OME-Lexikon

Moldau

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Moldau

Anderssprachige Bezeichnungen

rum. Moldova, Ţara Moldovei; poln. Mołdawia; ung. Moldva; engl. Moldova; franz. Moldavie

Etymologie

Die Bezeichnung "Moldau" leitet sich von dem gleichnamigen Fluss ab, der im Kreis Suceava im Nordosten Rumäniens in den Waldkarpaten entspringt, in südlicher Richtung fließt und nach 237 km bei der Stadt Roman in den Sereth (rum. Siret) mündet.

Für die Herkunft des Namens "Moldau" gibt es verschiedene Theorien:

a) Ableitung aus dem Dakischen: molta (= viele) und dava (= Burg oder Festung);

b) der Tod der Hündin "Molda" des Fürsten Dragoş in einem Fluss gab dem Fluss und der Region den Namen;

c) Sprachforscher leiten den Namen vom althochdeutschen Wort "Mulde", "Molde" (= Aushöhlung, Vertiefung) ab;

d) andere Forscher bringen den Namen mit dem germanischen Wort "Wulda" (= wildes, reißendes Wasser) in Verbindung.

2. Geographie

Lage der Region

Die historische Region Moldau reichte in ihrer weitesten Ausdehnung (um 1500 ca. 94.000 km²) von den Ostkarpaten im Westen bis zum Fluss Dnjestr im Osten und zum Unterlauf der Donau und zum nordöstlichen Ufer des Schwarzen Meeres im Südosten. Im Süden trennen der Fluss Milcov und der Unterlauf des Sereth die Moldau von der Walachei.

Historische Geographie und staatliche Zugehörigkeit

Ausgehend von der territorialen Ausdehnung des Fürstentums Moldau in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, hat sich die staatliche Zugehörigkeit des Gebietes stark verändert.

Zu Beginn des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts erstreckt sich die Provinz Moldau als nordöstlicher Teil Rumäniens von den Ostkarpaten bis zum Fluss Pruth (rum. Prut) und ist in acht Kreise als Verwaltungseinheiten unterteilt. Das Gebiet umfasst zwei historische Regionen: die Moldau, die sieben Kreise umfasst, und den Süden der Bukowina, bestehend aus einem Kreis im Nordwesten, während die Nordbukowina Teil der Ukraine ist. Die Bukowina war 1775 aus dem nördlichen Teil der Moldau hervorgegangen, nachdem dieses Gebiet an die Habsburgermonarchie gefallen war. 

Zwischen Pruth und Dnjestr (rum. Nistru, ukr. Dnistr), nach 1812 auch bekannt unter dem Namen Bessarabien, liegt die heute eigenständige Republik Moldau (auch "Republik Moldawien"), wobei der Süden des Gebietes, das Land am Unterlauf der Donau und die Küste des Schwarzen Meeres, zur Ukraine gehören.

Im Fokus der folgenden Ausführungen wird die Region Moldau stehen, die heute Teil Rumäniens ist. Die historischen Betrachtungen berücksichtigen jedoch auch jene Gebiete im Norden und im Osten, die bis 1775 bzw. bis 1812 zur Moldau gehörten.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Das Wappentier der Moldau ist der Auerochse. Auf rotem Untergrund liegt der goldene Kopf des Tieres. Zwischen seinen Hörnern ist ein achtstrahliger goldener Stern zu sehen. Zur Rechten wird der Kopf von einer goldenen Rose und zur Linken von einem Halbmond flankiert. Diese Symbole (Erklärung s. u.) zieren nicht nur das Wappen der rumänischen Region und finden sich im Staatswappen Rumäniens wieder, sondern sind auch die heraldischen Zeichen der Bukowina und der Republik Moldau.

