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Gottschee


1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Gottschee

Anderssprachige Bezeichnungen

slow. Kočevje

gottscheedeutsch Göttscheab, `s Gotscheab, Kotscheab

Etymologie

Die Herkunft des Begriffs ist nicht geklärt. Vermutlich geht er auf die slowenische Kollektivbildung Kočevje für „Hüttenansammlung“ zurück (slow. Koča = „Hütte“).

 

2. Geographie

Lage

Das gut 800 km² große Siedlungsgebiet lag im Süden des heutigen Slowenien, im historischen Kronland Krain der Habsburgermonarchie innerhalb eines Hochwaldes, darunter der Hornwald, nach dem gelegentlich die ganze Region bezeichnet wird.

Topographie

Drei parallel angeordnete Gebirgsmassive durchziehen die Region von Nordwesten nach Südosten, wodurch vier Muldentäler existieren. Der schwer zugängliche Hochwald (bis zu 1.200 m) steht auf Felsuntergrund aus wasserdurchlässigen, löslichen Trias- und Jurakalken (Halbkarst).

Historische Geographie

Der Hochwald war bis Ende des 13. Jahrhunderts nicht erschlossen und fungierte als natürliche Südgrenze der Habsburgermonarchie.

3. Geschichte und Kultur

Symbolik

Das Siegel der Stadt Gottschee/Kočevje, dem Zentrum der Region, zeigt den Heiligen Bartholomäus und seine Kirche umgeben von der Inschrift „Sigillum civitatis in Kotschew 1471“ (Siegel der Stadt Gottschee 1471).

Mittelalter

Im Jahr 1247 erhielten die Grafen von Ortenburg, eine Adelsfamilie aus Kärnten, im Süden Krains, in der sogenannten Unterkrain, Gebiete als Lehen vom Patriarchen von Aquileia. Darunter befand sich auch der bis dahin unerschlossene Hochwald, der die natürliche Grenze nach Kroatien bildete. Die Ortenburger warben zuerst aus dem Umland, danach aus Kärnten, Osttirol, Franken und Thüringen Bauern und Handwerker an, um den Urwald zu erschließen. Ortsnamen wie Windischdorf/Slovenska vas oder Deutschdorf/Nemška vas deuten wie auch die Bezeichnung der Region darauf hin, dass die Besiedlung von Anfang an durch slowenisch- und deutschsprachige Kolonisten erfolgte. Bereits 1377 erhielt die Ortschaft Gottschee Marktrechte, 1471 Stadtrechte. Anfang des 15. Jahrhunderts verlieh Friedrich III. von Ortenburg den Bauern der Gottschee-Region das Recht, den Wald für sich zu nutzen. Kurz darauf, nach Erlöschen der Ortenburger Linie, fiel die Gottschee an die Fürsten von Cilli. Als die aufstrebenden Habsburger Mitte des 15. Jahrhunderts infolge eines Erbvertrages alle Gebiete der Fürsten von Cilli übernahmen, wurde auch die Gottschee habsburgisch und blieb es bis zum Zusammenbruch der Habsburgermonarchie 1918.

Neuzeit

Im 15. Jahrhundert überfielen immer wieder Truppen aus dem Osmanischen Reich die Region. Als Ausgleich für die erlittenen Schäden erhielten die Gottscheer 1492 mit dem sogenannten „Hausierpatent“ das Recht, mit Vieh, Leinwand und selbst hergestellten Produkten außerhalb der Gottschee zu handeln.

Die im sonstigen Europa zu beobachtenden neuzeitlichen Modernisierungsprozesse gingen an dieser an der Peripherie liegenden, schwer zugänglichen Region vielfach vorbei. Der Wahrnehmungsraum der Menschen lag vornehmlich in ihrem jeweiligen Tal, ihrem „Ländchen“ innerhalb der Gesamtregion. So bestätigte der Volkskundler Richard Wolfram (1901–1995), der die Gottschee im Herbst 1941 besucht und mit den letzten Gottscheern vor der Umsiedlung 1953 in steirischen und kärntnerischen Lagern gesprochen hatte, die Beobachtung von Adolf Hauffen (1863–1930): die Mundart sei „nicht auf dem ganzen Gebiet völlig gleich“, es gebe „Verschiedenheiten“[1] aufgrund der Trennung durch die Täler. Wolfram ging von sechs oder sieben Untermundarten aus.[2] Nachbarschaftshilfe und Gemeinschaftsarbeit hatten für die Bewohner des „Ländchens“ lebenswichtige Bedeutung.

