OME-Lexikon

Semgallen

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Semgallen

Anderssprachige Bezeichnungen

lett./russ. Zemgale, poln. Semigalia, lit. Žiemgala, livisch Zemgāl.

Etymologie

Der Name lässt sich auf zwei litauische Bezeichnungen Semgallens zurückführen: Žem̃gala oder Žiẽmgala. Die erste Form rekurriert entweder auf lit. žẽmė, lett. zeme („Land“) oder auf lit. žẽmas, lett. zems („niedrig“), die zweite wahrscheinlich auf lit. žiemà, lett. ziema („Winter“). Kazimieras Būga (1879–1924) und Jānis Endzelīns (1873–1961) argumentieren, dass Žiẽmgala als „Winterland“, d. h. nördliches Land, zu interpretieren sei, wohingegen Žem̃gala auf einer Volksetymologie beruhe.[1] O. Bušsa schlägt eine hydro-toponymische Herkunft vom Flussnamen Žejmike oder Žejmjana vor.[2] Das lett. Zėmgale ist eine lettisierte Entsprechung von dt. Semgallen. Als Semigalia taucht der Name in der lateinisch-dänischen Chronik Annales Ryenses (13. Jahrhundert) auf, im Altnordischen als Sœimgala, Sœimgalum auf südschwedischen Runensteinen des 11. Jahrhunderts. In der altrussischen Nestorchronik (1377) erscheinen die Namen Zimigola/Zimjagola.


2. Geographie

Lage

Die historischen Regionen Lettlands [Foto: Wikimedia Commons].
Die historischen Regionen Lettlands [Foto: Wikimedia Commons].

Die heutige Verwaltungseinheit Semgallen umfasst ca. 14.000 km2. Geomorphologisch handelt es sich um ein Bassin (unter 100 m ü. NN), das vom Fluss Kurländische Aa (lett. Lielupe) ansteigt und Gebiete südlich der Düna (lett. Daugava) umfasst. Semgallen grenzt an Livland, Lettgallen und Kurland, zu dem die Grenzen aber nicht immer klar definiert sind. Der östliche Teil Semgallens wird auch als Oberlettland (lett. Augšzeme) oder Selonien (lett. Sēlija, lat. Selonia) bezeichnet.

Topographie

Semgallen ist von Wald geprägt und hat siedlungsgeographisch den Charakter einer Openfield-Landschaft (ohne Grenzmarkierungen). Die entlang der Straßen liegenden Dörfer bestehen meist aus Zentrum und agrarwirtschaftlichem Teil (Wald, Wiesen, Felder). Größte Stadt und traditionelles Verwaltungszentrum ist Mitau/Jelgava. Andere wichtige Städte sind: Alt-Autz/Auce, Bauske/Bauska, Doblen/Dobele, Friedrichstadt/Jaunjelgava, Jakobstadt/Jēkabpils Kalnzeem/Kalncielms, Tuckum/Tukums.

Schloss Alt-Autz vor 1945 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 146697].
Schloss Alt-Autz vor 1945 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 146697].
Marktplatz Tuckum vor 1945 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 113419].
Marktplatz Tuckum vor 1945 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 113419].

Historische Geographie

Ansicht der Düna bei Jakobstadt vor 1945 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 187148].
Ansicht der Düna bei Jakobstadt vor 1945 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 187148].

Im Mittelalter bezeichnete Semgallen eine Siedlungslandschaft, die sich ungefähr von Bauske bis Dünaburg/Daugavpils südlich der Düna erstreckte. Eine genaue Abgrenzung zum Siedlungsgebiet der Kuren im Westen oder der Lettgallen im Nordosten ist nicht möglich. Nach der Eroberung Livlands durch den Deutschen Orden bildete das Gebiet einen Teil des Herrschaftsterritoriums des Landmarschalls des Deutschen Ordens in Livland, in der frühen Neuzeit einen Hauptbestandteil des Herzogtums Kurland und Semgallen, das seit 1561 als gemeinsames Lehen unter der Oberherrschaft des Königreichs Polen und des Großfürstentums Litauen stand (1596–1617 eigenständiges Herzogtum Semgallen). 1795 kam das Doppelherzogtum unter die Herrschaft der russländischen Kaiser, administrativ entstand das Gouvernement Kurland des Russländischen Reichs.

Während seines Russlandfeldzugs 1812 schuf Napoleon I. (1769–1821) das Herzogtum Kurland, Semgallen und Pilten, das jedoch mit seiner Niederlage gegen Russland im gleichen Jahr unterging. 1918 bildete Semgallen einen Teil der neuen Republik Lettland. Noch während des Ersten Weltkriegs wurde 1918 zunächst ein Herzogtum Kurland und Semgallen proklamiert, das im gleichen Jahr zu einem territorialen Bestandteil des vom Deutschen Reich initiierten „Vereinigten Baltischen Herzogtums“ wurde. Nach der deutschen Niederlage 1918 ging auch diese staatliche Neukonstruktion unter. Semgallen besitzt im modernen Lettland (seit 1920) den Status einer von vier historischen Landschaften.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Landschaftswappen Semgallens [Foto: Urmas, Wikimedia Commons].
Landschaftswappen Semgallens [Foto: Urmas, Wikimedia Commons].

Im Mittelalter bildete Semgallen keine eigenständige administrative Einheit innerhalb Livlands, sondern war Teil der Ordensländer. In der frühen Neuzeit gehörte es zum Herzogtum Kurland und Semgallen, seit 1795 zum russländischen Gouvernement Kurland. Deshalb erhielt Semgallen keinen eigenen Stern im Wappen Lettlands, sondern wurde gemeinsam mit Kurland repräsentiert. Das Landschaftswappen Semgallens zeigt einen grauen Elch auf dunkelblauem Rundwappenschild. Der Elch ist zugleich das Wappentier der Stadt Mitau.

