Navigation

Skiplinks

Neubauern

1. Definition

Infolge von Bevölkerungsverschiebungen, Flucht und Vertreibung während und nach dem Zweiten Weltkrieg kamen mehr als vier Millionen Menschen in das Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), der späteren DDR. Etwa drei Viertel aller Flüchtlinge lebten zunächst wegen der günstigeren Lebens- und Arbeitsbedingungen auf dem Land. Hier entstanden durch die Bodenreform rund 210.000 Neubauernstellen mit einer durchschnittlichen Größe von acht Hektar. Der Begriff "Neubauer" setzte sich – ohne offizielle Maßgabe – bereits 1945 als Bezeichnung für alle Landnehmer mit einem Besitz von mehr als fünf Hektar durch. Über 90.000 dieser Höfe wurden von sog. "Umsiedlern" bewirtschaftet.[1] In der Einrichtung von Neubauernstellen bündelten sich staatliche Bemühungen um Integration sowie um die Durchsetzung sozialistischer Reformen.

Spezifische Einrichtungen und Institutionen, die Eingliederungs- und Unterstützungsmaßnahmen für Flüchtlinge und Vertriebene koordinierten, wurden bereits ab 1948 wieder aufgelöst. Die Umsiedler wurden ab diesem Zeitpunkt in der behördlichen Überlieferung nahezu unsichtbar, sodass eine Differenzierung zwischen alteingesessenen (Neu-)Bauern und "Umsiedler-Neubauern" schwierig ist.

2. Historischer Abriss

Die Bodenreform und die Einrichtung von Neubauernstellen

Im September 1945 wurden in den Ländern Bodenreformverordnungen verabschiedet. Auf deren Grundlage erfolgte die entschädigungslose Enteignung aller Großgrundbesitzer mit einer landwirtschaftlichen Fläche von mehr als 100 Hektar, aktiver Nationalsozialisten und vermeintlicher wie tatsächlicher Profiteure des NS-Regimes. Der Sammelbegriff "Bodenreform" steht für eine groß angelegte Auf- und Umverteilung von Grundbesitz, aber auch von Immobilien, Viehbestand und Gerätschaften.[2] Dadurch sollten die alten sozioökonomischen Strukturen (v. a. Formen von Gutswirtschaft) zerstört, die Ernährung der Bevölkerung gesichert und die Eingliederung von Flüchtlingen erleichtert werden. Je nach Region unterschieden sich die Voraussetzungen: Während es in Mecklenburg, Brandenburg und Sachsen-Anhalt große Güter mit ausgedehnten Ländereien gegeben hatte, hatten in Thüringen und Sachsen mittelgroße Bauerngüter überwogen. Der Anteil an der enteigneten Fläche differierte entsprechend (Mecklenburg: 33 %, Brandenburg: 28 %, Sachsen-Anhalt: 22 %, Sachsen: 11 %, Thüringen: 6 %).[3]

Im Sommer 1948 war die Bodenreform weitgehend abgeschlossen.[4] Von den rund 3,3 Millionen Hektar Land wurden rund 2,2 Millionen Hektar an Einzelbesitzer neu vergeben; ein Drittel von ihnen waren Flüchtlinge und Vertriebene. Die neuen Landnehmer erhielten eine Urkunde, die ihnen schuldenfreien Landbesitz verbürgte. Den Grundbesitz gab es entgegen verbreiteter Ansicht nicht umsonst, sondern er musste mittels eines Kredits abgelöst werden. Das Land durfte weder verkauft, verschenkt oder verpachtet noch belastet oder mit anderen Parzellen zusammengelegt werden.

