Kirgisien

Kirgisien

1. Toponymie

 

 

Deutsche Bezeichnung

Kirgisien, Kirgis(s)tan (irrtümlich auch: Kirgisistan), (Sowjet)Republik Kirgisien/Kirgis(s)tan

Amtliche Bezeichnungen

Kirg.: Kyrgyz Respublikasy, Kyrgyzstan; russ. in der Russländischen Föderation, nach der Verordnung der Administration des Präsidenten vom 17. August 1995: Kirgizija, Kirgizskaja Respublika; auf russ. in der Republik selbst: Kyrgyzstan, Kyrgyzskaja Respublika.

2. Geographie

Lage

Das Territorium der Republik Kirgisien umfasst 199.900 km² und liegt zwischen China im Osten und Südosten, Tadschikistan (südlich, südwestlich), Usbekistan (östlich) und Kasachstan im Norden. Die Gesamtbevölkerung des Landes beträgt 6.512.700 (Stand 01. Dezember 2019). Die Hauptstadt ist Bischkek (bis 1991 Frunse) mit derzeit 1.051.700 Einwohnern.[1]

Topographie

Den Großteil der Republik bilden Berglandschaften; zwei Drittel der Fläche liegen 3.000 m über dem Meeresspiegel. Das Klima ist sehr trocken und kontinental, die Temperaturen schwanken im Laufe des Tages erheblich. Obwohl das Land reich an Bodenschätzen ist, gehört Kirgisien zu den ärmsten Ländern der Welt (151. Platz nach BIP pro Kopf [kaufkraftbereinigt], Stand 2018).[2] Wegen der reizvollen Bergseen und -landschaften wird es auch als „Schweiz Mittelasiens“ tituliert.

Historische Geographie

Nach der russischen Eroberung im 19. Jahrhundert gehörte das Territorium Kirgisiens zum Turkestanischen Generalgouvernement und ab 1918 zu der Turkestanischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik. Erst im Zuge der national-staatlichen Abgrenzung Mittelasiens entstand im Oktober 1924 das Kara-Kirgisische (seit Mai 1925 das Kirgisische) autonome Gebiet, das 1926 in eine autonome Republik innerhalb der Russländischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) umgewandelt wurde. 1936 wurde Kirgisien zu einer Unionsrepublik aufgewertet und aus dem Bestand der RSFSR ausgegliedert. Im Zuge der Auflösung der UdSSR erklärte sich Kirgisien am 31. August 1991 zu einem unabhängigen Staat, der Mitglied der Gemeinschaft der Unabhängigen Staaten (GUS) ist.

3. Geschichte und Kultur

Siedlung und Zugehörigkeiten der Kirgisen vom Mittelalter bis zur frühen Neuzeit

Die Ethnogenese des kirgisischen Volkes ist bis heute nicht vollständig geklärt. Die meisten Historiker und Ethnologen gehen davon aus, dass seine Ursprünge in Ostsibirien, zwischen den Flüssen Jenissej und Orchon liegen. Mit den seit Ende des 12. Jahrhunderts einsetzenden Eroberungszügen von Dschingis Khan und seinen Nachkommen begann die Abwanderung eines Teils der sibirischen Kirgisen auf das Territorium, das das heutige Staatsgebiet bildet. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden kirgisische Stämme zum Spielball politischer und militärischer Rivalitäten zwischen verschiedenen Kräften: dem Qing-Reich (Kaiserreich China zwischen 1644 und 1911) und dem Reich der Dzungaren (Dschungaren), dem uigurischen Ost-Turkestan und dem usbekischen Khanat von Kokand. Zunehmend machte auch das Russische Reich seine politisch-militärischen und territorialen Ansprüche geltend.

