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Hermannstadt/Sibiu

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Hermannstadt

Amtliche Bezeichnung

Sibiu [rum.]

Anderssprachige Bezeichnungen

Nagyszeben [ung.], Härmestadt [siebg.-sächs.], Villa Hermani, Cibinium [lat.], Sibin [türk.]

Etymologie

Die deutsche Namensform deutet auf einen Ortsgründer Hermann hin, manifestiert auch in der frühesten lateinischen Form Villa Hermani (1223); dieses Hermanstorf (1241) ist im Übergang zum Spätmittelalter zu Hermannstadt geworden (erstmals 1401). Die lateinische (Cibinium 1191, erste urk. Nennung), ungarische und rumänische Namensform ist ungewissen Ursprungs, geht mit großer Wahrscheinlichkeit auf ein Topo- oder Hydronym (Fluss Zibin/Cibin/Szeben) vor den deutschen Siedlern hier befindlicher Grenzwächter anderer Ethnie (Szekler?) zurück.

2. Geographie

Lage

Hermannstadt liegt auf 45° 48‘ nördlicher Breite und 24° 9‘ östlicher Länge auf der Hochebene am nördlichen Fuße der Südkarpaten vor dem Ausgang des Rotenturmpasses, der an zentraler Stelle Siebenbürgen mit der südlich gelegenen Walachei verbindet. Die alten Stadtteile liegen an einer die Landschaft durch eine Stufe in zwei versetzte Ebenen teilenden Stelle, wodurch sich die historische Oberstadt und Unterstadt ergeben. Der Fluss Zibin/Cibin fließt nördlich der Stadt, etliche kleinere, heute verschwundene oder kanalisierte Bäche durchflossen das Stadtgebiet und boten die Grundlage für eine ausgefeilte Wasserwehr. 

Region

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Rumänien. Hermannstadt ist Hauptstadt des gleichnamigen Kreises (judeţ Sibiu). 

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Die früheste Siegel- und Wappensymbolik ist mit jener der Hermannstädter Provinz identisch. Das Provinzsiegel von 1302 zeigt vier eine Giebelkrone haltende Männer, doch schon in der zweiten Hälfte jenes Jahrhunderts hatte sich jene Symbolik durchgesetzt, die Bestand haben sollte: eine Lilienkrone über einem Lindenblätterdreieck. Um die gleiche Zeit hatte sich für die Stadtgemeinde (civium de villa Hermanni, 1367) ein Wappen herausgebildet: eine Lilienkrone, die (meist) auf den Parierstangen zweier gekreuzter, nach unten weisender Schwerter liegt. Ab Ende des 15. Jahrhunderts erscheint ein vermehrtes Wappen, das Elemente aus Provinz- und Stadtwappen verbindet: Lilienkrone, Schwerter und Lindenblätter (als nach unten weisendes Dreieck) erscheinen hier zusammen und bleiben in dieser Form über Jahrhunderte hin als Stadtwappen erhalten. Selbst in sozialistischer Zeit blieb dieses Wappen neben anderen Symbolen im unteren Teil des Wappenschildes erhalten. Nach der politischen Wende wurde das historische Wappen auf rotem Schild wieder alleiniges Wappen der Stadt, oft über dem Schild ergänzt durch eine Burgenkrone mit sieben Türmen. Die Deutung der nach unten weisenden gekreuzten Schwerter als die Schwurschwerter der ersten Ansiedler „ad retinendam coronam [Hungariae]“, die nachher an die äußersten Orte des Siedlungsgebiets in Broos/Orăştie im Westen und Draas/Drăuşeni im Osten gebracht worden seien, ist historisch nicht nachweisbar. 

Archäologische Bedeutung

Die archäologischen Grabungen auf dem Stadtgebiet vor allem der Jahrzehnte nach der Wende 1989 haben Erkenntnisse zur Gründungszeit und zur mittelalterlichen Geschichte der Stadt erbracht, frühere Siedlungsstätten wurden nicht gefunden. Wichtige Grabungsorte waren die Rotunde sowie die mittelalterlichen Grabstellen und Bauten auf dem Huetplatz/Piața Huet. Wichtige archäologische Erkenntnisse waren bereits um 1900 bei der Anlage der städtischen Wasserversorgung gewonnen worden.