Der Siegeszug der nationalen Idee im 19. Jahrhundert machte um das Gottscheegebiet allerdings keinen Bogen. Sozialökonomische Probleme wurden wie im übrigen Europa ethnisiert. Die Beziehungen zwischen Gottscheedeutschen und Slowenen verschlechterten sich. Der Nationalismus spaltete die Gesellschaft und sogar Familien, wie z. B. die Familie Kosler aus Kotschen/Koče bei Rieg. Während Johann Kosler (1819–1898) im Landtag von Krain die deutsche Fraktion vertrat, wurde sein Bruder Peter (1824–1879) Abgeordneter der slowenischen Gruppierung. Er wurde von der slowenischen Nationalbewegung als Autor der ersten Landkarte eines ethnisch definierten slowenischen Landes (1853) gefeiert.

Im Jahr 1881 gründeten Gottscheer, die auf ihre deutsche Herkunft besonderen Wert legten, eine Ortsgruppe des Deutschen Schulvereins. 1906 entstand ein Deutscher Volksrat für Krain in Gottschee; es folgte die Gründung des Gottscheer Bauernbundes, der sich 1908 dem Volksrat anschloss. Zweck dieser Organisationen war nach deren Selbstdarstellung der „Kampf um das Volkstum“ und die „Wahrung der völkischen Interessen“[3]. Bis 1918 war das politische Klima in der Gottschee geprägt von dem Konflikt zwischen deutsch-nationalen, meist protestantisch und auf Berlin ausgerichteten Akteuren und katholisch-konservativen Kräften, die sich für einen Ausgleich oder zunehmend auch für die Slowenen engagierten.

Zeitgeschichte

Mit dem Zerfall der Habsburgermonarchie und der Gründung des ersten jugoslawischen Staates 1918 (Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen) wurden alle Gottscheer jugoslawische Staatsbürger und die Gottscheedeutschen zu einer nationalen Minderheit. Da im slowenischen Gebiet des Königreichs eine Art Nationsbildung einsetzte, waren die Gottscheedeutschen unwillkürlich einem Slowenisierungsdruck ausgesetzt. 1920 wurde ihnen das Wahlrecht verwehrt, seit 1925 durften sie jedoch wieder an allen Wahlen teilnehmen.

Die wichtigste politische Organisation der Gottscheedeutschen wurde die 1921 gegründete „Gottscheer Bauernpartei“ unter der Führung des katholischen Pfarrers Josef Eppich (1874–1942). Vergebens wehrte sich die Bauernpartei gegen die neue Sprachen- und Schulpolitik: Ein slowenischer Muttersprachler in einer Gemeinde genügte, um Slowenisch zur verbindlichen Amtssprache zu erklären. Der Deutschunterricht an staatlichen Schulen wurde erheblich reduziert. Die in Deutschland erstarkende Volkstumsideologie, welche die Gottscheedeutschen zu den von ‚Vermischung‘ und ‚Überfremdung‘ bedrohten ‚Auslandsdeutschen‘ zählte, fiel vor diesem Hintergrund auf fruchtbaren Boden. Anfang August 1930 initiierten Pfarrer Eppich und der Rechtsanwalt Dr. Hans Arko (1888–1953) eine 600-Jahr-Feier der ‚deutschen Sprachinsel‘. Über die eher landespatriotisch-konservative Intention Arkos und Eppichs gingen Angehörige einer jüngeren Generation völkisch Denkender hinaus, die in den folgenden Jahren die politische Führung der Gottscheedeutschen an sich zogen. Sie begrüßten Anfang 1933 die Kanzlerschaft Adolf Hitlers und feierten im März 1938 den sog. „Anschluss“ Österreichs an Deutschland. Der 1916 in der Nähe von Gottschee geborene Wilhelm Lampeter (1916–2003) kehrte 1939 von Berlin in die Gottschee zurück, wo er Leiter der „Volksdeutschen Mannschaft“ im sog. Kulturbund wurde. Diesen organisierte er im Stil der NSDAP um.

