OME-Lexikon

Lissa/Leszno

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Lissa, Polnisch Lissa

Amtliche Bezeichnung

poln. Leszno

2. Geographie

Lage

Lissa liegt auf 51° 52' nördlicher Breite, 16° 34' östlicher Länge, ca. 70 km südwestlich von Posen/Poznań und 90 km nordwestlich von Breslau/Wrocław.

Region

Staatliche und regionale Zugehörigkeit

Polen. Lissa ist eine kreisfreie Stadt in der Woiwodschaft Großpolen (Wielkopolska).

Historische Zugehörigkeit

1793 kam Lissa im Zuge der polnischen Teilungen an Preußen. Nach dem Wiener Kongress (1814/15) gehörte Lissa zum Kreis Fraustadt/Provinz Posen im Regierungsbezirk Posen. Nach dem Ersten Weltkrieg kam Lissa auf Grundlage des Versailler Vertrags wieder zum polnischen Staat. Mit dem Überfall auf Polen 1939 wurde die Stadt dem Reichsgau Wartheland angegliedert und 1941 in "Lissa (Wartheland)" umbenannt. 1945 kam Lissa wieder an Polen und wurde 1975 Sitz der Woiwodschaft Leszno. Seit 1999 kreisfreie Stadt in der Woiwodschaft Großpolen (Wielkopolska). 

3. Geschichte und Kultur

Mittelalterliche Geschichte

Erste urkundliche Erwähnung des Dorfes 1393. Die Verleihung des Handelsprivilegs durch den Woiwoden Rafał IV. Leszczyński 1547 führte zu einem raschen Wachstum der Stadt. Seit 1561 war Lissa Handelsplatz mit Magdeburger Recht.

Frühneuzeitliche Geschichte

1656 wurde Lissa im schwedisch-polnischen Krieg fast vollständig zerstört. Viele Einwohner suchten v. a. in Schlesien Zuflucht, ein Teil kehrte anschließend nach Lissa zurück.

Geschichte im 19. Jahrhundert

Im Jahr 1887 wurde Lissa Sitz der Kreisverwaltung.

Geschichte im 20. Jahrhundert

Nach dem Ersten Weltkrieg (1920) wurde Lissa auf Grundlage des Versailler Vertrags wieder an Polen abgetreten. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt bereits im September 1939 von deutschen Truppen besetzt, mit dem so genannten Reichsgau Wartheland dem Deutschen Reich angeschlossen und 1941 in „Lissa (Wartheland)” bzw. „Lissa (Posen)” umbenannt. Am 21. Oktober 1939 wurden 20 Angehörige der örtlichen Intelligenz und Eliten der Stadt öffentlich exekutiert. 20 % der Lehrerschaft Lissas wurden noch im Jahr 1939 von den Besatzern hingerichtet. Auch die 184 Angehörigen (Stand: Juni 1939) der jüdischen Gemeinde Lissa wurden Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. In der Umgebung Lissas wurde ein Zwangsarbeiterlager für Polen und polnischen Juden aufgebaut. Vermutlich mehr als 7.200 Menschen (die Zahl ist in der Forschung noch umstritten) aus Stadt und Kreis Lissa wurden ins Generalgouvernement verschleppt und viele von ihnen dort in Konzentrationslagern ermordet; viele kamen als Zwangsarbeiter ins Deutsche Reich. Bis 1943 brachten die Nationalsozialisten 4.000 sog. volksdeutsche Ansiedler in den Kreis Lissa. In Lissa entstand ein aktives Zentrum des Widerstands gegen die deutsche Besatzung. Seit 1945 gehört Lissa wieder zu Polen. Die deutsche Bevölkerung wurde vollständig ausgesiedelt. Die Rolle als kulturelles Zentrum der Region und „Stadt der Schulen” behielt Lissa auch nach dem Zweiten Weltkrieg. 1977 entstand die Stadtbibliothek; in den 1970er Jahre etablierte sich auch eine differenziertere Lokalpresse. 1993 Gründung der ersten Hochschule. Erhebung zur Woiwodschaftshauptstadt im Jahr 1975. Seit 1999 ist Lissa freie Kreisstadt und Sitz der Bezirksverwaltung.

