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Sankt Annaberg/Góra Świętej Anny

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Annaberg (1934: St. Annaberg, 1941-1945: Annaberg O. S.)

Amtliche Bezeichnung

Góra Świętej Anny/Sankt Annaberg (seit 2008 zweisprachig)

Etymologie

Ursprünglich auch "Chelmberg" oder "Góra Chełmska" genannt nach der altpolnischen Bezeichnung chełm für Hügel. In der Frühen Neuzeit war das vormalige Georgskirchlein namensgebend, weshalb der Berg längere Zeit auch "Georgiberg", "Georgenberg" oder "Sankt Georgenberg" hieß. Der heutige Name, der sich erst im 18. Jahrhundert etablierte, ist mit der Wallfahrtskirche der hl. Anna verbunden.

2. Geographie

Lage

Der St. Annaberg liegt auf 50° 27' Nord, 18° 10' Ost oberhalb der gleichnamigen Ortschaft südöstlich von Oppeln/Opole sowie nordwestlich von Gleiwitz/Gliwice.

Topographie

Der Inselberg St. Annaberg bildet die höchste Erhebung der polnischen Woiwodschaft Oppeln (Województwo opolskie).

Region

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Polen; Woiwodschaft Oppeln; Gemeinde Leschnitz/Leśnica.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Der Ort Sankt Annaberg führt kein eigenes Wappen.

Kirchen- und Klostergeschichte

Der St. Annaberg ist von herausragender politischer und religiöser Bedeutung sowohl für Polen als auch für die deutsche Minderheit der Region. Der Komplex aus Wallfahrtsbasilika, Kloster und Kalvarienberg ist der wichtigste katholische Wallfahrtsort in Oberschlesien.

Bild

Das Kloster auf dem St. Annaberg.
[Friedrich Bernhard Werner: Silesia in Compendio
seu Topographia das ist Praesentatio und
Beschreibung des Herzogthums Schlesiens, 18. Jh.
(Wikimedia Commons)]

Die ersten schriftlichen Zeugnisse über den Annaberg finden sich im späten 15. Jahrhundert; demnach stifteten 1480 der damalige Grundherr von Poremba/Poręba, Christof Strela (Krzysztof Strzała), und sein Sohn Krystek eine Kirche zu Ehren des hl. Georg. Laut einer Urkunde des Breslauer Bischofs Johann Thurzo vom 25. Juni 1516 übergab Nikolaus Strela (Mikołaj Strzała) die neue St.-Anna-Kirche in die Zuständigkeit des Pfarrers von Leschnitz.[1] Schon zu jener Zeit waren der Berg und das Gnadenbild der hl. Anna Selbdritt, der Schutzpatronin der Kaufleute, der Mütter und der Bergleute, ein Ziel von Wallfahrten. Die im 15. Jahrhundert angefertigte Lindenholzfigur, die Reliquien der hl. Anna enthalten soll, befindet sich spätestens seit Ansiedlung der Franziskanermönche im Hauptaltar der Wallfahrtsbasilika.[2] 1637 kamen die Grafen von Gaschin in Besitz von Poremba samt dem Annaberg.[3] Graf Melchior Ferdinand von Gaschin initiierte 1655 die Ansiedlung von zwanzig Mönchen des Franziskanerordens, die ihre Klöster in Lemberg/Ľviv/Lwów und Krakau/Kraków durch den Schwedeneinfall in Polen verloren hatten. Seit dem 5. August 1656 gehörte die Kirche offiziell den Franziskanern, die zunächst einen Klosterbau aus Holz errichteten. Im Jahr 1665 begann der Bau der barocken Wallfahrtskirche St. Anna (Kościoł św. Anny), die acht Jahre später geweiht wurde.[4]

1700–1709 errichtete der italienische Architekt Domenico Signo im Auftrag des Grafen Georg Adam von Gaschin den Kalvarienberg mit drei großen und 30 kleineren Kapellen zu den wichtigsten Stationen des Leidenswegs Christi. Das heutige Klostergebäude entstand zwischen 1733 und 1749. Steigende Pilgerzahlen führten im 18. Jahrhundert zum Um- und Ausbau der Klosteranlage: 1760–1764 ließ Graf Anton von Gaschin weitere Kapellen errichten, 1781 wurde die Kirche erweitert. Die katholischen Oberschlesier besuchten den Annaberg vermehrt, seit Friedrich II. von Preußen grenzüberschreitende Wallfahrten verboten hatte und die populärere Wallfahrtskirche Jasna Góra bei Tschenstochau/Częstochowa nicht mehr erreichbar war.