Vor- und Frühgeschichte

Die Semgaller sind durch archäologische Funde als vorgeschichtliche Bevölkerungsgruppe belegt. Seit dem 13. Jahrhundert wurde auch Selonien als Teil Semgallens angesehen. Die semgallische Sprache, eine Vorform des ab dem 16. Jahrhundert geschaffenen Schriftlettischen, wurde bis ins 16. Jahrhundert gesprochen.

Mittelalter

Nachdem Liven und Semgaller im 10. Jahrhundert das Gebiet zwischen den Flüssen Kurländische Aa und Driksa besiedelt hatten, errichteten deutsche Kreuzritter mehrere befestigte Plätze gegen die Litauer, aber auch gegen die aufständische autochthone Bevölkerung. Die wohl älteste Burg des Deutschen Ordens entstand 1237 mit der „Cruczeborch“ (Kreuzburg) auf dem rechten Dünaufer im Gebiet der Selen (Selonen), im Herrschaftsgebiet Jersika (Burg und Stadt an der Düna). Flussabwärts existierte im 13. Jahrhundert außerdem ein befestigter Platz an der Stelle des späteren Friedrichstadt, der zu dieser Zeit von Mitgliedern des Schwertbrüderordens zerstört wurde. Unter Konrad von Mandern (um 1232–vermutl.1295) erbauten Ritter des Deutschen Ordens auf einer von der ansässigen semgallischen Bevölkerung befestigten Aa-Insel 1265/66 das Schloss Mitau. Von hier aus unterwarfen sie 1290 die Liven und Semgaller und wehrten litauische Angriffe ab. Schon 1254 wird die Siedlung Dobele, damals Stützpunkt der aufständischen Semgaller, erwähnt. Der befestigte Platz widerstand 1280 und 1289 Angriffen des Ordens unter Konrad von Feuchtwangen (vor 1230–1296) und Konrad von Hattstein (gest. 1290). Nach der Verwüstung des Umlandes zogen die Semgaller 1290 auf litauisches Gebiet ab. Im 14. Jahrhundert errichtete der Orden an der Stelle der semgallischen Befestigung eine Burg zur Abwehr der Litauer und zur Kontrolle der lokalen Bevölkerung. Am Zusammenfluss von Mūsa und Mēmele zur Kurländischen Aa errichtete er 1443 mit gleicher Funktion die Burg Bauske.

Stadtansicht Bauske im Jahr 1659 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 130937].
Stadtansicht Bauske im Jahr 1659 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 130937].
Burgenkarte Est- und Lettlands von Armin Tuulse [aus: Armin Tuulse: Die Burgen in Estland und Lettland. Dorpat 1942. BKGE-Bibliothek, Signatur 13K101.C4].
Burgenkarte Est- und Lettlands von Armin Tuulse [aus: Armin Tuulse: Die Burgen in Estland und Lettland. Dorpat 1942. BKGE-Bibliothek, Signatur 13K101.C4].

Um die Burgen herum entstanden Siedlungen, die sich bald zu stadtähnlichen wirtschaftlichen Zentren mit einer aus Handwerkern und Kaufleuten bestehenden Bevölkerung entwickelten. Außer Mitau, Bauske und Doblen ist zu diesen Zentralorten auch das 1253 erwähnte Tuckum zu zählen (1445 als Marktflecken genannt). Die Landwirtschaft behielt die auf der semgallischen Familien- und Sippenwirtschaft aus der Zeit vor der Eroberung basierenden Strukturen bei. Allmählich etablierten sich dort auch ritterliche Vasallengüter, die die semgallischen Bauernhöfe verdrängten oder deren Besitzer zu abhängigen Hintersassen machten. Dieser landwirtschaftliche Wandel war mit dem 14. Jahrhundert abgeschlossen.

Neuzeit

Gotthard Kettler, letzter Landmeister des Deutschen Ordens in Livland und ab 1561 erster Herzog von Kurland und Semgallen, und seine Frau Anna von Mecklenburg-Güstrow [Foto: Wikimedia Commons].
Gotthard Kettler, letzter Landmeister des Deutschen Ordens in Livland und ab 1561 erster Herzog von Kurland und Semgallen, und seine Frau Anna von Mecklenburg-Güstrow [Foto: Wikimedia Commons].

Nach der Teilung des livländischen Ordenslandes 1561 unterstanden die Gebiete südlich der Düna den Herzögen von Kurland und Semgallen.

Das 17. Jahrhundert stand im Zeichen eines Konfliktes zwischen dem nach absolutistischer Herrschaft strebenden Herzog und dem kurländischen Adel. Die Herzöge versuchten die mittelalterliche Ständeordnung zu unterlaufen und eine merkantilistische Wirtschafts- und Finanzpolitik zu etablieren, die vor allem die Stadtwirtschaft und das Manufakturwesen begünstigte, und suchten den Schulterschluss mit den nichtadligen Bevölkerungsgruppen. In den semgallischen Gebieten erhielten 1573 Mitau, 1609 Bauske, 1647 Friedrichstadt und 1670 Jakobstadt Stadtrechte. Mitau wurde 1578 Residenz des Herzogtums Kurland und Semgallen (während der Teilung des Herzogtums 1596–1617: des Herzogtums Semgallen). Die Stadt entwickelte sich zum wichtigsten gewerblichen und kommerziellen Zentrum Semgallens und des Gesamtherzogtums.

