Institut für Heimatforschung, Käsmark

1. Kurzbeschreibung

Das „Institut für Heimatforschung“ (IHF) in Käsmark/Kežmarok in der Slowakei spielte eine bedeutende Rolle in der Geschichte der ‚Karpatendeutschen‘ im von 1939 bis 1945 existierenden Slowakischen Staat. Dem IHF wurde sowohl von Reichsstellen als auch der landeseigenen „Deutschen Partei“ (DP) eine entscheidende Funktion bei der kulturellen und politischen ‚Gleichschaltung‘ der deutschen Minderheit zugedacht. In der kurzen Zeit seines Bestehens, von Anfang 1941 bis Ende 1944, erlangte das IHF regionale Bedeutung im Kontext eines überregionalen Geflechts von Forschungseinrichtungen, die sich im Sinne der NS-Volkstumspolitik mit den deutschen Minderheiten beschäftigten.

2. Aufgaben

Auf wissenschaftlicher Ebene sollte das IHF „alle Mitarbeiter der karpatendeutschen Heimatkunde zusammenfassen, einen Forschungsrat ins Leben rufen und für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses Sorge tragen, [...] seine Bücherei weiter ausbauen, eine Lichtbildsammlung und ein Archiv anlegen, außerdem die Herausgabe heimatkundlicher Schriften fördern und mit anderen gleichartigen Instituten die Verbindung aufnehmen"[1], wie es das Deutsche Ausland-Institut (DAI) in einem Memorandum an den Reichsführer SS formulierte. Tatsächlich konnte das IHF während seines kurzen Bestehens diese Anforderungen mehr oder minder erfüllen.

Die politischen Aufgaben des Instituts bezeichnete der DP-Vorsitzende und „Volksgruppenführer“ Franz Karmasin (1901–1970) als „Stärkung des Deutschtums" in der Slowakei, Bindung der Slowakei-Deutschen an das Reich sowie die Schaffung „neuer Beziehungsformen zwischen den Volksgruppen“ im Lande – in erster Linie Deutsche und Slowaken, weniger die ungarische Minderheit, gar nicht Juden oder Roma. Zudem sollte das IHF gegen „jedweden heimatlichen Individualismus ankämpfen“ und – in den Worten des deutschen Gesandten – als „geistige Klammer aller Deutschen in der Slowakei“ funktionieren, so dass es „keine Deutsch-Probener, keine Zipser oder Preßburger Deutsche“ gäbe, sondern „eben nur Deutsche.“[2] Der Aufbau des IHF sollte im Kontext der damaligen Bemühungen, die unterschiedlichen deutschen „VolksgruppenSüdosteuropas näher aneinander sowie auch an das Reich zu binden, gesehen werden. Ereignisse wie die „Käsmarker Kulturwoche“ im Juli 1943, die von Vertretern fast aller deutschen Minderheiten besucht wurde, unterstrichen die Bedeutung regionaler Forschungseinrichtungen für diesen Prozess.

3. Organisation

Bei seiner Gründung im Januar 1941 umfasste das IHF Abteilungen für „Volks- und Brauchtum“ und für „genealogische Forschung und Sippenkunde“ sowie ein Volkslied- und Volksmusikarchiv. Das evangelische Lyzeum in Käsmark stellte für das Institut sein altes Schulgebäude sowie seine Bücherei mit ca. 30.000 Bänden zur Verfügung. Ein Forschungsrat wurde ins Leben gerufen, dem 17 Mitglieder angehörten, darunter der deutsche Gesandte in Pressburg/Bratislava, ein Funktionär der Volksdeutschen Mittelstelle (VoMi, die von der SS kontrollierte zentrale Behörde für ‚Deutschtumspolitik‘), führende Volkstumswissenschaftler des ‚Dritten Reichs‘, Gelehrte aus der deutschen Minderheit, Repräsentanten der „Volksgruppenführung“ und zwei Mitarbeiter des Instituts. Die haupt- oder nebenamtliche SD-Tätigkeit (SD = Sicherheitsdienst des Reichsführers SS) mancher Mitglieder verweist auf ein hohes Interesse seitens des Reichssicherheitshauptamtes an dem Käsmarker Institut.

Zur Zeit seiner Gründung waren das „Hauptkulturamt“ der DP und das DAI die beiden Träger des Instituts, obwohl auch die deutsche Gesandtschaft in Pressburg von Anfang an mitwirkte. Während aber die DP eine der wichtigsten Stützen (und manchmal auch ein Gegenspieler) des IHF bleiben sollte, stellte auf Seiten der Reichsstellen die wachsende Bedeutung der VoMi das DAI bald in den Schatten.

Von Beginn an hatte das IHF eine ausgesprochen politische Mission, die alle wissenschaftlichen Aufgaben überwog. Durch die enge Zusammenarbeit mit den Gliederungen der DP, vor allem der „Karpatendeutschen Erzieherschaft“, sowie regelmäßigen Medienbeiträgen sollte die Arbeit des IHF im Sinne der nationalsozialistischen ‚Deutschtumspolitik‘ auf eine breite Öffentlichkeit einwirken.

