Navigation

Skiplinks

Livland

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Livland (veraltet auch Liefland)

Anderssprachige Bezeichnungen

lat.: Lyvonia, Livonia; lett.: Livonija oder Vidzeme; estn.: Liivimaa; poln. Liwonia; russ. Liwonija

Etymologie

Das Wort „Livland“ rekurriert auf das Siedlungsgebiet der früheren Bewohner des Landes, der Liven. Im Livischen bedeutet liiw Sand.

2. Geographie

Historische Geographie

Die zur ostseefinnischen Gruppe der finno-ugrischen Sprachfamilie zählenden Liven siedelten am Unterlauf der Düna (lett. Daugava) und nördlich davon entlang der östlichen Küste des Rigaischen Meerbusens. Sie waren die ersten Bewohner, mit denen hansische Kaufleute im 12. Jahrhundert in Kontakt kamen und die zu Adressaten christlicher Missionierung wurden.

Im Zuge der Christianisierung bildete sich die sogenannte Livländische Konföderation, die sich aus dem Erzbistum Riga/Rīga, den Bistümern Dorpat/Tartu, Ösel-Wiek und Kurland sowie dem Gebiet des Schwertbrüderordens beziehungsweise ab 1237 des Livländischen/Deutschen Ordens zusammensetzte. 1227−1237 und ab 1346 gehörte auch das ehemals dänische Herzogtum Estland, das sich um Reval/Tallinn entlang der Südküste des Finnischen Meerbusens erstreckte, zur Livländischen Konföderation. Als „Livland“ wurde somit nicht nur das Siedlungsgebiet der Liven bezeichnet, sondern auch das der (ebenfalls ost­see­finnischen) Esten sowie der (baltischen) Lettgallen, Kuren, Semgallen und Selonen, aus denen sich bis in die frühe Neuzeit das Volk der Letten entwickelte. Auch die Liven wurden im Laufe der Zeit in das lettische Volk integriert. Livland umfasste etwa das an der Ostsee gelegene Gebiet zwischen der Narwa (est. Narva) im Osten entlang dem Peipussee nach Süden zur Düna oberhalb Dünaburg/Daugavpils und von dort Richtung Westen entlang der kurländisch-litauischen Endmoräne bis zur Ostsee bei Heiligenaa/Šventoji.

Seit etwa 1566 wurde die Bezeichnung „Livland“ nur noch für den Teil Altlivlands verwendet, der sich im Zuge des Livländischen Krieges als Titularherzogtum und Kondominium Polen-Litauen unterstellte. Als „Polnisch Livland“ (Lettgallen, Latgale) wurde schließlich ab 1629 der Teil bezeichnet, der im Unterschied zu weiten Teilen des Herzogtums im Anschluss an kriegerische Auseinandersetzungen nicht zu Schweden kam, sondern bei Polen verblieb (siehe auch „Neuzeit“).

1721 wurde Livland zu einem russischen Gouvernement und umfasste das Gebiet zwischen Estland und Kurland. Alle drei Gouvernements (Livland, Estland und Kurland) zusammen bildeten die sogenannten Ostseegouvernements. Mit der Gründung der Staaten Estland und Lettland 1918 wurde die historische Region Livland geteilt; seitdem wird ihr lettischer Teil (Vidzeme) häufig mit „Livland“ gleichgesetzt.

Topographie

Die historische Landschaft Livland liegt zwischen dem Rigaer Meerbusen und dem Peipussee. Das Land wird geprägt durch flache, leicht wellige oder allenfalls hügelige Profile. Wald und Wasser formen das Land in außerordentlichem Maße.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Das Wappen des Herzogtums Livland und der Livländischen Ritterschaft aus dem Jahr 1566, als Livland unter polnisch-litauischer Herrschaft stand, zeigt einen silbernen Greif mit Schwert auf rotem Schild. Die Initialen „SA“ auf seiner Brust stehen für Sigismundus Augustus (Sigismund II. August [1520−1572], den ersten Regenten des Staates Polen-Litauen).