Nach der militärischen Zerschlagung Jugoslawiens durch Hitler-Deutschland bekam Italien zur Überraschung der Gottscheer im April 1941 von Hitler den ganzen Südwesten Sloweniens einschließlich des Gottscheegebiets zugesprochen. Adolf Hitler und Heinrich Himmler erklärten den Repräsentanten der Gottscheedeutschen den Beschluss zu deren Umsiedlung „heim ins Reich“ – dies lag auf der Linie der „Umvolkungspolitik“ der NSDAP. Gerüchte, es gehe zurück in die vermeintliche Urheimat Osttirol, trugen mit dazu bei, dass etwa 95 Prozent der Gottscheedeutschen für die Umsiedlung votierten. Lampeter und seine Sturmtruppen organisierten den Transfer im Herbst 1941. Die ersten Transporte waren schon unterwegs, als bekannt wurde, dass sie nur bis ins Ranner Dreieck, etwa 35 km vom östlichen Rand der Gottschee entfernt, gebracht würden. Von dort waren kurz vorher ca. 37.000 Slowenen deportiert worden, um den Volksdeutschen Platz zu machen. Den Aufzeichnungen der Organisatoren zufolge migrierten 2.833 Familien mit insgesamt 11.509 Personen. Die Umsiedlung vollzog sich unter Lampeters Leitung so chaotisch, dass er im Zuge der Auseinandersetzung darüber seine Funktion aufgeben musste. Bis zum Ende des Krieges diente Lampeter bei der Waffen-SS.

Heimisch wurden die Gottscheedeutschen im Ranner Dreieck nicht. Zu ungewohnt waren die Umgebung und zu ungünstig die Lage mitten im Kriegsgebiet. In der slowenischen Bevölkerung, deren Deportation vorgesehen war und die unter der Besatzung fürchterlich zu leiden hatte, verschlechterte sich der Ruf der Gottscheedeutschen in der Folgezeit dadurch, dass viele Arbeitssuchende dieser Gruppe bei der Polizei, bei Wehrmachts- und SS-Einheiten Beschäftigung fanden.

Aufgrund der erst spät erfolgenden Erlaubnis bzw. Anweisung zur Flucht am 8. Mai 1945 wurden die Gottscheedeutschen von jugoslawisch-slowenischen Partisanen aufgegriffen und ins Lager Sterntal bei Pettau/Ptuj gebracht, das für nicht wenige von ihnen zum „Sterbetal“ wurde. Etwas mehr als zehntausend Gottscheedeutsche wurden nach Schließung des Lagers im Oktober 1945 nach Österreich gebracht. Mehr als die Hälfte dieser Menschen, die als ‚Volksdeutsche‘ instrumentalisiert und deren Heimat vom deutschen Faschismus zerstört worden war, fand weder in Österreich noch in Deutschland dauerhaft Fuß und wanderte 1950 familienweise vor allem in die USA aus.

In der Gottschee selbst wurden 1948 noch 94 Deutsche gezählt. Die Auswanderung Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts und die Umsiedlung der Gottscheedeutschen 1941/42 hatten die Region verwaisen lassen. Während des Krieges nutzten slowenische Partisanen den Wald als Unterschlupf und zum Aufbau einiger ihrer wichtigsten Verstecke. Ende des Krieges töteten Partisanen Tausende von tatsächlichen oder vermeintlichen slowenischen, kroatischen oder serbischen Kollaborateuren. Deren Leichen blieben in den Schluchten des Hornwaldes, der zum Synonym für den „Tag des Zorns“, die Massenmorde des Jahres 1945/46 wurde.

