoffnungen auf eine solide Zukunft in der rumänischen Bukowina, und ihre Vertreter stimmten beim Generalkongress der Bukowina 1918 entsprechend für den Anschluss an Rumänien. Doch der politische Druck auf die Minderheiten nahm in der Bukowina bald zu, was sich im Bildungswesen manifestierte. 1920 wurde die Universität Czernowitz rumänischsprachig , und auch die Möglichkeiten des Schulunterrichtes auf Deutsch wurden eingeschränkt – wenngleich die deutsche Bevölkerung insgesamt in einer deutlich besseren Position war als etwa die ukrainische. Deutsche Institutionen griffen – wie vergleichbare Einrichtungen anderer Ethnien – in dieser als schwierig empfundenen Phase auf die Finanzierung aus dem Ausland zurück. Teils waren das konfessionell motivierte Hilfsvereine, teils war die Unterstützung der Auslandsdeutschen bereits völkisch-national motiviert. Das erleichterte den Nationalsozialisten nach der Machtübertragung 1933 den Zugang zur deutschen Bevölkerung in ganz Rumänien und auch in der Bukowina. Im Laufe der 1930er Jahre wurden völkische und antisemitische Positionen auch unter den Bukowina-Deutschen immer salonfähiger, wie sich etwa in der Zeitung Czernowitzer Deutsche Tagespost nachlesen lässt.

Wirtschaftliche Schwierigkeiten in der Zwischenkriegszeit und die deutschnationale Orientierung Vieler bieten Erklärungsansätze, warum der Großteil der deutschen Bevölkerung der Umsiedlung „Heim ins Reich“ 1940 zustimmte. Zu nennen ist zudem die Angst vor der Sowjetmacht. In der Folge des Ribbentrop-Molotov-Paktes erging im Juni 1940 ein sowjetisches Ultimatum zur Räumung der Nordbukowina.

Die Umsiedlung aus dem Nordteil war in einer deutsch-sowjetischen Vereinbarung vom 5. September 1940 festgeschrieben. In der Vereinbarung wurde sie explizit als freiwillig deklariert. Die Umsiedlung der Deutschen aus dem südlichen Teil der Bukowina war de facto freiwillig. Um sie zu ermöglichen wurde ein gesonderter Vertrag zwischen Deutschland und Rumänien abgeschlossen. Im Herbst 1940 wurden insgesamt 95.770 Menschen aus beiden Gebieten auf deutsches Territorium verbracht (Nordbukowina: 43.641, Südbukowina: 52.129).[16] Diese Zahl überstieg die Anzahl der Deutschen in der Bukowina vor dem Krieg (ca. 75.000), und das obwohl, vor allem im Süden, ein paar Hundert Familien zurückblieben. Unter dem Zuwachs waren nicht-deutsche Partner der Umsiedler sowie ukrainisch- und rumänischsprachige Personen ohne deutsche Familienbande, die diese Möglichkeit nutzten, um aus dem Herrschaftsgebiet der Sowjetunion zu entkommen. Die Umsiedlung „Heim ins Reich“ war für die meisten Deutschen aus der Bukowina eine große Enttäuschung. Oft folgten monate- bis jahrelange Lageraufenthalte, bevor sie sich schließlich niederlassen durften – häufig auf Höfen und in Häusern in den eingegliederten Gebieten Polens, von denen zuvor jüdische und nicht-jüdische Polen vertrieben worden waren. Vergleichsweise viele sogenannte Buchenlanddeutsche wurden als nicht "ansiedlungstauglich" betrachtet und direkt im "Altreich" eingesetzt, und ihre Gemeinschaften (und oft Familien) zerrissen. Zudem gab es, wie bei anderen "Heim ins Reich"-Umsiedlungen auch, einen engen Zusammenhang zwischen Umsiedlungs- und Selektionspolitik, indem vermeintlich "rassenhygienisch minderwertige" Menschen ausgesondert, in "Heilanstalten" transportiert und anschließend ermordet wurden.[17]

