OME-Lexikon

Tokaj

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Tokaj (auch Tokay)

Amtliche Bezeichnung

ung. Tokaj

Etymologie

Die Bezeichnung „Tokaj“ ist mit großer Wahrscheinlichkeit alttürkischer Herkunft und bedeutet etwa „Wald am Fluß entlang“.

2. Geographie

Lage

Tokaj liegt auf 48° 12’ nördlicher Breite, 21° 42’ östlicher Länge, 54 km südöstlich vom Komitatssitz Miskolc.

Topographie

Tokaj liegt am Zusammenfluss der Flüsse Theiß (Tisza) und Bodrog im Nordosten Ungarns. Die Stadt ist heute das Zentrum des ungarischen Teils des Weinbaugebietes im Tokajer Bergland (Tokaj-Hegyalja).

Region

Nordungarn (Észak-Magyarország), Sempliner Gebirge (Zempléni-hegység), Tokajer Bergland (Tokaj-Hegyalja).

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Ungarn. Komitat Borsod-Abaúj-Zemplén (Borsod-Abaúj-Zemplén Megye); Zentrum des Bezirks Tokaj (Tokaji járás) und der Tokajer Kleinregion (Tokaji kistérség).

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Das seit Anfang des 20. Jahrhunderts gebräuchliche Wappenbild ist auf das aus dem Jahr 1549 überlieferte Siegel zurückzuführen. In einem blauen, unten spitz zulaufenden Wappenschild ist ein grüner Dreiberg zu sehen; auf der mittleren Wölbung steht ein goldenes (gelbes) Kreuz, auf dem sich eine eherne (rote) Schlange schlängelt; auf den beiden anderen Wölbungen ist je ein goldener (gelber) Rebstock mit üppigen Weintrauben abgebildet.

Vor- und Frühgeschichte

Das Tokajer Bergland war bereits vor der Völkerwanderung bewohnt. Die ältesten Funde werden der Gravettienkultur beziehungsweise dem Äneolithikum zugeordnet.

Mittelalter

Nach der Auflösung des Awarenreiches um 800 siedelten sich Onogur-Bulgaren im Tokajer Bergland an. Die landnehmenden Ungarn erschienen hier um 895. Im 12. Jahrhundert wurden altfranzösische und wallonische Siedler sesshaft. Die Siedlungsnamen „Tornyosnémeti“ und „Tornyospálca“ können auch auf deutsche Ansiedler hinweisen. 1476 wurde Tokaj Marktflecken. Johann Zápolya (1487–1540) wurde 1526 in der Versammlung von Tokaj zum ungarischen König gewählt. Die Tokajer Burg war danach Schauplatz zahlreicher kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Johann I. und dem Gegenkönig Ferdinand I. (1526–1564). In der Folge der Reformation trat ein bedeutender Teil der Großgrundbesitzer im Tokajer Bergland zur protestantischen Konfession über.

Neuzeit

Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts wuchs die militärische und politische Bedeutung von Tokaj. 1604 wurde Tokaj durch die Feldzüge von Giorgio Basta (1544–1607) verwüstet. Eine Blütezeit erlebte es als Besitz der Rákóczi-Familie 1616–1660. Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts wurde die politische Lage immer unsicherer, was durch den Aufstand gegen die habsburgische Herrschaft unter der Führung des Grafen Imre Thököly (1657–1705) (Kuruzenkriege) noch gesteigert wurde. 1660 besetzten die kaiserlichen Heere die Burg. Seit 1663 arbeitete der Festungsbaumeister Lucas Georg Ssicha an der Tokajer Burg. 1704 ließ Ferenc II. Rákóczi (1676–1735) die in seinem Besitz stehende Burg zerstören. 1711 wurde sein Großgrundbesitz konfisziert und dem österreichischen Fürsten Johann Leopold Donath Trautson (1659–1724) verliehen. Danach wurden die entvölkerten Gebiete des Tokajer Berglandes in mehreren Phasen mit deutschen Kolonisten besiedelt (z. B. Trautsondorf/Hercegkút, Karlsdorf/Károlyfalva, Ratkau/Rátka, Rakomas/Rakamaz). Ende des 18. Jahrhunderts wanderten auch Juden aus Österreichisch-Schlesien und Galizien ein. In der Revolution und im Freiheitskampf von 1848/1849 focht der ungarische General György Klapka (1820–1892) seine erste erfolgreiche Schlacht gegen habsburgische Truppen in Tokaj.

