Deutsch-Weißkirch/Viscri

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Deutsch-Weißkirch

Amtliche Bezeichnung

rum. Viscri

Anderssprachige Bezeichnungen

ung. Szászfehéregyháza; lat. Alba ecclesia

2. Geographie

Lage

Deutsch-Weißkirch liegt auf 46° 3′ 24“ nördlicher Breite und 25° 5′ 49“ östlicher Länge, etwa 30 km südöstlich von Schäßburg/Sighişoara und knapp 60 km nordwestlich von Kronstadt/Braşov, in einer Höhe von 547 m. ü. M. Der Ort liegt am Zekelbach (rum. Gorgan), einem linken Zufluss des Kosder Bachs (rum. Valea Mare). Die Hauptstraße des Dorfes steigt von Nordosten nach Südwesten an zu einer Anhöhe, auf der die Kirchenburg steht.

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Rumänien. Deutsch-Weißkirch ist ein Dorf der Gemeinde Bodendorf/Buneşti und gehört zum Kreis Kronstadt/Braşov.

3. Geschichte und Kultur

Mittelalter

Um 1400 erschien Deutsch-Weißkirch (als Alba Ecclesia) in einem Ortsverzeichnis über Kathedralzinszahlungen (erste überlieferte urkundliche Erwähnung des Ortes). Mitte des 15. Jahrhunderts war Deutsch-Weißkirch eine freie Gemeinde des Repser Stuhles.

Frühe Neuzeit

Ende des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts kam es wiederholt zu Grenzstreitigkeiten zwischen Weißkirch und dem nahegelegenen Bodendorf. Im Streit wurde an König Wladislaw II. (1456−1516) und den Weißenburger bischöflichen Vikar appelliert. Ende des 16. Jahrhunderts wurde der Grenzstreit zwischen dem Nachbarort Stein/Dacia und Weißkirch durch den siebenbürgischen Fürsten und die Sächsische Nationsuniversität (höchste Instanz der Selbstverwaltung der Sachsen in Siebenbürgen) geschlichtet. 1638 zerstörte ein Brand große Teile der Gemeinde.

Neuzeit und Zeitgeschichte

Im Revolutionsjahr 1848 wurden mehrere Dorfbewohner getötet, da das benachbarte ungarischsprachige Szeklerland ein Zentrum der ungarischen Revolutionäre war, von dem aus Angriffe auf die kaisertreuen sächsischen Nachbargebiete unternommen wurden.

Durch seine abgelegene Lage konnte Deutsch-Weißkirch kaum am wirtschaftlichen Fortschritt im 19. und 20. Jahrhundert teilhaben. Dies führte zu einer Konservierung der vormodernen bäuerlichen Lebensformen, die seinen heutigen Charakter als bewohntes „Freilichtmuseum“ schuf und seine Attraktivität als touristisches Ziel ausmacht.

Bevölkerung

Der Ort wurde um 1100 von ungarischsprachigen Szeklern gegründet, die in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts vom ungarischen König in den Südosten Siebenbürgens umgesiedelt wurden. Danach setzte die Besiedlung durch deutschsprachige Bauern ein, die bis in das 18. Jahrhundert die Bevölkerung bildeten. Um 1500 lebten in Weißkirch 51 Wirte, ein Schulmeister, drei Hirten und zwei Arme.

