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Weißrussland

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Weißrussland, Belarus; veraltet: Belorussland, Weißruthenien

Amtliche Bezeichnung

Rėspublika Belarusʼ, Respublika Belarusʼ (russ.)

Anderssprachige Bezeichnungen

lat. Ruthenia Alba, Russia Alba; engl. Belarus, veraltet: Byelorussia, Belorussia; franz. Biélorussie, Bélarus; span. Bielorrusia, Belarús

Etymologie

Der Ländername setzt sich aus den Bestandteilen bela- (slav. für „weiß“) und Rusʼ (Name des mittelalterlichen ostslavischen Herrschaftsgebiets) zusammen. Sowohl zur Etymologie des Wortes Rusʼ als auch zur historischen Bedeutung von bela- in diesem Zusammenhang gibt es unterschiedliche Theorien. Vorherrschend ist die Ansicht, wonach sich Rusʼ aus dem altfinnischen rūōtsi („die Ruderer“) herleiten lässt, einer Bezeichnung für die skandinavischen Waräger, und bela- Bestandteil eines Systems zur Bezeichnung von Himmelsrichtungen mit Hilfe von Farben ist (vgl. auch die Schwarze Rusʼ oder die Rote Rusʼ/Rotreußen), wobei sich die Farbe Weiß auf den Westen der ehemaligen Kiewer Rus‘ bezieht.[1]

2. Geographie

Lage

Weißrussland ist ein Binnenstaat in Osteuropa mit einer Fläche von 207.600 km2. Das Land grenzt an fünf Nachbarländer: an Lettland im Norden, an Litauen im Nordwesten, an Polen im Westen, an die Ukraine im Süden und an Russland im Osten.

Topographie

Das Territorium Weißrusslands ist flach, abgesehen vom Weißrussischen Höhenrücken, der das Land von westsüdwestlicher in ostnordöstliche Richtung durchzieht. Höchste Erhebung ist der 346 Meter über dem Meeresspiegel und etwa 30 Kilometer westlich von Minsk gelegene Dzeržinskij-Berg (weißruss. Dzjaržynskaja hara, russ. Gora Dzeržinskaja). Der nördliche Teil des Landes zeichnet sich durch eine leicht hügelige Landschaft mit zahlreichen Seen aus, der Süden durch die Sümpfe Polesiens (weißruss. Palesse, russ. Poles’e, poln. Polesie, ukr. Polissja), das im Grenzgebiet Weißrusslands mit der Ukraine, Polen und Russland liegt.

Historische Geographie

Zur Zeit der Kiewer Rusʼ existierten auf dem heutigen weißrussischen Gebiet mehrere Fürstentümer. Das politisch bedeutendste von ihnen, das Fürstentum Polack (weißruss. Polack, russ. Polock), umfasste weite Teile der heutigen nördlichen und zentralen Gebiete des Landes sowie einen kleineren Teil im heutigen Südosten Lettlands. Nach dem Zerfall der Rusʼ infolge blutiger Erbfolgekämpfe und des sogenannten Mongolensturms bildete sich ab dem 13. Jahrhundert das Großfürstentum Litauen heraus. Es erstreckte sich Mitte des 15. Jahrhunderts, zum Zeitpunkt seiner größten Ausdehnung, in etwa vom heutigen Litauen im Nordwesten bis in die ukrainischen Steppengebiete im Südosten sowie vom Gebiet um Brest (weißruss. Brėst oder Beras’ce, russ. Brest) im Westen bis in die Gebiete um Smolensk (russ. Smolensk) und Brjansk (russ. Brjansk) im Osten. Die Zugehörigkeit des heutigen Weißrussland zum Großfürstentum Litauen blieb auch nach der polnisch-litauischen Realunion 1569 unverändert. Als Ergebnis der Teilungen Polen-Litauens (1772–1795) wurden die weißrussischen Gebiete Bestandteil des Russischen Reichs, bis 1912 mit litauischen Territorien zusammengefasst in der Nordwestregion (russ. Severo-zapadnyj kraj). 

