Ethnische Säuberung

Begriff

Der Begriff „ethnische Säuberung“ ist eine Lehnübersetzung aus dem Serbokroatischen. Bereits in den 1980er Jahren wurde die Wortverbindung „etničko čišćenje“ von serbischer Seite für die Behandlung der im Kosovo lebenden serbischen Minderheit durch albanische Nationalisten geprägt. Anfang der 1990er Jahre wurde sie von kroatischer Seite für den gewalttätigen Umgang mit Kroaten in mehrheitlich von Serben bewohnten Ortschaften im Zusammenhang mit der Loslösung Kroatiens von Jugoslawien verwendet. In diesem Kontext wurde der Begriff 1991 erstmals in englischer Übersetzung in westlichen Medien zitiert.

Nachfolgend etablierte sich die Übersetzung „ethnic cleansing“ bzw. „ethnische Säuberung“ im westlichen Sprachgebrauch sehr schnell im Zusammenhang mit den Vertreibungen und massenhaften Tötungen, zu denen es im Kontext der Kriege und des staatlichen Zerfalls in Jugoslawien kam. Seit den 1990er Jahren wurde der Begriff aber auch auf weitere historische und zeitgenössische Ereignisse angewandt und in verschiedener Weise konzeptionalisiert.

Träger, Gebrauch

Der Begriff wurde in den 1990er Jahren zunächst in den Medien und von politischen Akteuren verwendet und ging bald in den allgemeinen Sprachgebrauch ein.

In der Rechtsprechung konnte sich der Begriff allerdings nicht etablieren. Er wurde zwar in Resolutionen des UNO-Sicherheitsrats und der Generalversammlung sowie in Anklageschriften und Urteilen des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien verwendet, stellte aber nie einen eigenen Anklagepunkt dar. Praktiken, die unter dem Begriff subsummiert werden, können als Kriegsverbrechen oder als Verbrechen gegen die Menschlichkeit verfolgt werden. „Ethnische Säuberung“ selbst stellt dagegen, wie die Vereinten Nationen festhalten, keinen eigenen juristischen Tatbestand dar: „Ethnic cleansing has not been recognized as an independent crime under international law.“[1]

Dagegen ist der Begriff in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen aufgegriffen und in vielfältiger Weise konzeptionalisiert worden. Dies gilt sowohl für die Soziologie und Politologie als auch für die Geschichtswissenschaften. In den Migrationswissenschaften hat sich der Begriff nicht etabliert [vgl. den Art. Migration].

Fremdsprachige Entsprechungen, Übersetzungen, Übernahmen

bosn./kroat./serb. etničko čišćenje; engl. ethnic cleansing; frz. nettoyage ethnique, purification ethnique; poln. czystka etniczna; tschech. etnická čistka

2. Definition

„Ethnische Säuberung“ wird zumeist definiert als eine systematisch organisierte und auf Dauer gerichtete gewaltsame Beseitigung einer ethnisch kategorisierten Gruppe in einem bestimmten Territorium mit dem Ziel seiner ethnischen Entmischung („Homogenisierung“).

Mit Blick auf die dabei angewandten Praktiken gibt es engere und weitere Definitionen:
a.) Nach einem engeren Begriffsverständnis sind „ethnische Säuberungen“ auf Praktiken der Zwangsmigration begrenzt. Sie können dabei unterschiedliche Formen erzwungener Migration annehmen, z.B. als provozierte Flucht, Vertreibung, Deportation, Umsiedlung oder Bevölkerungsaustausch. „Ethnische Säuberungen“ unterscheiden sich dabei von anderen Zwangsmigrationen, die Menschen nicht aufgrund ihrer Zuweisung zu einer ethnisch kategorisierten Gruppe betreffen (z.B. bei Umsiedlungen aus politischen, ökonomischen oder klimatischen Gründen). Nach diesem engeren Verständnis ist „ethnische Säuberung“ ein Mittel, das sich von anderen gewaltsamen Instrumenten ethnischer Homogenisierung unterscheidet (z.B. Genozid, Zwangsassimilation)[2], nicht selten werden aber auch fließende Übergänge festgestellt.[3]
b.) Nach einem weiteren Verständnis wird der Begriff „ethnische Säuberung“ weitgehend synonym mit dem der „ethnischen Homogenisierung“ verwendet. Zwangsmigration stellt dabei nur eine von mehreren möglichen Praktiken der „ethnischen Säuberung“ dar. Als weiteres Instrument gilt nach diesem Verständnis auch der Völkermord.[4] Auch die erzwungene Assimilation oder kulturelle Unterdrückung von Menschen – wenn diese auf die Zerstörung der Gruppe bzw. des Gruppenbewusstseins gerichtet sind –, werden mitunter dazu gezählt.[5]

