OME-Lexikon

Heimatgruppe/Heimat(orts-)gemeinschaft/Heimatkreis

1. Begriff(e)

Heimatgruppe, Heimat(orts-)gemeinschaft; darüber hinaus: Heimatkreis(-vereinigung bzw. -gemeinschaft). Die Benennung einzelner Gruppen erfolgte nicht einheitlich, es existieren darüber hinaus Bezeichnungen wie Heimatgemeinde, Bundesheimatgruppe, Gruppe ehemaliger (+ Ortsname), Arbeitsgemeinschaft der Heimatvertriebenen aus (+ Ortsname) und weitere.

Begriffsgeschichte

Die Bezeichnung Heimatgruppe entstand wahrscheinlich im Kontext der Heimatbewegung an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert als Benennung für lokale Zusammenschlüsse innerhalb der Heimatvereine, deren Ziele Bewahrung bzw. Wiederherstellung materieller und immaterieller kultureller Überlieferungen ([Bau-]Denkmäler, Sagen, Bräuche usw.) und natürlicher Ressourcen (Flora und Fauna, Landschaft) der engeren sozialen und räumlichen Umwelt (Heimat) waren.

2. Definition

Als Heimatgruppe oder Heimat(orts-)gemeinschaft (HOG) betrachtet werden hier Zusammenschlüsse von Flüchtlingen, Vertriebenen oder (Spät-)Aussiedlern aus einem Heimatort oder Heimatkreis.

Die Organisationsform der Heimatgruppen ist in Deutschland überwiegend die eines eingetragenen Vereins. Im Vereinsnamen folgt dem Begriff der Name des Herkunftsorts bzw. der größeren regionalen Einheit (z. B. Heimatgruppe Bielitz-Biala e. V., Heimatgruppe Grafschaft Glatz e. V.). Heimatgruppen mit Ortsbezug sind oftmals Untergliederungen der so genannten Heimatkreise, deren Bezugsrahmen die ehemaligen Verwaltungseinheiten der Kreise der Herkunftsregion darstellen (z. B. Heimatkreis Wollstein e. V.), bzw. Heimatlandschaften. Heimatgruppen/-kreise existieren - auch unabhängig von den jeweiligen Landsmannschaften - , überwiegend in Deutschland und Österreich, teilweise auch im übrigen Ausland, wo sich Vertriebene nach 1945 niederließen bzw. mit bereits zuvor ausgewanderten "Landsleuten" zusammenschlossen (Frankreich, USA, Kanada u. a.) oder analoge Vereine gründeten. Viele Gruppen verfügten bereits über ähnliche Zusammenschlüsse in Zuwanderungsländern und -regionen wie z. B. die Oberschlesier im Ruhrgebiet oder die zahlreichen Eghalanda Gmoin in Westdeutschland, an die teilweise nach 1945 angeknüpft wurde.

Ziel der Heimatgruppen ist es, den Kontakt zwischen den ehemaligen Ortsbewohnern aufrechtzuerhalten und die Erinnerung an den Heimatort bzw. die Heimatgemeinde zu pflegen. Dazu dienen vor allem regelmäßig veranstaltete Heimattreffen, die Herausgabe von Heimatzeitungen, Heimatbriefen oder Heimatbüchern und teilweise auch der Aufbau und Unterhalt von Heimatstuben und Internetauftritten sowie Gruppenreisen in die ehemaligen Heimatorte.

3. Historischer Abriss

Heimatgruppen und ähnliche Vereinigungen in ihrer Funktion als Zusammenschlüsse zur Selbsthilfe und Identitätswahrung sind bereits seit dem 19. Jahrhundert ein umfassenderes soziokulturelles Phänomen zahlreicher Einwanderergruppen außerhalb geschlossener Ansiedlungen, auch in Übersee.

In den westlichen Besatzungszonen bzw. der Bundesrepublik Deutschland entstanden nach 1945, verstärkt nach dem Ende des Vereinigungsverbots 1948 Zusammenschlüsse von Flüchtlingen und Vertriebenen, darunter auch erste Heimatgruppen/-kreise bzw. deren informelle Vorläufer. Ihre Aufgabe bestand zunächst oft in der Sammlung und Weitergabe von Adressen ehemaliger Einwohner in den sog. Heimatortskarteien. Daraus entwickelten sich zunehmend vereinsmäßige und kulturelle Aktivitäten wie oben ausgeführt. In der DDR war eine analoge Entwicklung aufgrund des Vereinigungsverbots nicht möglich.

4. Forschungsstand

In der frühen Flüchtlings- und Vertriebenenforschung in der Bundesrepublik Deutschland fanden auch die Organisationen der Vertriebenen Berücksichtigung, v. a. im Hinblick auf strukturelle und inhaltliche Elemente, soziologische und funktionale Aspekte. In der jüngeren Forschung werden Heimatgruppen jedoch nur unzureichend berücksichtigt, vereinzelt werden sie bei der Analyse einzelner Phänomene (z. B. Heimatchroniken) als Akteure auf lokaler Ebene oder als Vorläufer landsmannschaftlicher Zusammenschlüsse genannt. Ein Überblick über ihre Gesamtheit, Untersuchungen zu Funktionen, Organisationsformen, Satzungen, Mitgliederstruktur etc. und deren Veränderungen seit Ende der 1940er Jahre liegen bislang nicht vor. Lediglich Zusammenschlüsse einzelner Heimatgruppen wie der Pommersche Kreis- und Städtetag haben Selbstdarstellungen ihrer Untergliederungen vorgelegt (s. u.); einen systematischen Überblick über bestehende Heimatgruppen lieferte 1989 W. Kessler für die Stiftung Ostdeutscher Kulturrat.

5. Bibliographische Hinweise 

Literatur

  • Karl Ditt: Die deutsche Heimatbewegung 1871–1945. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Heimat. Analysen, Themen, Perspektiven. Bonn 1990 (Diskussionsbeiträge zur politischen Didaktik 294/I), S. 135-154.
  • Pommerscher Kreis- und Städtetag (Hg.): Die pommerschen Heimatkreise 1945–1995. 50 Jahre Arbeit für Pommern. Lübeck 1998.
  • Alfred Karasek-Langer: Volkstum im Umbruch. In: Eugen Lemberg (Hg.): Die Vertriebenen in Westdeutschland. Ihre Eingliederung und ihr Einfluss auf Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Geistesleben. Bd. 1. Kiel 1959, S. 606-694, bes. S. 658-666.
  • Christian Lotz: Die Deutung des Verlusts. Erinnerungspolitische Kontroversen im geteilten Deutschland um Flucht, Vertreibung und die Ostgebiete (1948–1972). Köln u. a. 2007 (Neue Forschungen zur Schlesischen Geschichte 15), S. 32.
  • Wolfgang Kessler (Bearb.): Ostdeutsches Kulturgut in der Bundesrepublik Deutschland. Ein Handbuch der Sammlungen, Vereinigungen und Einrichtungen mit ihren Beständen / Stiftung Ostdeutscher Kulturrat OKR. München u. a. 1989.

Weblinks (Beispiele)

Zitation

Heinke M. Kalinke: Heimatgruppe/Heimat(orts-)gemeinschaft/Heimatkreis. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2012. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/53986.html (Stand 14.05.2012).

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