Die Kriege des 17. Jahrhunderts gingen mit hohen Bevölkerungsverlusten infolge von Zerstörungen, Besetzungen, Einquartierungen und Seuchen einher. Nach dem Großen Nordischen Krieg (1700–1721) gerieten Kurland und Semgallen zunehmend unter den Einfluss Russlands, das 1721 zum Oberherrn der benachbarten, vormals schwedischen, Gouvernements Livland und Estland geworden war. Die zweite Frau des russischen Zaren Peter I., Katharina I. (1686–1727), stammte aus Jakobstadt, ihre Nachkommen waren im 18. Jahrhundert eng mit Kurland-Semgallen verbunden und bestimmten entscheidend die prorussische Außenpolitik und Wirtschaft des Herzogtums.

Die Französische Revolution und die napoleonischen Kriege fanden in Kurland-Semgallen ihren östlichsten Widerhall: 1789 forderten Mitauer Stadtbürger, inspiriert von den Pariser Ereignissen, mehr Rechte. Der spätere König Louis XVIII. von Frankreich (1755–1824), der zu den Exilanten der Französischen Revolution gehörte, wohnte 1798–1801 und 1804–1807 im Mitauer Schloss. 1812 diente Mitau während Napoleons Russlandfeldzugs von Juli bis Dezember als Sitz des Befehlshabers der mit ihm verbündeten preußischen Truppen, General Ludwig Yorck von Wartenburg (1759–1830). Die Jahrhundertwende um 1800 war außerdem eine Zeit administrativer Veränderungen. Dabei erhielten Mitau, Friedrichstadt und Tuckum 1795 im Rahmen der Stadtreformen Katharinas II. (1729–1796) den Status einer Kreisstadt.

Stadtansicht Mitau vor 1945 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 191094].
Stadtansicht Mitau vor 1945 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 191094].

Das 19. Jahrhundert war in vielen semgallischen Städten, wie überhaupt in den Städten des Gouvernements Kurland, durch Industrialisierung, Urbanisierung und Lettisierung gekennzeichnet. Mitau entwickelte sich zum Zentrum lettischer Zuwanderer vom Land, die sich hier als Händler, Handwerker, Lehrer und Beamte betätigten. Bis zum Ersten Weltkrieg (1914) war die Stadt auf rund 45.000 Einwohner angewachsen, der größte Teil Letten. Einer der wichtigsten Faktoren für Urbanisierung und Industrialisierung und die damit verbundene soziale Mobilität war der russländische Eisenbahnbau: 1868 wurde Mitau an die Eisenbahnlinie nach Riga/Rīga angeschlossen, 1873 folgte eine Verbindung nach Mežeikiai, 1877 eine Linie Riga–Tuckum. Besonders die Verbindung mit Riga brachte einen Aufschwung des Mitauer Handels mit sich. Auch der innere Ausbau der Städte schritt voran: Pflasterung, Straßenbeleuchtung und Elektrifizierung gehörten ab den 1860er Jahren zum üblichen Bild vieler semgallischer Städte. Der Erste Weltkrieg brachte im August 1915 die Besetzung Mitaus, Tuckums und Bauskes durch deutsche Truppen. Gleichzeitig kam es zu Zwangsevakuierungen der Stadtbevölkerung.

Zeitgeschichte

Während des lettischen Unabhängigkeitskrieges 1918–1920 war Mitau (jetzt offiziell Jelgava) Schauplatz der Auseinandersetzungen kommunistischer, deutschbaltischer, reichsdeutscher und lettischer Verbände. Ab Juli 1919 nutzte die Baltische Landeswehr Jakobstadt (jetzt offiziell Jēkabpils) als Basis für eine Verteidigungsstellung nach Osten.

In der Zwischenkriegszeit ging der Ausbau der Städte weiter. Jelgava avancierte zu einer der großen Städte Lettlands, Auce erhielt 1924, Dobele 1925 das Stadtrecht. Eine neue Bahnstrecke von Jelgava nach Libau/Liepāja schloss Dobele 1927 an das lettische Eisenbahnnetz an. In Jakobstadt entstand 1932 eine Zuckerfabrik, 1936 eine Brücke mit Schmalspurverbindung nach Krustpils. Die lettische Agrarreform (1920) führte zur Enteignung zahlreicher großer landwirtschaftlicher Betriebe, insbesondere des traditionellen deutschen Gutsbesitzes.

Der Hitler-Stalin-Pakt (1939) erzwang die Umsiedlung eines großen Teils der deutschen Bevölkerung ins Deutsche Reich. 1940 – wie ganz Lettland – von der UdSSR besetzt, geriet Semgallen 1941 unter deutsche Besatzung. Ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung, vor allem in den größeren Städten, wurde, teilweise mit Hilfe der lettischen Polizei, ermordet. Schwere Zerstörungen erfuhr Semgallen 1944 während des Vormarschs der Roten Armee nach Westen.

Nachdem Anfang März 1945 die deutsche Zivilverwaltung in Kurland aufgelöst und die selbständige „Republik Lettland“ ausgerufen worden war, übernahm die lettische Zivilverwaltung wieder die Administration. Die nach Kriegsende zwangsweise erfolgte Integration Lettlands in die Sowjetunion führte auch in Semgallen zu einer Sowjetisierung des Alltags, die im ersten Jahrzehnt noch durch die lettische Widerstandsbewegung („Waldbrüder“) und die Notwendigkeit des Wiederaufbaus gehemmt war. Bestimmend für die Sowjetherrschaft (1945–1990) waren Militarisierung und forcierte Industrialisierung. Die dem Wiederaufbau sowie der Verteidigungsfähigkeit dienende Industrialisierung brachte einen starken russischsprachigen Bevölkerungsanteil aus anderen Teilen der Sowjetunion nach Semgallen.

