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Hussiten

1. Genese

Begriff

Der Begriff "Hussiten" steht für jene von der katholischen Kirche als häretisch bekämpfte Bewegung in Böhmen und Mähren im 15. Jahrhundert, deren Anhänger von ihren Gegnern diffamierend als "Hussen" – also Hus-Anhänger (= Hussiten) – bezeichnet wurden.

Träger, Gebrauch

Als Synonyme finden sich in zeitgenössischen Quellen in deutscher und lateinischer Sprache die Begriffe "Wiclefisten", "Hussiten" (Wiclefistae et Hussitae) oder allgemein "Ketzer" (Heretici). Die Hussiten (tschech. husité) benutzten keine eigene Bezeichnung, sondern betrachteten sich als gläubige Christen und folglich als Bestandteil der Kirche – als "Freunde der göttlichen Wahrheiten", wie aus den zeitgenössischen hussitischen Manifesten hervorgeht.

2. Definition

Hinter dem Sammelbegriff "Hussiten" verbirgt sich eine heterogen zusammengesetzte Bewegung vorwiegend in Böhmen, deren Anhänger ein breites Sozialprofil aufwiesen (von Teilen des böhmischen Hochadels bis zum Kleinadel, von der niederen Geistlichkeit über städtische Unter- und Mittelschichten bis hin zur Bauernschaft). Sie gingen unter dem Druck von außen (antihussitische Kreuzzüge) zeitweilig Koalitionen ein. Das einigende Band bildete der in den "Vier Prager Artikeln" (Čtyři artikuly pražské) als Minimalprogramm enthaltene Forderungskatalog.

3. Diskurse/Kontroversen

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fanden in der Bewertung des Hussitismus zunehmend die ethnisch-nationalen Spannungen zwischen Tschechen und Deutschen ihre Reflexion. Der Hussitismus diente dabei, unter dem maßgeblichen Einfluss des von František Palacký entworfenen Geschichtsbildes, als Legitimationsobjekt der nach föderaler wie nachfolgend staatlicher Unabhängigkeit strebenden Tschechen. In diesem Zusammenhang erhielt die Hussitenzeit als vermeintlich ruhmreichste Periode der tschechischen Nationalgeschichte seit Gründung der Tschechoslowakei 1918 staatstragende Bedeutung. Die hussitische Devise Pravda vítězí (Die Wahrheit siegt) wurde von der Kommunistischen Partei nach deren Gründung 1921 sozial und ideologisch instrumentalisiert und 1945 gegen die deutsche Bevölkerungsminderheit sowie nach der Machtübernahme 1948 gegen die eigenen "bourgeoisen Volksfeinde" als Schutzschild verwendet. Dies geschah im Glauben, das revolutionäre Hussitentum böte die legitime Basis für das eigene, gewaltsam installierte kommunistische System, und fand seinen Niederschlag folglich auch im offiziellen Geschichtsbild, das freilich bereits in den 1960er Jahren Risse erhielt, als Historiker wie F. Šmahel, J. Mezník, J. Kejř u. a. propagandistischen Plattitüden eine andere, quellengestützte Interpretation des Hussitismus entgegensetzten. Unter dem Einfluss der westeuropäischen und angloamerikanischen Geschichtsschreibung entstand ein sozial-, geistes- und mentalitätsgeschichtlich vielfältiges Bild des Hussitentums, wobei seit 1989 insbesondere die Einordnung der Ereignisse in Böhmen in den zeit- wie geistesgeschichtlichen Kontext hervortritt (Periodisierung der Reformation des 15. und 16. Jahrhunderts, Verbindungslinien zur lutherischen Reformation, Querverbindungen zu anderen "häretischen" Bewegungen, vor allem zum Waldensertum). Nach wie vor Gegenstand der Forschungsdiskussion sind Fragen nach dem Ende der Revolution, dem Revolutionsbegriff selbst sowie der inhaltlichen Ausgestaltung der erzwungenen Toleranz nach 1436.