Integration ins Russische Reich und die Sowjetunion

In der Zeit von 1800 bis 1868 befanden sich die kirgisischen Siedlungsgebiete größtenteils unter der Herrschaft des Khanats von Kokand. Die Unzufriedenheit mit der kokandischen Herrschaft und Rivalitäten mit einigen kasachischen Stämmen nutzend konnte Russland in den Jahren 1855–1868 Nord-Kirgistan mit geringem militärischem Aufwand unter seine Kontrolle bringen. Dagegen stieß das Vordringen im südlichen Teil des Siedlungsgebiets, v. a. in das Fergana-Tal und in die Pamir-Berge, auf erbitterten Widerstand der dort lebenden Kirgisen, Usbeken und Tadschiken; die vollständige Befriedung gelang erst 1894. Die historisch bedingten Unterschiede der nördlichen und südlichen Stammesverbände spielen bis heute im gesellschaftspolitischen Leben der Kirgisen eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Unter der russischen Kolonialmacht blieben ihre tribalen Strukturen, ihre wirtschaftlichen und konfessionellen Verhältnisse nahezu unverändert. Obwohl der Zustrom europäischer Kolonisten, vornehmlich russischer und ukrainischer Bauern, relativ gering war, besaßen sie bereits 1916 in den nördlichen Kreisen Prževal’sk und Pišpek des Semirečensker Gebiets 67  bzw. 57 Prozent des Ackerlandes. Nicht von ungefähr bildeten diese beiden Kreise Epizentren des 1916 in ganz Zentralasien von der einheimischen Bevölkerung entfachten Aufstandes. Unmut erregte vornehmlich der Umstand, dass die bislang von jeglicher Art des Militärdienstes befreiten Urbewohner nun als rekrutierte Bauarbeiter in den frontnahen Gebieten eingesetzt werden sollten. Geschätzte 100.000 Kirgisen kamen dabei um, entweder im Zuge von Strafexpeditionen oder auf der Flucht.[3]

Die 1917 an die Macht gekommenen Bolschewiki versprachen Autonomierechte und eine radikale Agrarreform, die vor allem die Interessen der indigenen Bevölkerung berücksichtigen sollte, darunter die Rückgabe eines Großteils des sich in den Händen der europäischen Siedler befindenden Ackerlandes. Die Ausrufung des autonomen Gebiets im Jahr 1924 und, schließlich, die Erhebung in den Rang einer Unionsrepublik (1936) leiteten den Prozess der Konsolidierung und Herausbildung der kirgisischen Nation ein. Die wirtschaftliche, politische und kulturelle Entwicklung verlief in all den Jahren der Sowjetmacht, ähnlich wie in den anderen nationalen Republiken, recht widersprüchlich. Zum einen gab es vielfältige Anstrengungen zur Alphabetisierung der bis dahin kaum lese- und schreibkundigen indigenen Bevölkerung, zur Etablierung einer flächendeckenden medizinischen Grundversorgung. Kulturelle Belange (Museen, Zeitungswesen, Literatur, Verlagswesen) wurden staatlich unterstützt, neue, bislang nicht existierende Kulturgattungen (Theater, Oper, Film) entstanden, das Kirgisische wurde zur Amtssprache erhoben und die nationalen Kader erfuhren eine gezielte Förderung.

Auf der anderen Seite wurde die traditionelle Kultur und Lebensweise der Nomaden seit Ende der 1920er Jahre systematisch zerstört, die alte Elite eliminiert, die muslimische Geistlichkeit verhaftet und z. T. umgebracht, der islamische Glauben durch atheistische Propaganda ersetzt. Die Umstellung der ursprünglich auf dem arabischen Alphabet basierenden kirgisischen Schriftsprache zunächst auf das lateinische (1928) und später auf das kyrillische (1940) Alphabet schnitt die nationale Kultur von ihren orientalischen Wurzeln ab und erleichterte die seit den 1950er Jahren immer mehr um sich greifende Russifizierung. Der „Große Terror“ 1937/38 vernichtete das Gros der gerade entstandenen kirgisischen Intelligenz.

Einen besonders starken wirtschaftlichen und intellektuellen Schub bekam Kirgisien während des deutsch-sowjetischen Krieges, da die Republik als Standort für zahlreiche Verlagerungen von Industriebetrieben, Hochschulen und wissenschaftlichen Instituten und Kultureinrichtungen aus den kriegsbedrohten industriellen und Kulturzentren im europäischen Teil des Landes fungierte. Noch während des Krieges entstand die Kirgisischen Filiale der Akademie der Wissenschaften (AdW) der UdSSR (1943), die später in die nationale AdW der Kirgisischen Sowjetrepublik (1954) umgewandelt wurde. Ihr folgte die Gründung der Nationalen Universität (1951). Nach dem siegreichen Kriegsende verblieben einige Betriebe in der Republik, was den Anteil der russischsprachigen Bevölkerung, besonders in den Städten, vergrößerte.