Frühzeit und beginnendes Mittelalter

In der Frühzeit war das Gebiet der späteren Moldau kein Teil eines Großreichs, sondern hatte den Charakter einer Grenz- und Durchzugslandschaft. Obwohl das Gebiet nie zur römischen Provinz Dacia gehörte, betrachteten die Römer es als Teil Dakiens bzw. der Sarmatia. Bewohnt wurde es von den Geten, einer Stammesgruppe der Thraker. Mit schwindendem Einfluss des Römischen Reichs und dem Rückzug seiner Truppen im Jahr 271 gelangten während der Völkerwanderung verschiedene ethnische Gruppen durch das Gebiet und ließen sich teilweise hier nieder, darunter Hunnen, Ostgoten, Petschenegen und Kumanen. Das Zusammenleben der romanisierten Bevölkerung mit den im 6. Jahrhundert einwandernden Slawen prägte die Bevölkerungs- und Sprachstruktur in besonderer Weise. Um die Jahrtausendwende befand sich der Raum im Einflussbereich des Byzantinischen und des Bulgarischen Reiches, später auch des ungarischen Königreiches.

13.–15. Jahrhundert: Das Werden eines Territoriums

Der verheerende Mongolensturm 1241/42 führte zu einem herrschaftspolitischen Einschnitt. Anschließend beherrschte die Goldene Horde von der Mitte des 13. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts das Gebiet von der unteren Wolga bis zu den Ostkarpaten im Westen. Die größtenteils rumänischsprachige Bevölkerung war dem mongolischen Reich gegenüber tributpflichtig. Im Norden des Gebietes der späteren Moldau befand sich im 13. Jahrhundert im Einflussbereich des Fürstentums von Halitsch-Wolhynien. Dieser ging nach dessen Untergang auf das Großfürstentum Litauen und nach der Union auf Polen-Litauen über. Eine besondere Rolle für die politische Entwicklung der Moldau spielten die Machtkalkulationen der ungarischen Könige, die ihren Herrschaftsbereich östlich der Karpaten auszudehnen bestrebt waren. Im 13. und 14. Jahrhundert gelang es ihnen, die Gebiete bis zum Sereth durch den Aufbau eines Grenzverteidigungssystems in den ungarischen Reichsverband einzubeziehen. Eine Grundlage dafür waren kleinere politische Einheiten (Knezate oder Woiwodate). Der erste Woiwode Dragoş kam aus der Marmarosch (rum. Maramureş), um im Auftrag des ungarischen Königs die Tataren östlich der Karpaten zu vertreiben. Der Legende nach soll er mit seinem Gefolge einem Auerochsen aus der Marmarosch in die Moldau gefolgt sein und dabei seine Hündin Molda im Fluss, der danach den Namen Moldau tragen sollte, verloren haben. Der ungarische König Ludwig I. von Anjou setzte Dragoş ca. zwei Jahre (1351–1353) als Markgraf in dem neuen Gebiet ein, dessen erstes Zentrum der Ort Molde/Baia wurde. Dementsprechend trug Dragoş den Beinamen "Ansiedler" ("Descălecător" = der [vom Pferd] Absteigende). Als eigentlicher "Begründer" ("Întemeietor") der Moldau gilt jedoch Bogdan I., der ebenfalls aus der Marmarosch kam. Während seiner kurzen Herrschaft (1359–1365) gelang die Grundlegung eines eigenen Staatswesens, dessen Gebiet ursprünglich auch Bogdania genannt wurde.

Im Zusammenhang mit der Errichtung von Grenzmarken durch das ungarische Königreich kamen deutschsprachige Siedler, u. a. aus Sachsen, in die spätere Moldau. Erste Spuren deutscher Siedlungen östlich der Karpaten werden auf das 13. Jahrhundert datiert. Ihre Anfänge sind im Kontext des mittelalterlichen Landesausbaus in Siebenbürgen und im Fürstentum Halitsch-Wolhynien sowie des West-Ost- bzw. des Nord-Süd-Fernhandels zu sehen.