Nach der Unabhängigkeit Lettlands 1991 wurden viele Industriebetriebe unrentabel, andere Wirtschaftszweige traten in den Vordergrund. In Mitau setzte man auf den Ausbau von Tourismus und Forschung. Der Beitritt zur Europäischen Union und zur NATO, die Einführung des Euro sowie die Integration in den Schengen-Raum brachten neue internationale Verbindungen mit sich, darunter eine Reihe von Städtepartnerschaften – davon in Deutschland: Jelgava – Herford (seit 2000), Tukums – Scheeßel (seit 1992), Dobele – Schmölln (seit 1993) und Jēkabpils – Melle (seit 1994).

Verwaltung

Im Mittelalter war das Deutschordensland mit Semgallen in Komtureien gegliedert. Zentralort für bäuerliche Abgaben war jeweils eine Gemeinde (lett. pagasts), die für die Bauern vor Abschaffung der Leibeigenschaft (19. Jahrhundert) keine administrative, sondern nur juristische Befugnisse hatte. Nach Entstehung des Herzogtums Kurland und Semgallen (1561) bestanden zehn von der herzoglichen Verwaltung administrierte Kreise, die im Rahmen des russländischen Gouvernements Kurland (1795–1917) weiter existierten. Die Republik Lettland schuf mit der Verwaltungsreform von 1924 drei Kreise (lett. apriņķi) mit den Zentren Jelgava, Bauska und Jēkabpils, die sich wiederum in Gemeinden (lett. pagasti) untergliederten. Mit der Sowjetisierung stieg die Zahl der Landkreise (russ. rajons), bevor die sowjetische Regierung die Gemeinden 1949 abschaffte. Im Rahmen des sowjetischen Umbaus der traditionell individuellen und kleinteiligen Landwirtschaft in eine Kolchoswirtschaft und der allgemeinen Zentralisierung der Verwaltung entstanden schließlich Städte, Arbeitersiedlungen und Siedlungen ohne übergeordnete Territorialgliederung. Im Zeichen der Perestrojka (dt. Umgestaltung) erfolgte 1990 der Versuch einer Reform, indem die Gemeinden wieder eingerichtet wurden. Unter demokratischen Vorzeichen führte die Regierung 1999 eine einstufige Verwaltungsgliederung ein, die Lettland in 26 Kreise (lett. rajoni) teilte. In Semgallen bestanden auf diese Weise bis zum 1. Juli 2009 die Kreise Bauskas rajons, Dobeles rajons, Jēkabpils rajons, Jelgavas rajons und Tukuma rajons. 2009 schuf eine erneute Verwaltungsreform sog. Republik-Städte mit entsprechenden Verwaltungsbezirken (lett. novads). Im Bereich Semgallens sind dies: Auces novads mit der Stadt Auce, Bauskas novads mit der Stadt Bauska, Dobeles novads mit der Stadt Dobele, Jaunjelgava mit der Stadt Jaunjelgavas novads, Jēkabpils novads ohne die Stadt Jēkabpils, Jelgavas novads ohne die Stadt Jelgava, Tukuma novads mit der Stadt Tukums – jede dieser Städte hatte zwischen sechs und 13 umliegende Landgemeinden.

Bevölkerung und Wirtschaft

Eine historisch-demographische Erfassung Semgallens steht vor methodischen Problemen. Zwar fanden 1797, 1798, 1803, 1811, 1815/16, 1834/1835, 1850 und 1857/1858 sog. Seelenrevisionen statt, die jedoch nur die männliche Bevölkerung erfassten und selbst in diesem Rahmen teilweise unvollständig waren. Auch die erste gesamtrussländische Volkszählung von 1897 mit Angaben zu Semgallen litt an diesen Mängeln. So lebten etwa nach der Seelenrevision von 1797 in Bauske 937 Menschen (d. h. Männer, davon 504 als deutsch gekennzeichnete). Die Volkszählung von 1897 verzeichnet für dieselbe Stadt 2.984 „Letten“, 2.745 „Juden“, 536 „Deutsche“ und eine kleinere Anzahl „Polen“, „Russen“ und „Litauer“. Erst im 20. Jahrhundert liegen für alle Bevölkerungsteile umfassende Zählungen vor. Im Januar 2006 lebten in Semgallen 286.408 Einwohner. Eine Tendenz zur Abwanderung insbesondere jüngerer Menschen aus der Region führt zur progressiven Überalterung. Der nationalen Zugehörigkeit (definiert per Selbstauskunft über die „Muttersprache“) nach gliedert sich die Bevölkerung Semgallens heute folgendermaßen: Letten 67,8 Prozent, Russischsprachige (meist ehemalige Sowjetbürger) 19 Prozent (davon ca. ein Drittel in Jelgava), Weißrussen 4,64 Prozent, Litauer 3,2 Prozent (v. a. in den Grenzregionen), andere (Polen, Ukrainer etc.) 5,3 Prozent.

Einwohnerzahlen 2014: Jelgava 62.447, Jēkabpils 24.839, Tukums 19.192, Dobele 10.540, Bauska 9.528, Auce 2.850, Jaunjelgava 2.183, Viesīte 1.773, Aknīste 1.172, Subate 721. [3]

Seit der Unabhängigkeit Lettlands ab 1991 sind neue, z. T. international verflochtene Industriezweige entstanden (die Wartungsfirma für Schienenverkehr EuroMaintRail z. B. betreibt in Jelgava eine Komponentenwerkstatt). Die semgallische Wirtschaft setzt seit den 1990er Jahren vermehrt auf Dienstleistungen, Wissenschaft und Tourismus.

Militärgeschichte

Wie das gesamte livländische Territorium war auch Semgallen von zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt. Einschnitte waren das 12. Jahrhundert (Eroberung des Landes durch Ordensritter), der Livländische Krieg (1558–1584), die schwedisch-polnischen Kriege (1600–1629, 1654–1661), der Große Nordische Krieg (1700–1721), der Russlandfeldzug Napoleons (1812), der Erste Weltkrieg (1914–1917), der lettische Unabhängigkeitskrieg (1918–1920) und der Zweite Weltkrieg (1940–1945).

