OME-Lexikon

Königshütte/Chorzów

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Königshütte

Amtliche Bezeichnung

poln. Chorzów

Etymologie

Der Name Königshütte leitet sich von der gleichnamigen Eisenhütte ab, deren Siedlungen mit Teilen der umliegenden Gemeinden 1868 zur Stadt Königshütte zusammengefasst wurden. Die Hütte erhielt im Jahr 1800 zu Ehren König Friedrich Wilhelms III. von Preußen diesen Namen.

2. Geographie

Lage

50° 18' nördlicher Breite, 18° 57' östlicher Länge. Königshütte grenzt an Beuthen/Bytom und Kattowitz/Katowice.

Topographie

Königshütte liegt auf einer Hochebene, die Teil des Schlesischen Hochlandes ist. Die Stadt ist reich an Kohle- und Erzvorkommen.

Region

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Polen. Königshütte liegt in der Woiwodschaft Schlesien. Die Stadt ist Mitglied im 2007 von vierzehn kreisfreien Städten gegründeten Oberschlesischen Metropolenverbund (Górnośląski Związek Metropolitalny).

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Das der Stadt am 18. Oktober 1869 verliehene Wappen nimmt Bezug auf ihre Zugehörigkeit zu Schlesien, auf Wilhelm I. von Preußen (Krone und Monogramm) und auf den Bergbau (Schlägel und Eisen). Nach 1922 behielt die nunmehr polnische Stadt das Wappen bis 1934 bei. Erst mit der Eingemeindung des Ortes Chorzow/Chorzów wurde ihr ein neues Wappen verliehen, das auf die Zugehörigkeit zu Oberschlesien und die Gründung Chorzows durch einen Ritterorden verweist. Dieses ist bis heute in Gebrauch, wurde jedoch während der deutschen Besatzungszeit (1939–1945) durch das von Wilhelm I. verliehene Wappen ersetzt.

Gebräuchliche Beinamen

Vereinzelt findet sich der Beiname "Die Wiege des Bergbaus", wobei dieser auch für die Stadt Tarnowitz/Tarnowskie Góry verwendet wird.

Mittelalter

Bis zur Industrialisierung gab es auf dem Gebiet der heutigen Stadt nur kleine Ansiedlungen, u. a. das Dorf Chorzow, das 1136 in einer päpstlichen Urkunde Erwähnung fand.

Neuzeit

Bild

Die Königshütte in Chorzów (Grafik, 1808, Sammlung
Haselbach) [Herder-Institut, Marburg, Bildarchiv.
Inv.-Nr. P 1355]

Auf Betreiben des preußischen Berghauptmanns (1795–1807, seit 1779 Direktor des schlesischen Oberbergamtes) Graf Friedrich Wilhelm von Reden (1752–1815) wurde bei Beuthen 1796 die Steinkohlengrube "Carl von Hessen" (seit 1800 Königsgrube) abgeteuft, nachdem 1791 ein Steinkohleflöz von 3 m Mächtigkeit entdeckt worden war. In nächster Umgebung wurde 1797–1802 die "Königshütte" errichtet und ab 1798 mit dem Bau an der Arbeiterkolonie Königshütte begonnen. 1868 wurde die Stadt Königshütte per Dekret von Wilhelm I. von Preußen gegründet. Am 1. Mai 1869 wurde die Städteordnung eingeführt, am 20. Juni 1884 der Name in "Königshütte Oberschlesien" geändert. Am 1. April 1898 schied die Stadt aus dem Kreis Beuthen aus und wurde in einen eigenen Stadtkreis umgewandelt. In der Volksabstimmung in Oberschlesien am 20. März 1921 über die nationale Zugehörigkeit votierten 74,75 % der Stadtbewohner für den Verbleib beim Deutschen Reich, dennoch fiel die Stadt durch die Teilung des Abstimmungsgebiets am 15. Mai 1922 an Polen. Ihr Name wurde ins Polnische übersetzt: Królewska Huta.

Zeitgeschichte

Nach der Volksabstimmung 1921 kam es zur teilweisen Abwanderung der deutschen Bevölkerung, wobei eine deutsche Mehrheit im Stadtparlament vertreten blieb. Mit der Eingemeindung von Neu-Heiduk/Nowe Hajduki und Chorzow 1934 wurde die Stadt in "Chorzów" umbenannt. Diese Eingemeindungen veränderten die Verhältnisse zugunsten der polnischen Parteien, da die hinzugekommenen Orte stärker polnisch geprägt waren. 1939 wurde die Gemeinde Bismarckhütte/Batory eingemeindet.

Nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1939 wurden große Teile der polnischen Bevölkerung ins "Generalgouvernement" verdrängt und der frei werdende Wohnraum bis Ende 1944 v. a. durch zuwandernde Deutsche belegt. Die Bombenevakuierungen in den westdeutschen Großstädten verstärkten diesen Prozess seit 1943. Darüber hinaus wurden sog. Volksdeutsche aus Südosteuropa in Königshütte angesiedelt.

Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge wurden einquartiert und mussten für die zur Front berufenen Deutschen in den Industriebetrieben arbeiten. In Königshütte befanden sich mindestens zwei Nebenlager des KZ Auschwitz und fünf Arbeitslager.

Die Rote Armee nahm die Stadt ab dem 28. Januar 1945 fast kampflos und unzerstört ein. Eine Flucht war bis kurz vor dem Eintreffen der Armee verboten, sodass große Teile der Bevölkerung in der Stadt verblieben. Der als "deutsch" definierte Bevölkerungsteil wurde teilweise in die Sowjetunion verschleppt oder von den polnischen Behörden über die Oder-Neiße-Linie vertrieben. Die Vertreibung wurde aber nicht so rigide gehandhabt wie in anderen ehemaligen Teilen des Deutschen Reiches östlich von Oder und Neiße. Dringend benötigte qualifizierte Arbeiter erhielten ein Bleiberecht oder wurden zum Verbleib gezwungen. Bis Ende 1945 erklärten sich 41.000 Königshütter dem polnischen Staat gegenüber loyal.

Zudem wanderten aus Zentralpolen und den ehemaligen polnischen Ostgebieten Polen nach Königshütte ein. Erst in den Jahren 1956–1958 kam es zu einer verstärkten Auswanderung der deutschen Bevölkerung in die beiden deutschen Staaten, nach dem Warschauer Vertrag 1970 folgte eine zweite Ausreisewelle.

Bevölkerungsentwicklung

Im Jahr der Stadtgründung 1868 lebten 14.151 Einwohner in Königshütte.[1] Die Stadt wuchs während der Industrialisierungsphase stark an und war bereits 1875 mit 26.040 Einwohnern die größte Stadt in Oberschlesien. Diese Position behielt sie bis zu Beginn der 1920er Jahre; fehlende Erweiterungsmöglichkeiten hemmten seither ihre Entwicklung.[2]

1977 war mit 156.600 Einwohnern der Höchststand der Bevölkerung Königshüttes erreicht; seither hat die Stadt ein gutes Viertel ihrer Einwohner verloren.[3] Mit 111.536 Einwohnern im Jahr 2012 ist Königshütte heute nach Einwohnern die zwölftgrößte Verwaltungseinheit des aus 27 Städten, Gemeinden und Kreisen bestehenden oberschlesischen Industriegebiets.[4]

Wirtschaft und Verkehr

Aufgrund reicher Steinkohlevorkommen wurde 1797 auf der Grube der Schacht "König" niedergebracht. Zur Wasserhaltung kam hier eine der ersten Dampfmaschinen auf dem europäischen Festland zum Einsatz. Am 25. September 1802 wurde der erste Kokshochofen angeblasen, der mit 14 m der größte Europas war. Die Hütte entwickelte sich gut und war bald die größte Einrichtung ihrer Art auf dem europäischen Kontinent.

Kurzzeitig florierte ein Kurbetrieb mit dem aus den Gruben geförderten Wasser, der mit der Industrialisierung wieder verschwand. Weitere Unternehmen der Schwerindustrie und des verarbeitenden Gewerbes siedelten sich an oder kamen mit den Eingemeindungen hinzu. Die Industriebetriebe wurden nach dem Zweiten Weltkrieg ausgebaut, die Königsgrube in "Prezydent" und "Barbara-Wyzwolenie" geteilt. Seit dem Strukturwandel ist die Schwerindustrie auch in Königshütte auf dem Rückzug: Zahlreiche Betriebe wurden geschlossen. Kleinere und mittlere Dienstleistungs- und Handelsunternehmen konnten die Arbeitsplatzverluste nur bedingt ausgleichen, sodass die Arbeitslosenquote in Königshütte eine der höchsten in Oberschlesien ist.

Die erste Bahnstrecke auf dem heutigen Stadtgebiet führte seit 1847 von Schwientochlowitz/Świętochłowice über Heiduk nach Myslowitz/Mysłowice; erst 1873 erhielt die Stadt Königshütte einen Anschluss ans Eisenbahnnetz. Seit 1894 existiert eine dampfbetriebene Kleinbahn, die 1898 elektrifiziert wurde.