4. Historischer Abriss

Vorläufer des Hussitismus und Krisensymptome in der böhmischen Gesellschaft

Die Wurzeln des Hussitismus reichen bis in die Regierungszeit Karls IV. zurück, als sich Kritik an den sichtbaren Missständen in der Kirche formierte. Prag/Praha (mit ca. 40.000 Einwohnern) war mit seiner Universität, 44 Pfarreien, 24 Klöstern und gut 1.200 Klerikern nach Avignon, Paris, Rom und Florenz das größte Zentrum der Geistlichkeit im damaligen krisengeschüttelten Europa (u. a. Klimaveränderungen, sog. Agrarkrise, Großes Schisma 1378). Die wachsende Zahl geistlicher, um Pfründe konkurrierender Personen geriet in einen größer werdenden Gegensatz zur abnehmenden wirtschaftlichen Leistungskraft der böhmischen Länder (desolate Staatsfinanzen, Einbruch der Silberproduktion seit 1350, Münzverfall und Steuerdruck, dazu die Folgen einer kostenintensiven Arrondierungs- und Erwerbspolitik Karls IV.). In Prag waren die Krisensymptome angesichts der enormen Zahl von Geistlichen und Klöstern besonders wahrnehmbar, was ein breites Forum für Kirchen- und Gesellschaftskritik schuf. Wegbereiter waren hier seit den 1360er Jahren Männer wie Konrad Waldhauser, Johann Militsch von Kremsier und Matthias von Janov. Im Zentrum ihrer auch in der Volkssprache und vor einer wachsenden Zuhörerschaft vorgetragenen Kritik stand die Forderung nach einer wahren, auf weltlichen Besitz und Luxus verzichtenden Kirche in der Nachfolge Christi und seiner Armut. Zum eigentlichen Zentrum im geistigen Kampf um die Rückkehr zu den Idealen der Urkirche und deren Autoritäten entwickelte sich die 1391 als religiöses Zentrum des tschechischsprachigen Prag gegründete Bethlehemskapelle. Allen Schichten der Gesellschaft war dabei die Stellung der katholischen Kirche, insbesondere deren sittlich-moralischer Zustand und deren umfangreicher Grundbesitz im Lande, der bei 30-40 % des gesamten nutzbaren Bodens lag, ein Dorn im Auge. Hinzu traten machtpolitische Konflikte zwischen Hochadel und König, König und Prager Erzbischof, Wenzel IV. und anderen Familienangehörigen aus dem Hause Luxemburg.

Der Kampf um Wyclif und die Prager Universität

Als geistiger Unruheherd rückte die 1348 gegründete Prager Universität ins Zentrum. Eine junge aufstrebende Generation böhmischer Universitätsmagister und Prediger orientierte sich an den Vorstellungen und Forderungen des Oxforder Kirchenkritikers John Wyclif (um 1330–1384), der eine ganz an der Hl. Schrift ausgerichtete Reform von Kirche und Klerus forderte. Noch ehe sich in der Hauptstadt Prag und außerhalb dieser eine Reformbewegung formierte, die das geistige Gerüst des Hussitismus bilden sollte, stellten sich die einheimischen Deutschen, die seit der hochmittelalterlichen Kolonisation in Böhmen und Mähren lebten, mehrheitlich gegen diese. Unterstützung fanden sie bei den pragenses, d. h. den ehemaligen deutschen Professoren und Studenten, die aus Protest gegen das Kuttenberger Dekret von Januar 1409 und die damit verbundene Änderung des Stimmenverhältnisses an der Prager Universität zugunsten der einheimischen Tschechen die Moldaustadt verlassen hatten.