Die Kirgisen stellten seit der Etablierung des nationalen Territoriums stets eine knappe Bevölkerungsmehrheit dar; zu Minderheiten gehören Vertreter zahlreicher orientalischer (u. a. Usbeken, Tataren, Uiguren und Tadschiken) und europäischer Ethnien (v. a. Russen, Ukrainer und Deutsche). Der letzte sowjetische Zensus 1989 registrierte in der Unionsrepublik 4.257.755 Einwohner, davon 2.229.663 Kirgisen (52 Prozent), 916.558 Russen (21,5 Prozent), 550.096 Usbeken (13 Prozent), 108.027 Ukrainer (2,5 Prozent) und an fünfter Stelle 101.309 Deutsche (2,4 Prozent). Ständig gab es Konflikte zwischen bestimmten Nationalitäten, vor allem zwischen den Kirgisen und der im Süden des Landes kompakt lebenden usbekischen Minderheit, die im Sommer 1990 zu einem offenen Ausbruch der Gewalt mit zahlreichen Toten um die Stadt Osch/Oš führten. Bis heute sind die interethnischen Beziehungen sehr angespannt.

Staatliche Unabhängigkeit seit 1991

Der Weg als souveräner Staat verläuft für Kirgisien besonders schmerzhaft: Der Zusammenbruch des einheitlichen sowjetischen Wirtschaftsraumes, das Stilllegen größerer Betriebe, die auf die Kooperation mit verschiedenen Partnern in der ganzen UdSSR angewiesen waren und für den Unionsbedarf produzierten, die Einleitung, wenn auch nicht immer konsequent, von marktwirtschaftlichen Reformen, die die Ineffizienz der meisten industriellen und landwirtschaftlichen Betriebe offenlegten – das alles führte zu einer Wirtschafts- und nicht zuletzt auch zu einer Gesellschaftskrise und zu wachsender politischer Instabilität. Die industrielle Produktion betrug 1995 nur 32,8 Prozent des Niveaus von 1990.[4]

Im Gegensatz zu seinen Nachbarn besitzt Kirgisien kaum Erdöl- und Gasvorkommen und ist in seinem Energie- und v. a. Treibstoffbedarf auf kostspielige Importe angewiesen. In dem neuformierten Staat machte sich bald eine verstärkte Bevorzugung der staatsbildenden Nationalität in der akademischen Ausbildung und bei der Postenvergabe im öffentlichen Dienst bemerkbar; die kirgisische Sprache wurde zur Staats- und Amtssprache erhoben. Die russische Sprache und Kultur verlieren zunehmend ihre dominante Stellung. Diese Faktoren begünstigten die schon seit Ende der 1970er Jahre beobachtete Tendenz der Abwanderung der europäischen Bevölkerung. Bei gleichzeitig hohen Geburtenüberschüssen der orientalischen Völker führte dies zu einer beträchtlichen Veränderung der ethnischen Zusammensetzung im Land. Laut Volkszählung von 2009 stellten die Kirgisen mit 3,8 Millionen Einwohnern 71 Prozent der 5,4 Millionen Menschen zählenden Gesamtbevölkerung der Republik, gefolgt von der bis auf 768.000 Personen (14 Prozent) angewachsenen usbekischen und auf 420.000 (8 Prozent) geschrumpften russischen Minderheit. Weitere größere Volksgruppen bilden nun die Dunganen (muslimische Chinesen), Uiguren, Tadschiken und Türken. Nur 9.487 Deutsche, die 0,2 % der Gesamtbevölkerung ausmachen, sind in Kirgisien verblieben.[5]  