3. Historischer Abriss

Sowohl der engeren als auch der weiteren Definition von „ethnischer Säuberung“ liegt die Kategorie der Ethnizität zur Selbst- und Fremdbeschreibung von Gruppen zu Grunde. Politiken und Praktiken der gewaltsamen Säuberung („Purifizierung“) von Bevölkerungen in einem bestimmten Territorium sind zwar schon seit der Antike belegt. Während sie aber lange zumeist politisch, kulturell oder religiös motiviert waren, gilt „ethnische Säuberung“ als spezifische Erscheinung der Moderne, die erst mit dem Aufkommen der Ethnizität als politisch relevante Kategorie möglich wurde, insbesondere im Zusammenhang mit dem Zerfall der Imperien seit dem 19. Jahrhundert und dem Aufkommen der Nationalstaatsidee in Europa.

„Ethnische Säuberungen“ mit dem Ziel einer ethnischen Homogenisierung gelten demnach als „genuin moderne Erfahrung“[6] bzw. „essentially modern“[7] und insbesondere für das 20. Jahrhundert als typisch, weil sie erst jetzt mit modernen technischen Mitteln des „social engineering“ als „ethnic engineering“ in großem Maßstab systematisch plan- und durchführbar wurden. Das 20. Jahrhundert wird daher gelegentlich auch als „Zeitalter“ oder „Jahrhundert der ethnischen Säuberungen“ bezeichnet.[8]

Als charakteristisch für „ethnische Säuberungen“ gilt in der Regel die Anwendung extremer Gewalt und der Zusammenhang mit Kriegs- und/oder Nachkriegssituationen, die ethnische Säuberungen erst ermöglichen, begünstigen oder als notwendig erscheinen lassen. In diesem Sinne gilt die Flucht und Vertreibung der Deutschen am Ende und in der Folge des Zweiten Weltkrieges bei den Vertretern des Konzepts als klassische und zudem umfangreichste „ethnische Säuberung“ des 20. Jahrhunderts.

4. Diskurse/Kontroversen

Seit dem Aufkommen des Begriffs der „ethnischen Säuberung“ sind dieser und die mit ihm verbundenen Konzeptionen umstritten.

So wird der Begriff immer wieder als ein euphemistischer Täterbegriff kritisiert, bei dessen Verwendung die dehumanisierende Rhetorik derer, die Gewalt ausüben, reproduziert werde. Bereits 1992 wurde der Begriff in diesem Sinne von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum „Unwort des Jahres“ gewählt, weil es sich bei ihm um eine beschönigende „Propagandaformel“ handele.[9]

Unter den Befürwortern des Begriffs werden verschiedene konzeptionelle Aspekte kontrovers diskutiert, wie zum Beispiel die Anwendung auf den außereuropäischen Raum, die Bedeutung von Kriegen oder von unterschiedlichen politischen Systemen. Vertreter einer engeren Definition von „ethnischer Säuberung“ als Zwangsmigration kritisieren zudem eine Überdehnung des Begriffs und eine fehlende Trennschärfe bei einem weiteren Verständnis als ethnische Homogenisierung, die von Zwangsassimilationen bis zum Genozid reichen kann.[10]

Kritik richtet sich gerade gegen die unscharfe Abgrenzung zum Begriff des Genozids, der in unterschiedlichen Konzepten entweder als strikt unterschieden, oder als mögliche Erweiterung oder als eine spezifische Form der „ethnischen Säuberung“ gilt. Insbesondere in der Gegenwartsanalyse wird oftmals kritisiert, dass der Begriff der „ethnischen Säuberung“ für Vorgänge verwendet werde, die tatsächlich einen Völkermord darstellten. Genozide würden dadurch marginalisiert und verharmlost, ein juristisches, politisches oder militärisches Eingreifen erscheine demzufolge nicht gleichermaßen notwendig oder dringlich.[11]

In den Sozialwissenschaften wird aufgrund der unterschiedlichen und mehrdeutigen Definitionen des Begriffes eine generelle „konzeptionelle Konfusion“ kritisiert, die eine effektive komparative Analysen verschiedener Ereignisse erschwere. Es wird hier daher teilweise ein völliger Verzicht auf den Begriff der „ethnischen Säuberung“ und seine Ersetzung durch präziser definierte und klarer abgegrenzte Begriffe empfohlen (z.B. Vertreibung, Massaker, Zwangsassimilation).[12]