Am Ende des Krieges wurden einige Tausend Bukowina-Deutsche von den Sowjets in die Südbukowina zurückgeschickt, andere lebten weiter in Österreich, in der SBZ/DDR oder wanderten weiter nach Übersee. Der Großteil der Bukowina-Deutschen aber, etwa 60.000 Personen, gelangte nach dem Krieg nach Westdeutschland. In München wurde 1949 die "Landsmannschaft der deutschen Umsiedler aus der Bukowina in Deutschland e.V." später umbenannt in die "Landsmannschaft der Buchenlanddeutschen", gegründet 1955 übernahm der Regierungsbezirk Schwaben die Patenschaft für diese Gruppe. 1989 öffnete in Augsburg das Bukowina-Institut seine Türen. Somit werden Beziehungen zwischen den Bukowina-Deutschen in Deutschland, dem Bezirk Schwaben und der heutigen Bevölkerung der Nord- und Südbukowina weiterhin gepflegt.

Nach der Wende haben die in der Bukowina verbliebenen Deutschen an Selbstgewissheit gewinnen können. In der Ukraine existiert als Dachverband eine österreichische kulturelle Gesellschaft mit Sitz in Czernowitz, in Rumänien gehören sie zum „Demokratischen Forum der Deutschen in Rumänien“. Zahlenmäßig handelt es sich, wie dargelegt, um kleine Gruppen.

Die Autorinnen danken Daniel Norden für Zuarbeiten, sowie Luzian Geier, Mariana Hausleitner und Raimund Lang für Hinweise.

5. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Mihai-Ştefan Ceauşu: Parlamentarism, Partide şi Elită politică în Bucovina Habsburgică (1848–1918). Contribuții la istoria parlamentarismului în spațiul central-est european, Iași, 2004.
  • Andrei Corbea-Hoişie: Kulturlandschaft Bukowina. Studien zur deutschsprachigen Literatur des Buchenlandes nach 1918, Iași, 1990.
  • Jeroen van Drunen: „A Sanguine Bunch.“ Regional Identification in Habsburg Bukovina, 1774–1919. Amsterdam 2015 (Pegasus Oost-Europese Studies 24).
  • Gaëlle Fisher: Locating Germanness: Bukovina and Bukovinians after the Second World War (Diss. University College London). London 2015.
  • Mariana Hausleitner: Die Rumänisierung der Bukowina. Die Durchsetzung des nationalstaatlichen Anspruchs Großrumäniens 1918–1944. München 2001.
  • Mariana Hausleitner: Eine wechselvolle Geschichte. Die Bukowina und die Stadt Czernowitz vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. In: Helmut Braun (Hg.): Czernowitz. Die Geschichte einer untergegangenen Kulturmetropole. Berlin 2005, S. 31–81.
  • Dirk Jachomowski: Die Umsiedlung der Bessarabien-, Bukowina- und Dobrudschadeutschen. Von der Volksgruppe in Rumänien zur „Siedlungsbrücke“ an der Reichsgrenze. München 1984 (Buchreihe der Südostdeutschen Historischen Kommission 32).
  • Ortfried Kotzian: Die Umsiedler. Die Deutschen aus West-Wolhynien, Galizien, der Bukowina, Bessarabien, der Dobrudscha und in der Karpatenukraine. München 2005 (Vertreibungsgebiete und vertriebene Deutsche 11).
  • Serhij Osatschuk: Nimci v Bukovini: istoria tovaris’kogo ruhu. Druga Polovina XIX – pocatok XX st [Die Deutschen in der Bukowina: Geschichte einer gesellschaftlichen Bewegung. Zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts]. Černivci 2002.
  • Victoria Popovici, Wolfgang Dahmen, Johannes Kramer: Gelebte Multikulturalität: Czernowitz und die Bukowina. Frankfurt/M. 2010.
  • David Rechter: Becoming Habsburg: The Jews of Habsburg Bukovina 1774–1918. Oxford 2013.
  • Kurt Scharr: „Die Landschaft Bukowina“. Das Werden einer Region an der Peripherie 1774–1918. Wien 2010.
  • Hugo Weczerka: Ethnien und öffentliches Leben in der Bukowina 1848–1914. In: Südostdeutsches Archiv 42-43 (1999–2000), S. 23–40.