Religions- und Kirchengeschichte

Evangelische Kirche Tuckum um 1935 [Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 113082].
Evangelische Kirche Tuckum um 1935 [Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 113082].
Russische Kirche Tuckum vor 1917 (Feldpost) [Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 90511].
Russische Kirche Tuckum vor 1917 (Feldpost) [Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 90511].
Grabmale auf dem jüdischen Friedhof in Mitau, um 1938 [Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 147938].
Grabmale auf dem jüdischen Friedhof in Mitau, um 1938 [Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 147938].

In vorchristlicher Zeit praktizierte die semgallische Bevölkerung eine Religion, die dem baltischen religiösen Muster mit naturreligiösen Elementen entsprach. Nach der Eroberung durch Ritterorden und Kirche fand eine langsame Katholisierung nach norddeutschem Muster statt. Die Reformation setzte sich im 16. Jahrhundert zunächst in den Städten, dann auch auf dem Land durch, wobei ein gewichtiger Teil der Bevölkerung katholisch blieb bzw. von einheiratenden polnischen und litauischen Familien katholisch geprägt wurde. Ende des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts wanderten kleinere Gruppen russischer Altgläubiger (v. a. Fedoseevcy) ein, deren isolierte Siedlungen teilweise bis zum Ersten Weltkrieg bestanden. Das 18. Jahrhundert brachte eine pietistische Bewegung und die Entstehung von Freimaurerlogen (v. a. in Mitau) mit sich. Die kurländische Regierung tolerierte seit 1763 und legalisierte 1799 die Ansiedlung von Juden in größeren Ortschaften. Seit den 1860er Jahren betrieb die evangelische Synode eine forcierte Judenmission; im Ersten Weltkrieg wurden Juden ausgewiesen. Sie kehrten in der Zwischenkriegszeit zurück, bis der Holocaust zu ihrer fast vollständigen Vernichtung führte. Die Russisch-Orthodoxe Kirche erreichte durch gezielte Missionsbemühungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts teilweise Konversionen zur Orthodoxie. Mit der Rückbesinnung der lettischen Nationalbewegung auf die vorchristlich-semgallische (lettische) Religion seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging eine partielle Entchristlichung einher. Die Sowjetzeit stand im Zeichen atheistischer Propaganda. Die Unabhängigkeit der 1990er Jahre brachte zunächst einen gewissen Erfolg neoprotestantischer Missionsbemühungen (Evangelisten, Baptisten, Pfingstgemeinden, Adventisten u. a.) in den Städten mit sich. Die heutige konfessionelle Struktur ist von verbreitetem Agnostizismus, einem schwachen Einfluss des Protestantismus und Katholizismus und wenigen jüdischen und russisch-orthodoxen Gemeinden gekennzeichnet.

Kulturelle Institutionen, Bildung und Wissenschaft

Als Residenz der Herzöge von Kurland und Semgallen spielte Mitau in Bildung und Wissenschaft eine herausragende Rolle. 1775 gründete Herzog Peter von Biron hier nach Plänen des dänischen Architekten Severin Jensen (1723–1809) die „Academia Petrina“, an der Persönlichkeiten wie die Mathematiker Wilhelm Gottlieb Beitler (1745–1811) und Magnus Georg Paucker (1787–1855) und der Naturkundler Johann Jacob Färber (1743–1799) als Dozenten wirkten. Für die lettische Nationalbewegung wichtige Absolventen waren der Folklorist Krišjānis Barons (1835–1923), der Dichter Juris Alunāns (1832–1864) und der Dramatiker Adolfs Alunāns (1848–1912). Heute ist im Gebäude der ehemaligen Akademie das Ģ. Eliass Museum für Geschichte und Kunst der Stadt Jelgava (lett. Ģ. Eliasa Jelgavas Vēstures un mākslas muzejs) mit Exponaten zur Regionalkultur von Kurland und Semgallen untergebracht.

Kurländisches Provinzialmuseum Mitau, vor 1918 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 191110].
Kurländisches Provinzialmuseum Mitau, vor 1918 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 191110].
Aufriss der Academia Petrina in Mitau im Kurländischen Provinzialmuseum Mitau [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 174553].
Aufriss der Academia Petrina in Mitau im Kurländischen Provinzialmuseum Mitau [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 174553].

1815 gründeten deutsche Bürgerliche und Adlige die Kurländische Gesellschaft für Literatur und Kunst und 1818 das Kurländische Provinzialmuseum. Die ebenfalls von Deutschen gegründete Mitauer Lettische Literärische Gesellschaft zur Erforschung der Sprache, Volkslieder und Kultur der Letten unter August Johann Bielenstein (1826–1907) folgte 1824. In Bauske existierte im 19. Jahrhundert neben einem privaten Mädcheninternat und einem jüdischen geistlichen Seminar eine lettische Kommerzschule. Weiteren Ausbau brachte die Zwischenkriegszeit: In Auce befand sich seit 1920 eine Versuchsstation der Universität Lettlands, in Kautzmünde/Kaucminde eine Schule für Landwirtschaft. 1939 erhielt Jelgava eine Lettische Agrarwirtschaftliche Universität, die bis heute besteht. Gymnasien, Mittelschulen, Erwachsenenbildungsstätten, Kunst-, Musik- und Sportschulen existieren in allen größeren Städten Semgallens. Zentrale Bildungsfunktion besitzen weitere Museen in Jelgava, darunter auch das Museum der Agrarwirtschaftlichen Hochschule und das Schlossmuseum.

Zitation

Ralph Tuchtenhagen: Semgallen. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2017. URL: http://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p51108 (Stand 07.04.2017).