Mit den Ereignissen des Ersten Weltkriegs wurden die westlichen Gebiete des heutigen Weißrussland Teil des vom Militär verwalteten deutschen Besatzungsgebiets „Ober Ost“. Nach dem Frieden von Brest-Litovsk am 3. März 1918 und der folgenden deutschen Besatzung ganz Weißrusslands westlich des Dnjepr (weißruss. Dnjapro, russ. Dnepr) wurde von national gesinnter weißrussischer Seite die Weißrussische Volksrepublik (weißruss. Belaruskaja Narodnaja Rėspublika, BNR) ausgerufen und ein Staatsgebiet reklamiert, das in West-Ost-Ausdehnung von Białystok bis Brjansk, in Nord-Süd-Ausdehnung von Dünaburg/Daugavpils bis in die Pripjatsümpfe reichte. Im Dezember 1918 zogen sich die deutschen Truppen aus Weißrussland zurück, und unter der Protektion der eingerückten Roten Armee wurde zum Jahreswechsel 1918/1919 die Weißrussische Sozialistische Sowjetrepublik (weißruss. Belaruskaja Saveckaja Sacyjalistyčnaja Rėspublika, russ. Belorusskaja Sovetskaja Socialističeskaja Respublika, BSSR) proklamiert, deren Territorium ungefähr mit den Gebietsansprüchen der BNR übereinstimmte. Aufgrund militärischer Rückschläge im Krieg mit Polen und Litauen verschmolzen die Bolschewiken im Februar 1919 die BSSR mit der litauischen Sowjetrepublik zur Litauisch-Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik (lit. Lietuvos-Baltarusijos Tarybinė Socialistinė Respublika, weißruss. Litoŭska-Belaruskaja Saveckaja Sacyjalistyčnaja Rėspublika, russ. Litovsko- Belorusskaja Sovetskaja Socialističeskaja Respublika, LitBel). LitBel hatte jedoch aufgrund der militärischen Erfolge Polens nur etwa fünf Monate Bestand, und erst im Friedensvertrag von Riga/Rīga im März 1921 kam es zu einer Festlegung der sowjetweißrussischen Grenzen. Durch zwei Zentralkomitee-Beschlüsse von 1924 und 1926 wurden der BSSR Territorien zunächst im Nordosten und Osten, dann im Südosten des heutigen Staatsgebiets zugeschlagen. Im Zuge der Invasion der sowjetischen Truppen in Ostpolen im September 1939 infolge des Hitler-Stalin-Pakts wurden die westweißrussischen Gebiete, die zuvor Bestandteil des polnischen Staats gewesen waren, in die BSSR inkorporiert. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die BSSR im Juni 1941 wurde im September des Jahres unter deutscher Besatzung das Generalkommissariat Weißruthenien errichtet. Zusammen mit den Generalkommissariaten Estland, Lettland und Litauen war es Teil des Reichskommissariats Ostland.

Die von den Alliierten vereinbarte Nachkriegsordnung orientierte sich für die polnisch-sowjetische Grenzziehung an der Curzon-Linie, die bereits 1919 von den Westalliierten verkündet worden war. Das Territorium der seit 1991 unabhängigen Republik Belarus’ entspricht dem Gebiet der BSSR nach dem Zweiten Weltkrieg.

3. Geschichte und Kultur

Die Zeit der Rus'

Als politisches Machtzentrum im Früh- und Hochmittelalter im heutigen Weißrussland gilt das Fürstentum Polack, daneben gab es weitere, kleinere Fürstentümer.

Um die Mitte des 9. Jahrhunderts gerieten die heutigen weißrussischen Gebiete in die Auseinandersetzungen zwischen dem von Groß-Nowgorod/Velikij Novgorod angeführten Nordbund und dem von Kiew/Kyjiv/Kiev angeführten Südbund innerhalb der Rus’. Die Rolle Polacks bei dieser Rivalität unterstreicht eine Schilderung der Nestorchronik für das Jahr 980: Damals sollen sowohl der Nowgoroder Fürst Vladimir (um 960–1015) als auch der Kiewer Fürst Jaropolk (um 958–980) um die Hand der Polacker Fürstentochter Rahneda (russ. Rogneda, um 962–um 1002) angehalten haben. Rahnedas Entscheidung für Jaropolk führte der Chronik zufolge dazu, dass Vladimir Polack gewaltsam einnahm, den dortigen Fürsten Rahvalod (russ. Rogvolod, gest. um 978) tötete und Rahneda zwang, seine Frau zu werden.