Religions- und Kirchengeschichte

1516 ließen sich die ersten Böhmischen Brüder in Lissa nieder; nach der Niederlage des protestantischen Schmalkaldischen Bundes 1547 wanderten sie verstärkt ins Posener Land ein und gründeten zahlreiche Gemeinden. Die Gemeinde in Lissa gehörte zu den wichtigsten und gewann an Bedeutung als 1628 1.500 bis 2.000 böhmische Exulanten, unter ihnen Jan Amos Komenský (Comenius), Zuflucht suchten. Die Brüdergemeinde unterhielt die erste Druckerei Lissas, die vor allem Werke Comenius’ druckte. Die Stadt blieb auch nach Comenius’ Wirken und trotz der Gegenreformation ein Zentrum des polnischen Protestantismus. Nach dem Bau der Synagoge (1626) und der lutherischen Heilig-Kreuz-Kirche (1635) verfügten die vier großen, in der Stadt ansässigen Konfessionen über eigene Gotteshäuser. Seit dem 17. Jahrhundert ist in Lissa eine bedeutende jüdische Gemeinde nachweisbar. Sie war neben Posen/Poznań die bedeutendste in Großpolen und unterhielt eine Talmudschule, mehrere allgemein bildende Schulen, zwei Hospitäler, verschiedene Wohlfahrtseinrichtungen und trug einige Vereine zur Förderung der jüdischen Religionswissenschaften. Das jüdische Viertel Lissas wurde 1707 im Verlauf des Nordischen Kriegs sowie 1767 und 1799 durch Stadtbrände mehrmals zerstört. 1799 wurde die neu erbaute Synagoge eingeweiht, die 1905 durch einen Neubau ersetzt wurde.

Sozial- und Wirtschaftsgeschichte

Entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung der jungen Stadt, die neben Posen die wichtigste Stadt Großpolens war, waren bis ins 18. Jahrhundert hinein vor allem das Weberhandwerk und die Mühlen sowie der Handel mit ihren Produkten nach Schlesien. Die in Lissa ansässige jüdische Bevölkerung war vor allem als Handwerker und Händler tätig. Besonders eng waren die Handelsbeziehungen mit Breslau, wo die Juden Lissas bis 1870 eine eigene Synagoge unterhielten. 1856 erfolgte der Bau der ersten Bahnstrecke Großpolens Posen – Lissa – Breslau. Mit dem Ausbau weiterer Verbindungen (nach Glogau/Glogów, Kalisch/Kalisz, Landsberg a.d.W./Gorzów Wlkp.) etablierte sich Lissa als wichtiger Eisenbahnknotenpunkt in Großpolen. Die Urbanisierungs- und Industrialisierungsprozesse des 19. Jahrhunderts erfassten auch Lissa Hier siedelten sich v. a. Industrien für Landmaschinen sowie zur Weiterverarbeitung und Veredelung landwirtschaftlicher Produkte an. Auch der Handel mit landwirtschaftsnahen Produkten und das Handwerk blieben wichtige Wirtschaftszweige. Seit ca. 1880 stieg die Zahl der polnischen Handwerker an. 1882 erfolgte die Gründung eines Handwerksvereins für Deutsche und Polen, zehn Jahre später gründeten die Polen jedoch einen eigenen Gewerbeverein, da die nun betonten nationalen Unterschiede die gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen zunehmend überdeckten. Die ehemals wichtige Tuchfabrikation konnte sich im 19. Jahrhundert in Lissa nicht behaupten, viele Tuchmacher siedelten in die Nähe von Lodz/Łódź um, wo ein neues Zentrum der Textilindustrie entstand. Lissa blieb ein Bildungszentrum mit zahlreichen Schulen, Verlagen und Buchhandlungen. In der Volksrepublik Polen veränderte sich die Wirtschaftsstruktur der Stadt hin zu wenigen Großbetrieben der landwirtschaftliche Rohstoffe, Lebensmittel- und Metall verarbeitenden Industrien. Handel und Handwerk wurden genossenschaftlich organisiert.

