OME-Lexikon

Teschener Schlesien

siehe auch „Schlesien“ und „Teschen/Cieszyn/Český Těšín

1. Toponymie

Anderssprachige Bezeichnungen

poln. Śląsk Cieszyński; tschech. Těšínsko oder Těšínské Slezsko

Sonstige Bezeichnungen

Herzogtum Teschen (poln. Księstwo Cieszyńskie; tschech. Těšínské knížectví); Zaolzie (poln. Bezeichnung des tschechischen bzw. tschechoslowakischen Gebiets jenseits der Olsa); Olsa-Gebiet; Österreichisch-Schlesien (ab 1848 zusammen mit dem Troppauer Schlesien)[1]; (österreichisches) Ostschlesien (in Österreich zwischen 1870 und 1921 gebräuchlich)[2]; Teschener Raum; Teschener Land; Teschener Gebiet, Kreis Teschen (1939–1945).

Etymologie

2. Geographie

Lage und Topographie

Das im Südosten Schlesiens befindliche Teschener Schlesien umfasst das Gebiet des historischen Herzogtums Teschen, einen Landstrich von etwa 3.000 km² zu beiden Seiten des Flusses Olsa (poln. Olza, tschech. Olše), der in Teilen seines Laufes die Grenze zwischen dem im Osten befindlichen polnischen und dem westlichen tschechischen Teil markiert. Im Zentrum liegt beiderseits der Olsa die Doppelstadt Teschen/Cieszyn/Český Těšín. Die äußeren Grenzen werden im Osten von dem Fluss Biala (poln. Biała, tschech. Bělá), im Süden von den Beskiden (poln. Beskidy, tschech. Beskydy) und im Westen von dem Fluss Ostrawitza (poln. Ostrawica, tschech. Ostravice) markiert. Im Norden grenzt das Gebiet an Oberschlesien (poln. Górny Śląsk, tschech. Horní Slezsko). Der östliche Teil des Teschener Schlesien ist Teil der Westbeskiden, in denen sich auch das Quellgebiet und der Oberlauf der Weichsel befinden. Die höchste Erhebung ist der Kahlberg (poln. Łysa Góra, tschech. Lysá hora) mit einer Höhe von 1.324 Metern.

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Polen: Woiwodschaft Schlesien (poln. Województwo śląskie), Kreis Teschen (poln. Powiat cieszyński) und westlicher Teil des Kreises Bielitz (poln. Powiat Bielsky) einschließlich des westlichen Teils der Doppelstadt Bielitz-Biala/Bielsko-Biała.

Tschechien: Region Mährisch-Schlesien (tschech. Moravskoslezský kraj), Bezirk Karwin (tschech. Okres Karviná), östlicher Teil der Bezirke Friedeck-Mistek (tschech. Okres Frýdek-Místek) und Ostrau-Stadt (tschech. Okres Ostrava-město) sowie der östliche Teil der Stadt Ostrau/Ostrava.

3. Geschichte und Kultur

Mittelalter

Nach den Erbteilungen der Herzogtümer Oppeln (poln. Opole, tschech. Opolí) und Ratibor (poln. Racibórz, tschech. Ratiboř) entstand 1281 aus der Kastellanei Teschen das gleichnamige Herzogtum, das bis 1919 Bestand hatte. Im Jahr 1290 wurde Mesko (poln. Mieszko) aus dem Hause der Piasten (um 1250–1315) erster Herzog von Teschen und damit Begründer der Teschener Seitenlinie der Piasten, die sich bis 1653 als Landesherren behaupten konnte.

Doch bereits Meskos Erbe Kasimir I. (poln. Kazimierz I; um 1280/90–1358) begab sich 1327 wie weitere schlesische Herzöge unter die Lehnshoheit des böhmischen Königs Johann von Luxemburg (1296–1346). Das Herzogtum Teschen war damit einer der schlesischen Kleinstaaten, deren Bestand lediglich durch Anlehnung an einen stärkeren Nachbarn gesichert werden konnte. Nach dem polnischen Verzicht auf die schlesischen Gebiete 1339 wurde das Herzogtum Teschen von Karl IV. (1316–1378) der Böhmischen Krone unterstellt und kam somit zum Heiligen Römischen Reich.