Mit der Entstehung des Fürstentums Moldau im 14. Jahrhundert kamen insbesondere aus Lemberg/Ľviv, der Hauptstadt des Fürstentums Halitsch, und aus Siebenbürgen Kaufleute in die Moldau. Der Transithandel führte auch dazu, dass Deutsche aus Siebenbürgen, aus Kleinpolen und aus Rotreußen in die Moldau zogen, wo für diese Zeit deutsche Niederlassungen in Städten nachweisbar sind. Orts- und Gewässernamen, die die Bezeichnungen sas (= Sachse) und neamţ (= Deutscher) enthalten und sich insbesondere im mittleren Bereich der Moldau finden, lassen jedoch auch auf Ansiedlungen im ländlichen Raum schließen. In der Beschreibung des Österreichers Franz Josef Sulzer heißt es, "die Sachsen hätten vorzeiten zu Haufen in der Walachey und der Moldau gesessen" – gemeint ist die Zeit vor 1234. Wie schwierig es ist, Aussagen über Deutsche in der Moldau zu machen, zeigen auch die weiteren Ausführungen von Sulzer, der schreibt, die Deutschen seien "orthodox, oder katholisch, und nahmen dort vielmehr die walachische Religion an".[1]

In der einzigen mittelalterlichen Überlieferung zu diesem Thema, der Länderbeschreibung des Dominikaners Johannes, Erzbischof von Sultanieh, von 1404 (Libellus de notitia orbis), werden "viele Deutsche" erwähnt, die in der Moldau "wohnen" sollen. Gemeinhin wird angenommen, dass sich im Laufe des 14. Jahrhunderts deutschsprachige Siedler in der Moldau niederließen, die entweder aus Nordsiebenbürgen nach Baia und Neamţ oder aus Halitsch-Wolhynien nach Sereth/Siret kamen. Auch Sutschawa/Suceava und Romesmarkt/Roman sollen in den 1380er Jahren Ziele von Zuwanderern gewesen sein. In den genannten Orten und in Sereth können bereits zur Zeit der Entstehung des Fürstentums Moldau deutschsprachige Siedlungen ausgemacht werden. Neben archäologischen Funden wird dies durch Dokumente aus Lemberg/Ľviv (Urkunde, Stadtbuch) bestätigt, in denen sich deutsche Bürgernamen aus diesen Orten finden.

Das Fürstentum Moldau

In den ersten Jahrhunderten nach der Gründung des Fürstentums gelang die Wahrung der Eigenstaatlichkeit durch ein geschicktes Lavieren zwischen den es umgebenden Großreichen Ungarn, Polen und Osmanisches Reich. Ungarische Könige waren bis ins 15. Jahrhundert immer wieder bestrebt, Einfluss auf die innere Entwicklung der Moldau zu nehmen. Das Königreich Polen übte nach 1387 für mehr als ein Jahrhundert die nominelle Suprematie über das Fürstentum aus. Ab dem 15. Jahrhundert entwickelte sich das Osmanische Reich zum größten Machtfaktor in Südosteuropa. Als bedeutendster Herrscher dieser Zeit gilt Fürst Stefan "der Große" (Stefan cel Mare), der von 1457 bis 1504 regierte. Durch eine geschickte Schaukelpolitik der Unbotmäßigkeit und Unterordnung gelang es Stefan, sich zeitweise gegen die Vormachtansprüche und einander widerstreitenden Interessen der benachbarten Mächte zu wehren. Der Nimbus des heldenhaften Türkenkämpfers, der sich militärisch nicht nur gegen das Osmanische Reich, sondern auch gegen den ungarischen und den polnischen König behauptete, ließ Stefan den Großen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer der wichtigsten Identifikationsfiguren im Prozess der rumänischen Nationsbildung werden. Bereits vor dieser Zeit, aber auch bis in die Gegenwart hinein, gilt dieser moldauische Fürst nicht nur in Rumänien, sondern auch in der Republik Moldau als der zentrale Erinnerungsort. 1992 wurde er von der orthodoxen Kirche Rumäniens heiliggesprochen und erhielt den Beinamen Stefan "der Große und Heilige".

