OME-Lexikon

Ostkirchenausschuss

1. Kurzbeschreibung

„Ostkirchenausschuss“ (OKA) ist die Bezeichnung für einen von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) anerkannten, von 1946 bis 2000 bestehenden kirchlichen Ausschuss, der für die Belange der evangelischen Vertriebenen und Flüchtlinge aus dem östlichen Europa zuständig war.

2. Geschichte

Bereits 1945 setzten mit der Bildung von Selbsthilfeinitiativen (ab 1946: landsmannschaftlich organisierten Hilfskomitees) Bestrebungen zur kirchlichen Organisierung der Vertriebenen und Flüchtlinge ein. Ein Vorstoß zur einheitlichen kirchlichen Organisierung geschah auf einer vom 29. bis 31. Juli 1946 in Frankfurt/Main stattfindenden Arbeitstagung der EKD durch Repräsentanten der ehemals in den Herkunftsgebieten der Vertriebenen und Flüchtlinge bestehenden Kirchen (‚Ost- und Flüchtlingskirchen‘). Es wurde ein aus acht Mitgliedern bestehendes Gremium gewählt, das diese ehemaligen Kirchen „vor der EKiD vertreten kann“.[1] Durch Beschluss des (vorläufigen) Rates der EKD vom 10./11. Oktober 1946 wurde dieses als „Ausschuss der ehemaligen deutschen Ostkirchen“ bezeichnete Gremium als Vertretung der nicht mehr bestehenden evangelischen Kirchen in den Herkunftsgebieten sowie in den früheren Siedlungsgebieten der Deutschen im östlichen Europa anerkannt. Nach Unsicherheit über die Aufgabenzuweisung und über das Verhältnis des Ausschusses zur EKD und zu den Landeskirchen erfolgte in der vom Rat der EKD beschlossenen Geschäftsordnung vom 1. Juli 1949 eine statutarische Klärung. Sie legt fest, dass der OKA „im Namen der EKiD […] die evangelischen Ostvertriebenen“ betreut. Seine Geschäftsstelle wurde 1950 in Hannover eingerichtet, wo die Arbeit des OKA bis zur Beendigung seiner Tätigkeit im Jahr 2000 organisiert wurde. In allen Landeskirchen wurde als Vertreter des OKA ein Sprecher bestellt.

Um die kirchliche ‚Mittel- und Osteuropaarbeit‘ zu bündeln, wurde der OKA auf Beschluss des Rates der EKD in die 1992 gebildete „Evangelische Kommission für Mittel- und Osteuropa (EKMOE)“ (siehe auch „Hilfskomitees“) in der EKD integriert und seine Arbeit damit beendet. Der evangelische Pressedienst teilte im April 2000 mit:

Die Integration der Ostkirchenarbeit in die EKMOE trägt dazu bei, das geistliche, geschichtliche und kulturelle Erbe der Vertriebenen, Flüchtlinge und Aussiedler aus den zerstreuten evangelischen Ostkirchen auch in Zukunft zu bewahren. Der Ostkirchenausschuss der EKD wird seine Tätigkeit in der gegenwärtigen Form beenden; die historischen Aspekte seiner Arbeit werden in Zukunft durch einen „Fachausschuss für kirchengeschichtliche Arbeit“ wahrgenommen, den die EKMOE eingerichtet hat.[2]

Am 17. Oktober 2000 informierte der zuständige Oberkirchenrat über die vollzogene Umsetzung dieser Ankündigung.