4. Geschichte der Deutschen in Kirgisien

Deutsche auf dem Territorium Kirgisiens bis 1941

Bis Mitte der 1950er Jahre spielte Kirgisien als Ansiedlungsregion für die Russlanddeutschen nur eine marginale Rolle: Hier wohnte nicht mehr als ein Prozent ihrer Gesamtzahl im Russischen Reich beziehungsweise in der UdSSR. Als erste zogen Mennoniten aus dem Schwarzmeerraum und aus dem Wolgagebiet in das damalige Turkestan, die 1882 die Nikolajpoler Gemeinde im Talas-Tal gründeten. Noch Mitte der 1980er Jahre galt  die 1931 in Leninpol (seit 1999 nun Bakai-Ata) umbenannte Ortschaft in den Kreisen der betroffenen Minderheit als die älteste erhalten gebliebene deutsche Siedlung in Zentralasien, obwohl die dort zu diesem Zeitpunkt etwas mehr als 2.000 Deutschen nur ca. 40 Prozent der Einwohner ausmachten. Die Volkszählung von 1926 registrierte in der damaligen Kirgisischen Autonomen Republik lediglich 4.291 Deutsche. In den zwanziger und dreißiger Jahren diente Mittelasien bisweilen als Zufluchtsort vor Hungersnöten und politischer Verfolgung in den Hauptansiedlungsgebieten im europäischen Teil der UdSSR, sodass die Zahl der Deutschen kurz vor dem Zweiten Weltkrieg auf 11.741 Personen anwuchs. 84,5 Prozent von ihnen lebten auf dem Lande; in der Hauptstadt Frunse wurden 682 Personen oder 0,7 Prozent der Einwohner als Deutsche registriert.[6] In dem fruchtbaren Tschu-Tal rund um Frunse entstanden in der Zwischenkriegszeit unter anderem die Dörfer Bergtal (ab 1931 Rot-Front), Grünfeld, das einige Jahre später den Namen Thälmann bekam, und Luxemburg.

Während der „deutschen Operation“, einer von mehreren Maßnahmen des Volkskommissariats des Inneren (NKWD) in den Terrorjahren 1937/38 gegen Vertreter von „westlichen“ nationalen Minderheiten wie Deutsche, Polen, Letten oder Finnen, wurden in Kirgisien 255 Personen verurteilt, davon 158 zum Tod durch Erschießen.

Deutsche als „Sondersiedler“ in der Kriegs- und Nachkriegszeit

Im Verlauf des deutsch-sowjetischen Krieges durften die Deutschen, die im asiatischen Teil der Sowjetunion vor 1941 auf dem Land ansässig waren, in ihren Wohnorten verbleiben, seit Anfang 1942 jedoch mussten sie in die sogenannte Arbeitsarmee einrücken. Die meisten zur Zwangsarbeit ausgehobenen Männer fanden sich auf dem Baugelände eines Hüttenkombinats unweit der Stadt Tscheljabinsk/Čeljabinsk im Südural wieder, dem berüchtigten Čjabmetallurgstroj (ČMS) des NKWD der UdSSR.[7] Die einige Monate später mobilisierten Jugendlichen und Frauen verteilte man größtenteils auf Baustätten der Hydroelektrostationen und des Tschu-Kanals sowie an die Betriebe der Erdölförderindustrie im Fergana-Tal.

Die Kirgisische Republik musste zwar keine deportierten Deutschen aus dem europäischen Teil aufnehmen, aber 1943–1944 wurden zehntausende Vertreter der kaukasischen Völker hierher verschickt: Es waren 22.900 Karatschaier, 70.100 Tschetschenen, ferner Inguschen und Balkaren. Insgesamt handelte es sich um nicht weniger als 127.540 Menschen.[8] Bis Mitte der fünfziger Jahre standen die Deutschen und andere verbannte Völker als Sondersiedler unter Kommandanturaufsicht – d. h. sie unterstanden besonderer Verfügungsgewalt einer nicht in der Verfassung vorgesehenen Unterbehörde des Innenministeriums und durften ohne deren Erlaubnis den Wohnort nicht verlassen – und waren somit in ihren Bürgerrechten gegenüber anderen Sowjetbürgern stark eingeschränkt. 

Zuwanderung und Siedlungsstruktur seit der Aufhebung der Sonderkommandanturen

Mit der Aufhebung der Sonderkommandanturen Ende 1955 setzte ein starker Zuwanderungsstrom in die mittelasiatische Republik ein: 1959 lebten in Kirgisien bereits 40.000 Deutsche; ihre Zahl hat sich in den sechziger Jahren mehr als verdoppelt. Auslöser war das Verbot der Rückkehr an die früheren Wohnorte; daraufhin zogen zehntausende Ukraine-, Kaukasus- und Wolgadeutsche aus den Verbannung- und Zwangsarbeitsgebieten nach Kirgisien, Usbekistan und in die südlichen Gebiete Kasachstans. Diese Massenwanderung wurde durch bereits vorhandene deutsche Siedlungen und das milde Klima, durch die Rücksiedlung der deportierten Kaukasusvölker und den wachsenden Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften in den Städten und in der zunehmend mechanisierten Landwirtschaft zusätzlich begünstigt. Dort war man vornehmlich in der Rinder- und Schweinezucht, in der Milchverarbeitung und in der Anpflanzung etwa von Mais, Zuckerrüben und Tabak beschäftigt.