Aus ähnlichen Gründen ist der Begriff auch in historischer Perspektive umstritten. Auch hier wird vor einer Vermengung von Zwangsmigrationen mit Völkermorden als grundsätzlich unterschiedlich zu bewertenden Vorgängen gewarnt, wenn etwa die Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem östlichen Europa zusammen mit Genoziden als „ethnische Säuberungen“ behandelt werden.[13] Im Fall der Deutung der Flucht und Vertreibung der Deutschen in der Folge des Zweiten Weltkrieges als „ethnische Säuberung“ wird zudem eine einseitige Fokussierung auf das vermeintliche Ziel ethnischer „Homogenisierung“ bei den handelnden Akteuren kritisiert. Es bestehe dabei die Gefahr, dass die deutsche Kriegs- und Besatzungspolitik lediglich als „Deckmantel“[14] für eine langfristig verfolgte Politik der ethnischen Entmischung betrachtet werde, als unmittelbarer realpolitischer und kausaler Kontext dagegen zu sehr aus dem Blick gerate.[15]

5. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Andrew Bell-Fialkoff: Ethnic Cleansing. New York 1996.
  • Rony Blum; Gregory H. Stanton; Shira Sagi; Elihu D. Richter: ‘Ethnic Cleansing’ Bleaches the Atrocities of Genocide. In: European Journal of Public Health 18 (2008), H. 2, S. 204–209.
  • Detlef Brandes: Das Jahrhundert der ‚ethnischen Säuberungen‘. Zwangsumsiedlungen in
  • Europa im 20. Jahrhundert. In: Ralph Melville; Jiří Pešek; Claus Scharf (Hg.): Zwangsmigrationen im mittleren und östlichen Europa. Völkerrecht – Konzeptionen – Praktiken (1838–1950). Mainz 2007, S. 3–18.
  • Ulf Brunnbauer; Michael G. Esch,: Einleitung. Ethnische Säuberungen in Ostmittel- und Südosteuropa im 20. Jahrhundert. In: Dies.; Holm Sundhausen (Hg.): Definitionsmacht, Utopie, Vergeltung. Ethnische Säuberungen im östlichen Europa des 20. Jahrhunderts. Berlin 2006, S. 7–20.
  • Zeynep H. Bulutgil: The Roots of Ethnic Cleansing in Europe. New York 2016.
  • Michael G. Esch: Zur historischen Verortung von „ethnischer Säuberung“ und Völkermord. In: Mathias Beer; Dietrich Beyrau; Cornelia Rauh (Hg.): Deutschsein als Grenzerfahrung. Minderheitenpolitik in Europa zwischen 1914 und 1950. Essen 2009, S. 15–34.
  • Meghan M.Garrity: “Ethnic Cleansing”: An Analysis of Conceptual and Empirical Ambiguity. In: Political Science Quarterly 138 (2023), H. 4, S. 469–489.
  • Jennifer Kirby-McLemore: Settling the Genocide v. Ethnic Cleansing Debate: Ending Misuse of the Euphemism Ethnic Cleansing. In: Denver Journal of International Law and Policy 50 (2022), H. 2, S. 109–137. 
  • Hans Lemberg: „Ethnische Säuberungen“: Ein Mittel zur Lösung von Nationalitätenproblemen? In: Aus Politik und Zeitgeschichte (1992), H. 46, S. 27–38.
  • Benjamin David Lieberman: Terrible Fate. Ethnic Cleansing in the Making of Modern Europe. Chicago 2006.
  • Michael Mann: Die dunkle Seite der Demokratie. Eine Theorie der ethnischen Säuberung. Hamburg 2019 (orig. Cambridge 2005).
  • Norman M. Naimark,: Flammender Hass. Ethnische Säuberung im 20. Jahrhundert. München 2004 (orig. Harvard 2001).
  • Dražen Petrović: Ethnic Cleansing – An Attempt at Methodology. In: European Journal for International Law 5 (1994), S. 342–359.
  • Karl Schlögel: Ethnic Cleansing as an Invention of the Twentieth Century: An Account of Expulsions in Europe. In: Rainer Münz; Rainer Ohliger (Hg.): Diasporas and Ethnic Migrants. Germany, Israel and Post-Soviet Successor States in Comparative Perspecttive. London-Portland 2003, S. 98–111.
  • Michael Schwartz: Ethnische „Säuberungen“ in der Moderne. Globale Wechselwirkungen nationalistischer und rassistischer Gewaltpolitik im 19. und 20. Jahrhundert. München 2013.
  • Holm Sundhausen: Ethnische Säuberung. In: Ders.; Detlef Brandes; Stefan Troebst (Hg.): Lexikon der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts. Wien-Köln-Weimar 2010, S. 229–234.
  • Philipp Ther: Die dunkle Seite der Nationalstaaten. „Ethnische Säuberungen“ im modernen Europa. Göttingen 2011.
  • Philipp Ther: Ein Jahrhundert der Vertreibung. Die Ursachen von ethnischen Säuberungen im 20. Jahrhundert. In: Ralph Melville; Jiří Pešek; Claus Scharf (Hg.): Zwangsmigrationen im mittleren und östlichen Europa. Völkerrecht – Konzeptionen – Praktiken (1838–1950). Mainz 2007, S. 19–38.