4. Geschichte

Gegründet wurde das IHF am 9. Januar 1941 in Käsmark, einer damals zum großen Teil deutschsprachigen Kleinstadt in der ostslowakischen Oberzips (slowak. Vyšný Spiš). Wichtigster Vordenker des Unterfangens, eine zentrale Forschungsstelle für zipser- bzw. ‚karpatendeutsche‘ Heimatkunde zu gründen, und späterer Leiter der Einrichtung war Johann Lipták (1889–1958), der bekannteste zipserdeutsche Heimatforscher seiner Zeit. Die politische Beteiligung und finanzielle Unterstützung der DP sowie reichsdeutscher Instanzen machten das Projekt in diesem Ausmaße realisierbar.

Mitte 1942 veranlasste die VoMi (auf Ansuchen der DP) die Einstellung des sudetendeutschen Forscherehepaares Franz Josef Beranek (1902–1967) und Hertha Wolf-Beranek (1912–1977). Anders als Lipták galten die Beraneks als wissenschaftlich „modern“ im Sinne des Zeitgeistes, mit guten Beziehungen zu führenden Kreisen der völkischen Wissenschaften im Reich, politisch vertrauenswürdig sowie „immun“ gegenüber dem „Separatismus“ und „Magyaronentum“ vieler Zipser Sachsen, die alten regionalen Eigenheiten oder Loyalitäten, u. a. gegenüber Ungarn, verbunden waren.

Während ihrer 20 Monate währenden Tätigkeit in Käsmark übernahmen die Beraneks den größten Teil der Aufgaben des Instituts, u. a. den Aufbau eines volkskundlichen Archivs, Forschungen zur deutschen Siedlungsgeschichte in der Slowakei, Zusammenarbeit mit der „deutschen Lehrerschaft“ und Veröffentlichungen in Presseorganen der DP. Der eigentliche Leiter des Instituts, Lipták, arbeitete nur ehrenamtlich, war gesundheitlich geschwächt und verhielt sich meist eher passiv. Eine vorgesehene Neugliederung des IHF kam – wie weitere Projekte auch – nicht mehr über das Planungsstadium hinaus.

Durch die Veröffentlichung einer eigenen Schriftenreihe sowie mit Hilfe wissenschaftlicher Tagungen (die von der DP mitorganisiert und finanziert wurden) versuchte sich das IHF weiter zu profilieren. 1942 und 1943 fanden jeweils im September in Käsmark „Deutsche Hochschulwochen“ statt, an denen auch führende reichsdeutsche Wissenschaftler teilnahmen. Eine dritte Hochschulwoche wurde für 1944 geplant, kam aber wegen des Kriegsverlaufs nicht mehr zustande.

Aufgrund von persönlichen Konflikten zwischen den Akteuren und Unzufriedenheit, vor allem über Franz Beraneks Arbeitsleistungen, wurde das Ehepaar im Dezember 1943 nach Prag versetzt, es folgte ein Streit über die Rückgabe von ‚ausgeliehenem‘ Material aus dem Institut und der endgültige Bruch mit der VoMi und der DP. Den Beraneks folgten am IHF verschiedene Teilzeitangestellte, hauptsächlich Lehrer des Käsmarker Lyzeums. Zwischen Februar und November 1944 arbeitete nur die VoMi-Volkskundlerin Ingeborg Kellermann (1918–1993) hauptamtlich am IHF. Die wechselnde Besetzung erschwerte eine zielstrebige Weiterarbeit des Instituts in seinen letzten Monaten.

Der slowakische Nationalaufstand im Spätsommer 1944 sowie die heranrückende Rote Armee stellten eine existentielle Bedrohung für die Deutschen in der Ostslowakei dar und führten zu einem abrupten Ende des IHF. Der größte Teil des Materials wurde im November 1944 ins böhmische Kunnersdorf/Kunratice gebracht. Lipták wurde zuerst nach Österreich, später nach Bayern evakuiert, Kellermann war zu diesem Zeitpunkt schon in der Flüchtlingsbetreuung in Wien tätig. Nach Kriegsende erfolgte kein Wiederaufbau des Instituts.

5. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Petr Lozoviuk: Interethnik im Wissenschaftsprozess. Deutschsprachige Volkskunde in Böhmen und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen. Leipzig 2008 (Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde 26).
  • Rudolf Melzer: Erlebte Geschichte. Rückschau auf ein Menschenalter Karpatendeutschtum. Teil 2. Von 1939 bis 1945 und wie es weiterging. Stuttgart 1998.
  • Christof Morrissey: Institut für Heimatforschung in Käsmark (Slowakei). In: Michael Fahlbusch und Ingo Haar (Hg.): Handbuch der völkischen Wissenschaften. München 2008, S. 260–265.
  • P. Rainer Rudolf, Eduard Ulreich: Karpatendeutsches Biographisches Lexikon. Stuttgart 1988.

Weblinks

Anmerkungen

[1] Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (Barch BL), Akten des ehemaligen Berlin Document Center (BDC), Franz Josef Beranek. Deutsches Ausland-Institut an den Reichsführer-SS, 5. Februar 1941.

[2] Barch BL, R 70 Slowakei 47/110, Bl. 10. Siehe auch Grenzbote, 24. März 1941.

Zitation

Morrissey, Christof: Institut für Heimatforschung, Käsmark. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa. 2021. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32727 (Stand 21.12.2021).

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