OME-Lexikon

Altostdeutsch

1. Definition

‚Altostdeutschland‘ ist eine Sammelbezeichnung für die historischen preußischen Ostprovinzen sowie – in einem weiteren Sinne – auch für die Siedlungsgebiete von Deutschen in Ostmittel-, Südost- und Osteuropa.

2. Genese

Begriff

Im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung 1989/90 entstand eine Doppelbelegung des bis dahin geläufigen Begriffs ‚Ostdeutschland‘. Dieser wurde nun nicht mehr nur für das historische Ostdeutschland, also die vor 1945 von Deutschen bewohnten preußischen Ostprovinzen jenseits von Oder und Lausitzer Neiße, sowie für die Siedlungsgebiete von Deutschen im östlichen Europa gebraucht, sondern – nach erfolgtem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes – zunehmend auch für die neuen (östlichen) Bundesländer der erweiterten Bundesrepublik Deutschland. Dies führte zunehmend zu Missverständnissen.

Vor diesem Hintergrund wurde 1990 von dem Stuttgarter Historiker und schlesischen Landeshistoriker Norbert Conrads der Neologismus „Altostdeutschland“ und davon abgeleitet „altostdeutsch“ eingeführt, um den historisch-politischen Raum zu beschreiben, in dem sich Geschichte und Kulturgeschichte der Deutschen im östlichen Europa abgespielt haben. Die Begriffsbildung erfolgte explizit in Anlehnung an den von dem Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt (1818-1897) stammenden Begriff „Alteuropa“, mit dem Burckhardt insbesondere die untergegangene kulturelle Vielfalt Europas vor der Französischen Revolution bezeichnete. Von den Historikern Otto Brunner (1898-1982) und Dietrich Gerhart (1896-1985) wurde dies zum Konzept des „alteuropäischen Zeitalters“ (europäische Geschichte vor der Industrialisierung) ausgestaltet. Weiterhin verwies Conrads auf bisher bereits in der Landesgeschichtsschreibung geläufige Bezeichnungen wie „altbayerische“ oder „altpreußische“ Geschichte. Conrads verstand die Begriffsprägung „Altostdeutschland“ als zukunftsfähigen Vorschlag für eine neutrale und prägnante Bezeichnung, die insbesondere den Verzicht auf politisch belastete Termini wie „Deutscher Osten“ oder „Ostforschung“ ermöglichen sollte. Er erläuterte dies wie folgt:

Ich schlage vor, die historische Welt des verlorenen deutschen Ostens in ihrer Gesamtheit als „Altostdeutschland“ zu bezeichnen, wohl wissend, daß dies ein Hilfsbegriff ist, der sehr heterogene Räume und Entwicklungen umschließt, die keine gemeinsame Geschichte, sondern nur ein gemeinsames Schicksal haben. Im engeren Sinn gehören zu diesem Altostdeutschland die ehemals preußischen Provinzen jenseits von Oder und Neiße, in einem weiteren Sinn auch alle historischen deutschen Siedlungsgebiete von Böhmen über Siebenbürgen bis nach Rußland. Unter „altostdeutscher Geschichte“ ist folglich die in diesem Raum geschehene und zu erforschende Geschichte, soweit sie deutsch geprägt war, zu verstehen.[1]

Gebrauch

Die von Conrads (emeritiert 2003) bekleidete Professur für die „Geschichte der Frühen Neuzeit“ an der Universität Stuttgart war seit 1985 mit dem langfristig angelegten „Projektbereich Schlesische Geschichte“ verbunden. Dies führte zur Erweiterung der Denomination zur Professur für „Geschichte der Frühen Neuzeit unter Berücksichtigung der altostdeutschen Geschichte“. Die Bezeichnung „Altostdeutschland“ hat sich zwar nicht allgemein durchgesetzt, wird aber insbesondere in wissenschaftlichen wie feuilletonistischen Kontexten verwendet; das Adjektiv ‚altostdeutsch‘ wird häufig mit Begriffen wie Region, Land oder Gebiet verbunden.[2]

3. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Norbert Conrads: Der Projektbereich Schlesische Geschichte am Historischen Institut der Universität Stuttgart und die Situation der altostdeutschen Geschichtsforschung. In: Ders. (Hg.): Forschungen zur schlesischen Geschichte am Historischen Institut der Universität Stuttgart. Ein Forschungsbericht zum fünfjährigen Bestehen des Projektbereichs Schlesische Geschichte am Historischen Institut der Universität Stuttgart. Stuttgart 1990, S. 5-16.

Anmerkungen

[1] Conrads: Der Projektbereich Schlesische Geschichte, S. 9.

[2] Der Begriff ‚Altostdeutschland‘ wurde 1994 im Rahmen einer im Herder-Institut stattfindenden deutsch-polnischen Tagung diskutiert; Hans-Jürgen Karp: Deutsche Geschichte und Kultur im heutigen Polen. Fragen der Gegenstandsbestimmung und Methodologie. Marburg 1997 (Tagungen zur Ostmitteleuropa-Forschung 2), S. 37, 48f.

Zitation

Matthias Weber: Altostdeutsch. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2014. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32852 (Stand 26.06.2014).

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