Nachdem Vladimir Kiew unterworfen hatte, ließ er sich 988 nach byzantinischem Ritus taufen. Die Orthodoxie verbreitete sich in der Folgezeit zusammen mit der kirchenslawischen Schriftlichkeit auch in den heutigen weißrussischen Territorien. Nach dem Tod Vladimirs setzten jahrzehntelange blutige Kämpfe um die Thronfolge in Kiew ein, während derer Polack eine weitgehende Selbstständigkeit wahren und sein Herrschaftsgebiet vergrößern konnte.

An der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert wuchs der Einfluss deutscher Kaufleute im Fürstentum Polack, außerdem begann die missionarische Tätigkeit des Schwertbrüderordens, ab 1237 als Teil des Deutschen Ordens. Von Bedeutung für die weitere Entwicklung des heutigen Weißrussland waren darüber hinaus die fortdauernden dynastischen Kämpfe zwischen den Fürsten der Rus’ um den Thron in Kiew, die zur allmählichen Erosion der Rus’ führten. Hinzu kam der sogenannte Mongolensturm mit der Eroberung Kiews (1237–1240), von dem die heutigen weißrussischen Gebiete allerdings weitgehend verschont blieben.

Großfürstentum Litauen und polnisch-litauische Rzeczpospolita

Nach dem Zerfall der Rus’ wurden die heutigen weißrussischen Gebiete Teil des Großfürstentums Litauen–Rus‘–Schemaitien (meist verkürzt bezeichnet als Großfürstentum Litauen). Dieser zunächst von einer baltischen, jedoch zunehmend slawisierten Oberschicht dominierte Länderverbund diente nicht zuletzt der Abwehr gemeinsamer Gegner, insbesondere des Deutschen Ordens sowie der Tataren. Abgesehen von den litauischen Kerngebieten bestand die Bevölkerungsmehrheit im Zuge umfangreicher Gebietsgewinne zunehmend aus Ostslawen orthodoxen Glaubens. Mit dem Zweck, die außenpolitischen und militärischen Kräfte zu bündeln, kam es mit der Union von Krėva (1385) zu einer Personalunion zwischen Polen und Litauen, im Zuge derer der litauische Großfürst Jogaila (vor 1362–1434) den römisch-katholischen Glauben annahm, die  polnische Thronfolgerin Hedwig von Anjou (poln. Jadwiga Andegaweńska, 1373–1399) heiratete und den polnischen Thron als Władysław II. Jagiełło bestieg. Als Folge des Bündnisses konnte 1410 in der Schlacht bei Tannenberg (Grunwald) ein polnisch-litauisches Truppenaufgebot das Heer des Deutschen Ordens besiegen. Wichtigster Widersacher des Großfürstentums Litauen war in der Folgezeit das Großfürstentum Moskau, das die Herrschaft über alle Territorien der ehemaligen Kiewer Rus’ beanspruchte („Sammlung der russischen Lande“).

Die militärischen Erfolge Moskaus im Livländischen Krieg (1558–1583) führten zu einem noch engeren Zusammenrücken Polens und Litauens, das in die Union von Lublin (1569) mündete. Diese wandelte die zuvor bestehende Personalunion in eine Realunion, die „Republik beider Völker“ (Rzeczpospolita Obojga Narodów), um, mit einem gemeinsamen Reichstag für beide Reichsteile und einer gemeinsamen Außenpolitik.

Eine weitere wichtige Entwicklung ab Mitte des 16. Jahrhunderts war das Vordringen der Reformation in die heutigen weißrussischen Gebiete, zunächst vor allem des Luthertums, dann des Calvinismus. Das reformatorische Programm einer Hinwendung zum Sprachgebrauch des ‚Volkes’ fand auch in der orthodoxen Oberschicht Litauens Widerhall und führte zu einer immer breiteren Verwendung des autochthon basierten Ruthenischen (‚Altweißrussischen’) in offiziellen Kontexten. Diese Entwicklung fand durch mehrere Faktoren ihr Ende, darunter die in der Kirchenunion von Brest (1596) resultierende Annäherung von Teilen des römisch-katholischen und orthodoxen Klerus, die Gegenreformation mit ihrem dem Protestantismus ähnlichen Bildungsprogramm sowie die Attraktivität der polnischen Adelskultur innerhalb des gemeinsamen Staates.  In der Folge kam es zu einer weitgehend freiwilligen Polonisierung weiter Teile der ostslavischen Eliten sowie zu einer Ersetzung des Ruthenischen durch das Polnische im amtlichen Sprachgebrauch.