Neuzeit

1526 fiel Teschen als piastisches Mediatherzogtum an Österreich (Österreichisch-Schlesien). Nach dem Tod von Elisabeth Lukretia (1599–1653), der letzten Teschener Herrscherin aus dem Geschlecht der Piasten, ging das Gebiet dann als Erbfürstentum direkt in den Besitz von Kaiser Ferdinand III. (1608–1657) über. Bei Österreich verblieb es auch, als nach dem Ersten Schlesischen Krieg (1740–1742) der weitaus größte Teil Schlesiens preußisch wurde.

Siehe auch „Schlesien“.

Zeitgeschichte

Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns wurde das Teschener Schlesien 1918 zum Zankapfel zwischen Polen und der Tschechoslowakei. Die Ansprüche auf das Gebiet waren neben ethnischen insbesondere auch durch wirtschaftliche Interessen motiviert (Kohlevorkommen, Hüttenwerke, Verkehrswege). Lokale polnische und tschechische Vertretungsgremien einigten sich am 5. November 1918 zunächst auf eine vorläufige Gebietsaufteilung nach ethnischen Grundsätzen. Die endgültige Grenzziehung sollte den Landesregierungen vorbehalten bleiben. Forderungen von „deutschen Industriellen und regionalistischen Schlesiern“[3] nach einer zwischenstaatlichen Lösung nach dem Vorbild der Freien Stadt Danzig/Gdańsk blieben ungehört. Warschau entschied sich jedoch, die Wahlen zum Sejm auch im Teschener Schlesien abzuhalten, was Prag als Verletzung der lokalen Absprachen betrachtete. Am 23. Januar 1919 rückten daher tschechoslowakische Truppen in die Gebiete östlich der Demarkationslinie ein. Nach einem mehrtägigen Waffengang vereinbarte man eine neue Demarkationslinie, die auch von einer Kommission der Entente vor Ort 1919 bestätigt wurde.

Der Konflikt schwelte schließlich bis 1920 und konnte erst durch den Schiedsspruch der alliierten Botschafterkonferenz von Spa vom 28. Juli 1920 beendet werden, dem Polen angesichts der akuten Bedrohung durch Sowjetrussland zustimmen musste. Der Tschechoslowakei wurde zwar die kleinere Fläche zugesprochen, sie erhielt jedoch die wichtige Kaschau–Oderberger Bahn und vor allem das Bergbau- und Hüttengebiet (siehe Wirtschaft) sowie eine beträchtliche polnische Minderheit als Keim neuerlicher Konflikte, aber auch mögliche Brücke bei der beiderseitigen Verständigung und Zusammenarbeit. Die Streitigkeiten belasteten das Verhältnis zwischen beiden Seiten während der gesamten Zwischenkriegszeit und verhinderten so etwa die Entstehung einer mitteleuropäischen Entente, da insbesondere Polen wegen der Teschen-Frage nicht bereit war, ein so enges außenpolitisches Zusammengehen mit der Tschechoslowakei zu akzeptieren.[4]