Mittelalter und Neuzeit

Eine erste Niederlassung von Grenzwächtern wird auf dem Gebiet der späteren Unterstadt um 1100 vermutet; weitere Siedlungen auf Stadtgebiet sind nicht bekannt. Die eigentliche Gründung des Ortes wird kurz nach Ankunft der ersten Hospites, der Siedler aus den westlichen Ländern des Heiligen Römischen Reichs, um 1150 angesetzt, wie auch archäologische Funde belegen. Der zunächst kleine Ort (villa Hermani 1223, 1235, Hermannsdorf) erhielt zunehmend zentralörtliche Bedeutung, worauf die Einrichtung einer Propstei für die westlichen Siedler 1191 und die Benennung der Grafschaft als comitatus Chybinensis in der Bestätigungsurkunde der Siedlerrechte (Andreanum) von 1224 hindeutet. Noch in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts ist die Gründung eines Prämonstratenserklosters zu vermuten, das 1235 genannt wurde, aber nach dem Mongolensturm von 1241 nicht mehr auftauchte. Als wirtschaftlicher Knotenpunkt stand der Ort wohl zu Beginn eine Zeitlang in Konkurrenz zu dem wohl größeren Heltau/Cisnădie, politisch-administrativ und kirchlich aber schien der Vorrang bereits zu Beginn des 13. Jahrhunderts für Hermannstadt entschieden, für das sich wohl im 14. Jahrhundert auch diese deutsche Namensform durchsetzte. Befördert wurde dieser Umstand durch die sich hier kreuzenden Fernwege in West-Ost- und Nord-Süd-Richtung unweit eines Karpatenpasses. Die Stadt nahm als Handels- und Handwerksort eine rasante Entwicklung, im Besonderen im 14. Jahrhundert, da die ungarischen Könige die Städte gezielt förderten: Während sich auf dem oberen Plateau (Oberstadt) zunächst um den Kirchhof (Huetplatz/Piața Huet) und den Kleinen Ring/Piața Mică, dann auch um den Großen Ring/Piața Mare Kaufleute, Pächter von Regalien, weltliche und geistliche Amtsträger zusammen mit wohlhabenden Handwerkern niederließen, war das untere Plateau zum Zibin/Cibin hin (Unterstadt) vor allem von Handwerkern bestimmt. Dabei erreichte Hermannstadt (1326 erstmals als civitas bezeichnet) nach mehreren Erweiterungsstufen in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts seine endgültige Form, die massiv befestigt wurde: einerseits durch mehrfache Mauern, Türme und massive Tore, andererseits durch eine weitläufige und ausgeklügelte Wasserwehr. Neben dem privilegierten Fernhandel  und einem stark ausdifferenzierten Handwerkerstand (die Zunftordnung von 1376 nennt 19 Zünfte und 25 Gewerbe) brachten auch die Pächter des Münzregals mit der Verwertung der Edelmetallerträge der Siebenbürgischen Westgebirge großen Reichtum in die Stadt, die laufend Zuzug überwiegend aus dem oberdeutschen Raum erhielt. Mit 80 Hektar befestigter Fläche war Hermannstadt eine der größten Städte des Donau-Karpaten-Raums. Der Reichtum einer selbstbewussten Bürgerschaft wurde etwa an der ab 1320 zur gotischen Hallenkirche umgebauten romanischen Marienkirche sichtbar.  

Während des 14. Jahrhunderts war der Stadt mit Kronstadt/Brașov eine ernste Konkurrenz erwachsen, die ab dem 15. Jahrhundert in eine ausgeprägte Rivalität um Märkte und Einfluss führte. Allerdings hatte sich die Hermannstädter Provinz mit ihrem auf dem Andreanum von 1224 fußenden Recht so stark gefestigt, dass ihr im Verlauf des 14. Jahrhunderts die Zwei Stühle mit Mediasch/Mediaş und das Nösnerland mit Bistritz/Bistrița beitraten und 1422 auch Kronstadt mit dem Burzenland folgte. Der Ort wurde somit zur „Haupt- und Hermannstadt“ der sich allmählich als Landstand etablierenden „Sächsischen Nation“, wo nach Einrichtung einer Vertreterversammlung, der Sächsischen Nationsuniversität 1485, die Repräsentanten aller zugehörigen Verwaltungseinheiten regelmäßig zu Konfluxen zusammenkamen. So richteten sich die einzelnen sächsischen Stühle und Distrikte in Hermannstadt eigene Höfe ein und beim Zusammentreffen wurde die deutsche „Landsprache“ verwendet, eine Art Gemeinsächsisch, auf das sich die sonst stark divergierende Sprachvarianten verwendenden Vertreter einigen konnten. In der Nationsuniversität kam Hermannstadt insoweit eine besondere Rolle zu, als die Ratsmitglieder zugleich Universitätsmitglieder waren und Bürgermeister oder Königsrichter von Hermannstadt den Vorsitz innehatten sowie die Nationsuniversität zwischen den Zusammenkünften aller Repräsentanten vertraten. Ähnlich der Entwicklung in anderen mitteleuropäischen Städten kam es auch in Hermannstadt zu sozialen Spannungen zwischen erstarkendem Handwerkerstand und dem politisch dominanten Rat, der um 1500 zur Einrichtung eines äußeren Rats (Hundertmannschaft, Kommunität) führte. 