Russisches Reich

Als Ergebnis zunächst der Teilungen Polen-Litauens (1772, 1793 und 1795), dann der beim Wiener Kongress (1815) beschlossenen Neuordnung Europas nach der Niederlage Napoleons befanden sich die heutigen weißrussischen Gebiete vollständig innerhalb des Russischen Reichs.  Unter der recht liberalen Bildungs- und Kulturpolitik Alexanders I. (Aleksandr I, 1777–1825) blieb die polnische Dominanz in Kultur und Bildungswesen zunächst bestehen, was sich etwa in der Wiederrichtung der Universität Wilna/Vilnius/Wilno (1803) und dem Ausbau des Netzes polnischer Schulen äußerte. Diese Politik endete infolge des Aufstands von 1830/31, dessen Ziel die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Polen-Litauens war. Bewohner der heutigen weißrussischen Gebiete kämpften dabei teils auf der Seite der Aufständischen, teils für das russische Militär. In konfessioneller Hinsicht einschneidend war die erzwungene Wiedereingliederung der Unierten Kirche in die Orthodoxie (1839).

1863 kam es zu einem weiteren Aufstand gegen die russische Obrigkeit. Der von Sankt Petersburg/Sankt Peterburg/Leningrad als nationalpolnische Erhebung wahrgenommene Aufstand führte zur Verdrängung der Polen aus der Verwaltung der weißrussisch-litauischen Nordwestregion Russlands (Severo-zapadnyj kraj).

Zur Assimilation der Eliten der heutigen weißrussischen Gebiete an die russische Kultur trug die russische Adelskultur entscheidend bei, die für die Oberschicht ähnlich attraktiv war wie vor den Teilungen Polen-Litauens die polnische Adelskultur.  Die Daten der 1897 durchgeführten ersten Volkszählung des Russischen Reiches weisen für die gemeinsam betrachteten Gebiete Weißrusslands und Litauens u. a. folgende Anteile von Angaben zur Muttersprache auf, aus denen auf die Nationalität der Befragten geschlossen wurde:[2] 

Weißrussisch 54,12 %
Jiddisch 14,05 %
Litauisch (8,59 %) bzw. Schemaitisch (4,43 %) 13,02 %
Russisch 5,62 %
Polnisch 5,60 %
Deutsch 0,49 %

 

Die muttersprachlich definierten Gruppen verteilten sich zudem ungleich auf die Städte und das Land: Während von den Befragten, die das Weißrussische als Muttersprache nannten, nur 2,56 Prozent der Stadtbevölkerung Weißrusslands und Litauens angehörten, betrug der Anteil der Stadtbevölkerung für das Polnische 26,79 Prozent, für das Russische 37,32 Prozent und für das Jiddische 43,54 Prozent. Für das Deutsche betrug der Anteil der Stadtbevölkerung 36,65 Prozent.

Die Periode von der bürgerlichen Revolution im Russischen Reich im Jahr 1905 bis zum Ersten Weltkrieg gilt als Phase der „Ersten Wiedergeburt“ der weißrussischen Sprache und Kultur,[3] da die ab 1906 eingetretenen Liberalisierungen einen Resonanzraum für die weißrussische Nationalbewegung entstehen ließen und zu einer gesteigerten Publikationstätigkeit der am Weißrussischen orientierten Intelligenz führten, insbesondere in der von 1906 bis 1915 in Wilna herausgegebenen Zeitung Naša Niva („Unsere Flur“).