Nach dem Tod Stefans des Großen brachen Streitigkeiten zwischen den Bojaren, die er zu Lebzeiten hatte eindämmen können, erneut aus. Schwache Fürsten ließen den Staat vom Rat (sfat, divan) und von machthungrigen Bojaren regieren. Das Osmanische Reich konnte seinen Einfluss ausweiten; neben der Außenpolitik beeinflusste es die Ernennung lokaler Herrscher und führte Tributzahlungen ein. Im 16. Jahrhundert war das Fürstentum auch in den Wirtschaftsraum des Reiches eingebunden, durfte seine Waren nur noch aus dem Reich des Halbmondes beziehen und bestimmte Produkte zu festgesetzten Preisen nur noch dorthin verkaufen.

Religion und Ansiedlung

In der vormodernen Periode war die große Mehrheit der Bevölkerung griechisch-orthodox und rumänischsprachig. Nach der Entstehung des Fürstentums Moldau bildete sich in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts auch eine eigene Kirchenhierarchie heraus. Bereits sehr früh setzte eine römisch-katholische Mission ein, im Zuge derer neben Missionaren verschiedener Orden auch katholische Siedler in die Moldau kamen. Ausgangspunkt war neben dem Fürstentum Halitsch-Wolhynien insbesondere Siebenbürgen; des Weiteren erwähnen die Quellen neben "Polen" noch "Ungarn" (Magyaren, die sog. Tschangos, rum. Ceangăi, ung. csángó) und Sachsen aus Siebenbürgen.

Im Zeitalter der Reformation kamen auch protestantische Zuwanderer in die Moldau; es heißt, dass um 1420 "sowohl ungerische als auch sächsische Hussiten aus Siebenbürgen in die Moldau übergetreten seyn"[2]. Letztere sollen sich in Kottnersberg/Cotnari (in einigen Quellen auch "Kotnar") niedergelassen haben. Zudem sollen Sachsen in Molde/Baia und Deutschmarkt/Târgu Neamţ (in Quellen häufig nur "Neamţ") und gemeinsam mit Ungarn auch in Sutschawa/Suceava (in Quellen auch "Sotschava"), Sereth und Romesmarkt/Roman gewohnt haben. In Molde erwähnte Sulzer eine "deutsche Kirche" (Bisserika niemzaska). Zudem nannte der Österreicher noch mehrere Dörfer, in denen Sachsen gelebt haben sollen.

Die Siedler, die sich im 15. Jahrhundert in Kottnersberg niederließen, sollen insbesondere im Weinbau tätig gewesen sein. Unklar ist jedoch, ob das wie auch im Fall von Romesmarkt zeitlich nicht eindeutig datierbare lateinische Stadtsiegel auf eine deutsche oder eine ungarische Führungsschicht hinweist.

Die Berichte der Congregatio sacra de Propaganda Fidei (16. und insbesondere 17. Jahrhundert), die von katholischen Missionaren während der Gegenreformation verfasst wurden, enthalten eine Übersicht über deutsche Niederlassungen in der Moldau. In fünf Städten werden u. a. "Sachsen" erwähnt: Kottnersberg, Molde, Sutschawa, Deutschmarkt, Romesmarkt und Sereth. In diesen Orten haben Deutsche nicht vereinzelt, sondern in einer größeren Gruppe gelebt. Weitere Ortschaften, in denen Deutsche im 16. und 17. Jahrhundert ansässig waren, sind Barchau/Bacău, Trotuş, Berlad/Bârlad, Jassy/Iaşi und Huss/Huşi.[3] Bemerkenswert ist, dass die Ansiedlung in Orten erfolgte, die eine zentrale Rolle in der Administration und Politik des Fürstentums spielten. So war Molde der erste Herrschaftssitz, gefolgt von Sereth, Romesmarkt, Sutschawa und schließlich Jassy.

