Navigation

Skiplinks

Tartlau/Prejmer

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Tartlau

Amtliche Bezeichnung

rum. Prejmer

Anderssprachige Bezeichnungen

ung. Prázsmár; lat. Tartilleri, Tertillou

2. Geographie

Lage

Tartlau liegt auf 45° 43′ nördlicher Breite und 25° 46′ östlicher Länge, 17 km nordöstlich der Kreishauptstadt Kronstadt/Braşov, in einer Höhe von 519 m. ü. M., am Ausgang des Bosau-Passes (rum. Pasul Buzăului).

Region

Burzenland (rum. Țara Bârsei) im Südosten Siebenbürgens

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Rumänien. Kreis Kronstadt/Braşov.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Das heutige Wappen zeigt ein auf einer blauen Kugel stehendes weißes Kreuz auf rotem Grund. Es ist vom Viehbrandzeichen des Ortes abgeleitet.

Mittelalter

1211 wurde in der Verleihungsurkunde, die König Andreas II. (um 1177−1235) dem Deutschen Orden ausstellte, der Grenzfluss „Tortillou“ bzw. „Tartelove“ erwähnt. Höchstwahrscheinlich wurde der Ort vom Ritterorden gegründet und mit Zuwanderern aus dem Heiligen Römischen Reich sowie aus der Hermannstädter Grafschaft (lat. comitatus Cibiniensis) besiedelt. 1240 übertrug König Béla IV. (1206−1270) das Patronat über die vier Burzenländer Gemeinden Marienburg/Feldioara, Petersberg/Sânpetru, Honigberg/Hârman und Tartlau dem Zisterzienserkloster Kerz/Cârța (erste urkundliche Nennung von Tartlau). 1241, 1278, 1285 und 1335 wurde der Ort von den Mongolen geplündert. Tartlau gehörte zur Burzenländer Grafschaft, ab 1377 zum Burzenländer Distrikt und bildete zusammen mit zwölf weiteren Gemeinden und der Stadt Kronstadt eine Gerichts-und Verwaltungseinheit; kirchlich gehörte der Ort sowohl vor als auch nach der Reformation zum Burzenländer Kapitel. 1415 wird der Hann (lat. villicus, Ortsvorsteher) von „Tartlaw“, 1424 der Ortsrichter (lat. iudex) urkundlich erwähnt. 1421 zerstörten die Osmanen erstmals den Ort. 1460 wird erstmals eine Dorfschule (Schulleiter Antonius) erwähnt. 1471 wird der Ort als Marktflecken (lat. oppidum) bezeichnet und ist lange Zeit die größte unter den Distriktsgemeinden. Zwischen 1449 und 1873 führten die Tartlauer einen schier unendlichen Rechtsstreit mit den Adligen von Kreuzburg (lat. Cruceburg, heute untergegangener Ort), dann mit der Adelsfamilie Béldi von Bodeln (rum. Budila), um ihre Freiheiten zu bewahren. Die Lage am Ausgang des Bosau-Passes, einem Einfallstor nach Siebenbürgen, und in der Nähe weiterer Pässe im Karpatenbogen setzte Tartlau wiederholt auswärtigen Angriffen aus, die eine besonders starke Sicherung der Kirche (Wehrkirche, Kirchenburg) erforderlich machten. Auch ein Verhau wurde vermutlich schon im 14. Jahrhundert rund um das Dorf angelegt.

Frühe Neuzeit

1529 wurde Tartlau durch den Moldauer Fürsten Petru Rareş (1483–1546) eingeäschert. 1531 wurde der Ort im Auftrag des Fürsten Johann Szapolyai (1487−1540) von Stephan Majláth (ca. 1489–1550) angegriffen und die Burg belagert. 1552 brannte der Moldaufürst Ștefan Rareș (1531–1552) als Verbündeter der Osmanen den Ort nieder. 1599 und 1600 wurden die Burzenländer Gemeinden durch Truppen Michaels des Tapferen (1558−1601) niedergebrannt. 1611 wurde die Burg, zum einzigen Mal in ihrer Geschichte, von Truppen des Fürsten Gabriel Báthory (1589–1613) eingenommen und der Ort niedergebrannt. Weitere Einfälle von Türken, Tataren, Moldauern, Munteniern und Kosaken erfolgten 1658 und 1687, wobei der Ort verwüstet, die Kirchenburg aber erfolglos belagert wurde. 1704 plünderten die antihabsburgischen Aufständischen unter Franz II. Rákóczi (1676–1735), die Kuruzen, den Ort und brannten ihn nieder. 1706 besetzten kaiserliche Truppen die Kirchenburg.