Mittelalter

Bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts unterschieden sich die Völker der östlichen Ostseeküste von denen im übrigen Europa im Wesentlichen darin, dass sie trotz vieler seit dem 10. Jahrhundert unternommener Versuche, sie zu christianisieren, immer noch Heiden waren.

Um 1180 reiste der holsteinische Chorherr Meinhard (1130/35–1196) mit Kaufleuten, die in den deutsch-russischen Handel zwischen Lübeck und Nowgorod/Novgorod involviert waren, an den Unter­lauf der Düna, um den christlichen Glauben zu predigen – mit der Erlaubnis des russischen Fürsten Wladimir/Vladimir von Polozk (1186–1216). Seine friedliche Missionsarbeit hatte keinen großen Erfolg. Als Nachfolger Meinhards wurde Berthold (gest. 1198) 1196 zum zweiten Bischof von Livland geweiht. Unter dessen Nachfolger Albert von Buxhoeveden (Buxthoeven, um 1165 –1229), Domherr zu Bremen, intensivierte sich die gewaltsame Christianisierung. Fast ein Jahr brauchte dieser, bis er nach Livland kam. Er beschaffte sich 1199 zunächst eine Kreuzzugsbulle von Papst Innozenz III. (1160/1161−1216), in der der Livenkreuzzug mit dem Kreuzzug in das Heilige Land gleichgestellt wurde. 1201/1202 weihte Bischof Albert „den Bischofsdom“ zu Riga „und ganz Livland der allerseligsten Gottesmutter Maria zu Ehren“.[1] 1215 wurde die Weihe von Innozenz III. bestätigt.

Drei weitere Ereignisse waren von großer militärischer und politischer Bedeutung für die Geschichte Livlands: erstens die Gründung der Stadt Riga im Jahr 1201; zweitens die Über­reichung der Burgen Üxküll und Lennewarden an der Düna an zwei Kreuz­fahrer im selben Jahr, gleichbedeutend mit der Geburtsstunde des Vasallenstandes in Altlivland; und drittens die Gründung eines militärischen Ritterordens (fratres miliciae Christi de Livonia) nach dem Vorbild und mit Regeln der Templer im Jahr 1202 durch den Missionar und Zister­zienser Theoderich von Treyden (gest. 1219) zum Schutz der neu getauften livischen Gemeinde.

Der nach seinem Abzeichen, einem roten Schwert unterm Tatzenkreuz auf weißem Mantel, auch Schwert­brüderorden genannte Orden wurde 1204 vom Papst bestätigt. 1205 wurde ebenfalls von Theoderich von Treyden an der Dünamündung ein Zisterzienserkloster gegründet. Was die Schwertbrüder für die militärische Sicherheit Livlands waren, das bedeutete das Zisterzienserkloster für die Mission. Bis 1207 unterwarfen die Kreuzfahrer alle Liven und tauften sie. Als Belohnung für die Eroberung Livlands forderte und erhielt der Orden 1207 ein Drittel Liv­lands, womit der erste Ordensstaat des Hochmittelalters geschaffen wurde.

1208 schlossen Lettgallen aus Tholowa als Schutz vor den ihnen feindlich gesinnten Esten ein Bündnis mit den Schwertbrüdern. Dies war der Beginn eines langen Krieges. Die Esten wurden von Russen aus Nowgorod und Pleskau/Pskov unterstützt. Mit Hilfe des Königs von Dänemark Waldemar II. (1170−1241), der 1219 im Norden des heutigen Estland ein Herzogtum begründete, unterwarfen die Schwertbrüder bis 1227 Estland und die Insel Ösel/Saaremaa. Am 22. September 1236 fiel ein großer Teil der Truppen des Schwertbrüderordens in der Schlacht gegen die Litauer bei Schaulen/Šiauliai; die Reste des Ordens wurden 1237 in den Deutschen Orden eingegliedert (Livländischer/Livonischer Orden).