Zeitgeschichte

Im Zweiten Weltkrieg wurde der größte Teil der jüdischen Bevölkerung Tokajs 1944 vor allem in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Nach der sowjetischen Besetzung erfolgte − zwischen 1944 und 1945 von Tokaj aus geleitet − die Verschleppung der ungarischen und der deutschen Bevölkerung der Komitate Szabolcs und Zemplén in sowjetische Zwangsarbeitslager (russ. malenkaya rabota, dt. kleine Arbeit).[1]

Bevölkerung

Nach der Volkszählung von 1784–1787 hatte Tokaj 2.942 Einwohner.[2] 1880 waren von 4.479 Einwohnern 86,8 % Ungarn, 4,4 % Slowaken, 3,8 % Deutsche, 0,7 % Ruthenen und 1,1 % Sonstige. 1910 lebten 5.105 Menschen in Tokaj, davon waren 98,9 % Ungarn, 0,7 % Deutsche, 0,3 % Slowaken, 0,1 % Sonstige.[3] Heute (2014) beträgt die Bevölkerungszahl 4.514, davon sind 99 % Ungarn und 1 % Sinti und Roma, die in Tokaj auch über eine Minderheiten-Selbstverwaltung verfügen.[4]

Wirtschaft

Bei der Errichtung von Schiffmühlen um 1570 wirkten auch deutsche Müller mit. Der Weinhandel und sonstige Warenverkehr war zunächst in der Hand von Polen. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts bildete sich eine bedeutende Händlerschicht mit der Ansiedlung von „Griechen“ (d. h. aus dem Osmanischen Reich stammende christliche Armenier, Serben, Bulgaren, Albaner), dann auch von Russen und Ruthenen und seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zudem eine Händlerschicht von Juden heraus.[5] Das Tokajer Weinbaugebiet wurde als erstes in der Welt bereits 1737 mit einer königlichen Anordnung zum geschlossenen Weinbaugebiet erklärt. Tokaj wurde Ende des 19. Jahrhunderts zu einem der Zentren der Önologie im Tokajer Bergland. Heutzutage sind der Weinanbau und der damit verbundene Weinverkauf bedeutende Wirtschaftsfaktoren.

Militärgeschichte

Die Tokajer Burg spielte an der Fährstelle im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit eine strategische Rolle. Lazarus von Schwendi (1522–1583) als Generalkapitän der deutschen Heere gegen die Türken eroberte nicht nur die Burg zurück, sondern organisierte auch die Verteidigung des ganzen Berglandes.

Ausgrabungen bei der Burg (Rákóczi vár) werden seit 2007 vorgenommen.

Religions- und Kirchengeschichte

1411 gründeten die Pauliner ein Kloster in Tokaj, 1712 ließen sich die Kapuziner und 1723 die Piaristen hier nieder. Neben der in den 1830er Jahren errichteten ehemaligen Synagoge ist auch der Jüdische Friedhof erhalten.

1880 waren von 4.479 Einwohnern 1.734 römisch-katholisch, 461 griechisch-katholisch, 986 reformiert, 126 evangelisch-lutherisch, 1.161 jüdisch, 10 griechisch-orientalisch und eine Person sonstiger Konfession; 1910 waren 2.055 römisch-katholisch, 638 griechisch-katholisch, 1.183 reformiert, 104 evangelisch-lutherisch, 1.119 jüdisch, 2 griechisch-orientalisch; vier Personen fielen in die Kategorie „Sonstige“.[6]

Besondere kulturelle Institutionen

Die Stadt beherbergt folgende Einrichtungen: den Anfang des 15. Jahrhunderts errichteten Rákóczi-Keller (Rákóczi Pince), das Tokajer Museum (Tokaji Múzeum, im Haus der ehemaligen griechischen Händler), das Ede-Paulay-Theater (Paulay Ede Színház), die ehemalige Synagoge als Kultur- und Konferenzzentrum (Kulturális és Konferencia Központ), die ehemalige orthodoxe Kirche als Tokajer Galerie (Tokaji Galéria) sowie die Ferenc-Németi-Stadtbibliothek (Németi Ferenc Városi Könyvtár).