Neuzeit und Zeitgeschichte

In der habsburgischen Zeit entwickelte sich Tartlau zu einer Großgemeinde, in der neben der Landwirtschaft auch das Handwerk gedieh. Mehrere Brände, Seuchen und Erdbeben suchten im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Ort heim. Ende der 1860er-Jahre gründete der Lehrer Johann Copony eine Papierfabrik, die bis 1922 bestand, als an ihrer Stelle eine wollverarbeitende Tuchfabrik errichtet wurde, die in kommunistischer Zeit zum größten Arbeitgeber des Ortes (rd. 1.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter) ausgebaut wurde, nach der politischen Wende 1989/90 aber verfiel und 2000 abgerissen wurde. Eine 1912  geplante Gartenstadt-Siedlung „Neu-Tartlau“ wurde wegen des Ersten Weltkrieges nicht verwirklicht. Die Agrarreformen von 1923 und 1945 trafen insbesondere die deutschen Landwirte. 1945 wurden auch aus Tartlau die arbeitsfähigen Deutschen zur „Wiederaufbauarbeit“ in die Sowjetunion deportiert. Die Verstaatlichung der Banken und Betriebe (1948) und die Vergenossenschaftung der Landwirtschaft (1950 Gründung einer Kollektivwirtschaft) führten zum wirtschaftlichen Niedergang des Ortes. Hingegen übernahm der staatliche Landwirtschaftsbetrieb die Forellenzucht und baute sie aus.

Die deutsche Bevölkerung begann seit den 1960er-Jahren, verstärkt nach 1977 und, in einer Art Massenexodus, in den frühen 1990er-Jahren in die Bundesrepublik Deutschland auszusiedeln. 2007 wurde auf der Gemarkung von Tartlau der derzeit größte Industriepark Rumäniens eröffnet.

Bevölkerung

1510 lebten in Tartlau 230 Hauswirte, 4 Sedler (Mieter), 11 Witwen, 8 Arme, 3 Müller, 1 Glöckner, 12 Hirten und 6 Diener.[1]

1850 lebten in Tartlau 3.263 Menschen, 1880 waren es 3.233. 1930 gehörten zu den insgesamt 5.085 Bewohnern 2.279 Deutsche, 2.211 Rumänen und 430 Ungarn.[2] Anlässlich der Volkszählung von 2011 wurden in Tartlau 8.472 Einwohner erfasst, unter ihnen 7.349 Rumänen, 510 Roma, 154 Ungarn und 71 Deutsche.[3]

Architektur- und Kunstgeschichte

Um 1218 wurde, vermutlich durch den Deutschen Orden, mit dem Bau der Heiligkreuzkirche über dem Grundriss eines griechischen Kreuz begonnen. Nach einer Bauunterbrechung erfolgte die Vollendung ab 1240 unter dem Patronat der Kerzer Abtei im Stil der Zisterziensergotik (Gewölbe- und Fensterdetails). Bei Umbauarbeiten zwischen 1461 und 1515 wurde der westliche Kreuzarm nach Westen hin verlängert. Zwischen 1962 und 1970 erfolgte eine umfangreiche Restaurierung durch die staatliche Denkmalpflege, 1992 förderte die Siebenbürgisch-Sächsische Stiftung weitere Restaurierungsarbeiten. Der gotische Flügelaltar stammt aus der Mitte des 15. Jahrhunderts; das 1525−1526 datierte Chorgestühl weist Renaissancemotive auf.