Während alle griechisch getauften Lettgallen bereits 1214 freiwillig den christlichen Glauben angenommen hatten, erwies sich die Unterwerfung der Kuren (1267) und Semgallen (1290) als sehr schwierig. Erst als es 1345 dem Deutschen Orden endgültig gelang, die Widerstandskraft des estnischen Volkes zu brechen und 1346 Dänisch-Estland von König Waldemar IV. (um 1321−1375) zu kaufen, stand das gesamte von Esten, Liven und Letten bewohnte Gebiet unter deutscher Herrschaft.

Gegen Ende des 13. Jahrhunderts gaben die fünf geistlichen Territorien, die zusammen die Livländische Konföderation bildeten, dem Land seine politische Gestalt. Diese Länder Livlands standen formal unter der Hoheit des Papstes und des römisch-deutschen Kaisers, praktisch lag die Macht jedoch bei den einheimischen Machthabern. Das 14. und 15. Jahrhundert waren in Livland durch ihr kriegerisches und diplomatisches Ringen um die Vormacht gekennzeichnet. Dem Orden ging es darum, seine Machtstellung gegenüber dem Erzbischof von Riga und den Bischöfen, denen der Orden nach geltenden Verträgen unterstellt war, zu erweitern und seine militärische in politische Macht umzusetzen. Ziel des Ordens war ein geeinigtes Livland, in dem die Bischöfe die geistliche und die Beamten die weltliche Macht haben sollten. In dieser Auseinandersetzung spielte die Stadt Riga eine entscheidende Rolle.

In der Schlacht bei Tannenberg gegen eine gemeinsame Streitmacht des Königreichs Polen und des Großherzogtums Litauen am 15. Juli 1410 musste der Deutsche Orden eine schwere Niederlage hinnehmen. Sein livländischer Zweig konnte sich trotzdem als führende Macht in Livland behaupten. Die gemeinsamen Interessen des altlivischen „Fünfstaats“, aller Landesherren, der Ständevertreter (Ritterschaften) und Städteboten wurden ab 1422 in jährlichen Landtagen beraten. Diese waren ständisch organisiert, Bauern wurden niemals eingeladen.

Die Rivalitäten zwischen der Stadt Riga und dem Orden setzten sich bis 1491 fort. 1492 musste Riga nicht nur den Orden, sondern auch den Erzbischof als seinen Oberherrn anerkennen. Die eigentlichen Sieger im Kampf zwischen den livländischen Landesherren waren die deutschen Stände, die allmählich vom ritterlichen Berufsstand zu Vasallenschaften und zum adligen Geburtsstand wurden. Mit dem Aufstieg der Vasallen war die Rechtsminderung der „undeutschen“ Bauern, meist lettischer, livischer oder estnischer Abstammung, verbunden.

Neuzeit

Die Macht und der Einflussbereich des Livonischen Ordens wuchs zunächst in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts unter dem Ordensmeister Wolter von Plettenberg (1494–1535). Seit der Regentschaft des Moskauer Großfürsten Iwan III. (1440−1505. reg. ab 1462) rückte die Außenpolitik in den Vordergrund der livländischen Politik, während die innerlivländischen Auseinandersetzungen an Bedeutung verloren. Im Livländischen Krieg (1558−1583) ging es um die Vorherrschaft im Gebiet des Deutschen Ordens zwischen dem Moskauer Großfürsten und der Krone Schwedens und Polen-Litauens, zeitweise auch Dänemarks. Estland wurde schwedisch; der König von Dänemark Friedrich II. (1534−1588) kaufte die Insel Ösel und die in Kurland liegenden Gebiete des Stifts Pilten/Piltene, die nicht dem Orden gehörten. Das Gebiet nördlich der Düna und südwestlich des Peipussees unterwarf sich Polen-Litauen, und für die nächsten hundert Jahre wurde die Bezeichnung „Livland“ nur für dieses Gebiet verwendet. Kurland erlangte als einziges Restterritorium Altlivlands eine relative Unabhängigkeit unter polnischer Lehenshoheit. Die Stadt Riga blieb zwanzig Jahre freie Stadt (bis 1581) und erkannte nur den römisch-deutschen Kaiser an. Am 5. März 1562 erklärte der letzte Ordensmeister Gotthard Kettler (1517–1587) die Auflösung des Ordensstaates.