Bevölkerungsgeschichte

Bis zur deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg lebte in Lissa eine gemischte Bevölkerung sowohl hinsichtlich des Bekenntnisses (Juden, Katholiken, Lutheraner, Böhmische Brüder) als auch hinsichtlich der Muttersprache (Deutsch, Polnisch, Tschechisch) bzw. der nationalen Zugehörigkeit, die ab dem 19. Jahrhundert das religiöse Bekenntnis als Zuordnungskategorie sukzessive ablöste. Die jüdische, vorwiegend deutschsprachige Bevölkerung stellte mit 400-500 Einwohnern, die im Norden der Stadt in einem eigenen Bezirk lebten, bis 1793 fast die Hälfte der Einwohner. Katholiken fanden sich überwiegend in der polnischen Bevölkerung, unter den Böhmischen Brüdern gab es anfänglich auch polnische Anhänger, die Lutheraner waren mehrheitlich deutschsprachig. Im Zuge der Zugehörigkeit zu Preußen bzw. dem Deutschen Kaiserreich setzten Germanisierungstendenzen ein, die zum Ende des 19. Jahrhunderts u. a. durch den (planmäßigen) Zuzug von deutschen Beamten und Lehrern verstärkt wurden. Die Angliederung an Preußen wurde von der jüdischen Gemeinde begrüßt und beschleunigte die Emanzipation und Germanisierung der Juden, die in großer Zahl deutsche Namen annahmen und sich in deutsch-vaterländischen Vereinen engagierten.

Die allgemeine Wirtschaftskrise, die durch die neue Grenzziehung nach dem Ersten Weltkrieg gestörten Handelsbeziehungen nach Schlesien – Lissa kam nach dem Ersten Weltkrieg auf Grundlage des Versailler Vertrags wieder zum polnischen Staat –, die damit einhergehende hohe Arbeitslosigkeit sowie verstärkte nationale Gegensätze zwischen Deutschen und Polen führten zu massiven Wanderungsbewegungen in der Stadt und der Region (Abwanderung eines Großteils der deutschen Bevölkerung, auch jüdischer Religion; Rückwanderung von Polen aus dem Rheinland und Berlin). Die polnischen Einwohner stellten 1939 mit über 90 % die Bevölkerungsmehrheit. Die deutsche Besatzung beendete durch Deportation und Ermordung der letzten Juden die fast 400-jährige Geschichte der ehemals bedeutenden jüdischen Gemeinde Lissas.

 

Jahr Einwohner  Protestanten Katholiken Juden
~1650* 14.-15.000


~1675*  mind. 5.000



~1790*  8-10.000  50%  10%  40%
 1817*  7.700  40%  13%  47%
1849*  9.200  49%  17%  34%
1905*  16.000  53%  41%  6%





 Jahr  Einwohner  Deutsche  Polen
 1920**  17.300  26%  71%
 3%
 1939**  21.300  8%  91%  1%
 1990  57.700


 2007  64.000***



  • * gerundete Zahlen nach: Historia Leszna (1997), S. 188.
  • ** gerundete Zahlen nach: Historia Leszna (1997), S. 238.
  • *** gerundet nach: Główny Urząd Statystyczny, Ludność. Stan i Struktura w Przekroju Terytorialnym. Stan w dniu 30 VI 2007 r.

4. Bibliographische Hinweise

Literatur


  • Jerzy Gaj: Historia Leszna [Geschichte Lissas]. Leszno 1997.
  • Aron Heppner, Isaak Herzberg: Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen – nach gedruckten und ungedruckten Quellen. Koschmin, Bromberg 1909, S. 596-613.
  • Stanisław Karwowski: Kronika Miasta Leszna [Stadtchronik Lissa]. Poznań 1877.

Weblink

Zitation

Heinke Kalinke: Lissa/Leszno. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2011. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/52964.html (Stand 05.03.2015).

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