Im Zuge der Sudetenkrise forderte der polnische Außenminister Józef Beck (1894–1944) den tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Beneš (1884–1948) dann in einer Note auf, den Polen in der Tschechoslowakei die gleichen Privilegien zu gewähren wie den Sudetendeutschen. In Polen setzte daraufhin eine Propagandakampagne unter der Losung „Rückkehr Schlesiens jenseits der Olsa ins Mutterland“ ein, die sich zunehmend verschärfte. Am 2. Oktober 1938 besetzte Polen den tschechoslowakischen Teil des Teschener Schlesien, was als militärischer Erfolg dargestellt wurde, obwohl kein einziger Schuss gefallen war. Dabei feierte Warschau allerdings einen zweifelhaften Sieg, da dieser nur durch ein Zusammengehen mit Hitler zustande kam und sich Polen damit endgültig eines möglichen Bündnispartners in der Region beraubte.[5] Von den Westmächten wurde das polnische Vorgehen heftig kritisiert, Lob kam hingegen aus Deutschland, Italien und Japan. Kritische Stimmen in Polen selbst gab es nur vereinzelt. Diese konnten sich aufgrund der verbreiteten Zensur kaum Gehör verschaffen. Für das besetzte tschechoslowakische „Schlesien jenseits der Olsa“ wurde anschließend auch der Begriff „wiedergewonnene Gebiete“ (ziemie odzyskane) verwendet, mit dem nach der Westverschiebung Polens 1945 dann die ehemals deutschen Gebiete bezeichnet wurden.

Kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde das Teschener Schlesien von Deutschland okkupiert und als Landkreis Teschen ins Reich eingegliedert. Nach Kriegsende hatte die Grenzziehung von 1920 wieder Gültigkeit, einschließlich der erneuten Teilung der Stadt Teschen. Beide Seiten schlossen erst 1958 einen endgültigen Grenzvertrag. Allein Druck aus Moskau verhinderte eine sich deutlich abzeichnende erneute Eskalation der Auseinandersetzungen.

siehe auch „Teschen/Cieszyn/Český Těšín

Bevölkerung und Gesellschaft

Für das Teschener Schlesien ist ein ununterbrochener Besiedlungsprozess kennzeichnend, der Ende des 13. bis Mitte des 14. Jahrhunderts einen ersten Höhepunkt erreichte. Hier sind deutsche Kolonisten hervorzuheben, mit denen sich auch das deutsche Stadtrecht in der Region verbreitete. Die ältesten Spuren jüdischer Ansiedlung stammen ebenfalls aus dem 14. Jahrhundert.

Die deutschen Siedler und deren Nachkommen bildeten vor allem in den Städten bis ins 20. Jahrhundert hinein die Oberschicht. Vor allem ab dem 18. Jahrhundert konnten sich verstärkt Juden im Teschener Schlesien niederlassen, als Kaiser Karl VI. (1685–1740) ihnen 1713 die Niederlassung und die Ausübung bestimmter Gewerbe in Schlesien gestattete, sofern eine sogenannte Toleranzabgabe entrichtet wurde. Kaiser Joseph II. (1741–1790) hob dann 1781 weitere diskriminierende Bestimmungen auf, forcierte aber andererseits eine (sprachliche) Germanisierung der jüdischen Bevölkerung. 1857 besaßen im Teschener Schlesien lediglich 2.000 Juden offizielles Ansiedlungsrecht (1 % der Gesamtbevölkerung).[6] Ende des 19. Jahrhunderts waren in Bielitz/Bielsko, dem Zentrum einer deutschen Sprachinsel, 87 % der Einwohner deutschsprachig (einschließlich der Juden, die sich beinahe vollständig zum Deutschtum bekannten) und in Teschen 50 %.[7] In den ländlichen Regionen kam es seit dem Mittelalter zu einer allmählichen Slawisierung der deutschen Bevölkerungsgruppe. Vor allem die Arbeitsmigration aus Galizien und der Bukowina, darunter viele Juden, in das im Nordwesten gelegene Kohlenrevier Ostrau-Karwin trug in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem raschen Bevölkerungswachstum des Teschener Schlesien bei (1869: 193.838 Personen, 1900: 369.354 Personen).[8] Zur Jahrhundertwende lag die Bevölkerungsdichte mit rund 169 Personen/km2 weit über der der übrigen böhmischen Länder (118 Personen/km2).[9] Parallel hierzu verlief die Herausbildung eines nationalen Bewusstseins bei Polen und Tschechen, die verstärkt kulturelle und später auch politische Rechte einforderten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das Teschener Schlesien „nicht nur ethnisch-sprachlich, sondern auch konfessionell die am stärksten differenzierte Region der böhmischen Länder bzw. – zusammen mit der Bukowina und Triest – auch des gesamten Zisleithanien geworden.“[10] Deshalb spielten diese Unterschiede im Zusammenleben der verschiedenen Ethnien nur eine untergeordnete Rolle. Nationalitätenkonflikte entstanden später als in anderen Regionen Ostmitteleuropas und hatten erst ab 1880 politischen Charakter.

