Vereinigte Verbände heimattreuer Oberschlesier e. V. (VVHO)

1. Kurzbeschreibung

Die Organisation „Vereinigte Verbände Heimattreuer Oberschlesier e. V.“ (VVHO) wurde 1919 gegründet, sie ging hervor aus der „Freien Vereinigung zum Schutz Oberschlesiens“. In den VVHO organisierten sich national gesinnte Oberschlesier, die für den Verbleib Oberschlesiens beim Deutschen Reich eintraten und verhindern wollten, dass die Volksabstimmung 1921 zu einer Zuteilung der Region Oberschlesien zum polnischen Staat führt. Die ‚Heimattreuen‘ warben vor der Abstimmung für ein Votum zugunsten des Deutschen Reichs und organisierten die Anreise nicht in Oberschlesien lebender abstimmungsberechtigter deutscher Oberschlesier in das Abstimmungsgebiet. Nach der Abstimmung 1921 bis zur Inkorporierung der Vereine im „Reichsbund ostdeutscher Heimatverbände“ 1934 wollten die VVHO als Heimatverein Oberschlesien das Problem der Teilung Oberschlesiens im Bewusstsein halten und im Deutschen Reich das Anliegen einer Revision verbreiten.

2. Aufgaben

Die Anstrengungen der VVHO zielten zunächst auf den Tag der Abstimmung über die Zugehörigkeit Oberschlesiens am 20. März 1921, an dem sie etwa 180.000 Deutsche, sogenannte „Exil-Oberschlesier“, die ursprünglich aus Oberschlesien stammten und so abstimmungsberechtigt waren, mit 250 Sonderzügen nach Oberschlesien brachten, sich um ihre Verpflegung und Unterbringung kümmerten.

Nach dem Plebiszit bildeten die VVHO den Kern der Oberschlesienlobbyisten, die die Erinnerung an die Abstimmungszeit und die nicht akzeptierte Teilung Oberschlesiens wach hielten und sich für das Deutschtum Oberschlesiens engagierten: „Die VVHO e.V. erstreben zur Pflege der Heimatliebe und des Aufschwungs Oberschlesiens als deutsches Land den Zusammenschluss der Oberschlesier und aller derjenigen, die gewillt sind, an diesem mitzuarbeiten.“[1]
Dabei richteten sie ihr Hauptaugenmerk auf die „Aufklärung“ über die Verhältnisse in Oberschlesien und die Revision seiner Teilung.
„Vor allen Dingen erstreben sie die Aufklärung der deutschen Öffentlichkeit und des Auslandes über das Oberschlesien durch den Genfer Spruch angetane Unrecht und eine Revision dieser Entscheidung. Alle parteipolitischen und konfessionellen Bestrebungen sind grundsätzlich ausgeschlossen.“[2]
In einem Brief an den niederschlesischen Landeshauptmann formulierte es die Zentralleitung 1930 als Aufgabe der VVHO, „den Gedanken an das Genfer Unrecht und dessen tragische Folgen (Not der Verdrängten, Belastung der Gemeinden, ungesunde Zunahme der Gewerbebetriebe trotz geringer Kaufkraft, Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot etc.) im ganzen Volke wachzuhalten.[3]
Darüber hinaus sahen die VVHO ihre Aufgabe in Rechtsvertretung und sozialer Betreuung der oberschlesischen Flüchtlinge und Optanten. Zudem wollten sie ihren Mitgliedern wirtschaftliche Vorteile bieten, etwa den Verkauf verbilligter Kohle oder eine günstige Sterbegeldversicherung.
Mit ihrer Gründung knüpften die VVHO an die von schlesischen Industriellen gegründete „Freie Vereinigung zum Schutz Oberschlesiens“ an. Als Startkapital dienten den VVHO zudem 2,5 Millionen Mark, die sie aus dem Nachlass des „Oberschlesischen Hilfswerkes“ erhielten, als dieses 1922 aufgelöst wurde. 1923 ging auch der zwei Jahre zuvor gegründete „Oberschlesische Hilfsbund“ in den VVHO auf. In der Abstimmungszeit war es geradezu Mode gewesen, sich für Oberschlesien einzusetzen – Reichspräsident Friedrich Ebert (1871–1925) hatte den Ehrenvorsitz im Oberschlesischen Hilfsbund übernommen und 1922 war auch Max Liebermann (1847–1935) beigetreten. Doch die Begeisterung für die Grenzregion ließ in den folgenden Jahren schnell nach. Bei den ‚Heimattreuen‘ sammelten sich nun vor allem Oberschlesier, die weiterhin gegen eine „Polonisierung“ Oberschlesiens arbeiten wollten. Außerhalb der Region boten die ‚Heimattreuen‘ ausgewanderten Oberschlesiern einen Heimatverein, der an Bräuche, Kultur und Geschichte ihrer Herkunftsregion erinnerte und in dem sie sich mit anderen Menschen treffen konnten, die auch aus Oberschlesien stammten.
Oberschlesier-Aktivisten versuchten die ‚Heimattreuen‘ aber auch zu nutzen, um das Schicksal ihrer geteilten Provinz im ganzen Reich bekannt zu machen und die von ihnen als „Wunde“ empfundene Grenzziehung durch das Genfer Abkommen von 1922 möglichst offen zu halten und so auf eine Revision dieser Grenze zugunsten Deutschlands hinzuarbeiten.