Ab dem 18. Jahrhundert setzte ein langsamer Zuzug von Rumänen, später auch von Roma ein. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten im Ort 791 Einwohner, davon waren 548 Deutsche, 190 Rumänen und 53 Roma. 1930 waren es 787 Bewohner, davon 562 Deutsche, 145 Rumänen, 78 Roma und zwei Ungarn.  Nach der politischen Wende von 1989 reisten die meisten Deutschen in die Bundesrepublik Deutschland aus. Die rumänische Volkszählung von 1992 macht die drastische Bevölkerungsabnahme deutlich. Damals lebten nur noch 412 Menschen im Dorf: 231 Rumänen, 104 Roma, 66 Deutsche und elf Ungarn.[1] 2020 zählte die evangelisch-lutherische Gemeinde in Deutsch-Weißkirch aufgrund des durch den Tourismus ausgelösten Aufschwungs wieder über 100 Mitglieder.[2]

Wirtschaft

Die bestens erhaltene Kirchenburganlage und das seit dem 19. Jahrhundert kaum veränderte Erscheinungsbild des Dorfes haben dazu geführt, dass Deutsch-Weißkirch inzwischen in keinem Reiseführer über Rumänien fehlt. Insbesondere im Sommer besuchen Reisegruppen aus Europa, Nordamerika oder Asien den Ort täglich, der nach Lösungen sucht, den überhandnehmenden Touristenstrom zu bewältigen. Dieser Trend wurde durch das Engagement des britischen Thronfolgers, Prince Charles, und des deutschen Musikers Peter Maffay für den Erhalt der ursprünglichen Bausubstanz des Dorfes verstärkt. Der von ihnen unterstützte Mihai Eminescu Trust (Großbritannien/Rumänien) führte in Deutsch-Weißkirch zahlreiche Denkmalpflegeprojekte durch. Einige restaurierte Gebäude werden heute als Gästehäuser an Touristen vermietet. In der Südbastei der Kirchenburg wurde 2003 ein Heimatmuseum eingerichtet. Gegenwärtig stellt der Tourismus den wichtigsten Wirtschaftszweig dar.

Architektur- und Kunstgeschichte

Kirche: Der erste sakrale Bau an der Stelle der heutigen Kirche war eine kleine romanische, vermutlich von Szeklern zu Beginn des 12. Jahrhunderts errichtete Saalkirche (9,8 x 7,9 m) mit einer halbkreisförmigen Apsis. Ende des 12. Jahrhunderts übernahmen sächsische Kolonisten die kleine Kirche und bauten sie um. Einige im Chor erhaltene romanische Würfelkapitelle können von einer früheren Westempore stammen. Im 14. Jahrhundert wurde die romanische Apsis abgetragen und ein trapezförmiger Chor errichtet. Der Chor hat sowohl Rundbogen- als auch Spitzbogenfenster. 1494 erfolgte eine Unterstützung von acht Gulden aus der Kassa der Stadt und Provinz Hermannstadt/Sibiu. Dies deutet darauf hin, dass an der Befestigung der Kirche gearbeitet wurde. In den ersten Jahrzenten des 16. Jahrhunderts wurde die Kirche wehrhaft umgebaut: Der Saal wurde nach Westen verlängert und an den massiven Westturm angeschlossen; Chor und Saal erhielten Tonnengewölbe mit Tonrippen; ein vorgekraktes Wehrgeschoss über dem Chor wurde von Strebepfeilern gestützt. 1715 fand eine Spendensammlung für die Erneuerung und Reparatur der Kirche statt. 1717 wurden zwei Emporen in den Kirchensaal eingebaut. 1743 musste das gotische Netzgewölbe abgetragen werden; auch das Wehrgeschoss über dem Chor wurde abgetragen. Der Saal erhielt eine Kassettendecke. 1970−1971 wurden archäologische Grabungen durchgeführt und 2003−2004 wurde in der Südbastei ein Museum eingerichtet. Den Chor ziert ein klassizistischer Altar aus dem 19. Jahrhundert. Die Orgel steht über dem Altar. Kanzel und Gestühl wurden im 17.−19. Jahrhundert erstellt. Sie weisen Stielelemente des siebenbürgischen Barock und des Klassizismus auf. Der Taufstein ist aus einem Würfelkapitell der romanischen Kirche des 13. Jahrhundert angefertigt. Der Glockenturm im Westen der Kirche hat im Grundriss 8,8 x 8,3 m. Die Mauern sind 2,3 m dick, die beiden Untergeschosse sind überwölbt. Die Verbindung zwischen den Geschossen geschieht durch in der Mauerdicke ausgesparte Treppenstollen. Im 16. Jahrhundert erhielt der Turm ein fünftes Geschoss als Glockenstube mit dünnen Wänden und großen Schallöffnungen.