Sowjetzeit, Zweite Polnische Republik und Zweiter Weltkrieg

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde 1919 die Weißrussische Sozialistische Sowjetrepublik (BSSR) gegründet, Westweißrussland fiel mit dem polnisch-sowjetischen Friedensvertrag von Riga (1921) an den wiedererrichteten polnischen Staat. Die Politik in der BSSR stand in den 1920er Jahren unter dem Zeichen der Indigenisierung (russ. korenizacija), d. h., dem Bestreben, Angehörige der Titularnation in Führungspositionen von Staat und Partei zu bringen, sowie einer sprachlichen und kulturellen Weißrussifizierung. Mit der Änderung der Parteilinie Anfang der 1930er Jahre und der Kampagne zur Bekämpfung ‚lokaler Nationalismen’ setzte eine Politik der Repressionen gegen die weißrussische Intelligenz ein, und im „Großen Terror“ von 1939 bis 1941 wurden auch zahlreiche Weißrussen nach Sibirien und in den Fernen Osten deportiert.

Polens Politik gegenüber ‚seiner’ weißrussischen Minderheit zeichnete sich durch den Versuch aus, durch eine Polonisierung im Bildungswesen und die Ansiedlung polnischer Kriegsveteranen in den Ostgebieten des Staates (poln. Kresy Wschodnie) die ethnischen Grenzen den staatlichen anzupassen.

Unter deutscher Besatzung wurden im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten von ursprünglich rund neun Millionen Bewohnern der weißrussischen Gebiete etwa 1,6 Millionen bei Aktionen hinter der Front getötet, davon etwa 700.000 Kriegsgefangene, 500.000 Juden und 320.000 vermeintliche Partisanen.[4] 

Sowjetrepublik nach 1945

Die Nachkriegsordnung bestätigte die bereits im September 1939 infolge der militärischen Niederlage Polens und des geheimen Zusatzprotokolls zum Hitler-Stalin-Pakt erfolgte Eingliederung Westweißrusslands in die BSSR. In den folgenden Jahrzehnten propagierte die Kommunistische Partei (KP) zwar einerseits die individuelle Entwicklung der sozialistischen Nationen, andererseits aber das Ziel einer Annäherung und Verschmelzung der Sowjetvölker unter russischer Führung. In Weißrussland ging dies mit einer Industrialisierung und Urbanisierung einher, welche die Weißrussen zwar erstmals in den Städten zur dominanten Nationalität werden ließen, zugleich aber aufgrund des Zuzugs von russischsprachigen Führungskadern einen Anpassungsdruck an das Russische in Partei, Verwaltung und Industrie erzeugten.

Nicht zuletzt infolge der nuklearen Katastrophe von Tschernobyl/Čornobyl’ 1986, von der Weißrussland am stärksten betroffen war, und der Entdeckung von Massengräbern aus der Stalinzeit in Kurapaty (russ. Kuropaty) bei Minsk 1988 formierte sich in der BSSR eine nationale und antikommunistische Bewegung (Weißrussische Volksfront, Belaruski Narodny Front, BNF), die aber schwächer als etwa in den baltischen Staaten und der Ukraine blieb. Der gescheiterte Putschversuch konservativer KP-Funktionäre in Moskau (19.–21. August 1991) führte jedoch auch in Weißrussland zur Erosion der Macht der alten Parteiführung und zur staatlichen Unabhängigkeit (25. August 1991 Unabhängigkeitserklärung der Republik Belarus‘, 3. Dezember 1991 Auflösung der Sowjetunion).

Staatliche Unabhängigkeit seit 1991

Die ersten Jahre der weißrussischen Unabhängigkeit  waren nicht zuletzt geprägt von dem Versuch einer sprachlichen und kulturellen Weißrussifizierung und werden daher häufig als Phase der „Zweiten Wiedergeburt“ der weißrussischen Sprache und Kultur bezeichnet. Insbesondere im zuvor jahrzehntelang russischsprachig dominierten Bildungswesen gab es jedoch starke Widerstände gegen diese als aufgezwungen empfundene Politik, deren Rechtsgrundlage ein noch zur Sowjetzeit (1990) verabschiedetes Sprachengesetz war, welches das Weißrussische zur einzigen Amtssprache erklärt hatte.