Im Zuge der Nationalbewegungen nach 1848 entwickelte sich auch eine Gruppe von Regionalisten, die Schlonsaken, die einen slawischen lokalen Dialekt („po naszemu“) sprachen. Charakteristisch für sie waren ihr protestantischer Glaube und ihre Affinität zur deutsch-österreichischen Kultur. Zu einer politischen Bewegung avancierte diese Gruppe Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Gründung der „Schlesischen Volkspartei“ durch Josef Koždoň (1873–1949). Die Schlonsaken versuchten nach 1918, sich der Vereinnahmung durch Tschechen und insbesondere aus Galizien zugewanderte Polen zu entziehen und ihre regionale Identität zu wahren. Die heute in ganz Oberschlesien aktive politische „Bewegung Autonomes Schlesien“ (Ruch Autonomii Śląska) sieht sich in der Tradition der Schlonsaken.

Mit dem deutschen Überfall auf Polen 1939 wurden die Juden aus dem nun zum Reich gehörenden Kreis Teschen deportiert, beginnend mit dem am 6. Oktober 1939 beschlossenen Nisko-Plan unter dem Kommando von Adolf Eichmann (1906–1962). Von den etwa 12.000 Juden, die vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Teschener Schlesien lebten, verblieben dort nach Angaben des deutschen Landrats im September 1943 nur 28.[11]

 

Erinnerungstafel auf dem neuen jüdischen Friedhof in Cieszyn: Zum Gedenken an meine liebe Mutter Zofia Weiss, geborene Licht, meinen Vater Oskar Weiss Schindel, meinen Bruder Dawid Weiss, meine geliebte Großmutter Sabina Guttman, geborene Horovitz, und alle anderen Juden, die umkamen oder nach dem Krieg nicht nach Cieszyn zurückkehrten. Helena R. Foster, geborene Weiss, Kalifornien, USA, Juni 2007. [Foto: Kai Witzlack-Makarevich, 2015].

Religions- und Kirchengeschichte

Innerhalb der Kirchenorganisation gehörte der Landstrich vom Mittelalter bis 1920 zum Bistum Breslau/Wrocław. 1545 konvertierte das Herrscherhaus der Piasten unter Herzog Wenzel Adam (1524–1579) zum protestantischen Glauben (Augsburger Bekenntnis), ohne dass es zu Verfolgungen von Katholiken kam.[12] Sein Sohn Adam Wenzel (1574–1617) machte diesen Schritt allerdings 1610 rückgängig, nachdem er zunächst die Reformation noch gefördert hatte. Insbesondere nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) konnte sich der Katholizismus wieder durchsetzen. Trotz der mit der Gegenreformation verbundenen Unterdrückung folgte dem ein Großteil der Bevölkerung nicht, wovon die Redensart „Fest wie der evangelische Glaube in Teschen“ zeugt. Dieser Ausdruck bezog sich jedoch vornehmlich auf die Region und weniger auf die Stadt selbst, die schon 1675 wieder vollständig katholisch war.

Erst in der Altranstädter Konvention von 1707 musste Kaiser Joseph I. (1678–1711) den Protestanten in Schlesien Zugeständnisse machen. Er gewährte unter anderem den Bau der sogenannten Gnadenkirchen in Teschen (Jesukirche) sowie in Hirschberg/Jelenia Góra, Freystadt/Kożuchów, Landeshut/Kamienna Góra, Militsch/Milicz und Sagan/Żagań. Die Teschener Gnadenkirche sollte die gottesdienstliche Versorgung der gesamten Region gewährleisten.