Regionalismus

Der kurländisch-semgallische Pastor und Baltist Gotthard Friedrich Stender (1714–1796) bemerkte in seiner Lettischen Grammatik (1783), dass das Lettische u. a. in Mitau und Bauske am reinsten erhalten, d. h. wenig vom Polnischen, Russischen oder Deutschen beeinflusst sei. Mit dieser Feststellung erheischte die semgallische Sprache die Aufmerksamkeit der lettischen Nationalbewegten, obwohl bis heute kein Text in semgallischer Sprache existiert. Dies erklärt wohl z. T., warum Semgallen zwar in der Verfassung Lettlands als eine der lettischen „Urlandschaften“ angesehen wird, zumal archäologische Funde eine semgallische Sonderkultur belegen und die Geschichte des kurländisch-semgallischen Herzogtums ein eigenständiges politisches Bewusstsein nahelegt, ein semgallischer Regionalismus kulturell aber bis heute kaum eine Rolle spielt. Dazu hat auch das Fehlen anderer typischer Elemente der Regionalkultur (regionale Erzählungen, Folklore, Feste etc.) beigetragen. Indiz einer (von der Politik gewollten) regionalen Identität stellt das Landschaftswappen für Semgallen (Elch) dar, das auf unterschiedlichen Produkten als Etikettelement auftaucht oder bei politischen Manifestationen eine Rolle spielt.

Kunstgeschichte

In der Ordenszeit und während der Neuzeit entstanden Burgen und Gutshäuser („Schlösser“), die nach Gründung der Republik Lettland teils im Zeichen der lettischen Nationalbewegung restauriert, teils im Zuge der lettischen Agrarreform von 1920 und der Sowjetisierung der Jahre nach 1945 nationalisiert und anderen Funktionen zugeführt wurden. Größere architektonische Komplexe stellen die Schlösser in Mitau, Ruhenthal/Rundāle, Mesothen/Mežotne und Kautzemünde/Saulaine dar.

Ostflügel von Schloss Ruhenthal/Rundāle [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 252672].
Ostflügel von Schloss Ruhenthal/Rundāle [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 252672].
Goldener Saal im Schloss Ruhenthal [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 252518].
Goldener Saal im Schloss Ruhenthal [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 252518].

Ruhenthal, ein Werk des italienischen Architekten Bartolomeo Rastrelli (1700–1771) im Versailler Barockstil, entstand zwischen 1736 und 1740 als Sommerresidenz für Herzog Ernst Johann von Biron (1737–1740 und 1763–1769) und ist seit 1920 in staatlichem Besitz. Es wird heute unter anderem für Staatsempfänge genutzt. Das Schloss von Mitau wurde nach Abriss der aus dem 14. Jahrhundert stammenden Ordensburg ab 1737 ebenfalls nach Plänen Rastrellis gebaut. Es diente als Residenz der kurländisch-semgallischen Herzöge und Gouverneure und als Residenz der späteren Zarin Anna (1730–1741).

Schloss Mesothen 2011 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 257458].
Schloss Mesothen 2011 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 257458].
Kuppelsaal von Schloss Mesothen 2006 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 257493].
Kuppelsaal 2006 [Foto:Herder-Institut Marburg Bildarchiv Inv. Nr. 257493].

Das im klassizistischen Stil für Charlotte von Lieven (1743–1828), Gouvernante der Kinder des russländischen Zaren Paul I., Alexander und Konstantin, erbaute Schloss Mesothen des italienischen Architekten Giacomo Quarenghi (1744–1817) entstand 1797–1802. Es wurde von der Familie Lieven bis 1921 bewohnt, mit der lettischen Agrarreform enteignet und nach Kriegszerstörungen (1919, 1944) 1958–1996 restauriert. Heute ist es in Staatsbesitz und wird als Repräsentationsgebäude genutzt.

Herrenhaus Kautzemünde 2012 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 256393].
Herrenhaus Kautzemünde 2012 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 256393].
Herrenhaus Kautzemünde 2012 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 256383].
Herrenhaus Kautzemünde, ehemalige Schule für Landwirtschaft 2012 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 256383].

Das frühklassizistische Schloss von Kautzmünde/Saulaine entstand Ende des 18. Jahrhunderts als Sitz des kurländischen Gutsbesitzers und Außenministers des Russländischen Reiches Graf Ludwig von der Pahlen (1745–1826). Nach Gründung der Republik Lettland war hier eine Schule für Landwirtschaft untergebracht.

Herrenhaus Grünhof [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 135247].
Herrenhaus Grünhof [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 135247].
Schloss Waldeck [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 148269].
Schloss Waldeck [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 148269].

Bedeutende Gutsschlösser sind: Grünhof (lett. Zaļenieki), Landsitz der kurländisch-semgallischen Herzöge aus dem Jahr 1562; Bornsmünde (lett. Bornsminde), eines der wenigen Güter Lettlands, das sich mehr als vier Jahrhunderte (Ende 15. Jahrhundert bis 1920) im Besitz eines Geschlechts, der op dem Hamme, genannt von Schoeppingk, befand; Waldeck (lett. Valdeka), das im 17. Jahrhundert als Jagdschloss der Familie von der Rekke im romanisch-gotischen Stil gebaut, im 19. Jahrhundert umgebaut wurde und heute der Agrarwissenschaftlichen Universität von Jelgava angehört.

Baugeschichtlich bedeutend ist die seit den 1990er Jahren rekonstruierte, aus Gebäuden des 18. und 19. Jahrhundert bestehende Altstadt von Mitau.

