OME-Lexikon

Cammin (Hochstift)

1. Toponymie

Die Bezeichnung „Hochstift“ für das weltliche Herrschaftsgebiet der Camminer Bischöfe findet sich nicht in zeitgenössischen Quellen. Dort ist vom „Stift Cammin“, später auch vom „Bistum Cammin“ die Rede. Damit hält vor allem seit der Säkularisierung des Stiftslands im 16. Jahrhundert eine begriffliche Unschärfe Einzug, denn als Stift beziehungsweise Bistum wurde ursprünglich das gesamte geistliche Hoheitsgebiet des Camminer Bischofs verstanden, das sich von Bütow/Bytów im Osten bis Güstrow im Westen, von der Ostsee bis in die nördlichen Teile der Neu- und der Uckermark erstreckte.

2. Geographie

Das Hochstift Cammin teilte in Hinterpommern das Herrschaftsgebiet der pommerschen Herzöge in drei voneinander getrennte Bereiche: Östlich vom Hochstift lagen das Land Schlawe/Sławno und die Landvogtei Stolp/Słupsk, südöstlich die Länder Belgard an der Persante/Białogard und Neustettin/Szczecinek sowie westlich die Landvogtei Greifenberg/Gryfice und die anderen den Greifen unterstehenden Gebiete östlich von Oder (Odra), Stettiner Haff (Zalew Szczeciński) und Dievenow (Dziwna). Das Gebiet des Hochstifts wurde im Norden durch die Ostseeküste begrenzt, im Süden durch die damals weit ins Land ragende Neumark (Nowa Marchia) um Schivelbein/Świdwin und Falkenburg/Złocieniec. Die bedeutendsten Städte im Hochstift waren Kolberg/Kołobrzeg und Köslin/Koszalin, die auch in der Hanse aktiv waren. Daneben gab es mit Körlin/Karlino und Bublitz/Bobolice sowie zeitweise auch Arnhausen/Lipie, Pollnow/Polanów und Zanow/Sianów mehrere Kleinstädte, in denen sich Bischofsburgen befanden. Die namensgebende Stadt Cammin/Kamień Pomorski lag dagegen nicht im Territorium des Hochstifts. Weitere so genannte Stiftsschlösser waren über das gesamte Hochstift verteilt. Seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert entwickelte sich Köslin zur Residenz der Camminer Titularbischöfe aus dem Greifenhaus, woran schließlich in preußischer Zeit angeknüpft wurde, als Köslin Sitz eines der drei Regierungsbezirke in der Provinz Pommern wurde.

Die Infrastruktur des Hochstifts wurde durch die in Teilen schiffbaren Flüsse Persante (Parsęta) und Radüe (Radew) bestimmt, während Köslin über den Mühlenbach (Dzierżecinka) und den Jamunder See (Jezioro Jamno) ursprünglich auch einen Zugang zur Ostsee besaß. Außerdem führten mehrere große Handelsstraßen spätestens seit dem Mittelalter durch das Gebiet, zum einen parallel zur Ostseeküste über die Städte Körlin, Kolberg und Köslin, zum anderen die alte Salzstraße von Kolberg über Körlin beziehungsweise Bublitz in Richtung Gnesen/Gniezno und Posen/Poznań.

Neben dem Kerngebiet des Hochstifts gab es zwei größere, strategisch wichtige Exklaven im westlichen Hinterpommern, die im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit zum weltlichen Herrschaftsbereich der Bischöfe von Cammin gehörten, wenn auch deren Hoheitsrechte seitens der pommerschen Herzöge immer wieder bestritten wurde: Burg und Amt Gülzow/Golczewo auf halber Strecke zwischen den Städten Cammin und Greifenberg sowie die (Titular-)Grafschaft Naugard/Nowogard und die Herrschaft Massow/Maszewo, südlich von Gülzow gelegen. Die Grafen von Eberstein waren seit 1274 für Naugard Lehnsfolger der Camminer Bischöfe, während sie 1466 Massow von den pommerschen Herzögen als Pfand erwarben, die es kurz zuvor der bischöflichen Hoheit entzogen hatten. Mit dem Erlöschen des gräflichen Hauses von Eberstein in Pommern 1663 belehnte der Große Kurfürst (Friedrich Wilhelm von Brandenburg, 1620-1688) Herzog Ernst Bogislaw von Croÿ (1620-1684) mit Massow und Naugard, ehe sie nach seinem Tode als erledigte Lehen an die Hohenzollern heimfielen, die sie fortan ihren landesherrlichen Domänen zuschlugen.