3. Organisation

In den VVHO organisierten sich etwa 18.000 Einzelmitglieder in sieben Landes- und 285 Ortsgruppen. ‚Heimattreue‘ gab es dabei nicht nur in Oberschlesien und Schlesien, sondern auch in anderen Teilen Preußens wie dem Ruhrgebiet, in Berlin, aber auch in entfernten Regionen wie Ostfriesland sowie in anderen Ländern, etwa in Bayern.

Bis 1924 hatten die ‚Heimattreuen‘ ihren Hauptsitz in Breslau/Wrocław, danach in Berlin. Besonders Lehrer waren im Verein stark vertreten, 1931 werden etwa im Landkreis Oppeln/Opole 18 Mitarbeiter namentlich geführt, elf davon Lehrer bzw. Rektoren, zwei weitere promovierte Personen, zwei Mitarbeiter ohne Berufsbezeichnung, ein Amtsvorsteher sowie zwei Landwirte.

Die ‚Heimattreuen‘ finanzierten sich über Beiträge ihrer Mitglieder und die Unterstützung staatlicher Stellen. So erhielten die Zentralleitung, die schlesischen Landesverbände und einzelne Ortsverbände auf unregelmäßiger Basis Geldzuwendungen von den schlesischen Provinzen, in einzelnen Fällen auch direkt von der Reichskanzlei in Berlin.

Als „Zentralorgan des Oberschlesischen Hilfsbundes und der Vereinigten Verbände Heimattreuer Oberschlesier, Berlin“ erschien ab August 1924 monatlich die Zeitschrift „Oberschlesien“. Abonnentenzahlen liegen nicht vor, jedoch scheint die Zeitschrift ständig in Existenznot gewesen zu sein. Eine Wirkung über den Mitgliederkreis hinaus ist nicht nachzuweisen. Im Oktober 1933 wurde „Oberschlesien“ mit der Zeitschrift „Der Heimattreue Schlesier“ fusioniert.

Die VVHO waren zusammen mit anderen Heimat- und Landsmannschaften im 1926 vom Reichsministerium des Inneren gegründeten sogenannten „Ostausschuss“ organisiert, der seinen Sitz in Berlin hatte. Er fasste unter Vorsitz von Wolf Graf von Baudissin (1907–1993) neben der VVHO u. a. die wichtigsten Heimatverbände aus den Regionen Posen/Poznań, Ost- und Westpreußen und Danzig/Gdańsk zusammen, um die optimale Ausnutzung des politischen Potenzials sowie eine politische Kontrolle durch die Regierung zu ermöglichen. Einzig der größte Ostverband, der „Ostbund“, ließ sich nicht in den Ausschuss integrieren. Die ‚Heimattreuen‘ waren vor allem aber auch ideell ein Teil eines größeren Netzwerks von ‚Ostaktivisten‘, die die aus der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg resultierende Grenzziehung im Osten Deutschlands nicht akzeptierten. Sie standen für ein Bild des ‚deutschen Ostens‘, das die Kulturleistung der Deutschen einseitig hervorhob und das die slawischen Völker als minderwertig und weniger ‚kulturfähig‘ beschrieb. So sollte der Anspruch auf die ehemals zum Deutschen Reich gehörenden, an Polen bzw. an die Tschechoslowakei verlorenen Gebiete aufrechterhalten werden. Dieses völkische Denken propagierte jedoch weit umfassender eine 'natürliche' Überlegenheit der Deutschen, um so deren Vorherrschaftsanspruch über die slawischen Nachbarvölker zu legitimieren. 1934 gingen die ‚Heimattreuen‘ ohne nennenswerte Proteste im „Reichsbund ostdeutscher Heimatverbände“ auf.

