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Oberglogau/Głogówek

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Oberglogau (früher auch Klein Glogau oder Kraut Glogau)

Amtliche Bezeichnung

poln. Głogówek

Anderssprachige Bezeichnungen

schles. Kraut Glôge; tschech. Malý Hlohov, auch Horní Hlohov; lat. Glogovia minor

Etymologie

Der Name der Stadt leitet sich ab vom polnischen Wort głóg für "Weißdorn", der früher in dieser Gegend üppig wuchs. Der Name "Kraut Glogau" bezieht sich wohl auf den Anbau des Weißkohls in der Region.

2. Geographie

Lage

Oberglogau liegt auf 50° 22' nördlicher Breite, 17° 52' östlicher Länge, ca. 44 km südlich von Oppeln/Opole, 10 km von der tschechischen Grenze entfernt, am rechten Ufer der Hotzenplotz (Osobłoga), eines linken Nebenflusses der Oder.

Region

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Polen. Oberglogau ist eine Stadt im Kreis Neustadt O.S. (Powiat Prudnik) in der Woiwodschaft Oppeln.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Das Wappen der Stadt zeigt drei silberne Sicheln mit goldenen Griffen und drei goldene Weinreben, die auf die Tradition des Weinbaus in der Region hinweisen. Es ist in dieser Form seit dem 17. Jahrhundert bekannt.

Mittelalter

Die frühesten Quellenhinweise auf das Dorf "Glogov" stammen aus dem Jahr 1226. Die zum Herzogtum Oppeln gehörige Siedlung bekam wohl um 1275 das Stadtrecht.[1] 1283 bis 1532 war Oberglogau die zweite Residenzstadt der Herzöge von Oppeln. 1295 wird Conradus de Glezyn (Konrad Larisch) als Erbvogt von Oberglogau verzeichnet. 1327 kam die Stadt zusammen mit dem Herzogtum Oppeln als Lehen zur Böhmischen Krone. 1373 wurde das Stadtrecht nach dem Magdeburger Recht erneuert. 1428 wurde die Stadt durch Hussiten teilweise zerstört und geplündert.

Bild

Schloss Oberglogau/Głogówek
(Postkarte: vor 1945) [Herder-Institut, Marburg,
Bildarchiv, Inv. Nr. 108940].

Neuzeit

1532 kam die Stadt unter habsburgische Lehensherrschaft. 1561 gelangte sie in den Besitz der Familie Oppersdorff, die, 1626 in den Reichsgrafenstand erhoben, bis 1945 hier ansässig war. 1582 wurde die Stadt teilweise durch einen Brand, 1643 im Dreißigjährigen Krieg beschädigt. Während des Zweiten Nordischen Krieges diente das Schloss in Oberglogau dem polnischen König Jan Kasimir und seiner Frau Marie Luise 1655 zwei Monate lang als Zufluchtsort. Infolge der schlesischen Kriege gelangte Oberglogau 1742 unter preußische Herrschaft und wurde Garnisonstadt. 1765 wurde die Stadt erneut von einem Brand heimgesucht. 1818 verlor Oberglogau den Status der Kreisstadt zugunsten von Neustadt O.S./Prudnik.

In der Volksabstimmung von 1921, die über die staatliche Zugehörigkeit Oberschlesiens entscheiden sollte, votierten über 95 % der Stadtbewohner für den Verbleib bei Deutschland.[2]

Zeitgeschichte

Während des Angriffs der Roten Armee 1945 wurden ca. 40 % der Stadtbebauung zerstört. Nach dem Krieg kam die Stadt unter polnische Verwaltung, ein Teil der deutschen Einwohner wurde vertrieben; an ihrer Stelle kamen polnische Vertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten Polens.

Bevölkerungsentwicklung

1794 lag die Einwohnerzahl Oberglogaus bei 2.142.[3] 1858 zählte die Stadt 3.937 Einwohner, 1895 stieg ihre Zahl auf 5.706, von denen rund 10 % polnischsprachig waren und 43 % Deutsch und Polnisch beherrschten. 1936 lebten in der Stadt 7.742 Personen. Heute zählt Oberglogau 5.631 Einwohner.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verblieb eine deutsche Minderheit in der Stadt. Bei der Volkszählung von 2002 bezeichneten sich 24,8 % der Gemeindebevölkerung als Deutsche und 1,4 % als "Schlesier".[4] Seit 2009 ist die Gemeinde offiziell zweisprachig, zum 1. Dezember 2009 führte sie – bis auf die Ortsteile Kazimierz (Kasimir), Racławice Śląskie (Deutsch Rasselwitz), Szonów (Schönau) und Tomice (Thomnitz) – zweisprachige Ortsbezeichnungen ein.