Johannes Hus – Rebell gegen die Amtskirche und Märtyrer

Johannes Hus, seit 1402 charismatischer und wortgewaltiger Prediger an der Bethlehemskapelle, wurde immer mehr zur Leitfigur seiner wachsenden Anhängerschaft im Prager "Volk" und zum Hassobjekt seiner nicht minder zahlreichen Gegner aus den Reihen des von ihm heftig kritisierten Prager Klerus und der hohen Geistlichkeit. Hus bemühte sich in Wort und Werk – eng angelehnt an Wyclif – um eine Erneuerung der institutionalisierten Kirche und des gesellschaftlichen Lebens. Es ging um eine Reformation, nicht um eine Revolution (lex dei = göttliches Gesetz als verbindliches Prinzip). Mit der Verurteilung der Thesen Wyclifs 1408 in Rom verloren Hus und seine Anhänger die Unterstützung des Prager Erzbischofs, 1412 auch den Rückhalt bei König Wenzel IV., der aus machtpolitischem Kalkül und vor dem Hintergrund des Pisaner Konzils den einheimischen Reformkräften zunächst wohlgesinnt gewesen war (Kuttenberger Dekret 1409). Gleichzeitig kam der von der römischen Kurie gegen Hus angestrengte Ketzerprozess in Gang, der zur Abgrenzung, Formierung und Radikalisierung der kirchenkritischen Protest- und Reformbewegung führte. Hus selbst suchte, dem vom römisch-deutschen König Sigismund gewährten, letztlich freilich gebrochenen Geleitbrief vertrauend, eine Verteidigung seiner Auffassungen vor dem Konstanzer Konzil zu erreichen, landete aber bald nach seinem Eintreffen am Bodensee im Kerker und 1415 schließlich auf dem Scheiterhaufen. Damit besaß die Reformbewegung in Böhmen nunmehr eine Idealfigur und zugleich einen vorbildhaften Märtyrer als großen Motivator, ebenso wie in dem ein Jahr später an gleicher Stelle hingerichteten Hieronymus von Prag. Der Protest gegen Hussens Verbrennung als Erzketzer manifestierte sich zunächst in einem Protestbrief des böhmischen und mährischen Adels an das Konzil, dem die Lehrautorität abgesprochen wurde, während man die Universität Prag fortan zur letzten Entscheidungsinstanz in Glaubensfragen erhob. In einem Prozess rascher Radikalisierung bildeten sich eigene Pfarrgemeinden um "Kelchpriester", es kam zu heimlichen, bald auch öffentlichen, von stellungslosen Kelchpriestern organisierten und von Niederadligen unterstützten Massenwallfahrten, bei denen die Teilnehmer nach biblischen Vorbildern kollektiv auf das Ende der (irdischen) Welt warteten.

Die hussitische Revolution - Gruppen, Ziele und Verlauf

Die Revolution begann mit dem Ersten Prager Fenstersturz am 30. Juli 1419 in der von einer mobilen und aufstrebenden tschechischen Handwerkerschicht geprägten Prager Neustadt unter Führung des ehemaligen Prämonstratensers Johann von Seelau (Jan Želivský). Dessen flammende Predigten ließen die Kelchanhänger zur Tat schreiten, indem sie die zentrale Pfarrkirche der Prager Neustadt besetzten und in einer Prozession zum Rathaus zogen, um inhaftierte Glaubensgenossen frei zu bekommen, was die katholischen tschechischen Ratsherren verweigerten. Letztere wurden daraufhin von der fanatisierten Menge kurzerhand aus dem Fenster geworfen. Andere Übergriffe gegen Klöster und katholische Priester folgten in einer Spirale der Gewalt. In der Kernphase der Revolution (1419–1422) traten insgesamt fünf Führungsgruppen hervor: die radikalen Prager Magister, der böhmische Adel, die gemäßigt-hussitische Prager Altstadt, die radikalere Prager Neustadt sowie die im Frühjahr 1420 neugegründete Stadt Tabor in Südböhmen mit ihrem kurzzeitigen "ur-kommunistischen" Experiment sozialer Gleichheit. Letztere diente als Operationsbasis eines unter der Führung Jan Žižkas agierenden Volksheeres von "Gottesstreitern" (Bauern, Handwerker, Kleinadlige) und etablierte sich rasch als zweites Revolutionszentrum neben Prag, dabei theologisch weitaus radikaler und stärker gesellschaftsrevolutionär als die Landeshauptstadt. Ein ähnlich radikales Zentrum entstand zudem in Ostböhmen ("Orebiten", später "Waisen") nahe Königgrätz/Hradec Králové. Vergeblich versuchte der Nachfolger Wenzels, Sigismund von Luxemburg, gewaltsam mit Unterstützung eines großen Kreuzfahrerheeres und päpstlichem Segen auf den böhmischen Thron zu gelangen. Lediglich in Mähren konnte sich Sigismund 1423 mit Hilfe seines Schwiegersohns Herzog Albrecht von Österreich durchsetzen. Das militärische Unterfangen im Frühsommer 1420 endete mit einem Fiasko, ebenso wie alle nachfolgenden antihussitischen Kreuzzüge.