Angaben zur Zahl der deutschen Einwohner in den einzelnen Orten in der Moldau gibt es nicht. Visitationsberichte erwähnen lediglich katholische Einwohner, womit neben "Sachsen" vor allem Ungarn gemeint sind. Zahlen der Jahre 1641 und 1643 weisen jedoch eine große Spanne auf: Kottnersberg 35–50 %, Molde 21–26 %, Deutschmarkt 14–15 %, Sutschawa 1 % und Romesmarkt 2 %. Uneingedenk dieser Schwankungen und auch der großen Spannweite scheinen Katholiken und damit Deutsche einen Teil der Führungsschichten gestellt zu haben. Darauf verweisen nicht nur die Stadtsiegel mit lateinischer Umschrift (neben Kottnersberg und Romesmarkt sind solche auch für Molde, Deutschmarkt, Sereth und Sutschawa nachgewiesen), sondern auch Hinweise auf Personennamen in Stadtvertretungen und Schreiben von Stadträten in deutscher Sprache aus Molde und Sutschawa aus dem 15. und 16. Jahrhundert.

Drastischer Rückgang der deutschen Bevölkerung

Von kultureller und politischer Bedeutung für die weitere Entwicklung der Moldau war die Herrschaftszeit des Fürsten Vasile Lupu (1634–1653), der nicht nur zahlreiche Kirchen bauen (u. a. Trei Ierarhi in Jassy), sondern auch eine Höhere Schule in Jassy und eine Buchdruckerei gründen ließ. Auch die Kirchenkultur erhielt neuen Aufschwung. Der orthodoxe Metropolit Varlaam veranlasste den Druck mehrerer Bücher. Neben das Slawische als Kanzlei-, Literatur- und Liturgiesprache trat allmählich das Rumänische, so z. B. in der Predigtsammlung Cazania und dem kodifizierten Gesetz Carte româneascǎ de învăţătură (auch Pravila lui Vasile Lupu genannt).

Die machtpolitischen Ereignisse im weiteren Verlauf des 17. Jahrhunderts hatten gravierende Folgen für die demographische Struktur des Fürstentums. Bereits das Vasallenverhältnis der Moldau zum Osmanischen Reich wirkte sich negativ auf die Siedlungstätigkeit und auf den Bestand der deutschsprachigen Bevölkerung aus. Der Orienthandel, in dem die Moldau eine wichtige Rolle spielte, verlor an Bedeutung. Auch Reformation und Gegenreformation hatten Auswirkungen auf die demographischen Verhältnisse in der Moldau. Nachdem Überlieferungen zufolge in Sereth bereits im 16. Jahrhundert keine Deutschen mehr lebten, kam es nach 1630 zu einem stetigen Rückgang des deutschsprachigen Bevölkerungsanteils, insbesondere in Deutschmarkt, Sutschawa und Romesmarkt. In Kottnesberg und Molde blieb eine deutsche Einwohnerschaft erhalten.

Einen Endpunkt unter diese lange Abwärtsentwicklung setzten schließlich die Ereignisse infolge des Jahres 1683, als polnische, tatarische, türkische, kosakische, und 1709, als schwedische und russische Truppen viele Orte in der Moldau verwüsteten. Zahlreiche Menschen flüchteten, viele Orte verödeten; in diesem Zusammenhang sind auch die deutschen Siedlungen in der Moldau verschwunden.

Entwicklungen im 18. und 19. Jahrhundert

Im 18. Jahrhundert befand sich die Moldau durch die machtpolitischen Veränderungen in diesem Teil Europas erneut im Fokus verschiedener Großmächte: Im Zuge der Expansion des Russischen Reiches marschierte Zar Peter der Große mit seinem Heer an den Pruth, wo er 1711 gegen osmanische Truppen eine Niederlage erlitt. Der nach Osten und Südosten blickenden Habsburgermonarchie gelang es 1775 in einem Vertrag mit der Hohen Pforte, den nördlichen Teil der Moldau abzutrennen und sich als neues Territorium unter dem Namen "Bukowina" einzuverleiben.

Die neue Machtkonstellation veranlasste Konstantinopel bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts, in die inneren Angelegenheiten der Moldau einzugreifen und durch die unmittelbare Einsetzung der Herrscher, der sog. Phanarioten, das Fürstentum zwischen 1711 und 1821 enger an sich zu binden. Neben einer starken Gräzisierung von Staat, Kirche, Gesellschaft und Kultur kam es in dieser Periode auch zu einer Reihe von Modernisierungen, u. a. fand aufklärerisches Gedankengut seinen Weg in das Fürstentum.

