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Rzeszów

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Reichshof (1941-1945)

Amtliche Bezeichnung

poln. Rzeszów

Anderssprachige Bezeichnungen

ukr. Ряшів (translit. Riaschiv); tschech. Řešov; lat. Resovia

Etymologie

Die Etymologie des Namens Rzeszów ist nicht geklärt. Die Hypothese, der Name gehe auf ein durch deutsche Kolonisten gegründetes deutsches „Reichshof“ zurück, wurde unter anderem von deutschen Historikern widerlegt.[1] Einer anderen Theorie zufolge gaben die Deutschen bei der Stadtgründung nach dem Magdeburger Recht im 14. Jahrhundert der Stadt den Namen Resche.[2] Nach einer Legende referiert der Name der Stadt auf ihren vermeintlichen Begründer Rzech, Rzesz oder Rzetysław.

2. Geographie

Lage

Rzeszów liegt auf 50°12′20′′ nördlicher Breite, 22°31′58′′ östlicher Länge, etwa 160 km östlich von Krakau/Kraków.

Topographie

Die Stadt liegt im Übergangsbereich zwischen dem Karpatenvorland (Podkarpacie) und dem Sendomir-Talkessel (Kotlina Sandomierska) an der Weisslok (Wisłok), einem Nebenfluss des San.

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Polen. Rzeszów ist Hauptstadt der Woiwodschaft Karpatenvorland (Podkarpackie) und Bischofssitz.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Das Stadtwappen zeigt ein weißes Kavalleriekreuz in blauem Feld.

Mittelalter

Die erste dokumentierte Erwähnung des Stadtnamens stammt aus dem Jahre 1354, als Jan Pakosławic (gest. 1374) von König Kasimir III. dem Großen (1310-1370) das Gründungsprivileg nach dem Magdeburger Recht erhielt. Bereits 1363 gab es eine Pfarrkirche, ab 1406 eine Pfarrschule. Im 15. Jahrhundert entwickelte sich die Stadt schnell, was mit ihrer Lage an wichtigen Handelswegen verbunden war. In der Zeit vom Ausgang des 16. Jahrhunderts bis Ende der 40er Jahre des 17. Jahrhunderts erlebte Rzeszów sein goldenes Zeitalter: 1591 wurde das Rathaus errichtet, 1600 begann der Aufbau der Burg, 1629 wurde das Bernhardiner-Burgkloster gestiftet.

Neuzeit

1638 ging die Stadt in den Besitz der Magnatenfamilie Lubomirski über. Die Regierungszeit der Lubomirskis kann in zwei Phasen eingeteilt werden. In der ersten entwickelte sich die Stadt unaufhörlich: 1658 gründete Jerzy Sebastian Lubomirski (1616–1667) das Piaristenkollegium, damals eine der wenigen Oberschulen in Polen, 1681 wurde ein Bibliotheksstudium an der Bernhardinerkirche eingerichtet, man pflegte Kunst und Kultur am Hof. Die zweite Phase bedeutete einen wirtschaftlichen Verfall der Stadt: Zahlreiche Brände (1681, 1728) und die Pest sowie die Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten haben Rzeszów stark betroffen. 1772 begann mit der ersten Teilung Polens die 146 Jahre währende Geschichte der Stadt unter habsburgischer Herrschaft. 1773 wurde Rzeszów mit etwa 3.000 Einwohnern zur Kreisstadt (cyrkuł). Die günstige Lage an der sogenannten Kaiser-Chaussee, einem neu errichteten Handelsweg, der zur wirtschaftlichen Belebung Galiziens wesentlich beitrug, bekräftigte die Rolle Rzeszóws als einer Handelsstadt. 1845 erhielt Rzeszów den Status einer Freien Stadt. Dieses Faktum sowie die Rechtshandlungen aus der ersten Hälfte der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts, die eine größere Autonomie in Galizien ermöglichten, hatten einen positiven Einfluss auf die weitere Entwicklung der Stadt. 1858 wurde Rzeszów durch eine Eisenbahnlinie mit Krakau und 1863 mit Lemberg/L’viv/Lwów verbunden.

20. Jahrhundert

Bereits am Anfang des Jahrhunderts gab es Gaswerke und eine Gas-Straßenbeleuchtung. 1911 wurden Elektrizitätswerke in Betrieb genommen. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg profitierte die Stadt von dem Ausbau der Militärinfrastruktur in den nördlichen Gebieten der österreichisch-ungarischen Monarchie. Der Reichtum der Stadt ermöglichte einige Bauinvestitionen (Schulen, Umbau des Rathauses, Wasserversorgung und Kanalisation). In den Jahren 1937-1939 entstanden im Rahmen des Zentralen Industriekreises (Centralny Okręg Przemysłowy COP) Flugzeugmotorenwerke und eine Filiale der Posener Militärwerke „Cegielski“. Im Zweiten Weltkrieg wurde Rzeszów zum Teil zerstört. Die jüdische Bevölkerung wurde von den deutschen Nationalsozialisten fast vollständig deportiert. 1945 wurde die Stadt zur Woiwodschaftshauptstadt, was ihren Rang wesentlich steigerte. Die 1950er und 1960er Jahre brachten eine rasche Entwicklung: Es entstanden neue Betriebe, öffentliche Gebäude und Wohnsiedlungen. Eine Folgeerscheinung des Papstbesuches Johannes Pauls II. (1920-2005) im Jahr 1991 war die Gründung der Diözese Rzeszów 1992.