In den 1950er Jahren ließ die slowenische Regierung systematisch alle noch erhaltenen Kirchen, Kapellen und fast alle Bildstöcke im ehemaligen Siedlungsgebiet der Gottscheedeutschen vernichten. Schon während des Krieges hatte die Gottschee und hier insbesondere der Hornwald zu den am stärksten in Mitleidenschaft gezogenen Gebieten gehört. Im Zuge ihrer Offensive im Sommer 1942 zerstörte die italienische Armee systematisch an die hundert Dörfer, damit diese den Partisanen keinen Unterschlupf bieten konnten. Insgesamt wurden während des Krieges und nach dem Krieg 112 von den etwa 170 bis 180 Siedlungen in der Gottschee vernichtet. Von 1950 bis 1990 war ein etwa 200 km² großer Teil der Gottschee militärisches Sperrgebiet. In Folge dieser Faktoren eroberte sich der Wald nach Angaben von Mitja Ferenc etwa dreihundert Quadratkilometer der Gottschee zurück und bedeckt inzwischen wieder mehr als 90 Prozent des ehemaligen Siedlungsgebietes. Kaum eine zweite Kulturlandschaft in Europa, so Ferenc, habe derartige Veränderungen erfahren wie die Gottschee. Alles begann, alles endete mit dem Wald.

Bevölkerung

Die Volkszählung von 1880 wies in der Gottschee insgesamt 26.000 Bewohner aus, davon knapp 19.000 Deutschsprachige oder Deutsche (1880 erhoben die Statistiker zum ersten Mal die „Umgangssprache“ und interpretierten diese als Ausdruck der „Nationalität“). Seit Beginn der 1880er Jahre nahm der Druck auszuwandern zu: Zu viele junge Menschen fanden keine existenzsichernde Arbeit mehr in der Land- oder Holzwirtschaft, bei der Heimarbeit oder im Wanderhandel. Aus wirtschaftlichen Gründen, später auch wegen des Krieges, wanderten ganze Familien aus, überwiegend in die Vereinigten Staaten von Amerika. Bis 1925 sollen bis zu 25.000 Gottscheer in die USA emigriert sein. Cleveland wies die größte Gottscheer Siedlung auf. Im „Ländchen“ stand jedes dritte Haus leer.

Der Volkszählung von 1921 zufolge lebten im Bezirk Kočevje 40.394 Menschen, darunter 9.892 Deutsche (nach dem Kriterium der Muttersprache). Der Bevölkerungsanteil von 24,5 Prozent sank in den folgenden zehn Jahren nur unwesentlich: 1931 wurden insgesamt 37.954 Bewohner gezählt, darunter 8.819 Deutsche (23,2 Prozent).[4]

Wirtschaft

Infolge des Hausierpatents von 1492 entwickelte sich ein spezifischer Wanderhandel, der über Jahrhunderte hinweg bestand und das typische Bild des Wanderhändlers mit hoch aufragender Kraxe auf dem Rücken bekannt machte. Den Händlern war der übliche Tausch Ware gegen Geld nicht gestattet. Sie griffen auf verschiedene kleine Glücksspiele zurück, durch die sie ihre Waren „an den Mann“ brachten und ihre Einnahmen realisierten. Im Durchschnitt gingen wohl etwa sieben Prozent der Männer mit ihren Waren auf Wanderschaft; meist kehrten sie Weihnachten heim, um im Januar neu beladen aufzubrechen. Ostern oder zur Sonnwende wurde die Heimkehr der Männer gefeiert. Die Wanderhändler zogen durch Krain, ins Küstenland, durch die Steiermark, nach Kärnten und Tirol, sie kamen nach Salzburg, Wien, Prag und bis in polnisch- und russischsprachige Gebiete. Leider ist nicht erforscht, wie sich dieser europaweit wohl einzigartige Zuverdienst einerseits auf die wandernden Männer, die kräftig und wortgewandt sein mussten, andererseits auf die daheimgebliebenen Frauen, die ohne den Mann mit Haus- und Landwirtschaft, Kindern und Vieh zurechtkommen mussten, auswirkte. Wir wissen auch nicht, ob dieses singuläre Phänomen der Ökonomie in Europa die sozialökonomische Entwicklung in der Gottschee eher bremste oder förderte. Welche Rolle spielten die Einnahmen der Händler, welche Bedeutung hatte der Wissenstransfer? In der Internet-Community wird erzählt, die wandernden Händler, hier „Hausierer“ genannt, seien es gewesen, welche die ersten geprüften Lehrer ins „Ländchen“ gebracht hätten.[5]

