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Zaporož'e/Zaporižžja

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Zaporož'e (auch: Saporoshje, Saporoschje, Saporischschja, Saporischja oder Saporishshja)

Amtliche Bezeichnung

ukr. Zaporižžja

Anderssprachige Bezeichnungen

russ. Zaporož'e, historisch: Aleksandrovsk

Etymologie

Der heutige Stadtname bezieht sich auf die Lage der Stadt am Dnepr. Er leitet sich von dem russischen Wort porogi (= Stromschnelle) ab. Die Gebiete am Dnepr südöstlich von Kiew/Kyïv wurden einst als Gebiete za porogami (= "hinter den Stromschnellen") bezeichnet.

2. Geographie

Lage

Zaporož'e liegt ca. 70 km südlich von Dnepropetrovsk am Unterlauf des Dnepr auf 47° 50' nördlicher Breite und 35° 8' östlicher Länge. Das Stadtgebiet umfasst auch Chortycja (Plautdietsch: Gortiz), die größte Insel des Dnepr. Sie ist ca. 13 km lang und 1,5–2 km breit.

Topographie

Zaporož'e liegt in der osteuropäischen Tiefebene, einer Steppenzone mit fruchtbaren Schwarzerdeböden.

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Zaporož'e ist die sechstgrößte Stadt der Ukraine.[1] Die kreisfreie Stadt ist politisches, kulturelles und industrielles Zentrum sowie Hauptstadt und Verwaltungszentrum der gleichnamigen Oblast.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Der obere Teil des zweigeteilten Stadtwappens zeigt zwei gekreuzte Kosaken-Musketen auf grünem Grund. Im unteren Teil befindet sich auf himbeerfarbenem Grund ein schwarzer Bogen mit drei Pfeilen, deren Spitzen nach unten zeigen. Das Wappen symbolisiert den siegreichen Kampf der Kosaken gegen die Tataren. Seit dem 31. Januar 2003 wieder offizielles Stadtwappen, ist es weitgehend dem Wappen der Stadt Aleksandrovsk aus dem Jahr 1811 nachempfunden.

Archäologische Bedeutung

Im 8. und 7. Jahrhundert v. Chr. fielen Skythen in die Gebiete nördlich und östlich des Schwarzen Meeres ein; archäologische Funde in Kamenka-Dneprovskaja in der heutigen Oblast Zaporož'e zeugen von Überlieferungen skythischer Nomadenstämme. Historiker vermuten hier das administrative und ökonomische Zentrum der Steppen-Skythen.[2]

Mittelalter

Zwischen dem 9. und dem 13. Jahrhundert wurde die heutige Oblast Zaporož'e von Slawen bevölkert, von denen viele die Gegend im 13. Jahrhundert im Zuge der mongolischen Invasion (Goldene Horde) wieder verließen. Im 14. Jahrhundert siedelten sich aus polnischer Leibeigenschaft entflohene Kosaken in dem Gebiet an.

Neuzeit

Unter Historikern umstritten ist, wann genau sich erste Siedlungskerne herausbildeten. Ab 1552 gab es auf der heutigen Insel Chortycja eine Festung, die den Kosaken als Stützpunkt für die Tatarenabwehr diente. Ukrainische Historiker sehen in der sog. Zaporižskaja Sič die erste Form autonomer ukrainischer Staatlichkeit.[3]

Im 18. Jahrhundert wurden die Kosaken der Herrschaft der russischen Zaren unterworfen und zur Verteidigung der Außengrenzen des Russischen Reiches eingesetzt. Während des russisch-türkischen Krieges (1768–1774) errichteten sie 1770 auf Befehl Katharinas II. am Unterlauf des Dnepr eine Festung, neben der die Ortschaft Aleksandrovsk, die spätere Stadt Zaporož'e, entstand. Die Festung war Teil einer Verteidigungslinie gegen die Tataren, zu der sechs weitere Festungen gehörten. 1775 wurde aus der Festung Aleksandrovsk eine Vorstadt.

Bild

Gebäude der 1895 von Mennoniten
gegründeten Mädchenschule in Zaporož'e
[Foto: © M. Leppert].

Auf Einladung Katharinas II. siedelten sich 1789 Mennoniten aus Danzig/Gdańsk, später auch aus Westpreußen, auf Chortycja an und gründeten die erste deutsche Kolonie auf dem Territorium der heutigen Ukraine. Unklar ist heute die genaue Zahl der Dörfer, die zur Mutterkolonie gehörten. Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts bildeten sich aus der "Altkolonie Chortycja" zahlreiche Tochtersiedlungen. Nach Stumpp befanden sich auf dem Gebiet der heutigen Oblast Zaporož'e 170 deutsche Siedlungen.[4] Einige ehemalige Ortschaften der Mennoniten, darunter die Dörfer Einlage/Kičkas, Insel Chortica/Ostrov Chortica, Alt-Kronsweide/Velikij Lug und Rosenthal/Kanzerovka, gehören heute zu Zaporož'e. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges konnte die Chortycja-Siedlung wirtschaftlich prosperieren.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Stadt Aleksandrovsk dem Gouvernement Jekaterinoslaw zugeteilt, 1806 wurde sie Kreisstadt. Bis zum Ersten Weltkrieg entwickelte sie sich von einer Provinzstadt zu einem regionalen Handels- und Verkehrsknotenpunkt.