In dem nun polnisch-litauischen (Titular-)Herzogtum Livland waren die Rechte des deutschen Adels im Privilegium Sigismundi Augusti von 1561 festgeschrieben, das für den deutschbaltischen Adel über Jahrhunderte als Richtlinie galt. Da das Original des Dokuments nicht erhalten ist, bestehen Zweifel, ob es sich nicht vielmehr um eine von den Ordensvertretern zusammengestellte Wunschliste handelte.[2] In derselben Zeit entstand in Livland eine vereinigte Livländische Ritterschaft, die alle Angelegenheiten des Landes regelte.

Im Krieg gegen Schweden 1621–1629 fielen große Teile des Herzogtums Livland an das Königreich Schweden, nur die Gegend um Dünaburg (Lettgallen, „Polnisch Livland“) blieb polnisch-litauisch. Die Privilegien des Adels wurden zwar vom schwedischen König Gustav II. Adolf (1594−1632) am 18. März 1629 bestätigt, jedoch zugleich auch die Rechtslage der Bauern gestärkt. In der Regierungszeit des Schwedenkönigs Karl XI. (1655−1697, reg. ab 1660) kam es zur „Güterreduktion“ – insgesamt wurden damals fünf Sechstel des Gutslandes enteignet. Für die „undeutschen“ Bauern ist die „Schwedenzeit“ in bester Erinnerung geblieben.

Im Zweiten Nordischen Krieg (1655−1661) wurde Livland teilweise von Russland besetzt, bis der Vertrag von Oliva vom 3. Mai 1660 den Frieden wiederherstellte und für die nächsten vierzig Jahre eine schwedische Oberherrschaft festlegte. Nach dem Großen Nordischen Krieg (1700−1721), der mit der Niederlage Schwedens endete, wurde Livland im Frieden zu Nystad 1721 Russland zugesprochen. Der gleiche Vertrag garantierte die Privilegien des deutschbaltischen Adels, was mit einer Benachteiligung der „undeutschen“ Bauern einherging. In den nächsten Jahren verlor das Land durch Kriege, Pest (1710), Dürre (1714) und Kälte (1716) mehr als zwei Drittel seiner Einwohner.

Livland wurde zum Gouvernement Livland, in dem die Ritterschaften weitgehende Selbstverwaltungsrechte erhielten. Die Ritterschaften waren auf fast allen höheren Amts- und Militärebenen des Russischen Reiches präsent. Allmählich bekamen die Gutsherren auch die unter der schwedischen Krone reduzierten Besitztümer zurück. Die deutschstämmige Kaiserin Katharina II. (1729−1796, reg. ab 1762) unternahm mehrere Reformen, um das Land zu modernisieren, was mit Einschränkungen der Rechte des deutschbaltischen Adels verbunden war. Die wichtigen Reformen wurden jedoch 1796 von ihrem Sohn Paul I. (1754−1801, reg. ab 1796) wieder aufgehoben. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verschärfte sich die Frage der Abschaffung der Leibeigenschaft, bis es 1819 in Livland zur Bauernbefreiung kam (im übrigen Russland 1861); allerdings hatten Bauern bis 1849 nicht das Recht, Land käuflich zu erwerben, sodass von der Bauernbefreiung nur Knechte profitieren konnten, die fortan nicht mehr an ihren Gutsherrn gebunden waren. Seit 1884, in der Regierungszeit des Zaren Alexander III. (1845−1894, reg. ab 1881), begann die Russifizierung der baltischen Provinzen in der Verwaltung, dem Schul- und Gerichtswesen. Die Privilegien des deutschbaltischen Adels wurden nicht mehr bestätigt. Bereits 1877 war die russische Städteordnung eingeführt worden. Die russische Revolution von 1905 wirkte sich auch in Livland aus, das die Region mit der größten Streikintensität war. In den baltischen Provinzen kam es zu einer gegen den deutschbaltischen Adel gerichteten Agrarbewegung. Mehr als 400 Rittergüter wurden zerstört, 38 % im vorwiegend lettischen Livland (Südlivland). Zahlreiche Gutsbesitzer wurden vertrieben, 82 Deutsche, unter ihnen auch einige Pastoren, getötet.