In den Schlössern, Gutshäusern und im Geschichts- und Kunstmuseum des heutigen Jelgava befinden sich zahlreiche Exponate zur Geschichte und Kunst Semgallens. Aus älterer Zeit sind die Schnitzarbeiten der Gebrüder Johann und Tobias Heintz (1590–1617) in der Mitauer St.-Trinitatis-Kirche erwähnenswert. Bedeutende Künstlerpersönlichkeiten Semgallens waren der Porträtist Friedrich Hartmann Barisien (1724–1769), die Malerin Anna Louise von Berner (1795–1868), der Maler, Restaurator und Kulturhistoriker Julius Döring (1818–1898), der Landschaftsmaler Julius Woldemar Fedders (1838–1909), der Architekt Oskar Alexander Johann Baar (1848–1914), und der Zeichner Wilhelm Siegfried Stavenhagen (1814–1881). Außer diesen deutschen Künstlern sind die Maler Johann Walter-Kurau (eigentl. Jānis Valters, 1869–1932), Jānis Plase (1892–1923) und Karlis Baltgailis (1893–1979) zu nennen.

Musik und Theater

Der erste namhafte Vertreter kurländisch-semgallischer Musikkultur war der deutsche Komponist und Violinist Franz Adam Veichtner (1741–1822), der 1765 als Konzert- und Kapellmeister an den Mitauer Herzogshof kam. Aus Mitau stammen außerdem der Pianist und Freund Carl Philipp Emanuel Bachs (1714–1788) Dietrich Ewald von Grotthuß (1751–1786) und die Liederdichterin Julie von Hausmann (1826–1901). Nach dem Ende der Herzogsperiode entstanden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Städten deutsche und lettische musikalische Vereine (v. a. Chöre wie die Mitauer Liedertafel), die bis in die Zwischenkriegszeit das musikalische Leben prägten. Auf dem Land existierte eine lange Tradition bäuerlicher Gebrauchsmusik. Der zwischenkriegszeitliche und sowjetische Kulturzentralismus verhinderte eine ausgeprägt regionale Musikkultur Semgallens. Im Gegenzug hat der aus Jelgava stammende Sänger Renārs Kaupers (geb. 1974) einen internationalen Ruf erlangt. Semgallen ist heute Schauplatz internationaler Musikveranstaltungen: In der Burg von Bauske und im Schloss Ruhenthal finden jedes Jahr im Sommer Festivals für alte Musik statt.

Die semgallische Theaterkultur ist besonders mit dem Hof Herzog Ernst Johanns von Biron verbunden. Im 19. Jahrhundert entstand ein deutsches Theater in Mitau. Aus dieser Stadt stammte der erste große Schauspieler und Gründer des lettischen Theaters, Ādolfs Alunāns (1848–1912). Ihm zu Ehren hat Jelgava ein Museum (Ādolfa Alunāna memoriālais muzejs) eingerichtet, das bis heute existiert.

Buch-, Druck- und Mediengeschichte

Buchdruckerei Steffenhagen im Haus Raina iela 12 (Grünhofsche Straße/Ecke Kannengießer Straße) in Mitau um 1938 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 147831].
Buchdruckerei Steffenhagen im Haus Raina iela 12 (Grünhofsche Straße/Ecke Kannengießer Straße) in Mitau um 1938 [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 147831].
Titelblatt "Liefländisches Magazin der Lektüre" von 1782. Mitau: Hochfürstl. Kurl. Hofbuchdruck Johann Friedrich Steffenhagen [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 114504].
Titelblatt "Liefländisches Magazin der Lektüre" von 1782. Mitau: Hochfürstl. Kurl. Hofbuchdruck Johann Friedrich Steffenhagen [Foto: Herder-Institut Marburg, Bildarchiv Inv. Nr. 114504].

Seit 1660 betrieb Michael Karnahl die erste kurländisch-semgallische Hofbuchdruckerei in Mitau. Für das 18. Jahrhundert ist der Verlag von Johann Friedrich Hartknoch (1740–1789) bekannt, in dem die frühen Werke von Immanuel Kant (1724–1804) und Johann Gottfried Herder (1744–1803) erschienen. Die Academia Petrina betrieb eine Buchhandlung, eine öffentliche Bibliothek sowie auch eine Druckerei (Druckerei Steffenhagen). Sie gab auch den Anstoß zur ersten gelehrten Zeitung Kurlands und Semgallens, der Mitauschen Politischen und Gelehrten Zeitung, die im Gründungsjahr der Akademie (1775) erstmals veröffentlicht wurde. Schon vorher hatte Christian Liedtke (1733–1766) begonnen, die Mitauischen Nachrichten von Staats-, gelehrten und einheimischen Sachen herauszugeben. 1819–1939 erschienen die Sitzungsberichte der Kurländischen Gesellschaft für Literatur und Kunst. Die Mitauer Lettische Literarische Gesellschaft gab 1822–1915 die Wochenzeitung Latviešu avīzes (Lettische Zeitung) und 1903–1905 die Monatszeitschrift Vērotājs („Der Beobachter“) heraus. 1901–1903 bestand, ebenfalls in Mitau, die lettisch-patriotische Zeitschrift Tēvija („Vaterland“). Die Zwischenkriegszeit und die Sowjetperiode waren von einem starken Medienzentralismus geprägt, der für regionale Aktivitäten wenig Spielraum ließ. Von Bedeutung war der Schriftsteller, Übersetzer und Verleger Johannes von Guenther (1886–1973) aus Mitau. Heute bestehen als wichtigste Zeitungen die Novaja Gazeta, Zemgales Ziņa, Zemgales Ziņas (alle Jelgava), Bauskas Dzive (Bauska), Večernye Vesti (Tukums) sowie Briva Daugava (Jēkabpils, gegr. bereits 1940). Zentraler Sender für die Region ist „Radio Zemgale“.