Die Gottschee blieb über Jahrhunderte hinweg Kleinbauernland, in dem Land- und Forstwirtschaft Grundlagen einer kärglichen Existenz waren. Hauptaufgabe der Kolonisten war es, dem Wald den Rohstoff Holz abzuringen. Der Wald war auch insofern prägend, weil er das Klima stabilisierte, vor Austrocknung und Humusverlust schützte. Behausungen und Haushaltsgeräte wurden aus Holz gefertigt. Fleisch und Pelze jagten die Kolonisten dem Wild, den Siebenschläfern, Mardern, Luchsen, Wölfen, Füchsen, Wildschweinen und Bären des Waldes ab. Erst 1844 ging in der Stadt Gottschee eine Dampfsäge in Betrieb. Die 1860er/70er Jahre gelten als wirtschaftliche Blütezeit. Am 27. September 1893 wurde die Eisenbahnverbindung zwischen Laibach und Gottschee „in jubelnder Stimmung“[6] eröffnet. Erst infolge dieser Maßnahmen setzte eine rationelle Waldverwertung ein.

Wirtschaft

Infolge des Hausierpatents von 1492 entwickelte sich ein spezifischer Wanderhandel, der über Jahrhunderte hinweg bestand und das typische Bild des Wanderhändlers mit hoch aufragender Kraxe auf dem Rücken bekannt machte. Den Händlern war der übliche Tausch Ware gegen Geld nicht gestattet. Sie griffen auf verschiedene kleine Glücksspiele zurück, durch die sie ihre Waren „an den Mann“ brachten und ihre Einnahmen realisierten. Im Durchschnitt gingen wohl etwa sieben Prozent der Männer mit ihren Waren auf Wanderschaft; meist kehrten sie Weihnachten heim, um im Januar neu beladen aufzubrechen. Ostern oder zur Sonnwende wurde die Heimkehr der Männer gefeiert. Die Wanderhändler zogen durch Krain, ins Küstenland, durch die Steiermark, nach Kärnten und Tirol, sie kamen nach Salzburg, Wien, Prag und bis in polnisch- und russischsprachige Gebiete. Leider ist nicht erforscht, wie sich dieser europaweit wohl einzigartige Zuverdienst einerseits auf die wandernden Männer, die kräftig und wortgewandt sein mussten, andererseits auf die daheimgebliebenen Frauen, die ohne den Mann mit Haus- und Landwirtschaft, Kindern und Vieh zurechtkommen mussten, auswirkte. Wir wissen auch nicht, ob dieses singuläre Phänomen der Ökonomie in Europa die sozialökonomische Entwicklung in der Gottschee eher bremste oder förderte. Welche Rolle spielten die Einnahmen der Händler, welche Bedeutung hatte der Wissenstransfer? In der Internet-Community wird erzählt, die wandernden Händler, hier „Hausierer“ genannt, seien es gewesen, welche die ersten geprüften Lehrer ins „Ländchen“ gebracht hätten.[5]

Die Gottschee blieb über Jahrhunderte hinweg Kleinbauernland, in dem Land- und Forstwirtschaft Grundlagen einer kärglichen Existenz waren. Hauptaufgabe der Kolonisten war es, dem Wald den Rohstoff Holz abzuringen. Der Wald war auch insofern prägend, weil er das Klima stabilisierte, vor Austrocknung und Humusverlust schützte. Behausungen und Haushaltsgeräte wurden aus Holz gefertigt. Fleisch und Pelze jagten die Kolonisten dem Wild, den Siebenschläfern, Mardern, Luchsen, Wölfen, Füchsen, Wildschweinen und Bären des Waldes ab. Erst 1844 ging in der Stadt Gottschee eine Dampfsäge in Betrieb. Die 1860er/70er Jahre gelten als wirtschaftliche Blütezeit. Am 27. September 1893 wurde die Eisenbahnverbindung zwischen Laibach und Gottschee „in jubelnder Stimmung“[6] eröffnet. Erst infolge dieser Maßnahmen setzte eine rationelle Waldverwertung ein.