Wirtschaft

Seit dem Mittelalter lag der Schwerpunkt der wirtschaftlichen Tätigkeit der Stadtbewohner in der Landwirtschaft (auch Weinbau) und Viehzucht sowie in geringem Maße in der Tuchherstellung und im Handel. In der zweiten Hälfte des 17. und im 18. Jahrhundert erlebte sie als Sitz des Majorats der Familie Oppersdorff einen bescheidenen wirtschaftlichen Aufschwung. 1876 wurde Oberglogau an das Eisenbahnnetz (Kandrzin – Neustadt) angeschlossen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden in der Stadt mehrere neue Kommunalbauten, 1881 eine Zuckerfabrik. Die seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert als Familienbetrieb existierende Honigkuchenfabrik "Knieling" wurde nach 1947 unter dem Namen "Piast" verstaatlicht und der bekannteste Hersteller von Süßwaren der Region (nach 1990 privatisiert).

Religionsgeschichte

1264 ließen sich Franziskaner in Oberglogau nieder und errichteten eine Kirche und ein Kloster. 1428 wurde das Kloster durch Hussiten zerstört. Herzog Bolko V. (1425–1460) unterstützte die Hussiten, ließ die Franziskaner aus Oberglogau vertreiben und säkularisierte deren Güter. Um 1480 kam der Orden zurück in die Stadt.

Die Reformation konnte in Oberglogau nur kurzfristig Fuß fassen und äußerte sich u. a. in der Auflösung des Franziskanerklosters 1565. 1628 ließ sich der Orden erneut in der Stadt nieder und blieb bis zur Säkularisierung 1810. Die Familie Oppersdorff blieb katholisch und habsburgtreu, auch nach der Annexion Schlesiens durch Preußen.[5] Auch im Laufe des 19. Jahrhunderts, als die Stadt als Sitz einer preußischen Garnison fungierte, bildeten die evangelischen Einwohner eine Minderheit: 1858 lebten in der Stadt nur 208 Personen evangelischen Glaubens (von 3.937).[6] Bei der Volksabstimmung 1921 votierte der Besitzer des Fideikommisses Oberglogau, Hans Georg Graf von Oppersdorff, für eine Abtretung an Polen, da die Stadt "im katholischen Polen besser geborgen [sei] als im protestantischen, glaubenslosen Norddeutschland."[7]

Die ersten Quellen über jüdische Einwohner Oberglogaus stammen aus dem Jahr 1349.[8] Nach den Vertreibungen des 16. und 17. Jahrhunderts kam es erst im ausgehenden 18. Jahrhundert zur Gründung einer jüdischen Gemeinde, die ab 1820 über einen eigenen Friedhof und ab 1851 über eine hölzerne Synagoge verfügte. 1864 wurde diese durch einen gemauerten Neubau ersetzt. 1880 zählte die jüdische Gemeinde 180 Mitglieder. 1933 lebten 63 Personen jüdischen Glaubens in der Stadt.[9] Während der "Reichskristallnacht" wurde die Synagoge angezündet (heute ist sie weitgehend umgebaut und wird als Wohnbau genutzt).

Literatur, Geistesgeschichte und Musik

Im Franziskanerkloster von Oberglogau lebte und wirkte Nikolaus von Cosel (*um 1390 in Cosel, Herzogtum Cosel; † nach 1423), ein schlesischer Theologe und Schriftsteller.

1806 besuchte Ludwig van Beethoven auf Einladung des Grafen Franz Joachim Wenzel von Oppersdorff Oberglogau und widmete ihm seine 4. Sinfonie. In dem 1977 eröffneten Beethoven-Saal im Schloss von Oberglogau finden regelmäßig Kammerkonzerte statt.

Kunstgeschichte und Architektur

Die Stadt wurde auf einem schachbrettförmigen Grundriss angelegt und von Ringmauern umgeben (im späten 19. Jahrhundert geschleift). Von den ehemals drei Stadttoren steht nur mehr das um 1700 errichtete barocke Burgtor; daneben befindet sich der quadratische Torturm (14./15. Jahrhundert). Das Stadtbild ist gut erhalten; im Bereich des Rings finden sich zahlreiche Bürgerhäuser des 17.–19. Jahrhunderts mit überwiegend zweigeschossiger, giebelständiger Architektur.

Bild

Rathaus Oberglogau/Głogówek
(Postkarte: vor 1945) [Herder-
Institut, Marburg, Bildarchiv,
Inv. Nr. 109277].

Die im Kern gotische, barock überformte katholische Pfarrkirche St. Bartholomäus südwestlich des Rings wird 1284 erstmalig erwähnt. 1379 wurde sie zur Kollegiatsstiftskirche erhoben. Nach Zerstörungen durch Hussiten 1428 und einem Brand 1582 jeweils erneuert, erhielt sie 1776–1781 eine Innenausstattung im Barockstil. 1906 wurde sie von Josef Langer restauriert und ausgemalt. In der Oppersdorff'schen Kapelle nördlich des Chores befindet sich die Gruft der Familie.