3. Aufgaben und Tätigkeit

In der oben genannten Geschäftsordnung vom 1. Juli 1949 sind als Aufgaben des OKA festgelegt: die seelsorgerliche und geistige Arbeit der Hilfskomitees anzuregen und zusammen mit ihnen die Flüchtlinge in den Westzonen zu betreuen. Insofern korrespondierten die Aufgaben des OKA mit denen der im Gegensatz zum OKA landsmannschaftlich strukturierten Hilfskomitees. Ferner gehörte die Beratung der Organe der EKD und der Landeskirchen in Fragen der Vertriebenenseelsorge und der Integration sowie bei Versorgung der Vertriebenen und insbesondere der Geistlichen unter ihnen zu den Aufgaben des OKA.[3] Der OKA bildete ständige Gremien („Arbeitskreis Ethik und Recht“, „Arbeitskreis für religionspädagogische Fragen“, „Arbeitsgemeinschaft der evangelischen heimatvertriebenen Jugend in der evangelischen Gemeindejugend“, „Ostdeutscher evangelischer Studienkreis“, „Publikationsausschuß“) und entfaltete zudem auch kulturelle und wissenschaftliche Aktivitäten, äußerte sich zu kirchenpolitischen Fragen (z. T. in Form von Gutachten oder Denkschriften), führte „Ostpfarrertagungen“ und „Ostkirchentagungen“ zu geschichtlichen oder kulturellen Themen sowie Arbeitstagungen durch und gab Publikationen heraus,[4] insbesondere seit 1956 die Informationsschrift Ostkirchliche Information mit Nachrichten und Berichten unter anderem über kirchliche und kulturelle Aktivitäten, Neuerscheinungen und Ereignisse im Bereich der Vertriebenen- und Aussiedlerarbeit sowie kirchlichen Mitteilungen aus den Bezugsregionen.[5] 1957 entstand aufgrund eines Vertrages zwischen dem OKA und der Universität Münster das „Ostkircheninstitut an der Universität Münster“, das bis zur Auflösung im Jahr 2008 wissenschaftlich tätig war.

4. Kontroversen

Das Verhältnis des OKA, der dezidiert vertriebenenpolitische Standpunkte und Interessen vertrat, zur EKD war nicht spannungsfrei. 1962 lehnte der OKA die im Tübinger Memorandum angesprochene Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze mit Verweis auf das „Recht auf Heimat“ der Vertriebenen ab. Die seinerzeit emotional geführte Diskussion um die Grenzanerkennung führte in den kirchlichen Leitungsgremien zu der Frage, ob eine weitergehende Äußerung der EKD zur Ostpolitik nötig sei. Mit der Erarbeitung eines entsprechenden Papiers zur Vertriebenenproblematik und Ostpolitik (Ostdenkschrift) wurde dann nicht der OKA, sondern die „Kammer für öffentliche Verantwortung der EKD“ beauftragt, in der die Vertriebenen keine Vertretung hatten. Die Ansichten des OKA und weiterer Vertriebenenvertreter wurden zwar zur Kenntnis genommen, konnten die Denkschrift aber nicht in der von ihnen erhofften Weise beeinflussen.[6] Seitdem ging der Einfluss des OKA im Rat der EKD kontinuierlich zurück – ein Anzeichen für die „Aufhebung der Symbiose zwischen EKD und Vertriebenen“.[7]

1995 arbeitete der OKA die Loccumer Erklärung aus, in der die Prinzipien der Ostdenkschrift aufgenommen und die ‚Osteuropaarbeit‘ der EKD berücksichtigt wurde. Ferner wurde an Flucht und Vertreibung der Deutschen erinnert, zugleich wurden die „Verantwortlichen“ aufgerufen, „Vertreibungen und ‚ethnische Säuberungen‘ als menschenverachtende Irrwege der Politik zu erkennen, die nicht zum Frieden [ver]helfen[,] und alles dafür zu tun, dass solche Versuche moralisch und politisch geächtet werden“.[8] Diese Annäherung auf konzeptionellem Weg kam spät, da die hier formulierten Grundsätze schon weithin selbstverständlich geworden waren. Die Beendigung der Arbeit des OKA und dessen Integration in die EKMOE im Jahr 2000 wurde vom vertriebenenpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Hartmut Koschyk, kritisiert, da „die zahllosen evangelischen Christen, die sich in grenzüberschreitender Versöhnungs- und Verständigungsarbeit engagieren, hierbei auch den Beistand ihrer Kirche erwarten“ und weil im östlichen Europa „das kulturelle Erbe der Deutschen gerade auch von Angehörigen der jüngeren Generation wieder entdeckt wird“.[9] Auch durch diese Kritik konnte aber letztlich die Beendigung der Tätigkeit des OKA nicht verhindert werden.

5. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Ostkirchenausschuß (Hg.): Wie sie wurden, was sie sind. Der Ostkirchenausschuß, die Hilfskomitees und ihr Konvent. Hannover [ca. 1960].
  • Hartmut Rudolph: Evangelische Kirche und Vertriebene 1945 bis 1972. Bd. 1: Kirchen ohne Land. Die Aufnahme von Pfarrern und Gemeindegliedern aus dem Osten im westlichen Nachkriegsdeutschland: Nothilfe, Seelsorge, kirchliche Eingliederung. Göttingen 1984 (Arbeiten zur kirchlichen Zeitgeschichte, Reihe B: Darstellungen 11) [zum OKA insbes. S. 390–403].
  • Hartmut Rudolph: Evangelische Kirche und Vertriebene 1945 bis 1972. Bd. 2: Kirche in der neuen Heimat. Göttingen 1985 (Arbeiten zur kirchlichen Zeitgeschichte, Reihe B: Darstellungen 12).

Weblinks

Anmerkungen

[1] Zitiert nach Rudolph: Evangelische Kirche. Bd. 1, S. 198, vgl. auch S. 63 und 95, 212, 390, 402; die Abkürzung „EKiD“ war seinerzeit gebräuchlich.

[2] Rundschreiben der Pressestelle der EKD, Hannover, 17.04.2000, zitiert nach Christian Erdmann-Schott: Der Fachausschuss für kirchengeschichtliche Arbeit der ev. Kommission für Mittel- und Osteuropa (EKMOE) unter der Leitung von Peter Maser. In: Ders. (Hg.): In Grenzen leben – Grenzen überwinden. Zur Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts in Ost-Mittel-Europa. Festschrift für Peter Maser zum 65. Geburtstag. Berlin, Münster 2008 (Beiträge zu Theologie, Kirche und Gesellschaft im 20. Jahrhundert 16), S. 159–171, hier S. 162.

[3] Der „Entwurf einer Verordnung des Rats der EKiD über die kirchliche Versorgung der Ostvertriebenen“ ist abgedruckt in: Die Protokolle des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Bd. 3: 1949. Bearb. v. Karl-Heinz Fix. Göttingen 2006 (Arbeiten zur kirchlichen Zeitgeschichte, Reihe A, Quellen 11), S. 256–258; hier weitere Quellen zur Konstituierung und zur Arbeit des OKA.

[4] Einen Überblick über die Aktivitäten des OKA bietet das Verzeichnis des Evangelischen Zentralarchivs Berlin, http://kab.scopearchiv.ch/detail.aspx?ID=232540 (Abruf 29.04.2015).

[5] Herausgeber: Ostkirchenausschuss der EKD, erste Ausgabe 1956, letzte gedruckte Ausgabe Oktober 2000; Fortsetzung als OKI-eMail ab 2003, hg. vom Konvent der ehemaligen evangelischen Ostkirchen.

[6] Sabine Voßkamp: Katholische Kirche und Vertriebene in Westdeutschland. Integration, Identität und ostpolitischer Diskurs 1945–1972. Stuttgart 2007 (Konfession und Gesellschaft 40), Kapitel „Die Ostdenkschrift der EKD und der Briefwechsel der polnischen und deutschen Bischöfe 1965“, bes. S. 271f.

[7] Christian–Erdmann Schott: Wandlungen in der Wahrnehmung. Die Evangelische Kirche und ihre Vertriebenen. In: Ders.: Geh aus Deinem Vaterland… Vertreibung – Integration – Vermächtnis der evangelischen Schlesier. Vorträge, Aufsätze, Predigten. Berlin, Münster 2008 (Beiträge zu Theologie, Kirche und Gesellschaft im 20. Jahrhundert 13), S. 135-149, hier S. 144.

[8] OKR Reiner Rinne/Kirchenamt der EKD: Integration der Ostkirchenarbeit in die Osteuropaarbeit der EKD. In: Ostkirchliche Information, Oktober 2000, S. 2f.

[9] CDU/CSU-Bundestagsfraktion/Koschyk: Rat der EKD sollte Ende des Ostkirchenausschusses überdenken: http://www.presseportal.de/pm/7846/127892/cdu-csu-bundestagsfraktion-koschyk-rat-der-ekd-sollte-ende-des-ostkirchenausschusses-berdenken (Abruf 29.04.2015).

Zitation

Matthias Weber: Ostkirchenausschuss. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2015. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p42124 (Stand 05.05.2015).

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