Am Entstehen und Fortbestand einiger Landwirtschaftszweige war die russlanddeutsche Minderheit maßgeblich beteiligt: So lassen sich etwa die Viehzucht (Milchkühe) oder die Käseproduktion im heutigen Nordkirgisien auf die deutsch-mennonitischen Pioniere im Talas-Tal zurückführen. Im Vergleich zu den auf reinen Getreide- und Kartoffelanbau spezialisierten Kolchosen und Sowchosen in Nordkasachstan oder in Sibirien waren die Einkünfte und die Entlohnung der Landarbeiter in Mittelasien wesentlich höher. Die private Nebenwirtschaft zum Beispiel mit Wein und Tomaten oder mit Kleintier- oder Schweinehaltung erlaubte – auch dank guter infrastruktureller Erschließung – beträchtliche Zusatzeinkünfte, sodass die deutschen Landbewohner Kirgisiens in wirtschaftlicher Hinsicht zu den wohlhabendsten in der ganzen Sowjetunion gehörten.

Mitte der 1980er Jahre beherbergte Kirgisien um die 110.000 Deutsche oder fast sechs Prozent ihrer Gesamtzahl in der UdSSR. Regional konzentrierte sich die überwiegende Mehrheit der Ethnie im nördlichen Teil der Republik: etwa zehn Prozent im Talas-Tal (Gebiet Talas) und fast 90 Prozent im Tschu-Tal. Im letzteren wohnten in den achtziger Jahren, die Hauptstadt Frunse einschließend, auf einer Fläche von weniger als 20.000 km² etwa 90.000 Deutsche, eine der dichtesten Konzentrationen dieser Minderheit in der ganzen Sowjetunion. Fast 60 Prozent der Deutschen waren Landbewohner, der Rest verteilte sich vornehmlich auf kleine Rayonsstädtchen. Immerhin 13.619 oder 13,5 Prozent aller Kirgisien-Deutschen lebten in der Republikmetropole.[9] Eine relativ gut entwickelte Verkehrsinfrastruktur und die Nähe zur Hauptstadt führten auch im Umland zur Annäherung an die urbane Lebensweise.

Kirgisien als Zentrum der deutschen nonkonformistischen Bewegungen in der Sowjetunion

Das Leben in einer nationalen Republik mit andauernden Rivalitäten zwischen verschiedenen Ethnien prägte auch die deutsche Minderheit. Obwohl die russische Sprache im gesellschaftlichen Alltagsleben dominierte und wichtige politische, wirtschaftliche oder militärische Entscheidungen in Moskau/Moskva getroffen wurden, bekam die Titularnation weitreichende Möglichkeiten und Vorrechte in Bezug auf lokale Verwaltung, Unterricht in der Muttersprache, Hochschulbildung und kulturelle Entwicklung, besonders seit Ende der 1950er Jahre. Dies wirkte sich auf die hier ansässigen Deutschen assimilationshemmend und zugleich mobilisierend aus: Vor allem die noch vor dem Zweiten Weltkrieg gegründeten deutschen Siedlungen zeichneten sich durch einen hohen Grad an Beherrschung des Deutschen, einen geringeren Anteil an zwischenethnischen Ehen und eine aktive Tätigkeit protestantischer Gemeinschaften aus. Wenn nach der Volkszählung 1989 nur 41,8 Prozent der Deutschen in der RSFSR Deutsch als Muttersprache angaben, so war diese Kennziffer in Kirgisien wesentlich höher (63,4 Prozent).[10]

Fast ausschließlich aus Deutschen bestanden die religiösen Gemeinden der Mennoniten, Lutheraner und Katholiken, zu 72 Prozent die der Zeugen Jehovas, zu 64 Prozent die der Pfingstler und zu 61 Prozent die der evangelisch-baptistischen Brüdergemeinden. In den nichtregistrierten Gemeinden der seit Anfang der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts entstandenen staatskritischen Glaubensrichtung, des sogenannten Initiativ-Baptismus, waren die Deutschen ebenfalls überrepräsentiert, was unter anderem an folgender Strafstatistik abzulesen ist: Unter den 17 in den Jahren 1964–1982 in Kirgisien verurteilten Gläubigen befanden sich zwölf Deutsche. Die gesellschaftlich-konformistischen Aktivitäten der Deutschen fielen im Vergleich zu denen der kirgisischen Titularnation und der slawischen Bevölkerungsgruppen (Russen, Ukrainer) eher gering aus. Sie waren in der Kommunistischen Partei und im Kommunistischen Jugendverband (Komsomol), in den künstlerischen, schriftstellerischen und anderen offiziell zugelassenen Verbänden und Vereinigungen unterdurchschnittlich vertreten.