Anmerkungen

[1] United Nations. Office on Genocide Prevention and the Responsibility to Protect: Definitions of Genocide and Related Crimes: Ethnic Cleansing (10.06.2024). URL: https://www.un.org/en/genocide-prevention/definition (Abruf: 21.04.2026).

[2] Diese engere Definition wird u. a. vertreten von Bell-Fialkoff: Ethnic Cleansing; Brandes: Das Jahrhundert; Lemberg: „Ethnische Säuberungen“; Schlögel: Ethnic Cleansing; Ther: Die dunkle Seite.

[3] Mehrdeutig äußert sich Naimark, Flammender Haß, der einerseits die Unterschiede zwischen „ethnischer Säuberung“ und Völkermord betont (S. 11f.), andererseits aber auch allgemein anerkannte Völkermorde als „ethnische Säuberungen“ untersucht (z.B. den Genozid an den Armeniern).

[4] U. a. bei Bulutgil: The Roots; Brunnbauer/Esch: Einleitung; Esch: Verortung; Lieberman: Terrible Fate; Mann: Die dunkle Seite; Petrovic: Ethnic Cleansing; Schwartz: Ethnische „Säuberungen“; Sundhausen: Ethnische Säuberung. 

[5] So z. B. bei Brunnbauer/Esch: Einleitung; Lieberman: Terrible Fate; Mann: Die dunkle Seite; Petrovic: Ethnic Cleansing; Sundhausen: Ethnische Säuberung. 

[6] Naimark: Flammender Haß, S. 15

[7] Mann: Die dunkle Seite, S. 2.

[8] Ther: Ein Jahrhundert, S. 19; Brandes: Das Jahrhundert.

[9] www.unwortdesjahres.net/unwort/das-unwort-seit-1991/1991-1999/ (23.04.2026). 

[10] So z.B. Ther, Die dunkle Seite, S. 12.

[11] Blum/Stanton/Sagi/Richter: ‘Ethnic Cleansing’; Kirby-McLemore: Settling the Genocide sowie schon Petrovic: Ethnic Cleansing, S. 359.

[12] Garrity, “Ethnic Cleansing”, S. 473.

[13] Niven, Bill: Reactive Memory: The Holocaust and the Flight and Expulsion of Germans. In: Marc Silberman; Florence Vatan (Hg.): Memory and Postwar Memorials. Confronting the Violence of the Past. Basingstoke 2013, S. 51–70, hier S. 65; Hubert Orlowski: Flucht und Vertreibung. Gesichter der Deprivation. In: Hans Henning Hahn; Robert Traba (Hg.): Deutsch-Polnische Erinnerungsorte. Bd. 1. Paderborn 2015, S. 445–471, hier S. 457.

[14] So Naimark, Flammender Haß, S. 172.

[15] So z. B. Pertti Ahonen: On Forced Migrations: Transnational Realities and National Narratives in Post-1945 (West) Germany. In: German History 32 (2014), S. 599–614, hier S. 611; Eva Hahn; Hans Henning Hahn: Die Vertreibung im deutschen Erinnern. Legenden, Mythos, Geschichte, Paderborn u.a. 2010 S. 104, 111; Robert Traba; Robert Żurek: „Vertreibung“ oder „Zwangsumsiedlung“? Die deutsch-polnische Auseinandersetzung um Termini, das Gedächtnis und den Zweck der Erinnerungspolitik. In: Chrstoph Koch (Hg.): War die „Vertreibung“ Unrecht? Die Umsiedlungsbeschlüsse des Potsdamer Abkommens und ihre Umsetzung in ihrem völkerrechtlichen und historischen Kontext, Frankfurt/M. 2015, S. 321–372, hier S. 357.

Zitation

Stephan Scholz: Ethnische Säuberung. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2026. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32827 (Stand 10.09.2026). 

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