20. Jahrhundert

Im Dezember 1917 erreichte die Oktoberrevolution Aleksandrovsk. Am 2. Januar 1918 ergriffen die Bolschewiki die Macht und begannen mit der Enteignung aller großen Fabriken, auch diejenigen der Deutschen. Von März bis November 1918 war Aleksandrovsk kurzzeitig von österreichischen und deutschen Truppen besetzt. In den Wirren des Bürgerkrieges (1918–1921) wurde die Stadt von verheerenden Plünderungen, schweren Kämpfen, einer Hungersnot und einer Typhusepidemie heimgesucht. Zahlreiche Mennoniten wurden Opfer der mordenden und plündernden Banden des Anarchistenführers Nestor Machno (1888–1934). Nach der Rückeroberung der Stadt durch die Bolschewiki wurde Aleksandrovsk 1921 in 'Zaporož'e' umbenannt. In der Folgezeit war die Politik der Sowjets von einer fortschreitenden Industrialisierung, von "Entkulakisierung" und Zwangskollektivierung bestimmt, worunter auch die Deutschen zu leiden hatten. 1932/33 erlitt die Stadt eine schreckliche Hungersnot (Holodomor). 1939 wurde Zaporož'e Verwaltungszentrum. Während des Zweiten Weltkriegs wurden große Teile der Stadt zerstört und diese zeitweise von deutschen Truppen besetzt (1941–1943), ehe sie von der Roten Armee rückerobert werden konnte. In diesem Zeitraum deportierten die Sowjets die meisten Mennoniten aus Chortycja, vor allem nach Sibirien und Kasachstan. Zahlreiche deutsche Kriegsgefangene wurden in dem sowjetischen Kriegsgefangenenlager 100 inhaftiert, viele von ihnen kamen in der Haft ums Leben. Deutsche Kriegsgefangene wurden auch zum Wiederaufbau der Stadt herangezogen.

Bevölkerung

In der gesamten Oblast Zaporož'e lebten 2001 ca. 2.200 ethnische Deutsche. In der Stadt Zaporož'e stellten bei einer Einwohnerzahl von 815.300 Personen Russen vor Weißrussen und Bulgaren die größte Minderheit; der Anteil der Deutschen an der Stadtbevölkerung lag bei knapp 0,1 %.[5] Heute hat Zaporož'e 771.950 Einwohner (Stand: März 2012).[6]

Wirtschaft

Seit den 1860er Jahren erlebte die Stadt einen wirtschaftlichen Aufschwung und es entstanden erste Werkstätten und Fabriken. Die Mennoniten taten sich mit der Gründung von Fabriken für landwirtschaftliche Maschinen und Mühlen hervor. Seit den 1870er Jahren entwickelte sich Aleksandrovsk zu einem wichtigen Zentrum der Nahrungsmittelindustrie, begünstigt durch den Anschluss der Eisenbahn in südlicher Richtung an die Linie nach Sevastopol' (1875) und den Bau des städtischen Hafens. Ende des 19. Jahrhunderts wurde Aleksandrovsk ein Zentrum für landwirtschaftlichen Maschinenbau – die Landmaschinen der Firmen Lepp & Wallmann[7] und Abraham Koop wurden zu Verkaufsschlagern.[8]

Bild

Die sog. 'Burg' von Andreas Wallmann von Lepp &
Wallmann beherbergt heute einen Teil des ukrainischen
Bildungsministeriums [Foto: © M. Leppert].

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte sich der rasante wirtschaftliche Aufschwung u. a. in der Bau- und der Textilindustrie fort. 1915 wurde mit dem Bau von Flugzeugmotoren, 1927 mit dem Bau des Wasserkraftwerkes DneproGES (fertiggestellt 1932) begonnen. Seit den 1930er Jahren durchlief die Stadt ein Industrialisierungs- und Modernisierungsprogramm, in dessen Rahmen Betriebe der Schwerindustrie angesiedelt und das Bauprojekt 'Socgorod' umgesetzt wurde.[9] In den 1960er Jahren entwickelte sich die Stadt mit dem Bau der populären Automarke Zaporožets (heute AvtoZAZ-Daewoo) zu einem Zentrum der Automobilindustrie.

Religions- und Kirchengeschichte

Zu diesem Abschnitt liegen bisher keine Angaben vor.