Im Ersten Weltkrieg kam es in Livland, ähnlich wie im übrigen Russland, zu Maßnahmen, die gegen die Deutschbalten und die deutsche Sprache gerichtet waren. Ab 1917 wurde Livland teilweise von deutschen Truppen besetzt. Der Zusatzvertrag des Friedensvertrags von Brest-Litowsk vom 27. August 1918 legte fest, dass Livland und Estland aus dem Russischen Reich ausgegliedert werden sollten. Mit der Zustimmung des Kurländischen Landesrates rief der Vereinigte Landesrat von Livland, Estland, Riga und Ösel in seiner Tagung vom 5. bis 8. November 1918 das Vereinigte Baltische Herzogtum unter deutscher Führung aus. Die deutsche Niederlage im Krieg bedeutete das rasche Ende dieses Staates.

Zeitgeschichte

Nach der Gründung der Estnischen Republik am 24. Februar 1918 und der Lettischen Republik am 18. November 1918 wurde die Bezeichnung „Livland“ nur noch für die lettische Provinz Vidzeme (Südlivland) verwendet. Allmählich wurde die deutschbaltische Oberschicht zur Minderheit in den neugegründeten Nationalstaaten.

Gemäß der geheimen Zusatzklausel des am 23. August 1939 geschlossenen Hitler-Stalin-Paktes wurde das ehemalige Livland am 28. September 1939 der sowjetischen Interessensphäre zugeteilt. Ebenfalls am 28. September 1939 wurde in Moskau/Moskva ein „Beistandspakt“ zwischen Estland und der Sowjetunion unterzeichnet. Am 5. Oktober des gleichen Jahres folgte ein fast identischer Vertrag zwischen Lettland und der Sowjetunion. Am 17. Juni 1940 begann die sowjetische Besetzung Estlands und Lettlands. Am 20. Juli 1940 deklarierten die neu gewählten Staatsparlamente ihr jeweiliges Land zur Sozialistischen Sowjetrepublik. Am 5. bzw. 6. August 1940 wurden Lettland und Estland offiziell in die Sowjetunion aufgenommen. In der Nacht vom 13. auf den 14. Juni 1941 wurden in Estland mehr als 11.000 und in Lettland mehr als 16.000 „Staatsfeinde“ verhaftet und in sowjetische Straflager deportiert.

1939−1941 verließen die meisten Deutschbalten Lettland und Estland in Richtung Deutschland gemäß einem am 30. Oktober 1939 zwischen Lettland und Deutschland im Anschluss an das deutsch-sowjetische Protokoll vom 28. September 1939 geschlossenen Vertrag, der die juristische Grundlage für die Umsiedlung der Deutschbalten bildete. Alle Deutschen, die Lettland verlassen wollten, mussten freiwillig ihren Willen bestätigen, „für alle Zeiten aus der lettischen Staatsangehörigkeit auszuscheiden“ (sog. diktierte Option).[3] Ein ähnlich lautendes Protokoll war bereits am 15. Oktober von der Republik Estland und der Reichsregierung unterschrieben worden.

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen am 22. Juli 1941 wurde das Baltikum  mit Weißrussland zum „Reichskommissariat Ostland“ zusammengefasst, in dessen Verwaltung auch viele Deutschbalten beschäftigt waren. „Reichsminister für die besetzten Ostgebiete" war der in Reval geborene Deutschbalte Alfred Rosenberg (1893−1946).