Bild

Jan Žižka an der Spitze des hussitischen
Heeres. Göttinger Handschrift, nach 1460
[Niedersächsische Staats- und Universi-
tätsbibliothek, 2° Cod. Ms. theol. 182
Cim, fol. 82r].

1420/21 präsentierten die Hussiten ihr zentrales Programm, die sog. "Vier Prager Artikel": Abendmahl in beiderlei Gestalt; Freiheit der Predigt des Gotteswortes; Verzicht der Kirche auf ihre weltliche Macht sowie Säkularisation des kirchlichen Besitzes; Bestrafung öffentlicher schwerer Sünden der Geistlichkeit wie Wucher, Luxus oder Simonie. Auf Initiative Prags trat im Juni 1421 im mittelböhmischen Tschaslau/Čáslav ein Generallandtag zusammen, an dem konfessionsübergreifend alle politischen Kräfte im Lande teilnahmen - mit Ausnahme der mährischen Städte. Sigismund von Luxemburg wurde die Anerkennung als böhmischer König verweigert, an seine Stelle setzte der Landtag ein Direktorium von 20 Verwesern ein, dem Barone, Landedelleute und – zahlenmäßig dominierend – Stadtbürger angehörten und das für den inneren Frieden im Lande sorgen sollte, was freilich ein Wunschtraum blieb. Die Aktivitäten verlagerten sich nachfolgend auf die hussitischen Feldheere unter Führung des politisch ambitionierten Niederadligen und genialen Heerführers Jan Žižka von Trocnov, der nach innertaboritischen Auseinandersetzungen Ende 1421 den radikalen Zweig der Chiliasten (sog. Adamiten) liquidieren ließ. Zwei Jahre später wandte Žižka Tabor den Rücken zu und machte Ostböhmen zum Zentrum seiner Bruderschaft, wobei eine Militärordnung mit ständischer Gliederung als eine Art Grundgesetz das Zusammenleben normierte.

Nach Žižkas Tod trat sein Nachfolger Prokop der Kahle ("der Große") an die Spitze der hussitischen Verbände der Taboriten und Waisen. In den Kämpfen gegen die unzureichend ausgerüsteten, zahlenmäßig mitunter jedoch überlegenen Kreuzfahreraufgebote nutzte Prokop erfolgreich die von seinem Vorgänger entwickelte innovative Form der Kriegsführung, die sich u. a. durch den Einsatz von Wagenburgen auszeichnete, den die "Gottesstreiter" geradezu perfektionierten. Der Hochadel neigte mehrheitlich einem gemäßigten Hussitentum zu, das auf den "Vier Artikeln" basierte. Zudem trat er für eine Säkularisation der Kirchengüter und ein von der Aristokratie abhängiges Königtum ein. Eine katholische Minderheit unterstützte weiterhin Sigismund von Luxemburg, allen voran der mächtige Baron Ulrich von Rosenberg.