Auch wenn Hermannstadt das Haupt der Sächsischen Nation blieb, so musste es im Verlaufe des 16. und 17. Jahrhunderts doch mancherlei Rückschläge hinnehmen: In den auf die Schlacht von Mohács 1526 folgenden bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Ungarn und Siebenbürgen isolierte sich die Stadt lange Zeit auf der Seite des habsburgischen Thronprätendenten und nahm so erste Einbußen an Einfluss und Reichtum hin, es folgte die evangelische Reformation, die von Kronstadt ausging, der Hermannstadt verzögert folgte und in deren Folge sich die Kirchenleitung aus der Stadt zurückzog. Schließlich kam es 1610–1613 zur vollständigen Besetzung der Stadt und Vertreibung ihrer Bewohner durch den despotisch regierenden siebenbürgischen Fürsten Gabriel Báthory, wovon sie sich unter den ungünstigen Bedingungen der osmanischen Oberhoheit über das Fürstentum Siebenbürgen im 17. Jahrhundert nur allmählich erholte. Dafür brachte die österreichische Herrschaft über das Fürstentum Siebenbürgen der Stadt ab Ende des 17. Jahrhunderts, spätestens nach 1711 merklichen Aufschwung, da die zentralen Landesbehörden (Gubernium) einschließlich des Sitzes des Kommandieren Generals für Siebenbürgen hierher verlegt wurden und sich Kultur und Gesellschaftsleben zunehmend an Wien orientierten. Lediglich aggressive Rekatholisierungsbestrebungen trotz der garantierten Religionsfreiheit trübten das Verhältnis zu den Vertretern des Hauses Österreich. Den Höhepunkt erreichte die Ausrichtung auf die neue Landesherrschaft während der Amtszeit des einzigen Sachsen als Gouverneur Siebenbürgens, Samuel von Brukenthals von 1777 bis 1787, dessen Palais auf dem Großen Ring seither stadtbildprägend wirkt. 

19. und 20. Jahrhundert

Mit dem Abzug der meisten zentralörtlichen Funktionen um 1800 wurde Hermannstadt wieder mehr zur Hauptstadt der Sächsischen Nation, die nun eine bewusste identitäre Stärkung zur Existenzabsicherung betrieb – so legte sie sich im Hecht-Haus am Großen Ring einen eigenen Sitz zu. In diesen Kontext gehörte 1844 die Schaffung einer nationseigenen Rechtsakademie. Gleichzeitig musste sich die Stadt mit der Zunahme anderssprachiger Bewohner auseinandersetzen, vor allem Rumänen, die aus den Vororten auch in die innere Stadt drängten, deren Tore und teilweise auch Mauern allmählich fielen und neuen städtebaulichen Konzepten Platz machten. Technologisch gehörte Hermannstadt zu den fortschrittlichen Städten der Monarchie, ließ früh ein Wasserkraftwerk errichten und ermöglichte so vielfältige elektrizitätsgetriebene Unternehmungen, selbst wenn sich die Stadt nur zu einem regionalen Wirtschaftsstandort entwickelte. In der zweiten Jahrhunderthälfte wurde der Sitz der evangelischen Landeskirche hierher verlegt, so dass Hermannstadt auch nach der Auflösung der sächsischen Verwaltungsautonomie 1876 unbestrittenes Zentrum der die Stadt bis in die späte Zwischenkriegszeit hinein dominierenden Sachsen blieb. Erst die mit dem nationalsozialistischen Deutschland gleichgeschaltete Volkgruppenorganisation verlegte ihren Sitz bewusst weg aus der Stadt. Bereits in der Zwischenkriegszeit hatte sich die demographische Zusammensetzung der Bevölkerung zugunsten der Rumänen verändert, was nach dem Krieg durch massive staatliche Förderung der Industrialisierung zunahm. Erst mit der politischen Wende und der Massenauswanderung verschwanden die Deutschen als wahrnehmbares Element weitgehend aus dem Stadtbild, kehrten mit der Wahl von Klaus Johannis zum Bürgermeister als Kandidat des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien im Jahr 2000 gewissermaßen wieder und besetzen seither nicht nur dieses Amt kontinuierlich (zuletzt bei den Kommunalwahlen Juni 2024), sondern stellen auch die Mehrheit im Stadtrat, obwohl die deutsche Minderheit unter einem Prozent der Stadtbevölkerung ausmacht. 

Verwaltungsgeschichte

Bereits die urkundlichen Belege von 1191 und 1224 attestieren dem Ort kirchliche bzw. adminsitrative zentralörtliche Funktion, die sich über die Jahrhunderte hin erhalten hat und ausgebaut wurde: Im frühen 14. Jahrhundert entstand aus der „Hermannstädter Provinz“ (Provincia Cibiniensis) der Hauptstuhl Hermannstadt als Zentrum der Sieben Stühle (mit dem Hauptstuhl acht, erwähnt 1324) als Rechtsgebiet der Sachsen auf der Grundlage des Andreanums, dem sich bald weitere Stühle und Distrikte anschlossen. Als solcher kam ihm auch die Funktion als Appellationsinstanz fürs ganze Rechtsgebiet sowie zeitweilig für Klausenburg/Cluj zu, bevor unlösbare Fälle an die Tafel des Königs gingen. Im Andreanum von 1224 wird der vom König eingesetzte Hermannstädter Graf (comes) als der höchste Verwaltungsbeamte des Rechtsverbandes bestimmt. In kirchlicher Hinsicht verlor Hermannstadt seinen hervorgehobenen Charakter, als nach der Reformation nach Wittenberger Vorbild der neue Superintendent seinen Sitz 1572 nach Birthälm/Biertan verlegte (Rückkehr des Bischofssitzes erst 1867). Es blieb jedoch Sitz der Sächsischen Nationsuniversität als oberstem Vertretungsgremium der Sächsischen Nation, wo entweder der Bürgermeister oder der Königsrichter von Hermannstadt den Vorsitz führten (für letzteren entstand im Laufe der Jahrhunderte der Begriff Sachsencomes). Außerdem wurde der Landtag des Fürstentums Siebenbürgen im 16. und 17. Jahrhundert oft nach Hermannstadt einberufen. Nach zwei kurzzeitigen Unterbrechungen in den 1780er und 1850er Jahren ging die sächsische Verwaltungsautonomie aufgrund der ungarischen Verwaltungsreform von 1876 endgültig unter. Hermannstadt wurde zu einer Stadt mit „geordnetem Magistrat“ und blieb seither Sitz eines ungarischen Komitats gleichen Namens, in rumänischer Zeit eines Kreises (județ), kurzzeitig unterbrochen nach dem Zweiten Weltkrieg, als Verwaltungseinheiten nach sowjetischem Vorbild eingeführt wurden und Hermannstadt zum Rayon Kronstadt gehörte. Seit der politischen Wende ist Hermannstadt Sitz sowohl des Demokratischen Forums der Deutschen in Hermannstadt wie auch des Forums für Siebenbürgen (Regionalforum) und des Forums für Rumänien (Landesforum).