3. Geschichte und Kultur

Das Bistum Cammin geht auf das missionarische Wirken Bischof Ottos von Bamberg (1102-1139) zurück, der bei zwei Reisen 1124/1125 zuerst die Pomoranen im Oderraum und in Hinterpommern und danach 1128 die Lutizen in Vorpommern zum christlichen Glauben bekehrte. Dieses Missionswerk war eng verbunden mit dem Interesse Herzog Wartislaws I. von Pommern (um 1100-1148) an einer Herrschaftssicherung über das sich gerade herausbildende slawische Fürstentum an der südlichen Ostseeküste. Seine Dynastie, die „Greifen“, übte in den kommenden Jahrhunderten die Schirmherrschaft über die pommersche Kirche aus und bestimmte maßgeblich deren Geschicke. Nach dem Tod Ottos von Bamberg wurde mit der Einführung Adalberts (Amtszeit 1140-etwa 1160) in das Bischofsamt in Wollin/Wolin 1140 das Bistum Pommern begründet. Nach wenigen Jahren wurde der Sitz des Bistums nach Grobe bei Usedom verlegt, ehe es schließlich Mitte der 1170er Jahre seine Heimstatt in Cammin fand.

Noch in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts war es den Camminer Bischöfen gelungen, innerhalb ihrer Diözese ein eigenes weltliches Territorium, das Hochstift Cammin, zu schaffen. Richteten sich diese Bemühungen 1240 noch auf das Land Stargard/Stargard Szczeciński, so tauschten sie dieses bereits 1248 gegen eine Hälfte des Landes Kolberg. Mit der Erwerbung der anderen Hälfte wenige Jahrzehnte später sowie des Landes Bublitz hatte das Stiftsgebiet im Wesentlichen seine äußeren Konturen gewonnen, die als Kreisgrenzen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges sichtbar blieben.

Vom frühen 13. bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts erfolgte im Hochstift ein intensiver Landesausbau, von dem zahlreiche neue dörfliche Siedlungen künden, die ähnlich wie im Bereich anderer geistlicher Grundherren, zum Beispiel der Zisterzienserklöster in Vor- und Hinterpommern, eine starke Konzentration von Hagenhufendörfern zeigen. Gerade in der Gründung der Städte im Stiftsgebiet sah der Bischof seine Aufgabe als Landesherr , wobei Bischof Hermann von Gleichen (Amtszeit 1251-1288) besonders hervortrat. Ihm verdanken auch die beiden bedeutendsten Vororte im Hochstift, Kolberg (1256) und Köslin (1266), ihre Bewidmung mit dem lübischen Stadtrecht. Auch die kleinen Städte Körlin und Bublitz übernahmen zentralörtliche Funktionen, nicht zuletzt durch den Umstand, dass die an ihrem Rand gelegenen jeweiligen Stiftsschlösser den Bischöfen als Residenzen dienten.