Gedächtnis- und Erinnerungskultur

Die historische Gottschee ist vergangen. Am 8. Juli 1990 kamen mehrere 10.000 Menschen zu einer Versöhnungsfeier an den Massengräbern im Hornwald. 1992 entstand in Slowenien der „Gottscheer Altsiedler Verein“, der sich für die Erhaltung der Kultur und Sprache sowie für die offizielle Anerkennung der Deutschen als nationale Minderheit einsetzt. Um sich von Forderungen nach Rückerstattung des Eigentums der 1941/42 umgesiedelten Gottscheer zu distanzieren, ist der Verein im September 2006 aus der seit 1960 bestehenden „Arbeitsgemeinschaft der Gottscheer Landsmannschaften“, einem losen Zusammenschluss landsmannschaftlicher Organisationen, ausgetreten. Auch der seit 1994 in Slowenien existierende „Gottscheer Peter Kosler Verein“, der ebenfalls Kultur und Sprache der Gottschee erhalten will, erklärte 2005 seinen Austritt aus der Arbeitsgemeinschaft, wegen deren aus seiner Sicht rückwärtsgewandten, aggressiven und die Beziehungen zur slowenischen Bevölkerung belastenden Politik.[7] Daneben gibt es drei kleinere, auf Teilregionen konzentrierte Vereine zur Erhaltung des Kulturerbes. Mit finanzieller Unterstützung aus Slowenien und aus dem Ausland, vor allem von in den USA angesiedelten Heimatvereinen, entstanden kleine Museen, Gedenkstätten und Informationstafeln, es wurden Friedhöfe und Kapellen erneuert und wiederhergestellt. Gestört wird die Zusammenarbeit auf diesem Gebiet gelegentlich durch Kontroversen zwischen den Vereinen oder einzelnen ihrer Repräsentanten, wie oben angedeutet. So lehnt z.B. der Altsiedlerverein anders als alle anderen Organisationen Sprachunterricht im gottscheedeutschen Dialekt ab.

In gedruckten Veröffentlichungen und seit einigen Jahren im Internet, wo ein „virtueller Dorfplatz“ (Karl-Markus Gauß) entstanden ist, wird die Erinnerung an das Leben im „Ländchen“ wachgehalten. Besonders rührig sind hier Personen und Vereine in Graz und Klagenfurt, die sich der AG der Gottscheer Landsmannschaften zugehörig fühlen. Typisch für diese Art der Selbstdarstellung ist z. B. die „nach Bedarf“ erscheinende Zeitschrift „Gottscheer Gedenkstätte“, die vom gleichnamigen Verein in Graz-Mariatrost herausgegeben wird. Überwiegend handelt es sich hierbei um eine idyllisierende Erinnerungskultur, die vom Aufkommen des Nationalismus Ende des 19. Jahrhunderts, von der politischen Entwicklung nach rechts Ende der 1920er Jahre, vom verhängnisvollen Wirken der NSDAP- und SS-Getreuen sowie davon, dass Gottscheedeutsche im Zuge der faschistischen Vernichtungspolitik betrogene Opfer und Täter wurden, wenig wissen will. In der aktuellen Literatur überwiegt mittlerweile eine kritische Reflexion.