Mit dem Säkularisationsedikt vom 10. Oktober 1810 ging der Klosterbesitz an den preußischen Staat über. 1813 wurden die Gebäude zeitweise als Pulvermagazin genutzt. Graf Leopold von Gaschin versuchte vergeblich, auf dem Rechtsweg das Kloster als sein Eigentum zu beanspruchen. Die vertriebenen Franziskaner kehrten 1860 auf Geheiß des neuen Besitzers, des Breslauer Fürstbischofs Heinrich Förster, zurück, doch schon 1875 wurde das Kloster im Kontext von Bismarcks Kulturkampf erneut aufgelöst. Zwölf Jahre später kehrten die Brüder abermals zurück, Kloster und Kapellen des Kalvarienbergs wurden erneuert.

1912 bis 1914 entstand die Lourdesgrotte, welche Platz für bis zu 15.000 Pilger bietet. In den Jahren 1929 bis 1934 wurde ein Pilgerheim errichtet. Trotz der nationalen Spannungen im geteilten Oberschlesien, in deren Zentrum der Annaberg stand (vgl. "Politische Geschichte") wurden auch in der Zwischenkriegszeit religiöse Bücher und Schriften sowohl in polnischer als auch in deutscher Sprache gedruckt. Die bilinguale Seelsorge dauerte bis zum Jahr 1939, als die nationalsozialistischen Behörden ein Verbot für polnischsprachige Andachten erließen. Am 13. November 1940 mussten die Franziskanermönche das Kloster ein drittes Mal in der Geschichte des Annaberges verlassen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges übernahmen polnische Mönche das Kloster. Jetzt durften Messen nur auf Polnisch gehalten werden. Die in den 1950er Jahren neobarock umgestaltete St.-Anna-Kirche wurde 1980 anlässlich des 500-jährigen Jubiläums des Kirchberges von Papst Johannes Paul II. zur Basilica Minor erhoben. Ein besonderes Ereignis für den Wallfahrtsort war der Besuch dieses Papstes, der 1983 auf den Feldern vom St. Annaberg gemeinsam mit einer Million Gläubigen Gottesdienst feierte.

Seit dem 4. Juni 1989 werden auf dem Annaberg auch wieder Gottesdienste und alljährliche Wallfahrten in der Sprache der deutschen Minderheit gefeiert. Eine am 3. Juni 2001 veranstaltete Minderheitenwallfahrt diente als symbolischer Akt der Aussöhnung aller Minderheiten in Polen mit der polnischen Mehrheit.[5]

Politische Geschichte

Neben seiner religiösen Bedeutung spielt der Annaberg im Bewusstsein deutscher und polnischer Schlesier auch eine herausgehobene Rolle als Symbol der Konfrontation zweier nationaler Ideologien, weswegen er auf beiden Seiten mit nationalen Emotionen belastet war und zum Teil noch ist.

Als sich in einer Volksabstimmung über die staatliche Zugehörigkeit Oberschlesiens im März 1921 eine Mehrheit für den Verbleib bei Deutschland aussprach, besetzten polnische Aufständische den strategisch wichtigen Annaberg. Vom 21. bis zum 27. Mai 1921 fand in dessen Umland die größte Schlacht des dritten Aufstandes in Oberschlesien statt, in deren Verlauf der Wallfahrtsberg von deutschen Freikorps zurückerobert wurde.[6] Die Ereignisse der Schlesischen Aufstände wurden auf deutscher ebenso wie auf polnischer Seite sowohl zu demokratischen als auch zu totalitaristischen Zeiten für nationalistische Propaganda instrumentalisiert.

Nach der Teilung Oberschlesiens 1922 verblieb der Annaberg beim Deutschen Reich. 1934–1936 entstand im Steinbruch eine in Gestalt eines Amphitheaters angelegte NS-"Thingstätte" mit 7.000 Sitz- und 23.000 Stehplätzen. 1937/38 wurde nach dem Entwurf von Robert Tischler auf dem Felsplateau darüber das "Reichsehrenmal der Freikorpskämpfer" als Mausoleum für die deutschen Gefallenen der Schlesischen Aufstände errichtet, das am 22. Mai 1940 eingeweiht wurde. Es war geplant, den Annaberg in 'Ahnenberg' umzubenennen.[7] Nach Absicht der nationalsozialistischen Planer sollten hier ein Zentrum der deutschen Kulturpropaganda und gleichzeitig ein Gegengewicht zur sakralen Wallfahrtsstätte entstehen.[8] 1940 wurden die Franziskaner vertrieben. Auf dem Annaberg errichteten die NS-Behörden ein Durchgangslager für 'Volksdeutsche', das später als "Reichsautobahnlager" für Juden und Polen, ab 1941 als Lager für sowjetische Kriegsgefangene, ab November 1942 für jüdische Kranke[9] und ab August 1943 für jüdische Gefangene genutzt wurde.[10] Im Januar 1945 wurde es aufgelöst.