Religions- und Kirchengeschichte

1871 lag der Anteil der Bewohner Königshüttes mit römisch-katholischem Glaubensbekenntnis bei 83,3 %. Dieser Wert erhöhte sich bis 1910 leicht auf 86,9 %, während der Anteil der evangelischen Bevölkerung im selben Zeitraum ebenso zurückging (von 13,4 % auf 11,8 %) wie der der jüdischen Bevölkerung (von 3,3 % auf 1,3 %).[5]

Die jüdische Gemeinde von Königshütte entstand um 1860 und zählte 1939 rund 5.000 Mitglieder (1871: 500; 1910: 1.500),[6] umfasste aber auch einige Nachbargemeinden. Die große Synagoge wurde 1874 erbaut und nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1939 niedergebrannt. Fast die gesamte jüdische Bevölkerung Königshüttes wurde deportiert und ermordet.

Besondere kulturelle Institutionen

Auf dem Gelände des 1870–1872 von der Hüttenverwaltung angelegten Hüttenparks (des späteren Redenparks) befindet sich heute der Oberschlesische ethnographische Park (Górnośląski Park Etnograficzne), ein Kultur- und Erholungspark mit einem Freilichtmuseum (über siebzig historische Holzgebäude aus der Region), dem größten Planetarium Polens (Planetarium Śląskie), einem Zoologischen Garten (Śląski Ogród Zoologiczny) und dem Schlesischen Stadion (Stadion Śląski).

Bildung und Wissenschaft

Einzelne Institute der Schlesischen Universität Kattowitz befinden sich in Königshütte.

Bild

Kaiserstraße Königshütte/Chorzów (Postkarte: vor
1927) [Herder-Institut, Marburg, Bildarchiv.
Inv.-Nr. 141180]

Alltagskultur

1920 wurde in Königshütte der heutige Fußballklub FC Ruch Chorzów als FC Ruch Bismarkhuta gegründet und 1923 mit dem deutschen Verein Bismarckhütter Ballspielclub zwangsvereinigt. 1939 wurde der Verein mit der Eingemeindung Bismarckshüttes in KS Ruch Chorzów umbenannt. Nach weiteren Umbenennungen unter deutschem und später sowjetischem Einfluss erhielt er 1956 seinen alten polnischen Namen zurück. Der Rekordmeister Ruch (= "die Bewegung") gilt als Verein der schlesischen Aufständischen und dient vielen Anhängern als Träger schlesischer Identität. Als Abgrenzung zum Polnischen werden von Anhängern des Vereins bei Heimspielen auch Banner mit der deutschen Übersetzung "Ruch Königshütte" gezeigt.

Kunstgeschichte

In Königshütte haben sich einige Industriegebäude erhalten, z. B. der 1987 stillgelegte Förderturm des Schachts Heinrich (später Elżbieta), ein in Burgform angelegter neugotischer Bau mit rundem Förderturm, sowie der 1993 stillgelegte Förderturm der Königsgrube (später Prezydent und Polska) in Stahlskelettbauweise (1933).

Adolph Menzel (1815–1905) malte auf Grundlage von Skizzen, die er im Schienenwalzwerk in Königshütte angefertigt hatte, zwischen 1872 und 1875 Das Eisenwalzwerk, das als eines der ersten Gemälde die Industrialisierung als von Maschinen dominierten Arbeitsprozess zeigt (heute in der Alten Nationalgalerie, Berlin).

Die älteste Kirche Königshüttes ist die 1599 erbaute St.-Laurentius-Kirche, eine Schrotholzkirche, die 1936–1938 von Knurow/Knurów nach Königshütte versetzt wurde. Im neugotischen Stil wurden die evangelische Elisabethkirche (1840–1844) und die katholische Barbarakirche (1852) erbaut, in der St.-Antonius-Kirche (1931–1934; Adam Ballenstedt) verbinden sich Expressionismus und Art Déco. In der Zwischenkriegszeit entstanden zahlreiche öffentliche Bauten im Stil der Moderne, u. a. die Volksschulen an der ul. 3-go Maja (1929–1931; Wociech Soboń) und der ul. Farna (1930–1932; Karol Schayer, Antoni S. Olszewski) sowie das Hochhaus der Städtischen Sparkasse (1936/37; Stanisław Tabeński).