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Mitja Ferenc, Joachim Hösler (Hg.): Spurensuche in der Gottschee. Deutschsprachige Siedler in Slowenien. Potsdam 2011 (Potsdamer Bibliothek Östliches Europa – Geschichte).
  • Karl-Markus Gauß: Der Wald der Geschichte – In der Gottschee. In: Ders.: Die sterbenden Europäer. Unterwegs zu den Sepharden von Sarajevo, Gottscheer Deutschen, Arbёreshe, Sorben und Aromunen, München 2002, S. 51–95.
  • Jakob Grollitsch (Hg.): Europa erlesen. Gottschee, Klagenfurt 2015.
  • Hugo Grothe: Die deutsche Sprachinsel Gottschee in Slowenien. Ein Beitrag zur Deutschtumskunde des europäischen Südostens, Münster 1931.
  • Adolf Hauffen: Die deutsche Sprachinsel Gottschee. Geschichte, Mundart, Lebensverhältnisse, Sitten und Gebräuche, Sagen, Märchen und Lieder, Graz 1895.
  • Dušan Nećak (Hg.): Die „Deutschen“ in Slowenien (1918–1955). Kurzer Abriss. Ljubljana 1998.
  • Thomas Nußbaumer: Alfred Quellmalz und seine Südtiroler Feldforschungen (1940-42). Eine Studie zur musikalischen Volkskunde unter dem Nationalsozialismus. Innsbruck, Wien, München 2001.
  • Martin Pollack: Der Tote im Bunker. Wien 2004.
  • Helmut Rumpler, Arnold Suppan (Hg.): Geschichte der Deutschen im Bereich des heutigen Slowenien 1848–1941, Wien etc. 1988.
  • Michael Wedekind: Kulturkommission des SS-„Ahnenerbes“. In: Handbuch der völkischen Wissenschaften. Herausgegeben von Michael Fahlbusch, Ingo Haar und Alexander Pinwinkler. Unter Mitarbeit von David Hamann. 2., grundlegend erweiterte und überarbeitete Auflage. 2 Bde. Bd. 2: Forschungskonzepte – Institutionen – Organisationen – Zeitschriften. Berlin, Boston 2017, S. 1866–1879.
  • Richard Wolfram: Brauchtum und Volksglaube in der Gottschee, Wien 1980.

Weblinks

  • Josef Perz, Fritz Högler, Heinrich Schemitsch: Das Schulwesen des Gottscheer Landes. In: http://www.gottscheer-gedenkstaette.at/gottschee_kultur1.htm (Abruf 2.02.2018)
  • www.gottsche.at (Homepage der Arbeitsgemeinschaften der Gottscheer Landsmannschaften, eher unkritisch, idyllisierend)
  • www.gottschee.de (Private Homepage von Josef Gladitsch, München, auf der das Bemühen erkennbar ist, die Geschichte unter Berücksichtigung geschichtswissenschaftlicher Erkenntnisse kritisch zu reflektieren)
  • www.gottscheerland.at (Homepage des Vereins Gottscheer Gedenkstätte, Graz-Mariatrost; umfangreiches Text- und Bildmaterial, inhaltlich der Seite der AG ähnlich)
  • www.sprachinselverein.at (Internetauftritt des Vereins der Freunde der im Mittelalter von Österreich aus besiedelten Sprachinseln, Wien)

Anmerkungen

[1] Hauffen: Die deutsche Sprachinsel, S. 31.

[2] Wolfram: Brauchtum und Volksglaube, S. 11. Zur Rolle des SS-Untersturmführers Richard Wolfram in der ‚Südostforschung‘ und als Mitarbeiter des SS-„Ahnenerbes“ in Südtirol vgl. Nußbaumer: Alfred Quellmalz; Wedekind: Kulturkommission des SS-„Ahnenerbes“.

[3] Grothe: Die deutsche Sprachinsel Gottschee in Slowenien, S. 179.

[4] Rumpler, Suppan, Geschichte der Deutschen; Nećak (Hg.): Die „Deutschen“ in Slowenien.

[5] Perz, Högler, Schemitsch: Das Schulwesen.

[6] Hauffen: Die deutsche Sprachinsel, S. VII.

[7] Die Austrittserklärungen auf: http://www.gottschee.net/forum/messages/233.html und http://www.gottschee.net/forum/messages/234.html (Abruf 22.02.2018). Auf der Homepage der AG wird der Peter Kosler Verein dagegen weiterhin als Mitglied genannt: http://wwwu.aau.at/hleustik/gottschee/ag/mitglied.htm (Abruf 22.02.2018).

Zitation

Joachim Hösler: Gottschee. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2018. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32559 (Stand 04.04.2018).

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