Ende des 19. Jahrhunderts war etwa ein Drittel der Bevölkerung des Teschener Schlesien protestantisch. Oft wird auf die Bedeutung des Protestantismus für die besondere Identität der Region bis heute hingewiesen.[13]

In der Zwischenkriegszeit wurde von polnischer Seite der Vorwurf erhoben, die protestantische Kirche im tschechoslowakischen Teil des Teschener Schlesien habe sich nicht dem Tschechisierungsdruck widersetzt, dem die polnischen Protestanten ausgesetzt waren.[14]

Wirtschaft

Nachdem im 18. Jahrhundert vor allem die Textilindustrie in und um Bielitz, damals einer der bedeutendsten Industriestandorte Oberschlesiens, einen rasanten Aufschwung genommen hatte, entwickelte sich das Herzogtum im 19. Jahrhundert zu einer der „am weitesten fortgeschrittenen Provinzen“ Österreich-Ungarns und nahm im Kohlenbergbau „die erste Stelle“ ein.[15] Die Kohle- und Eisenindustrie konzentrierte sich vor allem in den Randgebieten des Herzogtums in Ostrau, Orlau/Orlová und Karwin/Karviná. Später erhielt das tschechische Schlesien den Beinamen „Eisernes Herz“ des Landes. Der wirtschaftliche Aufstieg der Peripherien des Teschener Schlesien „brach die bis dahin zentralisierte, auf Teschen ausgerichtete Struktur des Landes auf.“[16]

Ab Mitte der 1990er Jahre wurde die Kohleförderung immer weiter zurückgefahren. Tausende Bergleute verloren im Zuge des Strukturwandels ihren Arbeitsplatz. Auf der anderen Seite verbesserte sich die Umweltsituation infolge der Stilllegungen erheblich, was zu einer spürbaren Steigerung der Lebensqualität in der Region beitrug.

Die 1998 gegründete Euroregion Teschener Schlesien stellt heute eine geeignete Plattform zur Zusammenarbeit dar.[17] Sie ist mit den Grenzen des vormaligen Herzogtums allerdings nicht identisch. Wichtige Teile wurden ausgeklammert und sind heute teilweise Bestandteil der polnisch-slowakisch-tschechischen Euroregion Beskiden (seit 2000).[18]

Der Tourismus im Teschener Land im Sommer wie im Winter hat sich zu einem wichtigen Wirtschaftsbereich entwickelt. Jährlich besuchen mehr als zwei Millionen Touristen die Region. Einen besonderen Reiz übt die Seen- und Bergwelt südlich des Kurortes Weichsel/Wisła auf die Besucher aus.

Sprachliche Situation

Im Teschener Schlesien kam es zu intensiven Kontakten zwischen der tschechischen Hoch- und Umgangssprache, dem Teschener polnischen Dialekt (gwara cieszyńska), ab 1850 zunehmend auch der polnischen Standardsprache, dem Schlesischen und dem Deutschen, das in der Stadt Teschen selbst dominant war. Kanzleisprache war zunächst das Lateinische, ab Mitte des 14. Jahrhunderts auch das Deutsche, seit den Hussitenkriegen im 15. Jahrhundert das Tschechische, das im 17. Jahrhundert wieder vom Deutschen abgelöst wurde. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden auch Tschechisch und Polnisch Amtssprachen.

Bei der österreichischen Volkszählung von 1910 gaben 18 % der Befragten Deutsch als Umgangssprache an, 27 % Tschechisch und 55 % Polnisch.[19] Hierbei muss berücksichtigt werden, dass die jüdische Bevölkerung in Österreichisch-Schlesien sich zu 90 % des Deutschen bediente.[20]

Die Vertreter der polnischen Minderheit im tschechischen Teil kommunizieren untereinander in der Regel im Teschener polnischen Dialekt, beherrschen jedoch auch die polnische und tschechische Standardsprache. Der Gebrauch des Deutschen ging im 20. Jahrhundert beständig zurück, wobei 1918 und 1945 als Zäsuren anzusehen sind. Heute dominieren in den beiden Teilen die jeweiligen Landessprachen,[21] Deutsch spielt als Sprache keine Rolle mehr.