Nach dem russisch-osmanischen Krieg 1787–1792 musste das Osmanische Reich im Frieden von Jassy alle Besitzungen östlich des Dnjestr abtreten. Nach dem 6. russisch-osmanischen Krieg (1806–1812) wurde ein erweitertes Bessarabien in das Russische Reich integriert. Das als Gouvernement Bessarabien organisierte Gebiet umfasste die Landschaft zwischen den Flüssen Pruth und Dnjestr und damit etwa die östliche Hälfte des bisherigen Fürstentums Moldau.

Im Jahr 1821 endete die Phanariotenherrschaft und das Fürstentum wurde Schauplatz des in Russland einsetzenden griechischen Freiheitskampfes. Nach dem einige Jahre später stattfindenden russisch-osmanischen Krieg (1828/29) wurde Russland zur Protektoratsmacht über die Moldau; der Sultan behielt lediglich eine formale Oberhoheit.

Nach Russlands Niederlage im Krimkrieg 1853–1856 legte der Vertrag von Paris fest, dass die Moldau und die Walachei unter die Kollektivgarantie der sieben Unterzeichnerstaaten gestellt wurden.

Mit der Wahl Alexandru Ioan Cuzas (1820–1873) zum Fürsten der Moldau am 17. Januar 1859 und zum Fürsten der Walachei am 5. Februar 1859 wurde die Moldau zu einer Provinz des neuen rumänischen Staates. Die gemeinsame Hauptstadt des zunächst als "Vereinigte Fürstentümer der Walachei und Moldau" (rum. Principatele Unite ale Ţării Româneşti şi Moldovei) bezeichneten Territoriums war bis 1861 Jassy. Am 24. Dezember 1861 proklamierte Fürst Alexandru Ioan Cuza offiziell den Staat Rumänien mit der Hauptstadt Bukarest/Bucureşti. Der Berliner Kongress bestätigte 1878 die Souveränität und Unabhängigkeit des neuen Staates vom Osmanischen Reich.

Einwanderungen und Neuansiedlungen deutscher Bevölkerungsgruppen ab dem 18. Jahrhundert

Nach dem starken Rückgang der Zahlen der deutschen Einwohner in der Moldau, in manchen Regionen ihrem nahezu vollständigen Verschwinden in der Moldau siedelten sich Berichten zufolge seit dem 18. Jahrhundert insbesondere in den Hauptorten einzelne Gruppen neu an. In den Aufzeichnungen des Österreichers Franz Josef Sulzer aus den Jahren 1781/82 heißt es, der moldauische Fürst Alexandru Murusi habe "den deutschen Protestanten in Jassy, die sich seit kurzem in ziemlicher Anzahl dahin zu ziehen angefangen haben, einen eigenen Grund zu einer evangelischen Kirche geschenkt"[4]. Sulzer nennt auch markante Persönlichkeiten der Gemeinschaft, darunter den Pfarrer Scharsius aus Mediasch in Siebenbürgen, den "Doktor Wolf" und den lateinischen Sprachlehrer "Joh. König".

Zu der evangelischen deutschsprachigen Bevölkerung von Jassy (darunter Preußen, Österreicher und Schweden) heißt es außerdem, 1780 hätte diese 80 Personen gezählt. Ende des 18. Jahrhunderts wanderten vermehrt Handwerker und Fabrikanten, weniger in der Landwirtschaft tätige Deutsche, aus Siebenbürgen in die Fürstentümer ein. Wenn auch einige in die Moldau kamen, zog es die Mehrzahl in die Walachei. Außer in Jassy[5][6] lebten im 18. und 19. Jahrhundert Deutsche in und bei Backau[7] sowie im nordöstlich gelegenen Buhuşi,[8] wo sie als Beamte, Meister und Arbeiter in der Textilindustrie beschäftigt waren. Auch in Deutschenmarkt,[9] Romesmarkt[10] und Paşcani[11] lebten Deutsche. In den letzten beiden Orten war es insbesondere die Eisenbahn, die zeitweise Deutsche lockte. Im Süden der Moldau konnten deutsche Bevölkerungsanteile in Mărăşeşti, Focşani[12] und dem Donauhafen Galatz/Galaţi[13] ausgemacht werden. Im Norden zogen Deutsche aus der Bukowina in die Orte Fălticeni,[14] Botoşani[15] und Dorohoi[16].