Kirchenburg: Ein erster ovaler Bering wurde bei archäologischen Grabungen entdeckt. Im 16. Jahrhundert wurde die Ringmauer zum größten Teil aufgebaut und mit Pechnasen und Schießscharten ausgestattet. Sie hat auf der Innenseite einen gedeckten Holzwehrgang. Die Ringmauer ist durch Türme und Basteien verstärkt. Im Süden des Chores steht der Chorturm. An ihn schließt im Westen eine Bastei mit Wehrgang und Walmdach an. Im 17. Jahrhundert wurde das Oval der Ringmauer an der Nordwest -und Südwestseite durch geradlinig verlaufene Mauern ersetzt. Ein Westturm und ein Nordturm wurden gebaut, die der Ringmauer vorgelagert sind.  Zwischen Torturm und Südturm befindet sich ein Fußgängereingang mit einer kleinen, jedoch schweren eichenen Tür, die, wie auch das Haupttor, mit Eisenbändern beschlagen ist. Im 18. Jahrhundert wurde die Kirchenburg mit einem zweiten Mauergürtel ohne Türme umgeben. Im 19. Jahrhundert richtete man in der Ostbastei Schulräume ein.

Die vollständig erhaltene Kirchenburganlage gehört zu den größten und bekanntesten in Siebenbürgen. Sie wurde 1999 mit dem sie umgebenden Dorf in die UNESCO-Weltkulturerbeliste aufgenommen.

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Erwin Amlacher: Wehrbauliche Funktion und Systematik siebenbürgisch-sächsischer Kirchen- und Bauernburgen. Ein Beitrag zur europäischen Burgenkunde. München 2002 (Veröffentlichungen des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas: Wissenschaftliche Reihe 95).
  • Hermann Fabini: Atlas der siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen und Dorfkirchen. 2 Bde. Hermannstadt, Heidelberg 1998, 1999 (Monumenta).
  • Hermann Fabini: Die Kirchenburgen der Siebenbürger Sachsen. Sibiu-Hermannstadt 2013 (Monumenta), S. 218–219.
  • Juliana Fabritius-Dancu: Sächsische Kirchenburgen aus Siebenbürgen. Hermannstadt 1980.
  • Arne Franke: Das wehrhafte Sachsenland. Kirchenburgen im südlichen Siebenbürgen. Potsdam 2007 (Potsdamer Bibliothek östliches Europa. Kulturreisen), S. 378–383.
  • Timo Hagen: Deutsch-Weißkirch/Viscri. Unesco-Weltkulturerbe. Dorf und Kirchenburg (Kleine Kunstführer in der Potsdamer Bibliothek östliches Europa, Heft 1), Regensburg/Potsdam 2009.
  • Harald Roth (Hrsg.): Handbuch der Historischen Stätten Siebenbürgen. Stuttgart 2003 (Kröners Taschenausgabe Bd. 330), S. 217–218.
  • Walter Horwath: Siebenbürgisch-sächsische Kirchenburgen. Baugeschichtlich untersucht und dargestellt. 2. verb. Aufl. Sibiu-Hermannstadt 1940.

Weblinks

Anmerkungen

[1] Handbuch der Historischen Stätten Siebenbürgen. Hrsg. von Harald Roth. Stuttgart 2003 (Kröners Taschenausgabe Bd. 330), S. 217–218.

[2]

www.evang.ro/gemeinden/deutsch-weisskirch/

Zitation

Hermann Fabini: Deutsch-Weißkirch/Viscri. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2021. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32284 (Stand 04.05.2021).

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