Mit dem Versprechen, die ‚erzwungene Weißrussifizierung’ zu beenden und Korruption im Staatsapparat zu bekämpfen, gewann Alexander Lukaschenko (weißr. Aljaksandr Lukašėnka, russ. Aleksandr Lukašenko, geb. 1954) die Wahl zum ersten Staatspräsidenten Weißrusslands (1994) und ist seitdem der dominierende politische Akteur des Landes. In einem umstrittenen Referendum wurde 1995 das Russische als zweite Amtssprache eingeführt und damit faktisch als dominante Sprache des öffentlichen Lebens bestätigt. Seit Lukaschenkos Amtsantritt verschärfte sich der Machtkampf mit dem Parlament und mündete 1996 in ein von Manipulationen und Verfahrensverstößen begleitetes Verfassungsreferendum, das zur Erweiterung der Macht des Präsidenten und zur Installation eines neuen Parlaments führte (‚kalter Staatsstreich’). Außer durch die Errichtung eines autoritären Präsidialsystems und die Beschränkung demokratischer Bürgerrechte zeichnete sich Weißrussland unter Lukaschenko in den Folgejahren durch eine Anlehnung an Russland aus, die jedoch seit Mitte der 2000er Jahre aufgrund von wiederkehrenden ökonomischen Konflikten sowie seit 2014 infolge der Zurückhaltung Lukaschenkos gegenüber der russischen Ukraine-Politik weniger eng wurde.

Daten zur nationalen und sprachlichen Situation im Land bietet die jüngste Volkszählung aus dem Jahr 2009. Die drei zahlenmäßig größten nationalen Gruppen bilden Weißrussen (83,7 Prozent der Gesamtbevölkerung), Russen (8,3 Prozent) und Polen (3,1 Prozent). Zum Weißrussischen als Muttersprache bekannten sich 53,2 Prozent der Gesamtbevölkerung, zum Russischen 41,5 Prozent. Als gewöhnlich zu Hause verwendete Sprache nannten dagegen 23,4 Prozent Weißrussisch und 70,2 Prozent Russisch.[5] Die Daten zur sprachlichen Situation können jedoch nicht als zuverlässig gelten, da sie zum einen das weit verbreitete Phänomen der weißrussisch-russischen Mischsprachigkeit nicht berücksichtigen, zum anderen nur Einfachnennungen möglich waren.[6]

Zur Geschichte der Deutschen im heutigen Weißrussland

Die Siedlungsgeschichte deutscher Bevölkerung im heutigen Weißrussland lässt sich bis Anfang des 14. Jahrhunderts zurückverfolgen, als deutschstämmige Missionare, Händler, Handwerker und Ritter sich im Großfürstentum Litauen niederließen. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstanden erste kompakte ländliche Siedlungen von Deutschen im Westen des heutigen Weißrussland. Der Anteil der deutschen Landbevölkerung vergrößerte sich in der Folgezeit durch weitere Pachtungen, blieb aber insgesamt gering. Ab Ende des 19. Jahrhunderts kam es im Süden des heutigen Weißrussland zu einer Ansiedlung von deutschen Kolonisten aus Wolhynien.

Im Zuge des Ersten Weltkrieges und der Kriegspropaganda mussten die meisten Deutschstämmigen ihre Siedlungen verlassen und kehrten nur zum Teil nach der Oktoberrevolution zurück. In den 1920er und 1930er Jahren existierten in der BSSR zwei deutsche nationale Gemeinden. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs lebten im sowjetischen Teil des heutigen Weißrussland rund 8.500 Deutsche. Von diesen wurde 1941 ein Teil nach Kasachstan deportiert. Die verbliebenen Deutschen wurden 1943 größtenteils ins Deutsche Reich bzw. in die von Deutschland besetzten polnischen Gebiete umgesiedelt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren auch Deutschstämmige an der Migration aus anderen Sowjetrepubliken in die BSSR beteiligt. Im Zuge der politischen Liberalisierung und schließlich Auflösung der Sowjetunion organisierten sich die Deutschen Weißrusslands in der landesweiten Gesellschaft ‚Wiedergeburt‘. Es entstanden in mehreren weißrussischen Städten deutsche Kulturzentren, von denen 2017 aber nur noch eines – in der Stadt Babrujsk (russ. Bobrujsk) – aktiv war. Die Zahl der Deutschen in Weißrussland ist zwischen den Volkszählungen von 1999 und 2009 von 4.805 auf 2.474 gesunken.[7]