Bis Mitte 1949 hatte bereits mehr als ein Zehntel aller Neubauern den Betrieb wieder aufgegeben. Seit 1951 durfte ein Neubauernhof nur aus fest definierten Gründen und mit Genehmigung aufgegeben werden; dabei verloren die Besitzer sämtliche (Eigentums-)Rechte. In bestimmten Fällen (z. B. Straffälligkeit oder "Republikflucht") konnte die Stelle entzogen werden. Am 30. Juni 1953 waren von 210.276 Neubauernstellen noch rund 170.000 besetzt.[5]

Wirtschaftliche Situation und staatliche (Förder-)Maßnahmen

Die Hauptursache für Betriebsaufgaben war die mangelnde Rentabilität der Höfe: Die Ressourcenknappheit, d. h. der Mangel an Maschinen, Hofinventar, Viehbesatz und Saatgut, aber auch an landwirtschaftlichen Kenntnissen, verhinderte eine erfolgreiche Bewirtschaftung. Insbesondere die Flüchtlinge unter den Neubauern litten trotz bevorzugter Kredite unter den hohen finanziellen Belastungen, da sie in der Regel sämtliches Inventar neu erwerben mussten. Zudem waren die Ausgangsbedingungen durch die Bodenreform für Alteingesessene und "Umsiedler-Neubauern" sehr unterschiedlich, beispielsweise in Bezug auf die Bodenqualität und die Zuteilung von Inventar, was sich über Jahre gravierend auswirkte.[6] Lediglich 15 % aller Neubauernhöfe waren in der Lage, effizient zu wirtschaften.[7]

Ein großes Problem bildete über viele Jahre die mangelnde Versorgung mit Wohnraum, aber auch mit Wirtschaftsgebäuden wie Ställen und Lagerräumen. Die vielfach in ehemaligen Rittergütern und Schlössern bzw. deren Nebengebäuden eingerichteten Notunterkünfte waren in schlechtem baulichem Zustand, die Wohnbedingungen desolat. Einquartierungen bei der Altbevölkerung führten wegen der erzwungenen Enge beim gemeinsamen Wohnen und Wirtschaften häufig zu Konflikten.

Mit dem Befehl 209 der SMAD erging am 9. September 1947 die Anordnung zum Bau von insgesamt 37.000 Neubauernhäusern. Dazu zählten sowohl Wohn- als auch Wirtschaftsgebäude. Der tatsächliche Bedarf wurde von der Zentralverwaltungsstelle für Umsiedler (ZVU) allerdings auf 205.000 Gebäude geschätzt. Allein die "Umsiedler-Neubauern" benötigten 1951 noch 24.200 Wohnungen und 27.100 Ställe.[8]

Staatliche Unterstützungsmaßnahmen gab es in unterschiedlicher Form (zinslose Kredite, Reduzierung des Abgabesolls, Ausbildungshilfen für "Umsiedlerkinder" u. a.). Die Grundlage bildete das "Gesetz über die weitere Verbesserung der Lage der ehemaligen Umsiedler" (1950 erlassen und bis 1953 umgesetzt), das zwischen altansässigen (Neu-)Bauern und "Umsiedler-Neubauern" unterschied und die bevorzugte Unterstützung derjenigen "Umsiedler" vorsah, die nicht über ausreichend Zugkräfte und landwirtschaftliche Geräte verfügten.

Kollektivierung der Landwirtschaft

Im Jahr 1952 setzte mit der Gründung von LPGs der Prozess der Kollektivierung der Landwirtschaft ein.[9] Die LPG-Mitglieder erhielten bessere Konditionen in Bezug auf den Maschineneinsatz, die Saatgutzuteilung, Beratung und Betreuung und konnten von einer Verminderung des Ablieferungssolls, Steuererleichterungen und einer bevorzugten Kreditgewährung profitieren. Ende der Jahre 1952 bzw. 1953 betrug der Anteil der Neubauern an den LPG-Mitgliedern 78 bzw. 43 %, bevor ab 1954 die ehemaligen Landarbeiter und Landarbeiterinnen den Hauptteil der Mitglieder stellten (1954: 35 %, 1955: 30 %).[10] Während der Beitritt zunächst weitgehend freiwillig erfolgte, wurden die bäuerlichen Einzelwirtschaften ab 1960 im sog. Sozialistischen Frühling unter massivem politischen Druck in den LPGs zusammengefasst. Für Neubauern, die um ihr wirtschaftliches Überleben kämpften, war dieser Zusammenschluss durchaus lohnend und sicherte fortan das Auskommen des Haushalts. Alter, Familiensituation und Berufsperspektiven der Kinder bildeten entscheidende Kriterien für den Beitritt. Die Flüchtlinge unter den Neubauern bewerteten die Kollektivierung sehr unterschiedlich: Einige erhofften sich, durch die Veränderung ihren Status innerhalb der Dorfgemeinschaft festigen und abgesichert wirtschaften zu können, andere dagegen sahen sich einem erneuten Verlust, einer zweiten Enteignung ausgesetzt.