Gedächtnis- und Erinnerungskultur

Eine auf ganz Semgallen gerichtete Memorialkultur existiert kaum. Ein historisches Kuriosum ist, dass die für eine mögliche regionale Identität Kurlands und Semgallens einschlägige Biermarke „Mitava Gaisais Alus“ (seit 2008) mit dem Wappensymbol Jelgavas und Semgallens, dem Elchkopf, auf dem Etikett nicht in Jelgava, sondern in Wenden/Cēsis, d. h. im Landesteil Livland/Vīdzeme, hergestellt wird. Die Memorialkultur orientiert sich überwiegend an einzelnen Persönlichkeiten. Zwischen Nereta und Aknīste befindet sich z. B. das „Riekstiņi“-Museum für den Schriftsteller Jānis Jaunsudrabiņš (1877–1962). In Tadenava nahe Jēkabpils wurde ein Museum für den lettischen Nationaldichter Jānis Rainis (1865–1929) eingerichtet.

4. Bibliographische Hinweise

Quellen

  • August Bielenstein: Ein glückliches Leben. Selbstbiographie. Riga 1904. Erweiterte Neuausgabe Michelstadt 2002.
  • Herbord Karl Friedrich von Bienenstamm: Neue geographisch-statistische Beschreibung des kaiserlich-russischen Gouvernements Kurland oder der ehemaligen Herzogtümer Kurland-Semgallen mit dem Stifte Pilten (durchgesehen von E. A. Pfingsten). Mitau, Leipzig 1841.
  • Valda Kvaskova (Hg.): Kurzemes hercogienes Dorotejas vēstules [Briefe der Herzogin Dorothea von Kurland]. Riga 1999 (Latvijas Valsts Vēstures Arhīvs. Historisches Staatsarchiv Lettlands. Vēstures avoti II. Historische Quellen II).
  • Erwin Oberländer, Volker Keller (Hg.): Kurland. Vom polnisch-litauischen Lehnsherzogtum zur russischen Provinz. Dokumente zur Verfassungsgeschichte 1561–1795. Paderborn u. a. 2008.

Bibliographien

  • Volker Keller: Bibliographie der Forschungen zur Geschichte des Herzogtums Kurland 1990–2000. In: Erwin Oberländer, Ilgvars Misāns (Hg.): Das Herzogtum Kurland. Verfassung, Wirtschaft, Gesellschaft. Bd. 2, Lüneburg 2001, S. 295–301.

Literatur

  • Dainis Bruģis: Historisma pilis Latvijā [Historische Burgen in Lettland]. Rīga 1997.
  • Dainis Bruģis: Die Herrenhäuser des Neoklassizismus in Lettland und ihre stilistischen Wurzeln in der Baukunst von Kurland und Livland. In: Günter Krüger (Hg.): Klassizismus im Baltikum. Neun Beiträge zum 5. Baltischen Seminar 1993. Lüneburg 2008 (Baltische Seminare 3), S. 127–159.
  • Dainis Bruģis: Die Herrenhäuser Lettlands während der Zeit der Ersten Lettischen Republik (1918–1940) und unter der Sowjetherrschaft (1940–1991). In: Ilse von zur Mühlen (Hg.): Glanz und Elend. Mythos und Wirklichkeit der Herrenhäuser im Baltikum. Lindenberg im Allgäu 2012, S. 128–147.
  • Suzanne Champonnois, François de Labriolle (éd.): Dictionnaire historique de la Lettonie. Crozon 2001.
  • Walter Eckert: Kurland unter dem Einfluss des Merkantilismus (1561–1682). Ein Beitrag zur Verfassungs-, Verwaltungs-, Finanz- und Wirtschaftsgeschichte Kurlands im 16. und 17. Jahrhundert. Riga 1926.
  • Andrew Ezergailis: The Holocaust in Latvia 1941–1944: The Missing Center. Ed. by the Historical Institute of Latvia, in Association with the United States Holocaust Memorial Museum. Riga 1996.
  • Hans Feldmann, Heinz von zur Mühlen (Hg.): Baltisches historisches Ortslexikon. Teil 2: Lettland (Südlivland und Kurland). Köln 1990.
  • Astrīda Iltnere (Hg.): Latvijas Pagasti. Enciklopēdija [Lettlands Pagasti. Enzyklopädie]. Rīga 2002.
  • Löwis of Menar, Karl von: Burgenlexikon für Alt-Livland. Riga 1922.
  • Erwin Oberländer, Ilgvars Misāns (Hg.): Das Herzogtum Kurland. Verfassung, Wirtschaft, Gesellschaft. 2 Bde. Lüneburg 1993, 2001.
  • Wilhelm Räder: Die Lehrkräfte an den deutschen Schulen Kurlands 1805–1860. Lüneburg 1991.
  • Heinrihs Strods: Kurljandskij vopros v XVIII veke [Die kurländische Frage im 18. Jahrhundert]. 2 Bde. Riga 1993.
  • Teodors Zeids: Kurzemes hercogistes historiogrāfijā [Die Geschichtsschreibung über das Herzogtum Kurland], in: Latvijas Vēstures Institūta Žurnāls 2 (1994), S.16–20.
  • Žiemgaliai. The Semigallians. Baltic archaeological Exhibition Catalogue. Hg. v. Lietuvos nacionalinis muziejus, Latvijas Vēstures muzejs. Rīga 2005.

Weblinks

Anmerkungen

[1] Kaziemieras Būga: Rinktiniai raštai [Ausgewählte Werke], 3 Bde., Vilnius 1958–1962; Jānis Endzelīns: Lettische Ortsnamen, o.O. o.J.

[2] Erwähnt bei Jānis Endzelīns: Die lettischen Gewässernamen, o.O. o.J, S.115–150.

[3] Einwohnerstatistik vom 1. Juli 2014 (PDF): www.pmlp.gov.lv/ (Abruf 09.03.2017).


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