Bevölkerung

Die Einwohnerschaft Hermannstadts blieb über die Jahrhunderte hin fast ausschließlich deutsch, wohl auch mangels ausgeprägter Vorstädte. Letztere nahmen genauso wie rumänischsprachige Einwohner erst im 18. Jahrhundert zu, blieben aber auf einem geringen Niveau; in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es in Hermannstadt zur Gründung zentraler Institutionen der Siebenbürger Rumänen (Politik, Kultur, Wirtschaft), einerseits wegen des rumänischen Hinterlandes in der Mărginimea Sibiului, aber möglicherweise auch, weil es die Stadt mit dem geringsten ungarischen Bevölkerungsanteil war. Im 19. Jahrhundert bildete sich hier auch eine jüdische Gemeinde, deren Mitgliederzahl während des Zweiten Weltkriegs wegen Flucht aus benachbarten Regionen deutlich zunahm, sich nach dem Krieg durch Auswanderung vor allem nach Israel jedoch noch vor jener der Deutschen bis auf wenige Verbliebene verringerte.

Dass Hermannstadt das größte von Stadtmauern gesicherte Stadtareal in Siebenbürgen besaß, behinderte über längere Zeit auch die demographische Entwicklung; hinzu kamen zwei historisch bedeutsame Einbrüche, einmal in den 1530er Jahren durch eine jahrelange politische und militärische Selbstisolation und damit einhergehende wirtschaftliche Stagnation, wenn nicht sogar Rückentwicklung, und 1610–13 als Folge der vollständigen Entvölkerung der Stadt durch den erwähnten despotischen Fürsten, so dass es eines allmählichen Wiederaufbaus in politisch instabilen Zeiten bedurfte. Die ursprüngliche demographisch-wirtschaftliche Gleichrangigkeit mit Kronstadt konnte in den folgenden Jahrhunderten nicht wieder erreicht werden.

Stadtbevölkerung nach Sprachgruppen

 

1901

1930

1956

1992

2011

Gesamt

29.577

55.224

90.534

169.656

147.245

Deutsche

55%

47%

27%

3%

0,8%

Rumänen

24%

37%

67%

95%

95%

Ungarn

19%

12%

5%

2%

1,5%

Juden

1%

2%

1%

0%

0%

Andere

1%

2%

0%

0%

2,4%[1]

Wirtschaftsgeschichte

Während das Mittelalter von Fernhandel, Edelmetallgeschäft und Handwerk geprägt war, nahmen in der Frühen Neuzeit die Regalienpacht und Güterbewirtschaftung einen zunehmend größeren Raum in der städtischen Wirtschaft ein, während das Handwerk zwar stark blieb, aber vor allem für den lokalen und regionalen Markt produzierte. Der Handel ging allmählich über an andere, überregional tätige Gruppen wie die armenischen und sog. griechischen Kaufleute, die Niederlassungen in der Stadt unterhielten. Im 18. Jahrhundert kamen Beamtenschaft und Militär als neue Stützen der städtischen Wirtschaft hinzu bis sich auch in Hermannstadt im 19. Jahrhundert aus Handwerksstätten allmählich größere Betriebe herausbildeten, unterstützt auch durch elektrizitätsgetriebene neue Technologien. In sozialistischer Zeit wurde die Industrialisierung massiv befördert, größerer wirtschaftlicher Aufschwung stellte sich aber erst nach der politischen Wende und zumal nach 2000 mit der Ansiedlung zahlreicher westlicher Firmen in Hermannstadt und Umgebung ein.

Sozialgeschichte

Auch wenn die erste Ansiedlung in der Unterstadt angenommen wird, so hat sich die Oberstadt schon früh als Ort der sozial und politisch führenden Familien etabliert, die danach strebten, sich um den Großen Ring anzusiedeln. Die einzelnen Gassen waren auch in der Oberstadt von Handwerkern geprägt, allerdings setzte sich langfristig eine gewisse soziale Hierarchie zwischen der Ober- und der Unterstadt durch. Eine ländlich geprägte Vorstadt entwickelte sich nicht. In den entstehenden Vorstädten lebten neben Sachsen vor allem Rumänen, bis mit den Stadterweiterungen ab dem 19. Jahrhundert einerseits das deutsche Bürgertum der Stadt sich in den Vorstädten ansiedelte (etwa auf der Hallerwiese), andererseits viele zuziehende deutsche Arbeiter und Kleingewerbetreibende in Siedlungen untergebracht werden mussten (vor allem erste Hälfte 20. Jahrhundert). In der Zwischenkriegszeit verstetigte sich die Zunahme rumänischer Zuziehender, um nach dem Zweiten Weltkrieg stark anzusteigen, so dass die Errichtung mehrerer neuer Wohnblockviertel notwendig wurde (etwa Hipodrom).