4. Gedächtnis- und Erinnerungskultur

Die Gedächtnis- und Erinnerungskultur in Weißrussland oszilliert zwischen den Polen eines russophil-imperialen und eines weißrussisch-national perspektivierten Gedenkens mit ihren jeweils unterschiedlichen historischen Akzentsetzungen und Bewertungen. Die staatliche Erinnerungspolitik unter Präsident Lukaschenko befand sich lange recht deutlich in der Nähe der russophil-imperialen Tradition. Sie bemüht sich aufgrund des nicht konfliktfreien Verhältnisses zu Russland in den vergangenen Jahren sowie der zunehmenden Alterung der Lukaschenko-Anhängerschaft allerdings in jüngerer Zeit, gewisse Elemente des weißrussisch-nationalen Geschichtsbildes in ihr Narrativ zu integrieren.

Die national orientierte populäre Geschichtsschreibung betont die Eigenständigkeit der Fürstentümer auf dem heutigen weißrussischen Gebiet, insbesondere des Fürstentums Polack, während die an Russland orientierte Historiographie die Bindung an die Kiewer Rus’ und damit die frühe Zusammengehörigkeit von Weißrussen, Russen und Ukrainern hervorhebt. Die Epoche des Großfürstentums Litauen wird in der weißrussisch-nationalen Erinnerungskultur als ‚Goldenes Zeitalter’ verklärt, unter Verweis auf den vermeintlich weißrussischen Charakter des Staates und der in ihm verwendeten Amts- und Kanzleisprache.

Die Eingliederung der heutigen weißrussischen Gebiete in das Russische Reich nach den Teilungen Polen-Litauens bedeutete dem weißrussisch-nationalen Narrativ zufolge einen von außen auferlegten Abbruch der organisch gewachsenen Kulturkontakte der Weißrussen mit dem westlichen Europa. Aus ‚prorussischer’ Sicht hingegen war 1795 das Jahr der Wiedervereinigung der zuvor ‚künstlich’ durch polnische und römisch-katholische Expansion separierten Weißrussen mit den Russen.

Von besonderer Bedeutung für die national orientierte weißrussische Geschichtsschreibung ist die 1918 nur wenige Monate unter deutschem Protektorat existierende Weißrussische Volksrepublik (BNR), da diese den ersten Versuch zur Errichtung eines weißrussischen Nationalstaates darstellte. Im regierungstreuen Geschichtsnarrativ hingegen wird besonders der Widerstand des prosowjetischen Teils der weißrussischen Partisanen gegen die NS-Herrschaft sowie der Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ hervorgehoben und in der offiziellen Gedenkkultur prominent gewürdigt.

5. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Nelly Bekus: Struggle over Identity. The official and the alternative “Belarusianness”. Budapest u. a. 2010.
  • Dietrich Beyrau, Rainer Lindner (Hg.): Handbuch der Geschichte Weißrußlands. Göttingen 2001.
  • Thomas M. Bohn, Victor Shadurski (Hg.): Ein weißer Fleck in Europa. Die Imagination der Belarus als Kontaktzone zwischen Ost und West. Bielefeld 2011 (Histoire 29).
  • Thomas M. Bohn, Rayk Einax, Julian Mühlbauer (Hg.): Bunte Flecken in Weißrussland. Erinnerungsorte zwischen polnisch-litauischer Union und russisch-sowjetischem Imperium. Wiesbaden 2013.
  • Bernhard Chiari: Alltag hinter der Front – Besetzung, Kollaboration und Widerstand in Weißrußland 1941–1944. Düsseldorf 1998.
  • Mark Brüggemann: Die weißrussische und die russische Sprache in ihrem Verhältnis zur weißrussischen Gesellschaft und Nation: ideologisch-programmatische Standpunkte politischer Akteure und Intellektueller 1994–2010. Oldenburg 2014.
  • Christian Gerlach: Kalkulierte Morde: die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weissrussland 1941 bis 1944. Hamburg 1998.
  • Bert Hoppe, Imke Hansen, Martin Holler (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, Band 8: Sowjetunion mit annektierten Gebieten, Teil 2: Generalkommissariat Weißruthenien und Reichskommissariat Ukraine. Berlin 2015.
  • Rainer Lindner: Historiker und Herrschaft. Nationsbildung und Geschichtspolitik in Weißrußland im 19. und 20. Jahrhundert. München 1999 (Ordnungssysteme 5).
  • Mathias Niendorf: Das Großfürstentum Litauen. Studien zur Nationsbildung in der Frühen Neuzeit (1569–1795). Wiesbaden 2006.
  • Per Anders Rudling: The Rise and Fall of Belarusian Nationalism, 1906–1931. Pittsburgh (Pitts Series in Russian and East European Studies).
  • Timothy Snyder: The Reconstruction of Nations. Poland, Ukraine, Lithuania, Belarus, 1569–1999. New Haven, London 2003.