Das Tokajer Weinfestival (Tokaji Borfesztivál) und ein Schriftstellertreffen (Tokaji Írótábor) werden im Sommer, die Weinlesetage (Tokaji Szüreti Napok) im Oktober veranstaltet.

Alltagskultur

Tokajs Name verschmolz mit der Weinbereitung, mit dem „Ausbruch“ (aszú, Wein aus Trockenbeeren). Die Spätlese (Beginn am 28. Oktober) – eine Voraussetzung für die Herstellung des „Ausbruchs“ – ist auf das Ende der 1490er Jahre zurückzuführen; damals beginnt der „Tokajer“ Weltruf zu erlangen. Bereits der berühmte Arzt Paracelsus (Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim, 1493−1541) suchte Anfang der 1520er Jahre Tokaj und das Tokajer Bergland auf, vermutlich um sich vom Goldgehalt der Tokajer Weinreben und der Heilkraft des Tokajers überzeugen zu können. Der Tokajer wurde zum Lieblingsgetränk von Päpsten, Herrschern und Künstlern. In der Weltliteratur wird er häufig thematisiert, so zum Beispiel in den Abenteuern des Freiherrn von Münchhausen von Gottfried August Bürger (1747−1794), im Faust von Johann Wolfgang von Goethe (1749−1832), im Faust von Nikolaus Lenau (1802−1850) oder in dem Roman Wo warst du, Adam? von Heinrich Böll (1917−1985). Hervorzuheben ist noch Lob des Tokayers von Gabriele von Baumberg (1768−1839).

Kunstgeschichte

In der historischen Altstadt sind Wohnhäuser aus dem 17. bis 19. Jahrhundert bis heute erhalten (Barock-, Zopfstil, Klassizismus, Historismus). Zu den bedeutenden historischen Gebäuden zählen die griechisch-katholische Kirche Nikolaus von Myra im Barockstil, die neoromanische römisch-katholische Herz-Jesu-Kirche und das Rákóczy-Dessewffy-Schloss im Barockstil.

Der Maler Tibor Tenkács (1913–1998) lebte in der Stadt.

Musik, Publizistik und Literatur

Der ungarische Dichter Bálint Balassi (1554–1594) lebte eine kurze Zeit in Tokaj. Der Journalist und Schriftsteller György Urházi (1823–1873), der Schauspieler und Übersetzer Ede Paulay (1836–1894) sowie der Dirigent und Komponist József Záborszky (1918–2015) wurden in Tokaj geboren. Der Dichter und Autor von Kirchenliedern Ferenc Némethi starb 1565 als Burgkapitän von Tokaj den Heldentod. In seiner Kindheit verbrachte der Dichter Nikolaus Lenau (1802–1850) zwei Jahre in Tokaj.

Tokaji Hírek (Tokajer Nachrichten) ist eine monatlich erscheinende Zeitung.

Gedächtnis- und Erinnerungskultur

Das Tokajer Weinbaugebiet wurde 2002 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.[7]

4. Diskurse/Kontroversen

Ein Teil des Tokajer Berglandes liegt in der heutigen Slowakei. Strittig war die Markenbezeichnung „Tokajer“: Der Gerichtshof der EU entschied 2014, dass auch in der Slowakei die Bezeichnung „Vinohradnícka oblast’ Tokaj“ benutzt werden darf.

5. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • László Alkonyi: The wine of freedom. A szabadság bora. Budapest 2000 (Borbarát 1).
  • Iván Balassa: Tokaj-Hegyalja szőleje és bora. Történeti-néprajzi tanulmány [Die Traube und der Wein im Tokajer Bergland. Eine historisch-ethnographische Studie]. Tokaj 1991 (mit deutschsprachiger Zusammenfassung, S. 711–724).
  • Iván Balassa: Zur Geschichte der deutschen Kolonisation im Tokaier Bergland. In: Iván Balassa, Claus Klotz, Karl Manherz: Beiträge zur Volkskunde der Ungarndeutschen. A magyarországi németek néprajzához. Budapest 1975, S. 67–99.
  • János Bencsik, István Orosz (Hg.): Tokaj Várostörténeti tanulmányok. I., II. [Tokaj. Studien zur Stadtgeschichte]. Tokaj 1995.
  • János Bencsik (Hg.): Tokaj Várostörténeti tanulmányok. III. [Tokaj. Studien zur Stadtgeschichte]. Tokaj 2002.
  • János Bencsik (Hg.), Attila Ulrich: Tokaj Várostörténeti tanulmányok. IV. [Tokaj. Studien zur Stadtgeschichte]. Tokaj 2003.
  • Tokaj-hegyaljai album. Tokaj-hegyaljaer Album. Album de la Tokay-hegyalja. Album of the Tokay-hegyalja. Pest 1867. Reprint: József Szabó, István Török (Hg.). Budapest 1984.

Weblinks

Anmerkungen

[1] Unter den zu Zwangsarbeit in die Sowjetunion Verschleppten befand sich auch der Deutsche Mátyás Stumpf (1905–1945), Priester von Tokaj, der in einem russischen Zwangsarbeitslager in Donezk verstarb. Seit 1992 befindet sich in der römisch-katholischen Herz-Jesu-Kirche eine entsprechende Gedenktafel: „Hochwürden Mátyás Stumpf, erzbischöflicher Ratsherr, war seit 1941 als Pfarrer dieser Kirche tätig. 1945 verstarb er unter den Verschleppten seiner Gemeinde in einem sowjetischen Zwangsarbeitslager. Er lebte 41 Jahre lang. In der Ferne befindet sich sein ungekennzeichnetes Grab, aber sein Andenken wird die Tokajer röm.-kath. Kirchengemeinde in Ehren bewahren. 1992.“

[2] Sándor Frisnyák: Történeti földrajz. A Szatmár-Beregi síkság, a Rétköz, a Nyírség, és a Zemplén-hegység 18.–19. századi földrajza [Historische Geographie. Die Geographie der Sathmar-Bereger Ebene, von Rétköz, von Nyírség und des Sempliner Gebirges im 18.–19. Jahrhundert]. Nyíregyháza 1985, S. 71.

[3] Péter Takács: A polgárosodó kamarai mezőváros. Tokaj 1850–1918 [Der sich verbürgerlichende kammereigene Marktflecken. Tokaj 1850–1918]. In: Bencsik, Orosz (Hg.): Tokaj I, S. 271–301, hier S. 273. 1880 bekannten sich 25,9 % der Bevölkerung zum jüdischen Glauben, 1910 waren es 21,9 % (siehe dazu die absoluten Zahlen im Abschnitt zur Religions- und Kirchengeschichte). Die Verminderung der Zahlen zwischen 1880 und 1910 hängt mit dem Wegzug der jüdischen Bevölkerung vor allen nach Miskolc, Nyíregyháza, Pest und Szerencs zusammen.

[4] Nach den Angaben des Statistischen Amtes vom 01.01.2014 http://www.ksh.hu/apps/shop.kiadvany?p_kiadvany_id=35528&p_lang=HU (Abruf 01.03.2015).

[5] László Veres: Városi ipar és kereskedelem a 16.-17. században [Städtische Industrie und Handel im 16.–17. Jahrhundert]. In: Bencsik, Orosz: Tokaj I, S. 125–137, hier S. 132.

[6] Takács: A polgárosodó (Anm. 3), S. 274.

[7] http://whc.unesco.org/en/list/1063.

Zitation

Tünde Radek: Tokaj. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2015. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32476 (Stand 30.06.2015).

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