Kirchengeschichte

Der Ort tritt mit der Erwähnung einer exemten Propstei für die deutschen Siedler 1191 erstmals in Erscheinung. Um die gleiche Zeit dürfte sich ein Prämonstratenserkloster dort angesiedelt haben (1235 erwähnt, nach 1241 verschwunden). Die frühen Siedler errichteten am Rande der oberen Terrasse (Kirchhof, heute Huetplatz) zunächst eine Rotunde (heute verschwunden, Kennzeichnung im Bodenpflaster), dann benachbart eine romanische Marienkirche (ab 1480 teilweise Umbau zur spätgotischen Emporenhallenkirche, um 1520 abgeschlossen, heute evangelische Stadtpfarrkirche). Auf dem Kirchhof ist auch der Sitz der Propstei (benannt nach dem ungarischen Staatsheiligen Ladislaus) anzusiedeln. Weitere Kapellen entstanden im Umfeld des Kirchhofs und außerhalb Klöster der Dominikaner (bei der Kreuzkapelle vor dem heutigen Bahnhof) und der Franziskaner (Elisabethgasse). Im späteren Mittelalter kamen Nonnenklöster der beiden Orden hinzu und die Dominikaner verlegten ihr Kloster aus Sicherheitsgründen in den ummauerten Bereich (später Ursulinerinnen). Mit der Reformation zu einem konservativen Luthertum wurden die Kirchen evangelisch, die Klöster wurden aufgelöst, andere Konfessionen waren auf Stadtgebiet lediglich zu Gast. Erst mit der österreichischen Herrschaft ab Ende des 17. Jahrhunderts kehrte der Katholizismus wieder, unter dem Druck des Militärs mussten alte Klosteranlagen wieder freigegeben werden und die Jesuiten bauten am Großen Ring in der Sichtachse zur evangelischen Stadtpfarrkirche eine dominante barocke Kirche. Als Folge der Reformen Kaiser Josefs II. konnten auch andere Konfessionen Gotteshäuser errichten, die Reformierten etwa in der Fleischergasse und die unierten sowie orthodoxen Rumänen in den Vorstädten bis ein ursprünglich griechisches Bethaus ebenfalls in der Fleischergasse zur orthodoxen Kathedrale ausgebaut wurde. In der Zwischenzeit hatte Hermannstadt auch in kirchlicher Hinsicht zentralörtliche Bedeutung erlangt, indem zunächst die orthodoxe Metropolie für Siebenbürgen hier angesiedelt wurde und schließlich auch die evangelische Kirche A.B. ihren Bischofssitz hierher verlegte. Eine jüdische Gemeinde entstand im 19. Jahrhundert und errichtete eine Synagoge am Rande der Oberstadt. Diese Struktur blieb im Wesentlichen bis in die Gegenwart erhalten, nur dass sich die konfessionelle Zusammensetzung der Bewohnerschaft stark gewandelt hat und – gerade auch nach der Wende – in den neuen Quartieren eine Reihe neuer orthodoxer Kirchen entstanden sind. Hermannstadt war wiederholt Austragungsort welt- und europaweiter kirchlicher Kongresse (3. Ökumenische Versammlung 2007, GEKE 2024 u. a.).  

Stadtbevölkerung nach Konfessionen in Prozent

 

1910

2000

Evangelisch A.B.

42

1

Römisch-katholisch

20

2

Griechisch-/Rumänisch-Orthodox

18

91

Griechisch-katholisch

8

1

Reformiert

7

1

Mosaisch

4

0[1]

Besondere kulturelle Institutionen

Ein Alleinstellungsmerkmal der Stadt ist das erste öffentliche Museum im südöstlichen Europa überhaupt, heute offiziell „Brukenthal-Nationalmuseum“ genannt. Die Sammlungen des ehemaligen Gouverneurs Siebenbürgens, Samuel von Brukenthal, gingen als Erbschaft an die evangelische Gemeinde mit der Auflage über, sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, was 1817 erfolgte. Den wichtigsten Teil der Sammlungen bildete über lange Zeit die Bibliothek. Ihr kam bis 1945 die Aufgabe einer Art Nationalbibliothek der Siebenbürger Sachsen zu, da sie sämtliches Schriftgut über diese und von diesen sammelte (diese Aufgabe übernahm ab den 1960er Jahren die Siebenbürgische Bibliothek in Gundelsheim/N.); die Brukenthal-Bibliothek übernahm die meisten historischen Bibliotheken Hermannstadts, u. a. die sog. Kapellenbibliothek, eine bedeutende Sammlung des evangelischen Gymnasiums. 2005 erfolgte die Rückgabe des Museums und der bis 1945 vorhandenen Bestände an die rechtmäßige Besitzerin, die evangelische Kirchengemeinde Hermannstadt, erst 2024 folgte die notwendige gesetzliche Regelung für diesen Schritt, die eine künftig gemeinsame Verantwortung für Verwaltung und Leitung von Staat und Kirche für das Museum vorsieht. Mit dem Brukenthalmuseum sind weitere Museen der Stadt strukturell verbunden, u.a. das Historische Museum im Alten Rathaus (Altembergerhaus), das Naturhistorische Museum (Gebäude und Sammlungen des ehem. Siebenbürgischen Vereins für Naturwissenschaften zu Hermannstadt) oder das Jagdmuseum von August von Spieß. 

