Eingliederung

1. Definition

Der Begriff „Eingliederung“ bedeutet die Einfügung weiterer Personen in eine homogene soziale Gruppe und setzt voraus, dass es sich dabei um einen zeitlich befristeten Vorgang handelt. Er wird fast immer transitiv gebraucht im Sinne von „jemanden eingliedern“, kann aber auch reflexiv gemeint sein, im Sinne von „sich eingliedern“.

Unter Eingliederung der Flüchtlinge und Vertriebenen aus den früheren Ostgebieten des Deutschen Reiches und aus den Siedlungsgebieten der Deutschen in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa wurde „Teilhaberschaft an der Volkswirtschaft, der Eigentumsverteilung und dem Kulturleben, die dem Können, der Vorbildung, der Neigung und der Funktion in der heimatlichen Sozialstruktur entsprechen oder nahekommen“ verstanden.[1] Mit der Eingliederung in der neuen Umwelt sollte die frühere oder eine im Zuge der eingetretenen Entwicklung als erstrebenswert erkannte gesellschaftliche Stellung erreicht werden.

2. Genese

Der Begriff „Eingliederung“ wurde 1921 von dem elsässischen Volkstumspolitiker Robert Ernst (1897–1980) in einer Arbeit über die Aufnahme der vertriebenen Elsass-Lothringer nach dem Ersten Weltkrieg verwandt. Der Begriff sollte signalisieren, dass ihre Aufnahme keine Belastung der Volkswirtschaft sein müsse, sondern beim „Wiederaufbau unserer Wirtschaft“ sogar „eine Stärkung bedeuten“ könne.[2]

3. Verbreitung

1946 wurde der Begriff von westdeutschen Politikern als dominierende Bezeichnung für die langfristige Aufnahme der deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen aus Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa wiederaufgenommen. Ab Mitte der 1950er Jahre wurde er in der Presse immer seltener verwendet und zunehmend vom Begriff „Integration“ abgelöst.[3] Außerhalb Deutschlands wurde und wird der Eingliederungsbegriff – auch in seiner Übersetzung als „insertion“ – kaum benutzt.

4. Historischer Abriss

Die Besatzungsmächte wollten ab 1945 eine schnelle Assimilation der über zwölf Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen, um politische Gruppenbildungen zu verhindern und Hoffnungen auf Rückkehr in die Heimat abzubauen.

Das Konzept, nach dem sich die Vertriebenen und Flüchtlinge am ersten Aufnahmeort assimilieren sollten, stieß aber  an seine Grenzen, weil die meisten auf dem Lande untergebracht worden waren, wo sie zwar ein Dach über dem Kopf, aber keine adäquaten Arbeitsplätze finden konnten. Westdeutsche Politiker und Verwaltungsbeamte erkannten, dass eine Neuverteilung unter dem Primat der Arbeitsplätze unumgänglich war. Sie nutzten den Flüchtlingsausschuss des Länderrats der amerikanischen Besatzungszone, das früheste länderübergreifende Organ der Flüchtlingsverwaltung in den westlichen Besatzungszonen, zur Entwicklung und Umsetzung ihrer „Wege zur Eingliederung“ und proklamierten im Juli 1946, „dass die Beschäftigung der Vertriebenen einen Teil des Gesamtaufbaus der deutschen Volkswirtschaft darstelle.“[4] Dazu müssten bestehende Flüchtlingsbetriebe erweitert und neue, auf Export ausgerichtete gegründet werden. Hintergrund dieser Forderungen war, dass die amerikanische Regierung vom Morgenthauplan abrückte und nun einen wirtschaftlichen Wiederaufbau Deutschlands wünschte, wie er dann mit Hilfe des Marshallplans initiiert wurde.

Der vom Länderrat gewählte Begriff „Eingliederung“ wurde in die Flüchtlingsgesetze der westdeutschen Länder übernommen. Auch für die beiden großen Bundesgesetze, die das Einleben der Flüchtlinge regelten und prägten, das Lastenausgleichsgesetz von 1952 und das Bundesvertriebenen- und Flüchtlingsgesetz von 1953, wurde der Begriff „Eingliederung“ konstitutiv. Dementsprechend berief auch das Bundesministerium für Flüchtlinge und Vertriebene eine „Forschungsgruppe Eingliederung“ ein, als es 1955 anlässlich des zehnjährigen Gedenkens an die Vertreibung ein umfassendes Forschungsprojekt anschob, dessen Abschluss die 1959 erschienene dreibändige Publikation „Die Vertriebenen in Westdeutschland“[5] bildete. Diese ließ aber nicht nur den beteiligten Wissenschaftlern deutlich werden, wie politisch besetzt der Begriff „Eingliederung“ war. Der für die Forschungsarbeit zuständige Ministerialbeamte machte von Anfang an klar, dass die Eingliederung eine eminent politische Bedeutung erhalten habe, weil sie „das ‚freiheitliche Europa‘ gestärkt und die Vertriebenen davor bewahrt habe, einer wurzellosen und nihilistischen ‚Vermassung‘ anheimzufallen.“[6]

Die neue Forschergeneration favorisierte den Begriff „Integration“.