Kunstgeschichte

Im Stadtteil Verchnjaja Chortycja sind etliche ehemals mennonitische Gebäude erhalten, darunter eine Mädchenschule, die Villa des Mühlenherstellers Jakob Dyck (1811–1875) sowie die im Jugendstil erbaute 'Burg' der Fabrikantenfamilie Wallmann.

4. Gedächtnis- und Erinnerungskultur

Ein Denkmal erinnert an die Repressionen gegen die Mennoniten während der Stalin-Herrschaft. Landesweites und internationales Aufsehen erregte 2010 die Einweihung eines Stalin-Denkmals, auf das ukrainische Nationalisten mehrere Anschläge verübten. Heute befindet sich das Denkmal hinter Panzerglas abgeschirmt in der örtlichen Parteizentrale der Kommunistischen Partei.

5. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Heinrich Bergen: Chortitza Colony Atlas. Altkolonie. Saskatoon 2004.
  • Gerhard Fast: Das Ende von Chortitza. Winnipeg 1973.
  • Isaac Peter Klassen: Die Insel Chortitza. Stimmungsbilder, Gedanken, Erinnerungen. Winnipeg 1997.
  • Nickoli J. Kroeker: First Mennonite villages in Russia 1789–1943. Khortitsa, Rosenthal. Vancouver 1981.
  • Adina Rieger, Delbert Plett: Diese Steine. Die Russlandmennoniten. Manitoba 2001, S. 49-136.
  • Henry Schapansky: The Old Colony (Chortitza) of Russia. Early History and first Settlers in the Context of the Mennonite Migrations. New Westminster 2001.
  • Karl Stumpp: Die deutschen Siedlungen im Gebiet Saporoshje, ehemals die Gouvernements Taurien und der südliche Teil von Jekaterinoslaw (Dnjepropetrowsk). In: Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland (Hg.): Heimatbuch der Deutschen aus Rußland (1957), S. 5-12.
  • Natalia Ostasheva Venger: The Mennonite Industrial Dynasties in Alexandrovsk. In: Journal of Mennonite Studies 21 (2003), S. 89-110.

Weblinks

Anmerkungen

[1] Stand März 2012. Vgl. http://www.zp.ukrstat.gov.ua/images/stories/Chisl__dem_03_12.pdf (Abruf 29.04.2013).

[2] So bei Boris Nikolaevic Grakov: Kamenskoe gorodišče na dnepre [Die befestigte Siedlung Kamenskoje am Dnepr]. Moskva 1954 (Materialy i issledovanija po archeologii SSSR 30).

[3] Insbesondere der seit 1648 gegen die polnische Herrschaft gerichtete Aufstand des Kosakenführers Bogdan Chmel'nickij (1595–1657) gilt in den Augen vieler ukrainischer Historiker als erster Versuch der Schaffung eines ukrainischen Staates. Einen guten Überblick dazu liefert F. E. Sysyn: Bohdan Chmel'nyc'kyj's Image in Ukrainian Historiography since Independence. In: Österreichische Osthefte 42 (2000), S. 179-188.

[4] Vgl. Stumpp: Die deutschen Siedlungen, S. 10.

[5] Die Zahlen stammen von der offiziellen Homepage zum Zensus im Jahr 2001. URL: http://2001.ukrcensus.gov.ua (Abruf 29.04.2013). Zahlen zur historischen Bevölkerungsentwicklung liegen bisher nicht vor.

[6] Staatliches Komitee für Statistik der Ukraine. URL: http://www.zp.ukrstat.gov.ua/images/stories/Chisl__dem_03_12.pdf (Abruf 29.04.2013).

[7] Ursprünglich handelte es sich um eine Uhrmacherwerkstatt, die von Peter Lepp (1817–1871) gegründet wurde. 1880 wurde dessen Schwager Andreas Wallmann (1857–1930) Teilhaber.

[8] Vgl. Dietmar Neutatz: Ländliche Unternehmer im Schwarzmeergebiet. Die südukrainische Landmaschinenindustrie vor dem Ersten Weltkrieg. In: Dittmar Dahlmann (Hg.): "…das einzige Land in Europa, das eine große Zukunft vor sich hat." Deutsche Unternehmen und Unternehmer im Russischen Reich im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Essen 1998 (Veröffentlichungen des Instituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa 8), S. 541-574, hier S. 549ff.

[9] Socgorod beschreibt das Konzept des Aufbaus einer sozialistischen Stadt, in der die städtischen Funktionsbereiche Wohnen, Arbeit, Erholung und Verkehr voneinander getrennt sind. Dieses Konzept geht auf den sowjetischen Städteplaner Nikolaj Aleksandrovič Miljutin (1889–1942) zurück. Im Fall von Zaporož'e wurde zwischen 1929 und 1937 ein Gebäudekomplex von Wohnhäusern am linken Ufer des Stausees errichtet.

Zitation

Manuel Leppert: Zaporož'e/Zaporižžja. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2013. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/54462.html (Stand 21.05.2013).

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OME-Redaktion (Stand: 25.04.2018)