Wirtschaftliche und kulturelle Aspekte

Eng mit der Geschichte der Deutschen in der Moldau ist die Entfaltung der mittelalterlichen Stadt in der Region verbunden. Handwerk und Handel führten zur Verdichtung und Zentralisierung von Orten. Begriffe weisen auf den deutlichen Einfluss aus Siebenbürgen bzw. Halitsch-Wolhynien hin: şoltuz (Schultus = Schultheiß), voit (= Vogt), pârgar (purger = Ratsherr). Der Einfluss der deutschen Siedler zeigt sich auch in anderen Bereichen der städtischen Kultur, so wurde die Bauweise der Häuser in Jassy von Juden und auch von Deutschen geprägt. Die Deutschen insbesondere aus Siebenbürgen stellten Handwerker, Uhrmacher, Goldarbeiter, Baumeister, Tischler, Schlosser, Schmiede, Hutmacher, Gastwirte u. a. Auch die Bierbrauerei gehörte dazu. So errichtete der Arzt Herlitz 1793 eine solche in Jassy und der Österreicher Alexander Dos 1816 ebenfalls eine in Romesmarkt.

Die Buchhändler Hemschieg und Hennig führten in den 1830er Jahren eine ganze Reihe von deutschen Werken ein. Auch Buchdrucker wie der aus Pyrmont stammende Bärmann ließen sich in Jassy nieder. In verschiedenen Orten der Moldau, so in Galatz, Barchau, Buhuşi oder Jassy entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Vereine, die der Erhaltung und Förderung der deutschen Kultur, u. a. auch deutscher Schulen dienten.

Die deutschen Siedlungsgruppen in der Moldau können weder auf eine zusammenhängende Geschichte noch auf eine räumliche Geschlossenheit blicken. Insgesamt konzentrierten sich die Deutschen bis ins 19. Jahrhundert auf einzelne Ortschaften. Dementsprechend ist auch die Quellen- und Literaturlage nicht reichhaltig: Neben archäologischen Funden existieren einzelne Stadtbücher und Reiseberichte. Bisher haben sich nur wenige Historiker mit dem Phänomen auseinandergesetzt und es besteht ein deutlicher Nachholbedarf.

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Edda Binder-Iijima, Vasile Dumbrava (Hg.): Stefan der Große. Fürst der Moldau. Symbolfunktion und Bedeutungswandel eines mittelalterlichen Herrschers. Leipzig 2005.
  • Horst Fassel: Selbstfindung oder Selbstaufgabe. Die deutsche Minderheit in der moldauischen Stadt Jassy. In: Anuarul de Lingvistică şi Istorie literară 33 (1992/93), S. 221-238.
  • Raimund Friedrich Kaindl: Geschichte der Deutschen in Ungarn und Siebenbürgen bis 1763, in der Walachei und Moldau bis 1774. Gotha 1907.
  • Victor Spinei: Moldavia in the 11th–14th centuries. Bucureşti 1986.
  • Ekkehard Völkl: Das rumänische Fürstentum Moldau und die Ostslaven im 15. bis 17. Jahrhundert. Wiesbaden 1975 (Veröffentlichungen des Osteuropa-Institutes München, Geschichte 42).
  • Ders.: Moldau. In: Edgar Hösch, Karl Nehring, Holm Sundhaussen (Hg.): Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Wien u. a. 2004, S. 453-455.
  • Hugo Weczerka: Deutsche Siedlungen und Einflüsse deutschen Stadtrechts in den mittelalterlichen Fürstentümern Moldau und Walachei. Köln u. a. 1982 (Studien zum Deutschtum im Osten 17).
  • Ders.: Das Fürstentum Moldau und die Deutschen. In: Isabel Röskau-Rydel (Hg.): Galizien, Bukowina, Moldau. 2. Aufl. Berlin 2002 (Deutsche Geschichte im Osten Europas), S. 329-378.
  • Ders.: Das mittelalterliche Deutschtum diesseits und jenseits der Karpaten. In: Südostdeutsches Archiv 5 (1963), S. 3-19.
  • Ders.: Das mittelalterliche und frühneuzeitliche Deutschtum im Fürstentum Moldau von seinen Anfängen bis zu seinem Untergang (13.–17. Jahrhundert). München 1960 (Buchreihe der Südostdeutschen Historischen Kommission 4).
  • Ders.: Zur Geschichte der Deutschen in der Moldau und Walachei bis ins 17. Jahrhundert. In: Südostdeutsches Archiv 26/27 (1983/84), S. 69-87.