Nach der Niederlage des Kreuzfahrerheeres vor Aussig/Ústí nad Labem 1426 gingen die Hussiten ihrerseits von der Defensive zur militärischen Offensive über, wobei sie zugleich versuchten, mit Hilfe propagandistischer Manifeste, in denen sie die "Vier Prager Artikel" erläuterten und die Christenheit zum gemeinsamen Kampf gegen Kirche, Papsttum und weltliche Macht aufriefen, ihre Weltsicht zu verbreiten und Verbündete zu suchen. Auf den sog. "herrlichen Heerfahrten" (spanilé jízdy) drangen hussitische Heere weit in einige Territorien des Hl. Römischen Reiches (Schlesien, Sachsen, Brandenburg, Franken, Bayern und Österreich) vor, wobei sie nicht selten eine Schneise der Verwüstung hinterließen. Mitunter fanden die Hussiten auch Anhänger in Deutschland, die freilich zumeist in einer Serie von Inquisitionsprozessen auf dem Scheiterhaufen endeten. Mithilfe einer unpopulären "Hussitensteuer" suchten Kurfürsten und Reichsstädte 1427 die finanziellen Mittel für den Abwehrkampf gegen die böhmischen Ketzer aufzustocken.

Diplomatie und Gewalt – das Ende der Revolution

Bild

Hussitenschlacht
[In: Eberhard Windecke: Das Buch Kaiser
Sigismunds, Illustration aus der Werkstatt
Diebold Laubers, ca. 1445–1450]

Nach der schmerzhaften Niederlage eines Kreuzfahrerheeres unter Führung des Kardinallegaten Giuliano Cesarini bei Taus/Domažlice 1431 sowie bewaffneten Heerzügen der hussitischen Bruderschaften in die angrenzenden Länder zeigte sich das in Basel tagende Konzil (1431–1437) schließlich zu Friedensverhandlungen bereit, die auch König Sigismund, der schon 1429 in Pressburg/Bratislava mit Hussiten, katholischen Magnaten und Universitätstheologen aus Wien und Paris Gespräche über einen Frieden geführt hatte, befürwortete. Nach zähen Verhandlungen kam es 1433 zum Abschluss der sog. Basler Kompaktaten, in denen den Hussiten aber nur die Kommunion unter beiderlei Gestalt erlaubt wurde, was lediglich die konservativen Hussiten akzeptierten, während die radikalen ihre Ablehnung bekräftigten. Am 30. Mai 1434 besiegte ein adlig-utraquistisches Heer in der Schlacht bei Siebenlinden/Lipany die radikalen Kräfte unter Prokop dem Großen vernichtend, womit der Weg zu einer allgemeinen Anerkennung der Basler Kompaktaten frei war, was zugleich Sigismunds Thronbesteigung in Prag 1436 und seine Anerkennung als böhmischer König ermöglichte – in einem Land, in dem fortan eine Doppelkonfessionalität (Toleranz aus Notwendigkeit) herrschte. Erst 1485 kam es auf dem Kuttenberger Landtag zum Abschluss eines Religionsfriedens zwischen Katholiken und sich aufspaltenden Utraquisten, womit die fast sechs Jahrzehnte währende Periode zweier parallel existierender Gesellschaften mit unterschiedlichen Konfessionen ihren Abschluss fand.