Gedächtnis- und Erinnerungskultur

Besondere Bedeutung in der Geschichte Königshüttes haben zwei Denkmäler: Das von Theodor Kalide entworfene Denkmal des Grafen Friedrich Wilhelm von Reden, der als einer der "Väter der oberschlesischen Industrie" gilt, wurde 1853 auf dem Redenberg eingeweiht (1939 beschädigt, 1940 restauriert, 1941 neu aufgestellt, 1945 zerstört). 2002 wurde ein neues Reden-Denkmal auf dem Hüttenplatz aufgestellt. Bedeutend ist auch das "Denkmal des aufständischen Hüttenwerkers", das 1927 mit Blick nach Norden zur nächstgelegenen deutsch-polnischen Grenze errichtet wurde (1939 entfernt, nach dem Krieg erneut aufgestellt).

Die Stadt Oberhausen übernahm 1955 die Patenschaft für Königshütte. Es fanden allerdings nur zwei Heimattreffen statt, seit den 1970er Jahren wird diese Patenschaft nicht mehr aktiv betrieben.

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Sławomir Brzezicki: Chorzów/Königshütte; Chorzów – Batory/Bismarckhütte; Chorzów – Stary Chorzów/Chorzow. In: Ernst Badstübner, Dietmar Popp, Andrzej Tomaszewski, Dethard von Winterfeld (Hg.), Sławomir Brzezicki, Christine Nielsen (Bearb.): Dehio-Handbuch der Kunstdenkmäler in Polen. Schlesien. München, Berlin 2005, S. 225-228, S. 228, S. 228f.
  • Peter Chmiel: Die Städte des Oberschlesischen Industriegebietes nach 1945. Grundzüge der demographischen Entwicklung. In: Oberschlesisches Jahrbuch 5 (1989), S. 107-126.
  • Festschrift für das "Treffen der Königshütter" am 21., 22. und 23. September 1962 in der Patenstadt Oberhausen (Rhld.). Königshütte. Hg. vom Vertriebenenamt der Stadt Oberhausen. Düsseldorf [1962].
  • Marian Gałuszka: Chorzów wczoraj. Königshütte gestern. Gliwice 1996.
  • Grzegorz Grzegorek: Encyklopedia Chorzowa [Königshütte-Lexikon]. Chorzów, Erdmannswille, Hajduki Dolne, Hajduki Górne, Królewska Huta, Maciejkowice, Nowe Hajduki, Pniaki, Szarlociniec, Wielkie Hajduki. Katowice 2009 (Male encyklopedie Małych Ojczyzn).
  • Jenny Mügel: Die Königshütte. Versuch einer Darstellung früher Industriearchitektur am Beispiel des oberschlesischen Industriereviers. Berlin 2004.
  • Paul Rother: Chronik der Stadt Königshütte Oberschlesien. Dülmen 1994.
  • Hugo Weczerka: Königshütte. In: Ders. (Hg.): Handbuch der historischen Stätten. Schlesien. Stuttgart 1977 (Kröners Taschenausgabe 316), S. 236f.

Weblinks

Anmerkungen

[1] Gałuszka: Chorzów wczoraj, S. 7.

[2] Hans-Jakob Tebarth: Bevölkerungs- und Stadtentwicklung des Regierungsbezirks Oppeln im Zeitalter der Industrialisierung. In: Oberschlesisches Jahrbuch 5 (1989), S. 1-18, hier S. 8.

[3] http://www.stat.gov.pl/cps/rde/xbcr/gus/rs_rocznik_demograficzny_2012.pdf, S. 93 (Abruf 27.09.2013).

[4] http://www.stat.gov.pl/cps/rde/xbcr/gus/rs_rocznik_demograficzny_2012.pdf, S. 44 (Abruf 27.03.2013).

[5] Walther Hubatsch (Hg.): Grundriß zur deutschen Verwaltungsgeschichte 1815–1945. Reihe A: Preußen. Bd. 4: Schlesien, Stichwort Kreis Königshütte-Stadt. [Hg. v.] Johann-Gottfried-Herder-Institut, Marburg/L. 1976, S. 217f.; Karl Brämer: Die Stadt Königshütte in Oberschlesien. Ein statistischer Abriß und ein Beispiel. In: Zeitschrift des Königlich Preussischen Statistischen Bureaus 31 (1891), S. 201-226, hier S. 207.

[6] Gałuszka: Chorzów wczoraj, S. 8.

Zitation

Stephan Müller: Königshütte/Chorzów. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2013. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/58495.html (Stand 12.05.2015).

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