 

Die unbefestigte Kreuzkirche ist von einem besonders massiven Bering umgeben. Die starke Befestigung ist darauf zurückzuführen, dass Tartlau die am östlichsten gelegene sächsische Gemeinde ist und daher feindlichen Truppen, die über den Bosau-Pass kamen, besonders ausgesetzt war. Ein erster Bering mit einer Mauerstärke von etwa 3 m entstand vermutlich im 13. Jahrhundert; er wurde im 15. Jahrhundert ummantelt, mit einem Wehrgang versehen und mit vier Flankierungstürmen der Burg verstärkt. In ihrer heutigen Form sind die Ringmauern 12−14 m hoch und haben eine Dicke von durchschnittlich 4,5 m. Der innere Durchmesser des Berings beträgt 72 m. Die Außenfassade der Vorburg ist mit Blendarkaden im Renaissancestil dekoriert. Zwischen Vorburg und Westburg begrenzt eine Schildmauer einen Zwinger, der Bäckerhof genannt wird. 1998 wurde die Kirchenburg Tartlau zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.

Neben der Wehrkirche stehen noch die 1791 errichtete griechisch-orthodoxe Peter-und-Paul-Kirche sowie die 1846−1848 erbaute Schule unter Denkmalschutz.[4]

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Erwin Amlacher: Wehrbauliche Funktion und Systematik siebenbürgisch-sächsischer Kirchen- und Bauernburgen. München 2002 (Veröffentlichungen des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas e. V. an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Wissenschaftliche Reihe 95), S. 150–155.
  • Robert Csallner: Der königliche Markt Tartlau. Hermannstadt 1930.
  • Hermann Fabini: Atlas der siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen und Dorfkirchen. Hermannstadt, Heidelberg, Bd. 1. 1998, S. 727−735.
  • Hermann Phleps: Auf Spuren der ersten Bauten des deutschen Ritterordens im Burzenland in Siebenbürgen. Berlin 1927.
  • Harald Roth: Prejmer. In: Harald Roth (Hg.): Handbuch der historischen Stätten. Siebenbürgen. Stuttgart 2003 (Kröners Taschenausgabe 330), S. 144–146.
  • Mihaela Sanda Salontai: Biserica fortificată din Prejmer [Die Wehrkirche von Tartlau]. Bucureşti 2006.
  • Werner Schunn: Daten zur Geschichte der Gemeinde Tartlau. Böblingen 2005.
  • Werner Schunn (Hg.): Chronik von Tartlau im sächsischen Burzenland, provincia Barcensis. Nach Thomas Tartler 1755, Martin Thieskes 1865, Johann Teutsch 1987. Böblingen 1988.

Weblinks

Anmerkungen

[1] Schunn (Hg.): Chronik von Tartlau. Nach Thomas Tartler, S. 27.

[2] Ernst Wagner: Historisch-statistisches Ortsnamenbuch für Siebenbürgen. Mit einer Einführung in die historische Statistik des Landes. Köln, Wien 1977 (Studia Transylvanica 4), S. 378f.

[3] Ergebnisse der Volkszählung von 2011, Band II, Kapitel 8: Ethnische und konfessionelle Struktur der sesshaften Bevölkerung, nach Kreisen und diesen zugehörigen Gemeinden gegliedert: http://www.recensamantromania.ro/noutati/volumul-ii-populatia-stabila-rezidenta-structura-etnica-si-confesionala (Abruf: 02.12.2015).

[4] Vgl. Verzeichnis der historischen Baudenkmäler Rumäniens, geordnet nach Kreisen und dazu gehörenden Ortschaften: http://patrimoniu.gov.ro/images/LMI/LMI2010.pdf (Abruf: 01.12.2015).

Zitation

Hermann Fabini, Konrad Gündisch: Tartlau/Prejmer. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2015. URL: http://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32283 (Stand 11.12.2015).

Nutzungsbedingungen für diesen Artikel

Copyright © Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE), alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk entstand im Rahmen des Projekts „Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa“ und darf vervielfältigt und veröffentlicht werden, sofern die Einwilligung der Rechteinhaber vorliegt. Bitte kontaktieren Sie: ome-lexikon(at)uol.de

Wenn Sie fachliche Hinweise oder Ergänzungen zum Text haben, wenden Sie sich bitte unter Angabe von Literatur- und Quellenbelegen an die Redaktion.

OME-Redaktion (Stand: 25.04.2018)