Weblinks

Anmerkungen

[1] Vgl. Witold Mańczak: Biała, Czarna i Czerwona Ruś [Die weiße, schwarze und rote Rus’]. In: International Journal of Slavic Linguistics and Poetics 19 (1975), S. 32-39, hier S. 35–39. Die Bezeichnung von Himmelsrichtungen mit Farben findet sich in Turksprachen. Nach dem Zerfall der Kiewer Rus‘ sollen die Tataren den westlichen Teil der ehemaligen Rus‘, der Bestandteil des Großfürstentums Litauen wurde, als Weiße Rus‘ bezeichnet haben. Die Rote Rus‘ war der südliche Teil der Rus‘, der in das Königreich Polen einverleibt wurde, die Schwarze Rus‘ der nördliche Teil, der zum Herrschaftsbereich der Goldenen Horde gehörte (der ‚Moskowiterstaat‘).

[2] Zum (durchaus auch zeitgenössischen) Problembewusstsein bezüglich des Verhältnisses von Muttersprache und Nationalität vgl. Henning Bauer, Andreas Kappeler, Brigitte Roth (Hg.): Die Nationalitäten des Russischen Reiches in der Volkszählung von 1897. A: Quellenkritische Dokumentation und Datenhandbuch. Stuttgart 1991, hier S. 144–151. Vorliegend werden nur die Werte für die Sprachgruppen mit den höchsten Anteilen sowie, unabhängig von deren zahlenmäßigem Rang, die Gruppe der Befragten, die Deutsch als Muttersprache angaben, genannt. Zahlen nach Henning Bauer, Andreas Kappeler, Brigitte Roth (Hg.): Die Nationalitäten des Russischen Reiches in der Volkszählung von 1897. B: Ausgewählte Daten zur sozio-ethnischen Struktur des Russischen Reiches – erste Auswertungen der Kölner NFR-Datenbank. Stuttgart 1991, S. 215f.

[3] In sprachlicher Hinsicht knüpft die Benennung als „Erste Wiedergeburt“ an die ‚untergegangene’, häufig als „Altweißrussisch“ bezeichnete Kanzleisprache des Großfürstentums Litauen an. Aus linguistischer Perspektive handelt es sich bei der modernen weißrussischen Schriftsprache jedoch weniger um eine Anknüpfung an den alten Sprachzustand als um eine Neuschaffung auf Basis der weißrussischen Dialekte.

[4] Timothy Snyder: Bloodlands. München 2010, S. 259.

[5] Angaben nach Belstat – Nacional’nyj statističeskij komitet Respubliki Belarus’ [Nationales Statistikkomitee der Republik Belarus’]: http://www.belstat.gov.by/ (Abruf 19.09.2018).

[6] So sind insbesondere die Werte für das Weißrussische als deutlich überhöht zu betrachten, vgl. Gerd Hentschel, Bernhard Kittel: Weißrussische Dreisprachigkeit? Zur sprachlichen Situation in Weißrussland auf der Basis von Urteilen von Weißrussen über die Verbreitung „ihrer Sprachen“ im Lande. In: Wiener Slawistischer Almanach 67 (2011), S. 107–135, hier S. 134.

[7] Bundesministerium des Inneren: Deutsche Minderheiten stellen sich vor. 2., überarb. Aufl., Berlin 2017, S. 23: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/themen/gesellschaft-integration/nationale-minderheiten/deutsche-minderheiten-stellen-sich-vor.pdf;jsessionid=230D898A8A58E73F3659AC60997CA116.1_cid373?__blob=publicationFile&v=6 (Abruf 19.09.2018).

Zitation

Mark Brüggemann: Weissrussland. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2019. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32644 (Stand 26.03.2019).

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