Kirgisien war in der Sowjetunion eines der wichtigsten Zentren der deutschen Autonomie- und Ausreisebewegung. Schon Anfang der 1960er Jahre trafen zahlreiche Eingaben bei den Staats- und Parteiorganen der Republik und in Moskau ein, in denen der zunehmende Schwund der nationalen Sprache und Kultur beklagt und eine vollständige Rehabilitierung verlangt wurde. Mehrere Teilnehmer aus der Republik beteiligten sich 1965 an den Delegationen nach Moskau, die die Wiederherstellung der autonomen Republik forderten. Die Vorbereitung weiterer Abordnungen um das Jahr 1972 strebte eine Initiativgruppe in Frunse an. All diese und weitere Bemühungen scheiterten am Betreiben der Miliz und des KGB.[11] Ebenfalls in diesen Kreisen entstand die wegweisende Samisdat-Schrift Vom Nachdenken über die Autonomie zum Gedanken über die Emigration (1973), die den erzwungenen Identitätswandel vieler Zeitgenossen plausibel erklärte.[12] Fast ein Drittel der deutschen Bevölkerung dieser Unionsrepublik – der Spitzenwert in der gesamten UdSSR – stellte in den 1970ern einen Ausreiseantrag.[13] Die Aussicht auf einen leichteren Behördengang in Bezug auf die Übersiedlung in die Bundesrepublik führte seit Ende der 1960er Jahre zu einem verstärkten Wegzug aus Kirgisien nach Estland und Lettland.

Forschungsdesiderata

Ein kaum erforschtes Thema bleibt nach wie vor eine umfassende und allseitige Geschichte des nonkonformen Verhaltens, des Protestes und des gewaltlosen Widerstandes der Russlanddeutschen im sowjetischen Unrechtsstaat in vergleichender Perspektive. Auch wissen wir bislang noch kaum etwas über Besonderheiten der Anpassungs- und Assimilationsprozesse der deutschen Minderheit in einer multiethnischen Gesellschaft, die von Völkern mit islamischer Kulturtradition dominiert wird.

5. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Iz istorii nemcev Kyrgyzstana: 1917–1999 gody. Sbornik dokumentov i materialov [Aus der Geschichte der Deutschen in Kirgisien (Kyrgyzstan). Dokumenten- und Materialienband]. Al’fred Ajsfel’d [Alfred Eisfeld] (Hg.): Biškek 2000.
  • Andrej Barg: Do sego mesta pomog nam Gospod‘. Istorija evangel’sko-baptistskogo bratstva Kyrgyzstana [Bis hierher hat uns der Herr geholfen. Geschichte der evangelisch-baptistischen Brüderschaft in Kirgistan]. Steinhagen, Biškek 2013.
  • Moritz Florin: Kirgistan und die sowjetische Moderne. 1941–1991. Göttingen 2015 (Kultur- und Sozialgeschichte Osteuropas/Culture and Social History of Eastern Europe; Bd. 3).
  • R. Friesen: Auf den Spuren des Ahnen. 1882–1992. Die Vorgeschichte und 110 Jahre der Deutschen im Talas-Tal in Mittelasien. Minden 2000.
  • Roland Götz, Uwe Halbach: Politisches Lexikon GUS. München 1992, S. 138–156.
  • Viktor Krieger: Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler. Eine Geschichte der Russlanddeutschen. Bonn 2015 (Schriftenreihe / Bundeszentrale für Politische Bildung; 1631).
  • Gennadij Krongardt: Nemcy v Kyrgyzstane. 1880–1990 gg. [Deutsche in Kyrgyzstan. 1880er–1990er Jahre]. Biškek 1997.
  • Manfred Sapper, Volker Weichsel, Andrea Huterer (Hg.): Machtmosaik Zentralasien. Traditionen, Restriktionen, Aspirationen. Bonn 2007 (Osteuropa 57, 8/9).