Dank dieses ausgedehnten weltlichen Territoriums und einer klugen Politik gegenüber den pommerschen Herzögen und den Markgrafen von Brandenburg vermochten die ersten Camminer Bischöfe ihren geistlichen Zuständigkeitsbereich weit über die Grenzen des Herzogtums Pommern auszudehnen. Neben der nördlichen Neumark um Soldin/Myślibórz und Landsberg/Gorzów Wielkopolski sowie der nördlichen Uckermark um Prenzlau gehörten auch große Teile des östlichen Mecklenburgs bis einschließlich Güstrow zum Bistum Cammin. Cammin zählte zu den größten Diözesen innerhalb des Heiligen Römischen Reiches (Deutscher Nation). Es hatte einen exemten Status, das heißt, keinem der benachbarten Erzbistümer gelang es, seine Oberhoheitsansprüche gegenüber Cammin durchzusetzen. Der in seinen ältesten, noch romanischen Teilen auf das letzte Viertel des 12. Jahrhunderts zurückgehende Dom zu Cammin bildete das repräsentative geistliche Zentrum des gesamten Bistums. Im Hochstift Cammin war der Dom St. Marien zu Kolberg als Konkollegiatkirche die vornehmste geistliche Einrichtung. Darüber hinaus bestanden im Bistum noch Stiftskirchen in Stettin/Szczecin (St. Marien und St. Otten), in Greifswald (St. Nikolai), in Güstrow und in Soldin.

Seit dem frühen 15. Jahrhundert wurde das Hochstift Cammin offiziell in der Reichsmatrikel verzeichnet. Damit war der Bischof von Cammin ein anerkannter Reichsfürst. Auch wenn es den pommerschen Herzögen immer wieder gelang, die Camminer Bischöfe dem Greifenhaus dienstbar zu machen, so blieb doch das Stiftsgebiet formal ein selbständiges Territorium. Das zeigte sich nicht zuletzt bei der Einführung der Reformation, die im Hochstift erst zehn Jahre später als im Herzogtum Pommern stattfand. Seit 1556 dienten die Einkünfte des Camminer Bischofsstuhls dem Unterhalt von Angehörigen des Greifenhauses, die als Titularbischöfe das Territorium regierten. Herzog Ernst Bogislaw von Croÿ (1620-1684), der Neffe des letzten regierenden Herzogs von Pommern, Bogislaw XIV. (1580-1637), verzichtete schließlich 1650 gegen eine Abfindung zugunsten des kurfürstlichen Hauses Brandenburg auf seine Bischofswürde. Zu seiner Abfindung gehörten große Teile der Einkünfte des Hochstifts Cammin, unter anderem die Ämter Gülzow/Golczewo und Bublitz sowie die Dompropstei Kucklow/Kukułowo, sodass eine gewisse Kontinuität noch bis zu seinem Tod gegeben war. Die Domkapitel in Cammin und Kolberg wurden erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgehoben, als Preußen nach den Niederlagen gegen Napoleon (1769-1821) in eine schwere ökonomische Krise geriet.

Das Bistum Cammin war mit dem Westfälischen Frieden in ein weltliches Fürstentum umgewandelt und dem Kurfürstentum Brandenburg zugesprochen worden. Die Hohenzollern führten daraufhin bis zum Ende des Kaiserreiches 1918 offiziell in der großen Fassung den Titel und das Wappen eines Fürsten von Cammin. In administrativer Hinsicht war der Name noch bis zu einer Kommunalreform 1872 sichtbar. So lange bestand nämlich noch auf dem Gebiet des früheren Hochstifts der sogenannte Fürstentumer Kreis, ehe dieser in die Kreise Kolberg-Körlin, Köslin und Bublitz aufgeteilt wurde.

Die geistliche Leitung innerhalb des Herzogtums Pommern hatte mit der Reformation die Landesherrschaft übernommen, die diese von eigens dafür eingerichteten Konsistorien, darunter einem für das Hochstift Cammin in Kolberg, administrieren ließen. In der Nachfolge des Greifenhauses übernahmen diese Funktion in Vorpommern die schwedische Krone und in Hinterpommern die Hohenzollern. Letztere zentralisierten die kirchliche Verwaltung der meisten ihrer Territorien schrittweise in Berlin. Für die Kirchenprovinz Pommern der Preußischen Landeskirche war schließlich ein Konsistorium in Stettin, das dem Oberkirchenrat in Berlin unterstand, zuständig.