Heute ist die Stadt mit über 180.000 Einwohnern das wichtigste Industrie-, Handels-, Kultur- und Bildungszentrum im Südosten Polens.

Bevölkerungsentwicklung

Die Frage nach der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung Rzeszóws im Mittelalter ist strittig. Es lassen sich einerseits geringe Spuren einer russischen Bevölkerung feststellen, was mit der Lage der Stadt im Grenzbereich zwischen Polen und Ruthenien verbunden war. Doch andererseits erfolgte die polnische Besiedlung des ganzen Grenzgebietes mit besonderer Dynamik, was sich unter anderem in der Namensgebung Rzeszóws und umliegender Ortschaften widerspiegelt.[3] Außerdem waren auch andere ethnische Gruppen in Rzeszów vertreten. Die Stadt müsse – so Kurt Lück – „nach ihrer Gründung dt. Bewohner gehabt haben“, denn es sei „kaum anzunehmen, dass sie neben den zahlreichen dt. Nachbarstädten eine Ausnahme gebildet“ habe.[4] Allerdings verschwanden jegliche Spuren der deutschen Ansiedler nach einem Stadtbrand im Jahr 1427.[5] Im 16. Jahrhundert kamen die ersten Juden in die Stadt. Bald übertraf ihre Zahl die der Christen. 1674 gab es 1.400 Juden in Rzeszów; Anfang des 19. Jahrhunderts lebten hier 3.575 Juden und nur 1.029 Christen. Der Geschichte der Rzeszower Juden setzte der Zweite Weltkrieg ein Ende: knapp 20.000 Einwohner jüdischer Herkunft wurden ermordet.[6]

Jahr
Einwohner[7]
191023.700
191824.200
193941.000
194629.407
195028.133
195552.142
196062.526
197083.105
1980121.321
1990153.041
2000162.501
2010178.227

Rzeszów ist nach Warschau/Warszawa die Stadt mit der zweithöchsten Geburtenrate in Polen. 2013 zählte sie 184.102 Einwohner.[8]

Wirtschaftliche Situation heute

Zu den wichtigsten Einnahmequellen zählen die Flugzeug- und die pharmazeutische Industrie. In Rzeszów sind ferner folgende Industriesektoren vertreten: Herstellung von Haushaltsgeräten (Fa. Zelmer), Lebensmittelproduktion, Bekleidungs- und Schuhherstellung, Möbelindustrie und Telekommunikation. Zu den wichtigsten Industrieunternehmen gehören: WSK PZL Rzeszów (Flugzeugindustrie), MTU Aero Engine Polska (Flugzeug-Systeme), BorgWarner (Autoteile), Polfa (Pharmaindustrie), Koral (Speiseeisproduzent) und Elektromontaż (Baubranche).

Besondere kulturelle Institutionen

Seit 1974 bietet die Rzeszówer Philharmonie mit ihrem 85-köpfigen Orchester ein abwechslungsreiches Programm und ein jährlich stattfindendes Musikfestival in dem nahegelegenen Landshut/Łańcut. Neben dem staatlichen Wanda-Siemaszkowa-Theater und dem Puppentheater „Maska“ sind noch einige private Theater in der Stadt tätig. Seit 1969 findet alle drei Jahre das Weltfestival auslandspolnischer Folklorebands (Światowy Festival Polonijnych Zespołów Folklorystycznych) statt.

Bildung und Wissenschaft

Die erste in den Quellen erwähnte Pfarrschule wurde im 14. Jahrhundert gegründet. Bedeutung als Bildungszentrum erlangte die Stadt aber erst mit der Gründung des Piaristenkollegiums (1658). 1784 wurde auf der Grundlage des Kollegiums die Kaiserlich-Königliche Hauptschule mit drei Klassen eröffnet. Man unterrichtete unter anderem Deutsch, Religion und Latein. 1772-1876 waren in der Stadt noch zwei Volksschulen tätig. Seit 1871 gab es in Rzeszów Mädchenschulen mit dem Ziel, Frauen (als Folge der Emanzipation) für die neuen Sozial- und Familienrollen vorzubereiten. 1918 existierten hier elf Grundschulen und vier allgemeine Schulen. 1938/39 lernten in allen Schulen der Stadt insgesamt 7.948 Schüler. Nach dem Krieg wurde das Schulsystem der Stadt reaktiviert. 1983 gab es 24 Grundschulen und 8 Oberschulen. Heute sind es 26 Grundschulen, über 40 Oberschulen aller Typen und sieben Hochschulen mit 54.000 Studierenden.[9] Seit 2001 ist Rzeszów Universitätsstadt. Die Universität entstand durch die Verbindung der 1963 gegründeten Pädagogischen Hochschule und einer Filiale der Maria-Curie-Skłodowska-Universität Lublin.