Literatur

In der Literatur aus der Teschener Region kommt „der Beschäftigung mit grenzregionalen Situationen in unterschiedlichen historischen Epochen“ eine zentrale Bedeutung zu.[22] Dies gilt etwa für die in den 1970er Jahren von Paweł Łysek (1914–1978) im amerikanischen Exil verfasste Beskidentriologie. Die mährisch-schlesischen Lyriker Petr Bezruč (1867–1958), der sich in seinen Slezské písně (Schlesischen Liedern) dem Teschener Schlesien widmet, und Óndra Łysohorsky (1905–1989) verarbeiteten vor allem das schlesische Thema. Dabei formulierte Łysohorsky seine „Vorstellung einer eigenständigen schlesisch-slawischen, ‚lachischen Nation‘“[23] im lachisch-schlesischen Dialekt, den er zu einer regionalen Literatursprache ausbauen wollte. Die wachsenden Spannungen zwischen Polen, Tschechen und Deutschen spiegeln sich insbesondere im Werk von František Sokol-Tůma (1855–1925) wider.[24]

Von den deutschsprachigen Autoren sind vor allem Paul Lamatsch von Warnemünde (1805–1866) oder Friedrich Jenker (1843–1914) sowie die in Teschen geborenen Friedrich Uhl (1825–1906) und Alos Sebéra (18227–1919) zu nennen. Auf Deutsch schrieben auch die aus jüdischen Familien stammenden Heinrich Steinitz (1879–1942), Robert Lohan (1884–1953) und Oskar Singer (1893–1944). Des Deutschen und Polnischen bedienten sich in ihren Werken Karol Kotschy (1789–1856) und Wilhelm Raschke (1803–1855).[25]

4. Kontroversen

Erst gegen 1900 kam es zu Spannungen zwischen den drei dominanten ethnisch-nationalen Gruppen, von denen jede Ansprüche auf das Teschener Schlesien anmeldete: Die Deutschen verwiesen auf den allgegenwärtigen Einfluss der deutschen Sprache und Kultur, die Polen auf die polnische Sprache sowie die Nationalität der Bevölkerungsmehrheit und die Tschechen auf die langjährige Zugehörigkeit des Gebietes zur böhmischen Krone, einschließlich des Tschechischen als Amtssprache. Anders als in vielen anderen Regionen Mittel- und Osteuropas kam aber der deutschen Bevölkerung „im Teschener Gebiet keine polarisierende Rolle zu. Die ethnischen und zwischenstaatlichen Spannungen konzentrierten sich im 20. Jahrhundert in einem tschechisch-polnischen Konflikt.“[26]

In der Zwischenkriegszeit wurde Zaolzie – das Gebiet jenseits der Olsa – dann zum „polnischen Elsass“. Das Teilungsergebnis hatte keine Seite wirklich zufrieden gestellt. Beide führten immer wieder ‚unwiderlegbare wissenschaftliche Argumente‘ ins Feld, um ihre Gebietsansprüche zu rechtfertigen. Die Tschechoslowakei argumentierte dabei vor allem administrativ-dynastisch, Polen berief sich auf vermeintliche ethnographische Rechte und den „Willen der Bevölkerung“.[27] Die Abtrennung des Gebietes wurde dabei von Polen in den Kontext der Teilungen des Landes durch Preußen, Österreich und Russland gestellt, was etwa durch die Bezeichnung „tschechisches Teilungsgebiet“ (zabór czeski) deutlich wird.[28] Seit 1989 kann in diesem Zusammenhang eine zunehmende Sachlichkeit in der Geschichtsschreibung beider Seiten konstatiert werden.[29]

5. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Christoph Augustynowicz (Hg.): Österreich in Geschichte und Literatur (mit Geographie) 59 (2015), H. 2: Das österreichische Schlesien. Bildung, Wirtschaft, Nationen, Literaturen.
  • Grzegorz Gąsior: Zaolzie. Polsko-czeski o spór Śląsk Cieszyński 1918–2008 [Das Olsa-Gebiet. Der polnisch-tschechische Streit um das Teschener Schlesien 1918-2008]. Warszawa 2008.
  • Dan Gawrecki: Politické a národnostní poměry v Těšínském Slezsku 1918–1938 [Politische und nationale Verhältnisse im Teschener Schlesien 1918–1938]. Český Těšín 1999 (Studie o Těšínsku 15).
  • Zbigniew Greń: Śląsk Cieszyński: dziedzictwo językowe [Das sprachliche Erbe des Teschener Schlesien]. Warszawa 2000.
  • Robert Luft: Das Teschener Schlesien als nationale und regionale Geschichtslandschaft. In: Ludger Udolph, Christian Prunitsch (Hg.): Teschen. Eine geteilte Stadt im 20. Jahrhundert. Dresden 2009 (Mitteleuropa-Studien 10), S. 11–42.
  • Thomas Menzel, Gerd Hentschel: Wörterbuch der deutschen Lehnwörter im Teschener Dialekt des Polnischen. Oldenburg 2003 (Studia Slavica Oldenburgensia 10).
  • Burkhard Olschowsky (Hg.): Geteilte Regionen – geteilte Geschichtskulturen? Muster der Identitätsbildung im europäischen Vergleich. München 2013 (Schriften des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa 47; Schriften des Europäischen Netzwerks Erinnerung und Solidarität 6), S. 19–139.
  • Rudolf Žáček: Těšínsko v československo-polských vztazích v letech 1939–1945 [Das Gebiet Teschen in den tschechoslowakisch-polnischen Beziehungen 1939–1945]. Český Těšín 2000 (Studie o Těšínsku 16).

Anmerkungen

[1] Albert S. Kotowski: Deutsche – Tschechen – Polen – Juden. Über die Bevölkerungsverhältnisse im Teschener Schlesien 1850–1914. In: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 49 (2000), H. 3, S. 317–340, hier S. 317.

[2] Luft: Das Teschener Schlesien, S. 32.

[3] Luft: Das Teschener Schlesien, S. 20.

[4] Zygmunt J. Gasiorowski: Polish-Czechoslovak Relations, 1918–1922. In: The Slavonic and East European Review 35 (1956), H. 84, S. 172–193, hier S. 187.

[5] Piotr Łossowski: Położenie międzynarodowe i polityka zagraniczna [Internationale Lage und Außenpolitik]. In: Jan Tomicki (Hg.): Polska Odrodzona 1918–1939. Państwo, Społeczeństwo, Kultura [Das wiedererstandene Polen 1918‒1939. Staat, Gesellschaft, Kultur]. Warschau 1982, S. 128–199, hier S. 190.

[6] Janusz Spyra: Ztracený svět Židů na Těšínském Slezsku = Utracony Świat Żydów na Śląsku Cieszyńskim [Die untergegangene jüdische Welt im Teschener Schlesien]. Bystřice nad Olší 2013, S. 17.

[7] Andrzej Rykała, Marek Sobczynski: Pomiędzy Polską a Czechami. Transgraniczny Region historyczny Słąska Cieszyńskiego [Zwischen Polen und Tschechien. Die grenzüberschreitende historische Region des Teschener Schlesien]. S. 4. URL: http://geopol.geo.uni.lodz.pl/wp-content/uploads/2010/12/slask_ciesz.pdf (Abruf 01.11.2014).

[8] Kotowski: Deutsche – Tschechen – Polen – Juden (Anm. 1), S. 323.

[9] Kotowski: Deutsche – Tschechen – Polen – Juden (Anm. 1), S. 324.

[10] Luft: Das Teschener Schlesien, S. 15.

[11] Spyra: Ztracený svět Židů (Anm. 6), S. 249.