1946 wurde das Mausoleum im Rahmen einer patriotischen Manifestation gesprengt.[11] An seiner Stelle wurde am 19. Juni 1955 ein monumentales Ehrenmal für die polnischen Kämpfer enthüllt, als Symbol des "ewigen Kampfes Polens mit dem deutschen Drang nach Osten".[12] Der Entwurf stammte von dem Bildhauer Xawery Dunikowski, der 1940–1944 in Auschwitz inhaftiert war. 1961 wurde am Fuße des Bergs das Museum der Aufständischen (Muzeum Czynu Powstańczego) eröffnet. Einst "umkämpftes Objekt nationaler Sinnprojektionen",[13] gilt der Annaberg heute sowohl als trennendes Symbol wie auch als Ort der Begegnung.

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Danuta Berlińska: Symbole einer schwierigen Geschichte im Oppelner Schlesien. In: Zbigniew Mazur (Hg.): Das deutsche Kulturerbe in den polnischen West- und Nordgebieten. Wiesbaden 2003 (Studien der Forschungsstelle Ostmitteleuropa an der Universität Dortmund 34), S. 161-183.
  • Juliane Haubold-Stolle: Der heilige Berg Oberschlesiens - der Sankt Annaberg als Erinnerungsort. In: Marek Czapliński, Hans-Joachim Hahn, Tobias Weger (Hg.): Schlesische Erinnerungsorte. Gedächtnis und Identität einer mitteleuropäischen Region. Görlitz 2005, S. 201-220.
  • Fryderyk Kremser: Góra Św. Anny - Leśnica [St. Annaberg - Leschnitz], broszura, Leśnica 1991.
  • Joanna Lubos-Kozieł (Hg.): Pielgrzymowanie i sztuka. Góra Świętej Anny i inne miejsca pielgrzymkowe na Śląsku [Wallfahrt und Kunst. Der St. Annaberg und andere Wallfahrtsorte in Schlesien]. Wrocław 2005 (Historia Sztuki 22, Acta Universitatis Wratislaviensis 2846).
  • Janusz Oszytko: Obóz pracy przymusowej dla Żydów na Górze św. Anny (1941–1945) [Zwangsarbeitslager für Juden auf dem St. Annaberg (1941–1945)]. In: Krzysztof Pilarczyk, Stefan Gąsiorowski (Hg.): Żydzi i Judaizm we współczesnych badaniach polskich. Materiały z konferencji Kraków 24.–26.11.1998. Kraków 2000 (Żydzi i judaizm 2), S. 325-337.
  • Józef Szulc: Wokół Góra Sw. Anny. Krótka monografia gminy Leśnica [Rund um den St. Annaberg. Eine kurze Monographie der Gemeinde Leschnitz]. Leśnica 1996.

Weblink

  • http://www.swanna.pl/ (Webpräsenz des Klosters; ebd. Archiwum Klasztoru Franciszkanów na Górze św. Anny, Ordo Fratrum Minorum Conventualium - OFM Conv. [The Archive of the Franciscan Priory on Anne's Mountain] 47-154 Góra Św. Anny ul. Klasztorna 6).

Anmerkungen

[1] Vgl. Norbert Bonczyk: Góra Chełmska. Góra Św. Anny - wspomnienia z roku 1875 [Chelmberg. St. Annaberg - Erinnerung aus dem Jahr 1875]. Krzyża, Opole 1985, S. 107.

[2] Vgl. Fryderyk Kremser: Góra Św. Anny - Leśnica [St. Annaberg - Leschnitz]. Leśnica 1991.

[3] Vgl. Bonczyk: Góra Chełmska (Anm. 1), S. 107.

[4] Vgl. Bonczyk: Góra Chełmska (Anm. 1), S. 112ff.

[5] Vgl. Jürgen Joachimsthaler: Philologie der Nachbarschaft. Erinnerungskultur, Literatur und Wissenschaft zwischen Deutschland und Polen. Würzburg 2007, S. 120f.

[6] Vgl. Kai Struve: Oberschlesien nach dem Ersten Weltkrieg: Studien zu einem nationalen Konflikt und seiner Erinnerung. Marburg 2003 (Tagungen zur Ostmitteleuropa-Forschung 19), S. 27ff.

[7] Vgl. Bonczyk: Góra Chełmska (Anm. 1), S. 125.

[8] Vgl. Karl Mendrygalla: Ein Vorschlag zum Annaberg-Denkmal. Eine Siedlung als Denkmal. In: Der Oberschlesier. Oberschlesische Wochenschrift 12 (1934), S. 722f.

[9] Vgl. Oszytko: Obóz pracy przymusowej dla Żydów, S. 337.

[10] Vgl. Franciszek Hawranek (Hg.): Encyklopedia powstań śląskich [Lexikon der Schlesischen Aufstände]. Opole 1984, S. 151.

[11] Vgl. Berlińska: Symbole einer schwierigen Geschichte, S. 177.

[12] Vgl. Kremser: Góra Św. Anny (Anm. 2), o. S.

[13] Vgl. Joachimsthaler: Philologie der Nachbarschaft (Anm. 5), S. 208.

Zitation

Felicitas Söhner: Sankt Annaberg/Góra Świętej Anny. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2012. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/54414.html (Stand 16.04.2012).

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OME-Redaktion (Stand: 25.04.2018)