4. Bibliographische Hinweise

  • Sabine Bock, Werner Buchholz, Michael Lissok, Jana Olschewski, Haik Thomas Porada: Das Bistum und das Hochstift Cammin. Bericht über die Exkursion im Rahmen der 38. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für pommersche Kirchengeschichte. In: Pommern – Zeitschrift für Kultur und Geschichte 49 (2011), H. 4, S. 36-43.
  • Werner Buchholz: Die Residenzen geistlicher Reichsfürsten im Norden des Sacrum Imperium Romanum zwischen Ausbau und Gefährdung 1500-1806. In: Gerhard Ammerer, Ingonda Hannesschläger, Jan Paul Niederkorn, Wolfgang Wüst (Hg.): Höfe und Residenzen geistlicher Fürsten. Strukturen, Regionen und Salzburgs Beispiel in Mittelalter und Neuzeit. Ostfildern 2010 (Residenzenforschung 24), S. 303-343.
  • Erwin Gatz, Jürgen Petersohn: Bistum und Hochstift Kammin um 1500. In: Erwin Gatz (Hg.): Atlas zur Kirche in Geschichte und Gegenwart. Heiliges Römisches Reich – Deutschsprachige Länder. Regensburg 2009, S. 86-87.
  • Andreas Niemeck: Bischöfe von Cammin. In: Werner Paravicini (Hg.), Jan Hirschbiegel, Jörg Wettlaufer (Bearb.): Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Ein dynastisch-topographisches Handbuch. Teilbd. 1: Dynastien und Höfe. Ostfildern 2003 (Residenzenforschung 15.1.1), S. 519-522.
  • Jürgen Petersohn: Bischof, Konzil und Stiftsstadt. Die Bischöfe von Kammin und die Hansestadt Kolberg im Obedienzkampf zwischen Basel und Rom. In: Heribert Müller, Johannes Helmrath (Hg.): Studien zum 15. Jahrhundert. Festschrift für Erich Meuthen. München 1994, S. 255-268.
  • Jürgen Petersohn: Kammin. In: Erwin Gatz (Hg.), unter Mitwirkung von Clemens Brodkorb: Die Bischöfe des Heiligen Römischen Reiches, 1198 bis 1448. Ein biographisches Lexikon. Berlin 2001, S. 251-266, 307-309, 696-697.
  • Jürgen Petersohn: Kammin. In: Erwin Gatz (Hg.), unter Mitwirkung von Clemens Brodkorb: Die Bischöfe des Heiligen Römischen Reiches, 1448 bis 1648. Ein biographisches Lexikon. Berlin 1996, S. 92f., 195-197, 225f., 333f., 361, 457f., 578, 684f., 731f., 742, 752, 759, 797f.
  • Jürgen Petersohn: Die Kamminer Bischöfe des Mittelalters. Amtsbiographien und Bistumsstrukturen vom 12. bis 16. Jahrhundert. Schwerin 2015 (Beiträge zur pommerschen Landes-, Kirchen- und Kunstgeschichte 19).
  • Haik Thomas Porada: Zur Bedeutung von Konfession und Dynastie im Leben des letzten Bischofs von Cammin, Ernst Bogislaw von Croy. In: Michael Lissok, Haik Thomas Porada (Hg.): Christi Ehr vnd gemeinen Nutzen willig zu fodern vnd zu schützen. Beiträge zur Kirchen-, Kunst- und Landesgeschichte Pommerns und des Ostseeraums. Festschrift für Norbert Buske. Schwerin 2014 (Beiträge zur pommerschen Landes-, Kirchen- und Kunstgeschichte 18), S. 511-572.
  • Ralf-Gunnar Werlich: Das Camminer Bistumswappen und sein Auftreten in der Heraldik der Greifenherzöge. Gewidmet Norbert Buske zu seinem 75. Geburtstag. In: Pommern – Zeitschrift für Kultur und Geschichte 49 (2011), H. 4, S. 4-13.
  • Ralf-Gunnar Werlich: Verschollene Quellen zur Camminer Bistumsgeschichte aus Bast und Cammin in alten Fotografien. Anmerkungen zu bischöflichen Wappen und Zeugnissen der Greifenherrschaft. In: Pommern – Zeitschrift für Kultur und Geschichte 50 (2012), H. 2, S. 4-7.

Zitation

Haik Thomas Porada: Cammin (Hochstift). In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2014. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32541 (Stand 06.01.2015).

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