Weblinks

Anmerkungen

[1] Franz Josef Sulzer: Geschichte des transalpinischen Daciens, das ist, der Walachei, Moldau und Bessarabiens, im Zusammenhange mit der Geschichte des übrigen Daciens, als ein Versuch der allgemeinen dacischen Geschichte mit kritischer Freyheit entworfen. Des ersten oder geographischen Theils dritter Band. Wien 1782, S. 653.

[2] Sulzer (wie Anm. 1), S. 653.

[3] In der Verwendung der Ortsnamen herrscht eine große Uneinheitlichkeit. Im weiteren Verlauf werden daher die heute gebräuchlichen deutschen bzw. rumänischen Bezeichnungen angeführt.

[4] Sulzer (wie Anm. 1), S. 666.

[5] Neben dem Zuzug von Handwerkern und Kaufleuten hinkte die bäuerliche Ansiedlung weit hinterher. Nähere Nachrichten dazu fehlen jedoch. Die Schwierigkeiten, nähere Informationen zu erhalten, hängen auch damit zusammen, dass es keine planmäßig geförderte Ansiedlung gab. So sind auch gerade für die Moldau keine Zahlen für Ansiedler im 18. und 19. Jahrhundert vorhanden. Pauschale Aussagen können lediglich über einzelne Orte und die dort ausgeübten Bewegungen und Tätigkeiten gemacht werden.

[6] Die Volkszählung von 2002 erwähnt aufgrund der Zuordnung nach der Muttersprache für Jassy 95 Deutsche (nach ethnischen Kriterien 166 Deutsche). http://www.edrc.ro/recensamant.jsp?regiune_id=1&judet_id=163&localitate_id=164. Im Folgenden werden zum Vergleich zuerst die Zahlen nach der Muttersprache angeführt und in Klammern die Angaben nach ethnischen Kriterien.

[7] Nach der Volkszählung von 1930 lebten in Barchau 400 Deutsche und 2002 noch 51 (83).

[8] Nach der Volkszählung von 2002 leben in Buhuşi zwei (10) Deutsche.

[9] Nach der Volkszählung von 2002 leben 29 (66) Deutsche in Kreuzburg an der Bistritz/Piatra Neamţ.

[10] Nach der Volkszählung von 2002 leben 15 (31) Deutsche in Romesmarkt.

[11] Nach der Volkszählung von 2002 lebt kein deutscher Muttersprachler mehr in Paşcani (8 Deutsche der Ethnie zufolge).

[12] Bei der Volkszählung von 2002 haben für Focşani 27 Personen die Zugehörigkeit zur deutschen Ethnie und 18 zur Muttersprache angegeben.

[13] Nach der Volkszählung von 2002 leben 62 (114) Deutsche in Galatz.

[14] Nach der Volkszählung von 2002 leben 14 (20) Deutsche in Fălticeni.

[15] Nach der Volkszählung von 2002 leben 19 (46) Deutsche in Botoşani.

[16] Nach der Volkszählung von 2002 leben Zwei (Drei) Deutsche in Dorohoi.

 

Zitation

Hans-Christian Maner: Moldau. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2013. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/54141.html (Stand 09.04.13).

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