Die Franziskanerkirche nordwestlich des Rings wurde nach ihrer Zerstörung durch Hussiten 1428 als Saalkirche mit geradem Chorschluss und Querhauskapellen wiederaufgebaut. In der nördlichen Kapelle stiftete Georg von Oppersdorff eine Nachbildung der Casa Santa in Loreto, die südliche diente ebenfalls als Familiengruft der Oppersdorff. Neben der Franziskanerkirche befindet sich ein nach mehreren Bränden stark umgebautes hl. Grab, das 1634 von Georg von Oppersdorff als Nachbildung des hl. Grabes in Jerusalem gestiftet wurde.

Der mittelalterliche Vorgängerbau des Schlosses wurde Ende des 13. Jahrhunderts von den Oppelner Piastenherzögen auf einem Bergrücken errichtet. 1532–1561 residierte hier die Familie von Zedlitz, danach bis 1945 die Familie von Oppersdorff.

Mitte des 16. Jahrhunderts wurde das alte Schloss abgerissen. Der heutige Baukomplex entstand in zwei Hauptbauphasen: Das sog. Oberschloss mit flankierenden Türmen wurde 1561–1571 unter Johann von Oppersdorff im Renaissancestil errichtet. 1606 wurde an der Ostseite mit dem Bau des sog. Niederschlosses begonnen. 1645–1668 wurde die bis heute erhaltene Schlosskapelle errichtet, wohl unter Mitwirkung der Steinmetzen Jakob Schwabe und Salomon Steinhafer, und im Inneren um 1780 mit Fresken von Franz Anton Sebastini ausgemalt. Heute beherbergt das Schloss das Regionalmuseum (Muzeum Regionalne).

Das in der Mitte des Rings gelegene Rathaus wurde 1608 im Stil der Spätrenaissance errichtet. 1880 erfolgte eine partielle Umgestaltung; nach Kriegszerstörungen wurde das Gebäude 1955–1957 wiederhergestellt.

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Tadeusz Chrościcki: Głogówek. Wrocław u. a. 1977.
  • Aleksandra Derkacz, Łukasz Szała, Marek Szała (Hg.): Ziemia Głogówecka [Das Oberglogauer Land]. Głogówek 2009.
  • Jerzy Gorzelik: Oberglogau (Głogówek) – eine oberschlesische Residenzstadt im Zeitalter des Barock. In: Beate Störtkuhl (Hg.): Hansestadt – Residenz – Industriestandort. Beiträge der 7. Tagung des Arbeitskreises deutscher und polnischer Kunsthistoriker in Oldenburg, 27.-30. September 2000. München 2002 (Schriften des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa 19), S. 201-209.
  • Beata Lejman: Głogówek/Oberglogau. In: Ernst Badstübner, Dietmar Popp, Andrzej Tomaszewski, Dethard von Winterfeld (Hg.), Sławomir Brzezicki, Christine Nielsen (Bearb.): Dehio-Handbuch der Kunstdenkmäler in Polen. Schlesien. München, Berlin 2005, S. 306-311.
  • Johannes Preisner, Günter Hauptstock: Geschichte der Stadt Oberglogau. 3 Bde. Menden 2005–2008.
  • Ewa Wółkiewicz: Kapituła kolegiacka św. Bartłomieja w Głogówku [Die Kollegiatsstiftskirche St. Bartholomäus in Oberglogau]. Opole 2005.

Anmerkungen

[1] Die Authentizität der auf das Jahr 1275 datierten Gründungsurkunde ist umstritten. Vgl. Schlesisches Urkundenbuch. Bd. 1, Nr. 143 und Wółkiewicz: Kapituła, S. 12

[2] http://www.oberschlesien-ka.de/abstimmung/neustadt.htm (Abruf 20.06.2013).

[3] Einwohnerzahlen nach Chrościcki: Głogówek, S. 36f.

[4] http://www.stat.gov.pl/gus/8185_PLK_HTML.htm (Abruf 27.06.2013).

[5] Vgl. dazu Gorzelik: Oberglogau, S. 201.

[6] Einwohnerzahlen nach Chrościcki: Głogówek, S. 37.

[7] Zitiert nach: Gunnar Anger: Oppersdorff, Hans Georg Graf von. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Bd. 21. Nordhausen 2003, Sp. 1095-1112.

[8]  Onlineportal zur Geschichte der Juden in Polen: http://www.sztetl.org.pl/pl/article/glogowek/5,historia/ (Abruf 20.06.2013).

[9] Zahlen nach http://www.sztetl.org.pl/pl/article/glogowek/5,historia/ (Anm. 8).

Zitation

Beata Lejman/Tomasz Torbus: Oberglogau/Głogówek. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2013. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/57504.html (Stand 12.05.2015).

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OME-Redaktion (Stand: 25.04.2018)