Weblinks

 

 

Anmerkungen

[1] Social’no-ekonomičeskoe položenie Kyrgyzskoj Respubliki. Janvar‘–dekabr‘. Mesjačnaja publikacija [Sozialökonomische Lage der Kirgisischen Republik. Januar–Dezember. Monatliche Publikation]. Biškek 2020, S. 129: http://www.stat.kg/media/publicationarchive/270d6bf3-bfb0-4960-b79c-c1e929ce9700.rar

[2] Nach: http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Bruttoinlandsprodukt_pro_Kopf (Abruf 08.06.2020).

[3] Kyrgyzstan. Ėnciklopedija [Kirgisien. Enzyklopädie]. Biškek 2001, S. 139.

[4] Kyrgyzstan. Ėnciklopedija, S. 178.

[5] Kyrgyzstan. Findings of the 2009 Kyrgyz Population and Housing Census. Volume VII (for the International Community). Bishkek 2012, S. 31, online: https://www.waikato.ac.nz/__data/assets/pdf_file/0004/180544/Kyrgyzstan-2009-en.pdf

[6] Vsesojuznaja perepis‘ naselenija 1939 g. Osnovnye itogi [Allunions-Volkszählung 1939. Hauptergebnisse]. Moskau 1992, S. 78–79.

[7] Die Namen aller Zwangsarbeiter, die in diesem Lager im Einsatz waren, darunter auch derjenigen aus Kirgisien, sind in einem unlängst erschienenen mehrbändigen Gedenkbuch aufgelistet: Gedenkbuch: Kniga pamjati nemcev-trudarmejcev ITL Bakalstroj-Čeljabmetallurgstroj. 1942–1946. Toma 1–4 [Gedenkbuch der zwangsmobilisierten Deutschen des Besserungs-Arbeitslagers Bakalstroj-Tscheljabmetallurgstroj. 1942–1946. Bände 1–4]. Sostaviteli Viktor Kirillov, Sergej Razinkov, Elena Turova. Moskva, Nižnij Tagil 2011–2014.
Zu den aus verschiedenen Ortschaften Kirgisiens stammenden Personen kann man in folgender Datenbank recherchieren, die Informationen über mehr als 100.000 russlanddeutsche Zwangsarbeiter nicht nur aus dem TschMS, sondern auch aus anderen Lagern des Urals enthält:  https://gedenkbuch.rusdeutsch.ru/search/

[8] Errechnet nach: Stalinskie deportacii. 1928–1953. Dokumenty [Stalinistische Deportationen. 1928–1953. Dokumente]. Sostaviteli Nikolaj Pobol’ i Pavel Poljan. Moskva 2005, S. 390, 440, 487, online: https://imwerden.de/pdf/stalinskie_deportatsii_1928-1953_2005_text.pdf

[9] Naselenie Kyrgyzstana. Itogi pervoj nacional’noj perepisi naselenija Kyrgyzskoj Respubliki 1999 goda v tablicach. Kniga II (čast‘ pervaja) [Die Bevölkerung Kirgisiens. Ergebnisse der ersten nationalen Volkszählung der Republik Kirgisien 1999 in Tabellen. Buch II., (Teil eins)]. Biškek 2000, S. 72, 76, 78 (hier Vergleiche mit dem letzten sowjetischen Zensus 1989).

[10] Viktor Krieger (2015), S. 187.

[11] Beispiele hierzu sind im folgenden Quellenband zu finden: Iz istorii nemcev Kyrgyzstana (1999), S. 234–240, 242–251, 263–268 u. a.

[12] Siehe hierzu die deutsche Übersetzung dieser Untergrundschrift in der Dokumentation: Viktor Krieger, Russlanddeutscher Samisdat, Dokument 1.10: https://www.bpb.de/gesellschaft/migration/russlanddeutsche/283571/dokument-1-10-appell-der-in-der-sowjetunion-lebenden-buerger-deutscher-nationalitaet-an-die-organisation-der-vereinten-nationen-18-mai-1973

[13] Iz istorii nemcev Kyrgyzstana [Aus der Geschicht der Deutschen in Kirgisien] (1999), S. 467.

 

Zitation

Viktor Krieger: Kirgisien. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2020. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32627 (Stand 05.02.2021).

OME-Redaktion (Stand: 09.02.2021)