Zwischen 1941 und 1944 wurden in Lettland unter deutschen Kommandos und mit Hilfe von Teilen der einheimischen Bevölkerung rund 90.000 Juden ermordet – 70.000 lettische Juden und 20.000 aus anderen europäischen Ländern, die nach Lettland verschleppt wurden.[4] Die meisten estnischen Juden waren ins Ausland geflohen, die übrigen (ungefähr 1.000 Personen) wurden fast alle umgebracht  (siehe auch „Reichskommissariat Ostland“).

Bevölkerung und Gesellschaft

In der Zeit um 1200 lebten in Livland etwa 20.000 Liven und 150.000 Esten. Auf dem Territorium des heutigen Lettlands lebten Anfang des 13. Jahrhunderts rund 150.000 Menschen.[5] Um 1500 hatte Livland weniger als 500.000 Einwohner,[6] vor dem Livländischen Krieg um 1558 ungefähr 650.000−675.000.[7] Im Jahr 1858 waren in der russischen Ostseeprovinz Livland 884.000 Personen ansässig.[8]

Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts war der größte Teil der Bevölkerung Bauern; im nördlichen Teil waren dies Esten, im südlichen Teil Letten. Angehörige der Oberschicht und der evangelisch-lutherischen Geistlichkeit waren meist deutscher Abstammung und sprachen einen deutschen Dialekt (Baltendeutsch). Deutsch war die Gesetzes- und Bildungssprache in Livland; erst durch die Russifizierung ab 1870 kam es zur Einführung des Russischen als Amtssprache.

Wirtschaft

Im Mittelalter erfüllten neben den drei größten Städten Livlands, Riga, Reval und Dorpat, auch kleinere Städte der Hanse die Funktion von Handelszentren zwischen dem Westen und Städten der ‚Rus‘ (Nowgorod, Pleskau, Polozk/Polack/Polock u. a.). Sie dienten als Warenumschlagplätze, unter anderem für Salz, Heringe, Tuch, Metalle aus dem Westen und Wachs, Pelze, Flachs, Tran und anderes aus dem Osten. Unverheiratete Kaufleute und Handwerker in Riga, Reval und Dorpat schlossen sich in der „Bruderschaft der Schwarzen Häupter“ zusammen.

Die Bauernbefreiung, die viele Arbeitskräfte freisetzte, und andere Reformen der 1860er Jahre ermöglichten einen wirtschaftlichen Aufschwung. Besonders schnell entwickelten sich die Textil- und die Schwerindustrie. Im Zuge der Industrialisierung wurde 1868 die erste Eisenbahnlinie zwischen Riga und Mitau/Jelgava eröffnet, eine zweite folgte 1870 mit der Verbindung Baltischport−RevalNarvaSankt Petersburg/Sankt-Peterburg. Riga wuchs als Industriezentrum am schnellsten. Die Bedeutung der Ostseehäfen stieg besonders seit den 1860er Jahren. 1913 wurde Riga sogar zum größten Hafen des Russischen Reiches; kurz vor dem Krieg hatte es den größten Holzhafen der Welt. Der Handel befand sich zu dieser Zeit hauptsächlich in den Händen jüdischer und deutschbaltischer Kaufleute. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde ein Großteil der lettischen Industrie nach Innerrussland verbracht.

Religions- und Kirchengeschichte

Das vorchristliche religiöse Leben der einheimischen Völker war durch eine hierarchisch geordnete Priesterklasse sowie die Vorstellung von einer vielfältigen und umfangreichen Götterwelt indoeuropäischen Ursprungs geprägt. Der Paganismus der baltischen Völker hielt in Europa am längsten den Christianisierungs- und Eroberungsbestrebungen der Römisch-Katholischen Kirche im Mittelalter stand. Sie übernahmen zwar den Heili­genkult, passten ihn aber ihrer Volkstradition an.