3. Diskurse

Die Einrichtung von Neubauernstellen trug in den Nachkriegsjahren dazu bei, die Ernährung und Unterbringung der Bevölkerung sicherzustellen. Zudem diente sie der "Verwurzelung" von Flüchtlingen und Vertriebenen. Staatliche Unterstützungsprogramme förderten die Loyalität gegenüber Staat und Partei. Integrationspolitische Maßnahmen zugunsten der "Umsiedler" wie Bodenreform und Kreditvergabe waren auf die angestrebte Transformation hin zu einer egalitären sozialistischen Gesellschaft ausgerichtet. Die Wirtschaftsform "Neubauernstelle" sollte das angestrebte Bündnis zwischen Arbeiterklasse und den nunmehr "werktätigen" Bauern stärken. Die traditionellen Dorfstrukturen wurden, angefangen von der Bodenreform bis zum Abschluss der Kollektivierung, vollständig aufgelöst.

Die Bodenreform und die Einrichtung von Neubauernstellen sind als Versuch zu werten, auf die Mangelsituation der Nachkriegszeit wirkungsvoll zu reagieren. Allerdings erwies sich diese Wirtschaftsform, die offenbar von vornherein als Zwischenstadium auf dem Weg zur Kollektivierung angelegt war, schnell als nicht rentabel und daher als nicht zukunftsfähig.[11]

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Arnd Bauerkämper: Die Neubauern in der SBZ/DDR 1945–1952. Bodenreform und politisch induzierter Wandel der ländlichen Gesellschaft. In: Richard Bessel, Ralph Jessen (Hg.): Die Grenzen der Diktatur. Staat und Gesellschaft in der DDR. Göttingen 1996, S. 108-136.
  • Arnd Bauerkämper: Die vorgetäuschte Integration. Die Auswirkungen der Bodenreform und Flüchtlingssiedlung auf die berufliche Eingliederung von Vertriebenen in die Landwirtschaft in Deutschland 1945–1960. In: Dierk Hoffmann, Michael Schwartz (Hg.): Geglückte Integration? Spezifika und Vergleichbarkeiten der Vertriebenen-Eingliederung in der SBZ/DDR. München 1999, S. 193-214.
  • Arnd Bauerkämper (Hg.): "Junkerland in Bauernhand"? Durchführung, Auswirkungen und Stellenwert der Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone. Stuttgart 1996 (Historische Mitteilungen, Beiheft 20).
  • Arnd Bauerkämper: Von der Bodenreform zur Kollektivierung. Zum Wandel der ländlichen Gesellschaft in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands und DDR 1945–1952. In: Hartmut Kaelble, Jürgen Kocka, Hartmut Zwahr (Hg.): Sozialgeschichte der DDR. Stuttgart 1994, S. 119-143.
  • Matthias Kramer: Die Landwirtschaft in der sowjetischen Besatzungszone. Die Entwicklung in den Jahren 1945–1955. Teil 1: Textteil. Hg. vom Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen. Bonn 1957 (Bonner Berichte aus Mittel- und Ostdeutschland).
  • Wolfgang Meinicke: Die Bodenreform und die Vertriebenen in der Sowjetischen Besatzungszone. In: Arnd Bauerkämper: "Junkerland in Bauernhand"? Durchführung, Auswirkungen und Stellenwert der Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone. Stuttgart 1996 (Historische Mitteilungen, Beiheft 20), S. 133-151.
  • Sebastian Pries: Das Neubauerneigentum in der ehemaligen DDR. Frankfurt/M. u. a. 1994 (Europäische Hochschulschriften: Reihe 2, Rechtswissenschaft 1581).
  • Jens Schöne: Das sozialistische Dorf. Bodenreform und Kollektivierung in der Sowjetzone und DDR. Leipzig 2008 (Schriftenreihe des Sächsischen Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen 8).
  • Michael Schwartz: "Vom Umsiedler zum Staatsbürger". Totalitäres und Subversives in der Sprachpolitik der SBZ/DDR. In: Dierk Hoffmann, Marita Krauss, Michael Schwartz (Hg.): Vertriebene in Deutschland. Interdisziplinäre Ergebnisse und Forschungsperspektiven. München 2000 (Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Sondernummer), S. 135-166.
  • Michael Schwartz: Vertriebene und "Umsiedlerpolitik". Integrationskonflikte in den deutschen Nachkriegs-Gesellschaften und die Assimilationsstrategien in der SBZ/DDR 1945–1961. München 2004 (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte 61).
  • Ulrich Wieler: Bauen aus der Not. Architektur und Städtebau in Thüringen 1945–1949. Köln u. a. 2011 (Veröffentlichung der Historischen Kommission für Thüringen, Kleine Reihe 31).
  • Manfred Wille (Hg.): Die Vertriebenen in der SBZ/DDR. 3 Bde. Wiesbaden 1996–2003 (Studien der Forschungsstelle Ostmitteleuropa an der Universität Dortmund 19/1-3).