Wesentlich älter als das Brukenthalmuseum ist das Archiv: Herzstück dessen, was heute das Staatsarchiv Hermannstadt ist (Direcția Județeană Sibiu a Arhivelor Naționale), ist das Archiv der Sächsischen Nation und der Stadt Hermannstadt. Anfang des 20. Jahrhunderts ließ die Stiftung Sächsische Nationsuniversität auf dem rückwärtigen Teil der Parzelle des Hechthauses am Großen Ring, ihrem Sitz, in der Armbrustergasse/str. Arhivelor ein modernes Archivgebäude errichten, in das zahlreiche weitere Archivalien sächsischer weltlicher und kirchlicher Institutionen sowie Nachlässe gebracht wurden. Nach der Enteignung wurde das Archiv als Staatsarchiv fortgeführt und durch weiteres Material ergänzt, u. a. auch zwangsweise eingesammelte Kirchenmatrikeln und die Übernahme des handschriftlichen Materials des Brukenthalmuseums. Nach der Wende wurde das Archivgebäude zwar der evangelischen Landeskirche rückerstattet, nicht aber die Bestände, was dazu führt, dass das sanierungsbedürftige Gebäude die wertvollen Bestände seit dem 13. Jahrhundert nicht mehr adäquat sichern kann, da die Eigentümerin nicht über die Mittel zum Gebäudeerhalt verfügt.   

Gewissermaßen in Parallelität zu den sächsischen Institutionen entstand 1861 die „Astra“ – Asociația Transilvană pentru Literatura Română şi Cultura Poporului Român (Siebenbürgische Gesellschaft für rumänische Literatur und die Kultur des rumänischen Volkes), die sich schnell zu einer zentralen Kulturinstitution der Siebenbürger Rumänen entwickelte. Sie verfügt über bedeutende Bibliotheks- und Archivbestände sowie ein umfangreiches Pressearchiv. Der historische Astra-Sitz am Park im Vorfeld der Heltauergasse beherbergt heute die zur Kreisbibliothek erhobene Astra-Bibliothek.

Aus der Tradition der Astra heraus ist (nachdem die seit Jahrhundertbeginn zusammengetragenen Museumsbestände vom kommunistischen Regime enteignet worden waren) ab 1960 das Astra-Museum (Muzeul Astra) entstanden, das das heute größte und laufend im Ausbau befindliche Freilichtmuseum Rumäniens im Jungen Wald/Dumbrava Sibiului betreibt und mit dem Schatzkästlein/Casa Artei am Kleinen Ring/Piața Mică auch in der Stadt präsent ist.