4. Geschichte

Während der Abstimmung und bis Anfang der 1930er Jahre reichten die Mitglieder in den VVHO von Sozialdemokraten über die katholische Volkspartei bis hin zu den Deutschnationalen. Von Anfang an waren die VVHO parteipolitisch zerstritten. 1926 kam es zu einer Führungskrise, als der Landtagsabgeordnete Albert Wilhelm Arlt, Deutsche Volkspartei (DVP), nach kurzer Zeit wegen unklaren Finanzverhaltens wieder auf den VVHO-Vorsitz verzichten musste. Ihm folgte 1927 der Zentrumspolitiker und Bürgermeister von Ratibor/Racibórz, Adolf Kaschny (1881–1951), der die VVHO für einige Zeit auf einem gemäßigten Kurs lenkte. Nach dem Rechtsruck des Vereins verblieben schließlich neben den Deutschnationalen nur Zentrumspolitiker im Vorstand. Eine eindeutige antirepublikanische Haltung ist den VVHO nicht nachzuweisen, genauso wenig jedoch ein eindeutiges Bekenntnis zur Demokratie. 

Da sich in Reihen der VVHO auch ehemalige Mitglieder des „Ostmarkenvereins“ fanden, welche die antipolnische Politik des Kaiserreichs unterstützt hatten, waren sie in Oberschlesien nicht unumstritten. Auch arbeiteten die VVHO mit völkischen Vereinen wie dem „Verband der Auslandsdeutschen“ und dem „Schutzbund“ zusammen. Schon seit ihrer Gründung sahen sich die ‚Heimattreuen‘ dem Vorwurf des Deutschnationalismus ausgesetzt. Bereits 1920 wurde ihr 'Hurrapatriotismus' aus den Reihen der katholischen Volkspartei, des oberschlesischen Zentrums, kritisiert, stärker noch vonseiten der Sozialdemokraten.

Die Tätigkeit der ‚Heimattreuen‘ umfasste neben öffentlichen Veranstaltungen wie den Abstimmungsgedenkfeiern in Oberschlesien Lobbyarbeit bei Provinzial-, Landes- und Reichsregierung, den Druck und die Verbreitung der eigenen Zeitschrift sowie von Propagandamaterial über ihre Mitglieder im Allgemeinen und über ihre Landes- und Ortsgruppen im Besonderen.

Unter den Mitgliedern der ‚Heimattreuen‘ spielte der Lehrer Karl Schodrok (1890–1978) eine herausgehobene Rolle. Schon als Mitbegründer der „Freien Vereinigung zum Schutz Oberschlesiens“ warb er in der Abstimmungszeit aktiv für den Verbleib Oberschlesiens bei Deutschland, ab 1924 gab er die Monatsschrift „Der Oberschlesier“ als „Kulturzeitung“ heraus. Nach der Vertreibung aus Oberschlesien wurde Karl Schodrok 1952 Leiter des „Kulturwerks Schlesiens“.

Als weiterer freischaffender Aktivist für Oberschlesien organisierte Arno Hoffmeister, ehemaliger Hauptgeschäftsführer der Landwirtschaftskammer in Posen, ab 1927 Inhaber der „Reichsjugendleitung“ im „Deutschen Ostbund“, die Zehnjahresfeiern der Abstimmung in Oberschlesien sowie „Ostmarken-Hochschulwochen“ an Universitäten oder Schulungswochen für Jugendliche und verband so seine Lobbyarbeit für Oberschlesien mit seiner Tätigkeit in Göttingen, Hannover, Braunschweig, Magdeburg und Frankfurt.

5. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Juliane Haubold-Stolle: Mythos Oberschlesien. Der Kampf um die Erinnerung in Deutschland und in Polen 1919–1956. Osnabrück 2008.
  • Guido Hitze: Carl Ulitzka oder Oberschlesien zwischen den Weltkriegen. Düsseldorf 2002.
  • Manfred Laubert: Die oberschlesische Volksbewegung. Breslau 1938.
  • Andrzej Michalczyk: Heimat, Kirche und Nation. Deutsche und polnische Nationalisierungsprozesse im geteilten Oberschlesien. Köln 2011.
  • T. Hunt Tooley: National Identity and Weimar Germany. Upper Silesia and the Eastern Border 1918–1922. Lincoln 1997.

Anmerkungen

[1] Aus der Satzung der VVHO, in: AP Opole NPPG 1000. Siehe dazu auch die Berichte von den „Schlesiertagen“ der VVHO in Breslau und Frankfurt/O. 1930 im „Oberschlesischen Grenzbericht für die Monate Juli, August und September 1930“, in: AP Opole NPPG 18.

[2] Ebd.

[3] Siehe das Schreiben der VVHO an Landeshauptmann Thaer vom 30.10.1930, in AP Wrocław WSPS 856.

Zitation

Juliane Haubold-Stolle: Vereinigte Verbände heimattreuer Oberschlesier e. V. (VVHO). In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2021. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32763 (Stand 22.11.2021).

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