Periodika

  • Analele Bucovinei, Institutul Bucovina Rădăuţi, Editura Academei Române (1994 bis heute).
  • Beck Bibliographie zur Kultur und Landeskunde der Bukowina. Bisher 5 Bde. München 1966–2010.
  • Codrul Cosminului, Universitatea Stefan cel Mare, Suceava (1995 bis heute).
  • Die Stimme, Weltverband der Bukowiner Juden, Tel Aviv (1944 bis heute).
  • Der Südostdeutsche, (früher: Mitteilungsblatt der Landsmannschaft „Landsmannschaft der deutschen Umsiedler aus der Bukowina in Deutschland e.V.“, Buchenland, Südostecho), Landsmannschaft der Buchenlanddeutschen, München, Augsburg1949 bis heute).
  • Kaindl Archiv, Raimund-Friedrich-Kaindl-Gesellschaft e. V, dann Bukowina-Institut, Stuttgart, dann Augsburg (1978–2004).

Anmerkungen

[1] Angabe nach Hugo Weczerka: Ethnien und öffentliches Leben in der Bukowina 1848–1914. In: Südostdeutsches Archiv 42–43 (1999–2000), S. 23–40, S. 31.

[2] Zur Zeitgeschichte Hausleitner: Eine wechselvolle Geschichte.

[3] Vgl. etwa Jean Ancel, Statistik des Holocausts in Rumänien. In Halbjahreschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik, 17, Heft 2 (Nov. 2005), S. 29–44.

[4] Hausleitner, Eine wechselvolle Geschichte, S. 50.

[5] Nach Hugo Weczerka, Eine landeskundliche Einführung. In: Franz Lang (Hg.): Buchenland. Hundertfünfzig Jahre Deutschtum in der Bukowina (Veröffentlichungen des Südostdeutschen Kulturwerks Reihe B, Band 16), München 1961, S.5–22, S. 12.

[6] Zahlen der Volkszählung bei Weczerka, Ethnien, bzw. Hugo Weczerka: Siedlungsgeschichte des Bukowiner Deutschtums. In: Franz Lang (Hg.): Buchenland. Hundertfünfzig Jahre Deutschtum in der Bukowina (Veröffentlichungen des Südostdeutschen Kulturwerks Reihe B, Band 16), München 1961, S. 23–41. Hausleitner; Eine Wechselvolle Geschichte, S. 57.

[7] Zahlen nach Kotzian, Umsiedler, S. 142.

[8] Hugo Weczerka: Siedlungsgeschichte des Bukowiner Deutschtums, S. 23–41.

[9] Osatschuk: Nimci v Bukovini.

[10] Festschrift, gewidmet dem Vereine der christlichen Deutschen in der Bukowina aus Anlaß der Gedenkfeier seines 25-jährigen Bestandes vom Obmanne Prof. Dr. Adolf Butz, Czernowitz 1922, S.3.

[11] Rafael Kaindl: Das Deutschtum in der Bukowina, Sonderdruck aus Osteuropäische Zukunft. Zeitschrift für Deutschlands Aufgaben im Osten und Südosten, München 1916.

[12] Bukowina, in: Carl Petersen; Otto Scheel (Hrsg.), Handwörterbuch des Grenz- und Auslandsdeutschtums (Breslau, Ferdinand Hirt, 1933), Bd. I, S. 611–644, hier S. 624.

[13] Vgl. Weczerka: Ethnien, S. 30.

[14] Vgl. Weczerka, Ethnien, S. 32.

[15] Vgl. zu Kaindl: Hauke Focko Fooken, Raimund Friedrich Kaindl als Erforscher der Deutschen in den Karpatenländern und Repräsentant großdeutscher Geschichtsschreibung, Lüneburg 1996 (Hamburger Beiträge zur Geschichte der Deutschen im europäischen Osten 3).

[16] Zahlenangabe nach Hausleitner, Rumänisierung, S. 370-371. Kotzian, Umsiedler, S. 174, gibt etwas andere Zahlen an: Nordbukowina: 42.441, Südbukowina: 52.107.

[17] Vgl. hierzu eingehend Maria Fiebrandt, Auslese für die Siedlergesellschaft. Die Einbeziehung Volksdeutscher in die NS-Erbgesundheitspolitik im Kontext der Umsiedlungen 1939–1945. Göttingen 2014.

Zitation

Maren Röger, Gaëlle Fisher: Bukowina. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2017. URL: http://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32554 (Stand 07.06.2017).

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