Bildungs- und Wissenschaftsgeschichte

Die älteste Hermannstädter Schule ist 1380 bezeugt, sie bereitete schon früh zum Studium an auswärtigen Universitäten vor. Zur Zeit des Humanismus erfolgte die Umgestaltung zum akademischen Gymnasium; die Brukenthalschule ist heute ein „Nationalkolleg“ und eine der auf muttersprachlichem Niveau zum deutschen Abitur führenden Schulen des Landes. Auf eine lange Tradition beruft sich auch das Nationalkolleg „Gheorghe Lazăr“, das seit dem Ersten Weltkrieg rumänischsprachig ist, vorher aber das ungarische Staatsgymnasium in der Nachfolge des 1692 gegründeten Jesuitenkollegs war. Im 18. Jahrhundert war Samuel von Brukenthal bestrebt, eine protestantische Universität in Hermannstadt anzusiedeln, doch scheiterte das Vorhaben an den sächsischen weltlichen wie kirchlichen Gremien. 1844 wurde eine Rechtsakademie zur Ausbildung des Nachwuchses für die Einrichtungen der Sächsischen Nation gegründet, die später vom ungarischen Staat übernommen, 1887 aber geschlossen wurde. Nach früheren Bemühungen wurden die Priestervorbereitungskurse der Orthodoxen ab 1850 zunehmend institutionalisiert und bezogen 1864/65 einen neuen Standort in der Fleischergasse/Str. Mitropoliei, wo die „Academia Andreiană“ (nach dem Mitropoliten Andrei Schaguna) seither durchgehend wirkte und als Theologisch-orthodoxe Fakultät auch heute ihren Sitz hat. Der zweite Versuch einer Universitätsgründung in Hermannstadt, diesmal für die Deutschen Großrumäniens, scheiterte unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. 1920 entstand als Folge des Anschlusses Siebenbürgens an Rumänien eine Offiziersschule, die 1991 Hochschulrang erhielt und heute unter dem Namen Academia Forțelor Terestre „Nicolae Bălcescu“ eine der herausragenden Ausbildungsstätten des rumänischen Militärs ist. Erst 1940 wurde Hermannstadt Universitätsstandort, weil die Universität Klausenburg nach der zwangsweisen Abtretung Nordsiebenbürgens an Ungarn bis Kriegsende dorthin geflohen war. 1941–1944 bestand in Hermannstadt das „Forschungsinstitut der Deutschen Volksgruppe in Rumänien“, eine gleichgeschaltete Einrichtung der NS-Volksorganisation; dieses Institut übernahm nach und nach sämtliche wissenschaftlichen Einrichtungen und Medien der Deutschen Rumäniens und bot erstmals institutionalisierte Forschungsmöglichkeiten. Ab 1955 bestand für die Ausbildung evangelischer Pfarrer ein Filialinstitut des Prot.-Theologischen Instituts Klausenburg (gegr. 1948) im Hermannstädter evangelischen Bischofspalais. 1956 wurde in Hermannstadt ein Filialinstitut der Rumänischen Akademie mit der Maßgabe gegründet, Kultur und Geschichte der deutschen Minderheiten des Landes in ihrer Verschränkung mit der rumänischen Mehrheitsgesellschaft zu erforschen (heute: Institut für Geisteswissenschaften der Rumänischen Akademie/Academia Română, Institutul de Cercetări socio-umane). Als Filiale der Universität Klausenburg wurde 1969 in Hermannstadt eine Fakultät für Philologie (u. a. Germanistik und Anglistik) und Geschichte eröffnet. Es folgten weitere Fächer wie Wirtschaft, Pädagogik, Recht, Ingenieurwesen, so dass unmittelbar nach der Wende im März 1990 eine reguläre Universitätsgründung (heute Universitatea Lucian Blaga Sibiu) erfolgen konnte, der in der Folgezeit weitere Einrichtungen der höheren Bildung beitraten, etwa die beiden Institute für evangelische und für orthodoxe Theologie. Von 1998 bis 2021 bestand hier eine private Rumänisch-Deutsche Universität, überdies gibt es weitere private Hochschulen. Insgesamt studieren in der Stadt 28.000 junge Menschen, die das Stadtbild nachhaltig prägen.

Kunstgeschichte

Als erste Adresse für Kunstwerke verschiedenster Epochen gelten die Sammlungen des Burkenthalmuseums, da zu den ohnehin schon bedeutenden Sammlungen des Gründers, vielfältigen Übernahmen und Schenkungen bis zur Enteignung in der Zeit danach und zumal in den letzten Jahrzehnten ein planmäßiger Ausbau der Bestände zeitgenössischer Kunst erfolgte. Die städtische Architektur bietet deutlich mehr gotische Baudenkmäler als andere Städte Siebenbürgens, dafür ist, nach eher bescheidenen Zeiten des Barocks und des Klassizismus, im Vergleich eher wenig Historismus des 19. Jahrhunderts zu finden. Durch konsequente Renovierungen seit der Jahrtausendwende präsentieren sich die alten Stadtteile in einem ausgezeichneten Zustand.

Literatur und Musik

Bereits Ende des 18. Jahrhunderts konnte in Hermannstadt ein professionelles (deutsches) Theater etabliert werden, das seither Teil des städtischen Kulturlebens ist und mit zu einer intensiven Rezeption aktueller literarischer Strömungen beitrug. Daran waren auch die Buchhandlungen beteiligt, die ebenfalls im 18. Jahrhundert entstanden, während im Folgejahrhundert eine leistungsfähige (zunächst primär deutschsprachige, später auch rumänischsprachige) Verlagslandschaft entstand, die weite Teile Siebenbürgens versorgte und einen großen Teil des vielfältigen periodischen Schrifttums herausbrachte. All dies verschwand relativ rasch nach dem Herbst 1944, nach der politischen Wende wurde jedoch eine (deutschsprachige) Druckerei mit Verlag wieder in Hermannstadt angesiedelt und es entstand von hier aus ein neues (deutschsprachiges) Buchhandelsnetz. Das heutige rumänische „Radu Stanca“-Staatstheater verfügt über eine aktive deutsche Abteilung. Musikpflege lässt sich im kirchlichen und schulischen Bereich zwar weit zurückverfolgen, im bürgerlichen Umfeld etablierte sie sich im 18. Jahrhundert mit regelmäßigen Musikabenden (etwa das bei Brukenthal seit 1774 nachgewiesene, zwei Mal wöchentlich wirkende Collegium Musicum). Im 19. Jahrhundert kamen Musik- und Gesangsvereine hinzu, ab 1931 der Bachchor der evangelischen Stadtpfarrgemeinde. Seit 1949 besteht eine Staatsphilharmonie in der Stadt, heute im Thalia-Saal im Dicken Turm der Stadtbefestigung untergebracht. 