[12] Andrzej Czyż: Die Reformation im Teschener Schlesien. In: Gregor Ploch, Jerzy Myszor, Christine Kucinski (Hg.): Die ethnisch-nationale Identität der Bewohner Oberschlesiens und des Teschener Schlesien. Münster 2008 (Via Silesia 2), S. 199–205, hier S. 200.

[13] Halina Rusek: Bräuche und gegenwärtige Konsequenzen der Multikulturalität des Teschener Schlesiens. In: Ploch, Myszor, Kucinski (Hg.): Die ethnisch-nationale Identität (Anm. 12). S. 152–163, hier S. 155.

[14] Oskar Michejda: Polski kościół ewangelicki na odzyskanych ziemiach Śląska Czieszyńskiego w ostatnym dwudziestoleciu [Die polnische evangelische Kirche in den wiedergewonnenen Gebieten des Teschener Schlesien in den vergangenen zwanzig Jahren]. In: Zaranie Śląskie XV (1939), H. 2–4, S. 122–127, hier S. 125.

[15] Alle Zitate Gottlieb Biermann: Geschichte des Herzogthums Teschen. Teschen 1863, S. 386.

[16] Luft: Das Teschener Schlesien, S. 17.

[17] http://www.euregio-teschinensis.eu (Abruf 06.01.2014).

[18] http://www.euroregion-beskidy.pl/cz [/pl/sk] (Abruf 06.01.2014).

[19] Kotowski: Deutsche – Tschechen – Polen – Juden (Anm. 1), S. 328.

[20] Kotowski: Deutsche – Tschechen – Polen – Juden (Anm. 1), S. 333.

[21] Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa: Grundannahmen zum Sprachkontakt im Teschener Raum. URL: http://www.bkge.de/Publikationen/Online/Woerterbuecher/Deutsche_Lehnwoerter_im_Teschener_Dialekt/1-1_Grundannahmen.php (Abruf 19.03.2015).

[22] Edyta Korepta: Die Literatur des Teschner Schlesien als historische Quelle zum Problem der Grenzregion. In: Ludger Udolph, Christian Prunitsch (Hg.): Teschen. Eine geteilte Stadt im 20. Jahrhundert. Dresden 2009 (Mitteleuropa-Studien 10), S. 105–115, hier S. 106.

[23] Stefan Zwicker: Der Dichter Ondra Łysohorsky und seine Utopie des Lachentums. In: Udolph, Prunitsch (Hg.): Teschen (Anm. 22), S. 93–103, hier S. 93.

[24] Kevin Hannan: Borders of Language and Identity in Teschen Silesia. New York 1996 (Berkeley insights in linguistics and semiotics 28), S. 44.

[25] Michael Morys-Twarowski: Życie kulturalne i naukowe [Kultur und Wissenschaft]. In: Krzystof Nowak, Idzi Panic (Hg.): Dzieje Śląska Cieszyńskiego od zarania do czasów współczesnych. Tom 5: Śląsk Cieszyński w okresie od Wiosny Ludów do I Wojny światowej [Die Geschichte des Teschener Schlesien von den Anfängen bis zur Gegenwart. Band 5: Das Teschener Schlesien vom Frühling der Völker bis zum Ersten Weltkrieg]. Cieszyn 2013, S. 373–396, hier: S. 378–380.

[26] Luft: Das Teschener Schlesien, S. 21.

[27] Wiesław Wojnar: Dowody polskości Śląska Cieszyńskiego [Beweise für den polnischen Charakter des Teschener Schlesien]. Czeski Cieszyn 1930, S. 138.

[28] Piotr Feliks: Macierz Szkolna na Zaolziu [Das Schulwesen in Zaolzie]. In: Zaranie Śląskie XV (1939), H. 2-4, S. 135–139, hier S. 135.

[29] Luft: Das Teschener Schlesien, S. 36.

Zitation

Kai Witzlack-Makarevich: Teschener Schlesien. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2015. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p35385 (Stand 28.10.2015).

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