Kunstgeschichte und Architektur

 

Die Pfarrkirche St. Adalbert und Stanislaus (św. Wojciecha i Stanisława) ist einer der ältesten Sakralbauten Rzeszóws. Sie soll noch vor 1363 errichtet worden sein und wurde nach einer Zerstörung um 1434 wiederaufgebaut. Die Rzeszówer Burg wurde mutmaßlich Ende des 16. Jahrhunderts errichtet. In der Nähe befindet sich das Sommer-Palais der Familie Lubomirski mit einem schönen Park. Der Rzeszówer Marktplatz mit seinen historischen Steinhäusern aus dem 15.-19. Jahrhundert und einem 400 Meter langen unterirdischen Gang wird auf der Westseite vom neugotischen Rathaus aus dem 16. Jahrhundert (umgebaut im 19. Jh.) begrenzt. Im Piaristenkloster mit der Kreuzkirche, das heute das Landesmuseum (Muzeum Okręgowe) beherbergt, befindet sich das Lubomirski-Mausoleum. Von der ehemals jüdischen Prägung der Stadt zeugen noch die „Kleine“ (16.-17. Jh.) und die „Große“ Synagoge (spätes 17. Jh.).

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Zdzisław Budzyński, Jan Draus, Jacek Kawałek (Hg.): Encyklopedia Rzeszowa [Enzyklopädie von Rzeszów]. Rzeszów 2004.
  • Sylwester Czopek (Hg.): Rzeszów – Rzeszowszczyzna. Przeszłość daleka i bliska (materiały pomocnicze dla nauczycieli) [Rzeszów und sein Umland. Ferne und nahe Vergangenheit (Materialien für Lehrer)]. Rzeszów 2000.
  • Władysław Hennig, Elżbieta Kurowska: Rzeszów. Przewodnik [Rzeszów. Ein Stadtführer]. Rzeszów 2010.
  • Hubert Kotarski, Krzysztof Malicki: Stolica Podkarpacia wczoraj i dziś. Studium socjologiczne społecznych aspektów przemian w Rzeszowie w latach 1989-2009 [Die Hauptstadt des Karpatenvorlands gestern und heute. Soziologische Studie der gesellschaftlichen Aspekte der Transformationsprozesse in Rzeszów 1989-2009]. Rzeszów 2013.

Weblinks

Anmerkungen

[1] Akta radzieckie rzeszowskie: 1591-1634 [Rzeszówer Ratsakten: 1591-1634]. Hg. v. Adam Przyboś. Wrocław, Kraków 1957, S. VI; Deutsche Besiedlung Kleinpolens und Rotreussens im 15. Jahrhundert (Landkarte). Bearb. und gez. v. Kurt Lück. (o. O.) 1934.

[2] Adam Przyboś: Z przeszłości Rzeszowa. Wykład inauguracyjny [Aus der Vergangenheit Rzeszóws. Antrittsvorlesung]. In: Annales de l'École normale superieure à Cracovie. Kraków, Rzeszów 1964 (Roczniki Naukowo-Dydaktyczne. Z. 1 [23]), S. 17-27, hier S. 18.

[3] Draus (Hg.): Encyklopedia Rzeszowa [Enzyklopädie von Rzeszów], S. 287.

[4] Kurt Lück: Deutsche Aufbaukräfte in der Entwicklung Polens. Plauen i. Vogtland 1934, S. 529.

[5] Draus (Hg.): Encyklopedia Rzeszowa [Enzyklopädie von Rzeszów], S. 287.

[6] Draus (Hg.): Encyklopedia Rzeszowa [Enzyklopädie von Rzeszów], S. 289.

[7] http://pl.wikipedia.org/wiki/Rzesz%C3%B3w#Demografia (Abruf 29.08.2014).

[8] Rzeszów. Statistische Daten: http://www.rzeszow.pl/miasto-rzeszow/dane-statystyczne/rzeszow-w-liczbach (Abruf 29.08.2014).

[9] „Statistisch gesehen ist Rzeszów eine Studentenstadt“: www.archiwum.wyborcza.pl/Archiwum/1,0,7658773,20121013RZ-DLO,Rzeszow_statystycznie_studentami_stoi.html (Abruf 29.08.2014).

Zitation

Tomasz Jabłecki: Rzeszów. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2014. URL: http://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32240 (Stand 03.12.2014).

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OME-Redaktion (Stand: 25.04.2018)