5. Kontroversen

Die Politik der Eingliederung stand im Spannungsverhältnis zu den territorialen Rückgabeforderungen der deutschen Außenpolitik und den Bemühungen der Landsmannschaften um die Erhaltung des Rückkehrwillens und der landsmannschaftlichen Identität. Diese Ambivalenz zeigte sich auch in den Beiträgen in dem genannten, die Forschungen der 1950er Jahre bilanzierenden Werk „Die Vertriebenen in Westdeutschland“. In der Einleitung hob der Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte, Theodor Oberländer (1905–1998), hervor: „Die Eingliederung der Heimatvertriebenen ist nicht nur eine von dem Gebot der Menschlichkeit und der Wirtschaftlichkeit bedingte Aufgabe. Sie erhält einen besonderen Sinn aus der Erkenntnis, dass die Rückkehr der Deutschen in ihre Heimat nur möglich erscheint, wenn das Potential der Vertriebenen in seiner Lebenskraft wiederhergestellt wird. Die Eingliederung ist daher auch eine Voraussetzung der Rückkehr.“[7] Oberländers Staatssekretär Peter Paul Nahm (1901–1981) bezeichnete im selben Band die Politik der Eingliederung als „ein Wagnis in Bezug auf die Virulenz des Heimkehrwillens“ und bedauerte, dass nicht alle Vertriebenen „die Auslese“ bestünden und sich stattdessen teilweise assimilierten.[8]

Wie schwierig dieser Spagat sein konnte, zeige sich besonders bei der Eingliederung der vertriebenen Bauern, weil – so Nahm weiter – die Schaffung von landwirtschaftlichen Kleinsiedlungen und Nebenerwerbsstellen gegen die Erfordernisse einer rationellen Wirtschaft und gegen die notwendige Strukturverbesserung wirke. Der Wille der Siedelnden und ihrer Helfer, das für die Wiederbesiedlung unentbehrliche bäuerliche Potential zu erhalten, rechtfertige aber trotzdem dieses Vorgehen. Insofern sei ein Teil der bäuerlichen Ansiedlung ein Beweis dafür, dass die Eingliederung auch auf die Heimat im Osten bezogen sei. „Gerade die Nebenerwerbsstelle ist ein Notbehelf für die Dauer des Aufenthalts in Westdeutschland und ein berufliches Trainingsfeld für die bäuerliche Wiederbesiedlung der Heimat.“[9]

Den Spagat des Ministers und des Staatssekretärs machten nicht alle an der „Forschungsgruppe Eingliederung“ beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit. So distanzierte sich z. B. der in Lubahn in Westpreußen/Lubań als Sohn eines Rittergutbesitzers geborene Kieler Professor für Agrarpolitik, Hans-Heinrich Herlemann (1908–2004), von „mangelndem Wirklichkeitssinn“, der sich „in der Kritik am Berufswechsel der aus der Landwirtschaft stammenden Vertriebenen und der abnehmenden Siedlungsfreudigkeit“ verberge.[10]

Eine weitere Schwäche des Eingliederungsbegriffs war, dass dieser die Verbesserung der Lage der Flüchtlinge und Vertriebenen und den Abbau der Spannungen zwischen ihnen und der einheimischen Bevölkerung vor allem als Folgen staatlichen Handelns implizierte. Weitgehend ausgeblendet und bis heute unterschätzt blieb dabei, dass die Eigeninitiative der Flüchtlinge und Vertriebenen einen ebenso großen Anteil an den Erfolgen im Prozess der Integration hatte. Das zeigte sich z. B. darin, dass in den 1950er Jahren fast 3,5 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene auf eigene Faust von einem Bundesland in ein anderes gezogen sind, über dreimal so viele wie mit der staatlich gelenkten und geförderten Umsiedlung.[11]

6. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Volker Ackermann: Der „echte“ Flüchtling. Deutsche Vertriebene und Flüchtlinge aus der DDR 1945–1961. Osnabrück 1995.
  • Ders.: Integration: Begriff, Leitbilder, Probleme. In: Klaus J. Bade (Hg.): Neue Heimat im Westen. Vertriebene, Flüchtlinge, Aussiedler. Münster 1990, S. 1436.
  • Karin Böke: Flüchtlinge und Vertriebene zwischen dem Recht auf die alte Heimat und der Eingliederung in die neue Heimat. Leitvokabeln der Flüchtlingspolitik. In: Dies., Frank Liedtke, Martin Wengeler: Politische Leitvokabeln in der Adenauer-Ära. Berlin, New York 1996, S. 131–210.
  • Eugen Lemberg, Friedrich Edding (Hg.): Die Vertriebenen in Westdeutschland. Ihre Eingliederung und ihr Einfluss auf Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Geistesleben. 3 Bde. Kiel 1959.
  • Sabine Schleiermacher: Hans Harmsen. In: Ingo Haar, Michael Fahlbusch (Hg.): Handbuch der völkischen Wissenschaften: Personen, Institutionen, Forschungsprogramme, Stiftungen. München 2008, S. 222–226.

Anmerkungen

[1] Gerhard Weisser: Produktive Eingliederung. Monographien zur Politik. Heft 5. 2. Aufl. Göttingen 1956, S. 149.

[2] Robert Ernst: Die Eingliederung der vertriebenen Elsass-Lothringer in das deutsche Wirtschaftsleben im Augenblick seines Tiefstandes: Tatsachen u. Politik. Leipzig 1921, S. 6.

[3] Die Angaben finden sich in Wortverlaufskurven, die vom Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache erstellt werden. Das DWDS-Zeitungskorpus besteht aus einer Vielzahl bedeutender überregional verbreiteter Tages- und Wochenzeitungen (https://www.dwds.de/d/korpora/zeitungen).

[4] Peter Paul Nahm: Der Wille zur Eingliederung und seine Förderung. In: Eugen Lemberg und Friedrich Edding (Hg.): Die Vertriebenen in Westdeutschland. Ihre Eingliederung und ihr Einfluss auf Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Geistesleben. 3 Bde. Kiel 1959, Bd. 1, S. 145–155, hier S. 150. Die Mitglieder des Flüchtlingsausschusses des Stuttgarter Länderrats hielten ihre in der Sitzung vom 22. Juli 1946 diskutierten Überlegungen in einer Denkschrift fest. Sie ist in einer maschinenschriftlichen Fassung überliefert in der Bibliothek des Instituts für Weltwirtschaft und liegt auch in einer Druckfassung vor: Das Flüchtlingsproblem in der amerikanischen Besatzungszone. Ein Bericht des Länderrats an General Clay. Stuttgart 1948.

[5] Siehe Anm. 4.

[6] Zit nach: Volker Ackermann: Der „echte“ Flüchtling. Deutsche Vertriebene und Flüchtlinge aus der DDR 1945–1961. Osnabrück 1995, S. 24.

[7] Theodor Oberländer: Zum Geleit, in: Die Vertriebenen, Bd.1, S. V­f., hier S. VI. Siehe auch Anm. 4.

[8] Nahm: Der Wille (siehe Anm. 4), S. 152 u. 154.

[9] Nahm: Der Wille (siehe Anm. 4), S. 153.

[10] Hans-Heinrich Herlemann: Vertriebene Bauern im Strukturwandel der Landwirtschaft. In: Die Vertriebenen. Bd. 2, S. 53–165, hier S. 152.

[11] Bernhard Parisius: Aufnahme und Sekundärwanderungen von Flüchtlingen und Vertriebenen in den alten und neuen Bundesländern. In: Uwe Rieske (Hg.): Migration und Konfession. Konfessionelle Identitäten in der Flüchtlingsbewegung nach 1945. München 2010, S. 17–56, hier S. 27.

Zitation

Bernhard Parisius: Eingliederung. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2021. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p33008 (Stand 18.11.2021).

Nutzungsbedingungen für diesen Artikel

Copyright © Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE), alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk entstand im Rahmen des Projekts „Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa“ und darf vervielfältigt und veröffentlicht werden, sofern die Einwilligung der Rechteinhaber vorliegt. Bitte kontaktieren Sie: ome-lexikon@uol.de Wenn Sie fachliche Hinweise oder Ergänzungen zum Text haben, wenden Sie sich bitte unter Angabe von Literatur- und Quellenbelegen an die Redaktion.
OME-Redaktion (Stand: 20.04.2022)