Anmerkungen

[1] Die Bezeichnung "Umsiedler" wurde bereits 1945 auf Betreiben der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) eingeführt. Zu den sprachpolitischen Regelungen und den ideologischen Konnotationen der Begriffe "Umsiedler", "Flüchtlinge", "Vertriebene" und "Neubürger" vgl. Schwartz: "Vom Umsiedler zum Staatsbürger". In: Hoffmann, Krauss, Schwartz (Hg.): Vertriebene in Deutschland, S. 135-166.

[2] Vgl. hierzu grundlegend Bauerkämper (Hg.): "Junkerland in Bauernhand"? sowie Schöne: Das sozialistische Dorf.

[3] Kramer: Die Landwirtschaft in der sowjetischen Besatzungszone, S. 16. Die Zahlen sind gerundet.

[4] Zu den beteiligten Kommissionen, deren Zusammensetzung und den einzelnen Schritten bis zur Landvergabe vgl. Schöne: Das sozialistische Dorf, S. 64 ff. sowie Bauerkämper: Die Neubauern in der SBZ/DDR 1945-1952. In: Bessel, Jessen (Hg.): Die Grenzen der Diktatur, S. 114 ff.

[5] Pries: Das Neubauerneigentum in der ehemaligen DDR, S. 69.

[6] Meinicke: Die Bodenreform und die Vertriebenen in der Sowjetischen Besatzungszone. In: Bauerkämper (Hg.): "Junkerland in Bauernhand"?, S. 141, 143.

[7] Bauerkämper: Die vorgetäuschte Integration. In: Hoffmann, Schwartz (Hg.): Geglückte Integration?, S. 203.

[8] Bauerkämper: Von der Bodenreform zur Kollektivierung. In: Kaelble, Kocka, Zwahr (Hg.): Sozialgeschichte der DDR, S. 147.

[9] Schöne: Das sozialistische Dorf, S. 101ff.

[10] Kramer: Landwirtschaft in der Sozialistischen Besatzungszone, S. 52.

[11] Schöne: Das sozialistische Dorf, S. 42f., 47f., 101ff.

Zitation

Ira Spieker: Neubauern. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2012. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/55207.html (Stand 03.06.2015).

Nutzungsbedingungen für diesen Artikel

Copyright © Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE), alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk entstand im Rahmen des Projekts „Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa“ und darf vervielfältigt und veröffentlicht werden, sofern die Einwilligung der Rechteinhaber vorliegt. Bitte kontaktieren Sie: ome-lexikon(at)uol.de

Wenn Sie fachliche Hinweise oder Ergänzungen zum Text haben, wenden Sie sich bitte unter Angabe von Literatur- und Quellenbelegen an die Redaktion.

OME-Redaktion (Stand: 25.04.2018)