In der Zeit der Reformation kam es in Livland unter dem Ordensmeister Wolter von Plettenberg zu einer paradoxen Situation: In diesem Staat der katholischen Kirche wurde dem Luthertum Glaubensfreiheit gewährt. Schon 1521 verkündete der Geistliche Andreas Knopken (um 1468−1539) den lutherischen Glauben in Riga, was großen Anklang bei einheimischen Adligen und Stadtbürgern fand. Da die Religionszugehörigkeit der Bauern von der konfessionellen Entscheidung der Gutsherren abhing, reagierten die leibeigenen Bauern indifferent auf die evangelische Lehre. Während der „Polenzeit“ kam es in Livland zur Gegenreformation; besonders erfolgreich bei Letten und Esten waren die Jesuiten. In dieser Zeit wurden auch die ersten Bücher in estnischer (1535) und lettischer Sprache (1585) gedruckt: der katholische Katechismus. In der „Schwedenzeit“ wurde Livland nicht nur wieder evangelisch, sondern mit finanzieller Unterstützung der schwedischen Krone 1694 erschien die lettische Übersetzung der Bibel, übersetzt von Ernst Glück (1654–1705); die estnische Übersetzung von Anton Thor Helle (1683–1748) wurde 1739 veröffentlicht. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelang es der Russisch-Orthodoxen Kirche, einen beträchtlichen Teil der estnisch- und lettischsprachigen Bevölkerung mit der Aussicht auf Landbesitz von der Konversion zur Orthodoxie zu überzeugen.

Bildung und Wissenschaft

In dem Sterbejahr des schwedischen Königs Gustav Adolf (1594−1632) wurde in Dorpat die erste (lateinisch-schwedische) Universität, Academia Gustaviana, in Livland eröffnet. Am 14. Oktober 1862 nahmen die ersten Studenten ihr Studium an dem neugegründeten Rigaer Polytechnikum auf, der ersten vielseitig orientierten technischen Hochschule nicht nur in Livland, sondern im gesamten russischen Kaiserreich.

Hauptgebäude der Universität Dorpat. Die „Academia Gustaviana“ wurde 1802 im russischen Gouvernement Livland als „Kaiserliche Universität zu Dorpat“ wiedereröffnet. [Chromolithograf auf Papier. In: Louis Höflinger: Album von Dorpat und Umgebungen. Tartu 1860].

Kunstgeschichte

Die historische Altstadt Revals wurde 1997 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Auch das Jugendstilensemble des Stadtteils Neustadt in Riga ist seit 1997 UNESCO-Welterbe.

Gedächtnis- und Erinnerungskultur

Im Jahr 2001 – 800 Jahre nachdem Bischof Albert Livland der Jungfrau Maria geweiht hatte − wurde in Estland das Conventus Terra Mariana neu gegründet.[9] In Lettland wird dagegen 2015 an das 800-jährige Jubiläum der Weihung Livlands durch Papst Innozenz III. erinnert.[10]

Zu Ehren der Unabhängigkeit Estlands wurde 1995 der Orden „Terra Mariana“ (estn. Maarjamaa Risti teenetemärk) als eine staatliche Auszeichnung der Republik Estland an ausländische Staatsbürger für außerordentliche Verdienste um die Republik Estland eingeführt.

4. Diskurse/Kontroversen

Die Christianisierung Livlands ist eng mit dem Mythos der „Aufsegelung“ Livlands durch Bremer Kaufleute verbunden. Diese Darstellung ist auf die fehlerhafte Abschrift der Livländischen Chronik von Heinrich von Lettland (geb. um 1188), der ältesten Quelle der deutschbaltischen, estnischen und lettischen Geschichtsschreibung, zurückzuführen: Ein unbekannter Kopist des 16. Jahrhunderts ergänzte das Werk des Chronisten mit frei erfundenen Erzählungen von bremischen Kaufleuten. Diese Tatsache wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von dem deutschbaltischen Historiker Carl Schirren (1826−1910) entdeckt und offengelegt; dennoch wurde der Mythos in späteren Jahren in Bremen weiterhin zu Werbezwecken genutzt.[11]

5. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Norbert Angermann, Manfred Hellmann, Heinz von zur Mühlen: Livland. In: Lexikon des Mittelalters. Bd. V. München 1991, Sp. 2045–2052.
  • Michael Garleff: Die Baltischen Länder – Estland, Lettland, Litauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. München 2001 (Ost- und Südosteuropa).
  • Heinrich von Lettland: Livländische Chronik. Neu übersetzt von Albert Bauer. Darmstadt 1959.
  • Gert von Pistohlkors: Baltische Länder. Berlin 1994 (Deutsche Geschichte im Osten Europas [4]).
  • Ralph Tuchtenhagen: Geschichte der baltischen Länder. München 2005 (Beck'sche Reihe 2355: C.H.Beck Wissen).
  • Reinhard Wittram: Baltische Geschichte. Die Ostseelande Livland, Estland, Kurland 1180−1918. Grundzüge und Durchblicke. Darmstadt 1973 (Göttinger Arbeitskreis: Veröffentlichung 83; Geschichte der Völker und Staaten).

Periodika

  • Jahrbuch des baltischen Deutschtums (erscheint seit 1927, hg. von der Carl-Schirren-Gesellschaft e. V. im Auftr. der Deutsch-Baltischen Gesellschaft e. V.)
  • Mitteilungen aus baltischem Leben (erscheint seit 1954, seit 2008 wiedergegründet, hg. von der Deutsch-Baltischen Gesellschaft e. V.)
  • Latvijas vēstures institūta žurnāls [Magazin des lettischen Instituts für Geschichte] (erschien 1936–1940, seit 1991 wiedergegründet, hg. von dem Historischen Institut der Lettischen Universität)

Weblinks

Anmerkungen

[1] Heinrich von Lettland: Livländische Chronik, S. 25.

[2] Alexander Schmidt: Geschichte des Baltikums. Von den alten Göttern bis zur Gegenwart. München 1992 (Serie Piper 1518), S. 83f.

[3] Dietrich A. Loeber (Hg.): Diktierte Option. Die Umsiedlung der Deutsch-Balten aus Estland und Lettland 1939–1941. Neumünster 1972.

[4] Antonijs Zunda: Lettland unter nazideutscher Besatzung (1941−1945). In: Daina Bleiere, Ilgvars Butulis, Inesis Feldmanis, Aivars Stranga, Antonijs Zunda: Geschichte Lettlands. 20. Jahrhundert. Rīga 2008. S. 268–333, hier S. 288.

[5] Tuchtenhagen: Geschichte der baltischen Länder, S. 11f.

[6] Norbert Angermann: Wolter von Plettenberg. Bonn 1985 (Arbeitshilfe 44), S. 2.

[7] Norbert Angermann: Die Bedeutung Livlands für die Hanse. In: ders. (Hg.): Die Hanse und der Deutsche Osten. Lüneburg 1990, S. 97–115, hier S. 108.

[8] Staatsrecht des Herzogtums Livland: http://www.verfassungen.eu/ee/recht1721-livland.htm (Abruf 28.05.2015).

[9] http://www.terramariana.ee/web/de/ (Abruf 20.05.2015).

[10] http://katolis.lv/baznica-latvija/latvijas-biskapu-konference/pazinojums-par-terra-mariana-jubilejas-gadu.html (Abruf 14.04.2015).

[11] Michael Garleff: Stereotypen im wechselseitigen deutsch-baltischen Kulturtransfer. In: Hans Henning Hahn (Hg.): Stereotyp, Identität und Geschichte. Die Funktion von Stereotypen in gesellschaftlichen Diskursen. Frankfurt/Main 2002 (Mitteleuropa – Osteuropa 5), S. 349–363.

Zitation

Anda Godlinski: Livland. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2015. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32600 (Stand 27.10.2015).

Nutzungsbedingungen für diesen Artikel

Copyright © Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE), alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk entstand im Rahmen des Projekts „Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa“ und darf vervielfältigt und veröffentlicht werden, sofern die Einwilligung der Rechteinhaber vorliegt. Bitte kontaktieren Sie: ome-lexikon(at)uol.de

Wenn Sie fachliche Hinweise oder Ergänzungen zum Text haben, wenden Sie sich bitte unter Angabe von Literatur- und Quellenbelegen an die Redaktion.

OME-Redaktion (Stand: 25.04.2018)