Militärgeschichte

Abgesehen von der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geschichte bis Ende des 17. Jahrhunderts, als Hermannstadt eine selbstbewehrte und nicht einnehmbare Stadtrepublik war, erhielt der Ort mit dem Einzug österreichischer Truppen ab 1687 eine überregionale militärische Bedeutung. Hermannstadt wurde Sitz des Kommandierenden Generals für Siebenbürgen und die österreichischen Soldaten wurden zum Leidwesen der Bürger in deren Häusern einquartiert; um Abhilfe zu schaffen, errichtete die Stadt schließlich auf eigene Kosten um 1800 eine Infanteriekaserne vor dem später abgetragenen Heltauer Tor. Der Militärstandort der k.u.k. Armee unmittelbar an der Reichsgrenze wurde immer weiter ausgebaut, so dass am Vorabend des Ersten Weltkriegs neben einem Korps- und einem Ergänzungsbezirkskommando dreizehn verschiedene Militäreinheiten Hermannstadt zum größten Militärstandort Siebenbürgens machten. Während des Überfalls Rumäniens auf Siebenbürgen 1916 gelang es der Notbesatzung der vom Militär ansonsten fast vollständig verlassenen Stadt, die rumänischen Truppen so lange zu täuschen, bis Entsatz anrückte und Stadt und Region wieder sicherte. Nach dem Ersten Weltkrieg richtete die rumänische Armee hier einen ihrer Hauptstützpunkte in den neuen Gebieten ein, u. a. die neben Bukarest/Bucureşti  einzige Offiziersschule. Bis heute ist Hermannstadt ein wichtiger Militärstandort geblieben, seit 2004 in die NATO-Strukturen eingebunden.

Erinnerungskultur

Der Ort nimmt vor allem in der Erinnerungskultur der Siebenbürger Sachsen eine zentrale Rolle als „Haupt- und Hermannstadt“ ein und ist auch im deutschen Sprachraum einer jener Orte Siebenbürgens, dessen deutscher Name eher bekannt ist als der rumänische. Diese Wahrnehmung der Stadt als kollektives Zentrum hat sich auch in der weltweiten Zerstreuung in den Jahrzehnten seit der politischen Wende angesichts der hier angesiedelten politischen und kirchlichen Einrichtungen eher noch gefestigt. Gleichzeitig gibt es auch seitens der Rumänen Siebenbürgens wichtige Beziehungen zu diesem Ort, vor allem in (kultur)historischer Hinsicht sowie seitens der Orthodoxen als regionales Zentrum. Anders als in anderen siebenbürgischen Städten steht Hermannstadt jedoch nicht für spannungsreiche Momente zwischen den siebenbürgischen Bevölkerungsgruppen, so dass auch die Denkmäler der Stadt nicht politisch aufgeladen sind, sondern überwiegend als gegenseitig kompatibel eingestuft werden können. So dürfte wohl auch die oben beschriebene, schon länger andauernde politische Beauftragung der deutschen Minderheit mit der Stadtführung durch eine rumänische Mehrheit leichter erklärbar sein.

4. Perspektiven

Hermannstadt hat sich seit der Jahrtausendwende sowohl als bedeutender und prosperierender Wirtschaftsstandort wie auch als Universitätsstadt einen Namen gemacht, es beherbergt eine Vielzahl nationaler wie internationaler Festivals und Großveranstaltungen und ist ein ausgesprochener Touristenmagnet geworden. Die deutsche Minderheit bleibt zwar klein, ist aber außerordentlich rege und strahlt kulturell, sprachlich, wirtschaftlich und politisch weit über die Stadt hinaus aus.

5. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Hermann und Alida Fabini: Hermannstadt. Porträt einer Stadt in Siebenbürgen. Hermannstadt, Heidelberg 2000.
  • Hermann Fabini: Gotik in Hermannstadt. Köln, Wien 1989.
  • Konrad Gündisch: Das Patriziat siebenbürgischer Städte im Mittelalter. Köln, Weimar, Wien 1993.
  • Rosemarie Hochstrasser: Die siebenbürgisch-sächsische Gesellschaft in ihrem strukturellen Wandel 1867–1992. Unter besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse in Hermannstadt und Brenndorf. Hermannstadt, Heidelberg 1992.
  • Christoph Machat (Hg.): Denkmaltopographie Siebenbürgen. Bd. 5.1.1. Hermannstadt, Köln 1999.
  • Mária Pakucs: Sibiu – Hermannstadt. The Oriental Trade in Sixteenth Century Transsylvania. Köln, Weimar, Wien 2007.
  • Quellen zur Geschichte der Stadt Hermannstadt. Hg. v. Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde e.V. Heidelberg. Bisher 8 Bde. Hermannstadt, Heidelberg 1880–2023.
  • Harald Roth: Hermannstadt. Kleine Geschichte einer Stadt in Siebenbürgen. Köln, Weimar, Wien 2006.
  • Angelika Schaser: Josephinische Reformen und sozialer Wandel in Siebenbürgen. Die Bedeutung des Konzivilitätsreskriptes für Hermannstadt. Stuttgart 1989.
  • Gustav Seivert: Die Stadt Hermannstadt. Eine historische Skizze. Hermannstadt 1859.
  • Emil Sigerus: Chronik der Stadt Hermannstadt 1100–1929. Hermannstadt 1930, Nachdruck Ebenda 2000.

Weblinks

Anmerkung

[1] Zahlen nach Fabini: Hermannstadt. Porträt einer Stadt, S. 30f. 

Zitation

Harald Roth: Hermannstadt/Sibiu. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa. 2025. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32413 (Stand 09.09.2025).

 

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OME-Redaktion (Stand: 11.09.2025)  Kurz-URL:Shortlink: https://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32413
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