Ergebnisse der Revolution

Auf politischer Ebene etablierte sich eine Ständeverfassung mit einem Wahlkönigtum an der Spitze, in der die Stände – Herren (Hochadel), Ritter und königliche Städte – eine entscheidende politische Mitbestimmung, auch zu Lasten der ausgegrenzten Geistlichkeit, durchsetzten. Im Spektrum der gesellschaftlichen Kräfte dominierte weiterhin der Hochadel nicht zuletzt dank der Okkupation von Kirchen- und Königsgut. Das Stadtbürgertum litt noch lange unter den wirtschaftlichen Folgen der Kriegsjahre und der Störung der Handelskontakte bzw. der Verlagerung des Transithandelsweges. Die hussitische Revolution vollendete zudem den Prozess der Tschechisierung der meisten böhmischen Städte; das deutsche Patriziat verlor erheblich an Einfluss – mit Ausnahme der nordböhmischen Grenzstädte. Das Nebenland Mähren ging eigene Wege: Die großen Städte blieben unangefochten deutsch und katholisch, mit dem Bistum Olmütz/Olomouc an der Spitze. Für die Bauern hingegen änderte sich de facto kaum etwas – mit Ausnahme der Konfession, in der sie der jeweiligen Herrschaft zu folgen hatten. Zwei Konfessionen bestimmten das Bild der Kirche, bei deutlicher Dominanz der Utraquisten in Adel und Stadtbürgertum. Die utraquistische Kirche war arm, von den weltlichen Ständen abhängig, von Rom hingegen in der kirchlichen Rechtsprechung und Ämterbesetzung unabhängig. Das katholische Kirchengut war erheblich dezimiert, das Erzbistum Prag blieb bis 1561 unbesetzt.

5. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Michaela Bleicher: Das Herzogtum Niederbayern-Straubing in den Hussitenkriegen. Kriegsalltag und Kriegsführung im Spiegel der Landschreiberrechnungen. Regensburg 2009 (http://epub.uni-regensburg.de/10414/).
  • Stanisław Bylina: Rewolucja husycka. Przedswit i pierwsze lata [Die hussitische Revolution. Vorgeschichte und erste Jahre]. Warszawa 2011.
  • Petr Čornej: Velké dějiny zemí Koruny české [Große Geschichte der Länder der Böhmischen Krone]. Bd. 5: 1402–1437. Praha, Litomyšl 2000; Bd. 6: 1437–1526. Praha, Litomyšl 2007.
  • Drei Inquisitionsverfahren aus dem Jahre 1425. Akten der Prozesse gegen die deutschen Hussiten Johannes Drändorf und Peter Turnau sowie gegen Drändorfs Diener Martin Borchard. Hg. und erläutert von Hermann Heimpel. Göttingen 1969 (Veröffentlichungen des Max Planck-Instituts für Geschichte 24).
  • Winfried Eberhard: Die hussitische Revolution in Böhmen. Ursachen – Ziele und Gruppen – Verlauf – Ergebnisse. In: Klaus Herbers, Florian Schuller (Hg.): Europa im 15. Jahrhundert. Herbst des Mittelalters – Frühling der Neuzeit? Regensburg 2012, S. 136-160.
  • Howard Kaminsky: A history of the Hussite revolution. Berkeley 1967 (Neuauflage 2004).
  • Thomas Krzenck: Johannes Hus, Theologe, Kirchenreformer, Märtyrer. Gleichen, Zürich 2011 (Persönlichkeit und Geschichte 170).
  • Franz Machilek: Aufschwung und Niedergang in der Zusammenarbeit von Waldensern und Hussiten im 15. Jahrhundert (unter besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse in Deutschland). In: Albert de Lange, Kathrin Utz Tremp (Hg.): Friedrich Reiser und die "waldensisch-hussitische Internationale" im 15. Jahrhundert. Heidelberg, Ubstadt-Weiher, Basel 2009 (Waldenserstudien 3), S. 277-316.
  • Franz Machilek (Hg.): Die hussitische Revolution. Religiöse, politische und regionale Aspekte. Köln, Weimar, Wien 2012 (Forschungen und Quellen zur Kirchen- und Kulturgeschichte Ostdeutschlands 44).
  • Ferdinand Seibt: Hussitica. Zur Struktur einer Revolution. 2., erw. Aufl. Köln 1990.
  • František Šmahel: Die Hussitische Revolution. 3. Bde. Hannover 2002 (Monumenta Germaniae Historica 43). Tschechische Ausgabe Praha 1995/96 (2., erw. Aufl.)

Jahrbücher, Zeitschriften

Weblinks

Zitation

Thomas Krzenck: Hussiten. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2013. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/58493.html (Stand 22.08.2013).

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