Dnipro

1. Toponymie

Deutschsprachige Bezeichnung

Dnipro

Amtliche Bezeichnung

ukr. Dnipro

Anderssprachige Bezeichnungen

engl., frz, Dnipro; poln. Dniepr; russ. Днепр (Dnepr); heb. דניפרו; jidd. דניפּראָ; it. Dnepr, span. Dniéper, griech. Borysthenes. 

Beinamen

Die Stadt hat den inoffiziellen Status der "Weltraumhauptstadt" des Landes.

Etymologie

Es existierten zahlreiche historische Bezeichnungen der Hauptsiedlungen auf dem Gebiet Dnipros. Darunter: Novyj Kodak (ukr. Novyj Kodak) (1645–1784), Ekaterinoslav (ukr. Katerynoslav) (1784–1796), Novorossijsk (1796–1802), Ekaterinoslav (1802–1926), Sičeslav (1918–1919, inoffiziell), Krasnodneprovsk (1924, die Bezeichnung ist nicht bestätigt), Dnepropetrovsk (ukr. Dnipropetrovs’k) (1926–2016), Dneproslav (1941–1943, inoffiziell). 

Die gegenwärtige Bezeichnung Dnipro (seit dem 19. Mai 2016) leitet sich vom gleichnamigen Fluss Dnipro/Dnjapro/Dnepr ab, an dem die Stadt liegt. Einer Hypothese zufolge kommt der Name des Flusses aus dem Altpersischen: Dānu-apara − ‟westlicher Fluss“ (‟der hintere, entferntere“, im Vergleich zum Fluss Dnister) oder ‟Dan” (Fluss) + ‟aper“ (Flusslauf oder Wasserablauf). Im Altgriechischen wandelte sich die Bezeichnung zu „Danapris“ (Δάναπρις) – ‟Strom“ – ‟Fluss mit starker Strömung“.

2. Geographie

Lage

Dnipro liegt im Südosten der Zentralukraine, in der historischen Region Steppenukraine[1] (ukr. Stepova Ukrajina), 48°28′00″ nördlicher Breite und 35°01′05″ östlicher Länge. 

Topographie

Dnipro liegt an beiden Ufern des Flusses Dnipro. Das Zentrum erstreckt sich am rechten Hochufer des Flusses auf vier durch Schluchten voneinander getrennten Hügeln, mit Bächen auf der Pridneprovskaja-Anhöhe. Ein dichtes Netz aus 15 Gräben und über 40 Schluchten bestimmt das Relief dieses Teils der Stadt. Der linke Teil des Ufers liegt in der Dnipro-Niederung, die im Westen von langgestreckten Seen – Relikten des alten Flusses Protovča – durchschnitten wird. Innerhalb der Stadtgrenzen fließen die Flüsse Orel‘ (Kanal) und Samara in den Dnipro.

Region

Östliches Europa, Region Steppenukraine

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Dnipro ist die viertbevölkerungsreichste Stadt der Ukraine und das Verwaltungszentrum der Oblast Dnipropetrovs‘k (ukr. Dnipropetrovsʹka oblast'), die den Ballungsraum Dnipro mit rund 1,5 Millionen Einwohnern bildet.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Das Wappen basiert auf Elementen des Siegels der Kodak-Palanka (ukr. Kodatsʹka palanka) der Saporoscher Truppen des 18. Jahrhunderts und der Stadt Ekaterinoslav aus dem Jahr 1859: ein heraldischer Schild in spanischer Form, auf einem blauen Feld befinden sich drei siebenzackige Sterne, im mittleren Teil ein Pfeil und ein Schwert. Die Kartusche des Wappens besteht aus Eichenblättern, die mit vier Bändern verbunden sind, die die Farben der historischen Epochen widerspiegeln: karmesinrot für die Kosakenzeit, blau für die Ekaterinoslaver Zeit sowie gelb und blau für die Gegenwart. An der Spitze des Wappens ist ein Turm abgebildet. Die Flagge von Dnipro zeigt eine blaue Welle auf weißem Grund, darüber in der Mitte das Wappen der Stadt.

Vor- und Frühgeschichte

Auf dem Territorium von Dnipro gibt es mehr als 20 Fundstellen aus der Zeit zwischen dem 7. und dem frühen 4. Jahrtausend v. Chr., darunter mehrere neolithische Siedlungen und der Stichbandkeramik (ukr. kul'tura jamkovo-hrebincevoji keramiky) sowie der Dnipro-Don-Kultur (ukr. dnipro-doneska kul'tura). 

Mittelalter

Die Klosterinsel war bereits Rastplatz für die von Feldzügen zurückkehrenden Truppen aus der Zeit der ersten Fürsten. Der Legende nach errichteten byzantinische Mönche bereits um 870 ein Kloster, da die Insel der nördlichste Punkt auf der Reise des Apostels Andreas (6 v. Chr. – 60 n. Chr.) durch Skythien gewesen sein soll.

Im Mittelalter wurde das Gebiet, in dem Dnipro gegründet wurde, „Wildes Feld“ (ukr. Dyke Pole) genannt und hatte den Status einer "neutralen Einflusssphäre" ohne klar definierte staatliche Zugehörigkeit.[2]

Neuzeit

In der Zeit vom 16. bis 18. Jahrhundert lag das Gebiet der künftigen Stadt innerhalb der Grenzen der Saporoscher Sitsch, dem militärischen und administrativen Zentrum der Kosaken im Süden der ukrainischen Länder). 

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts existierte auf dem Gebiet des heutigen Dnipro die Kosakenstadt Samar am rechten Ufer der Samara.

In den Jahren 1645–1784 befand sich hier die Stadt Novyj Kodak, das Zentrum der Kodak-Palanka.{3] Ekaterinoslav[4], benannt nach Katharina II., wurde 1776 auf dem Gebiet der zerstörten Saporoger Sitsch gegründet und 1787 an den Ort verlegt, an dem sich heute das historische Zentrum der Stadt befindet. Ekaterinoslav war das Verwaltungszentrum der vom Russischen Reich eroberten Territorien der ukrainischen Steppe: Diese wurden als Gebiet Ekaterinoslav (1789–1796)[5], Gouvernement Novorossijsk[6] (1798–1802) bzw. Gouvernement Ekaterinoslav (1802–1917) bezeichnet. 

Während des Krimkriegs war die Stadt ein wichtiges Rückzugs- und Transitzentrum. 1859 wurde eine Telegrafenstation eröffnet, die die Stadt mit Sankt Petersburg/Sankt-Peterburg/Leningrad, Moskau/Moskva (rus. Москва), Warschau/Warszawa (rus. Варшава, pol. Warszawa), Kiew/Kyjïv/Kiev (rus. Киев, ukr. Київ) und Odessa/Odesa verband.

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts begann sich die Industrie, insbesondere die Eisen- und Stahlindustrie, zu entwickeln. Dies war der Entdeckung von Eisenerzvorkommen durch den deutschen Unternehmer Alexander Paul (Oleksandr Pol, 1832–1890) zu verdanken, der die Eröffnung der Eisenbahnlinie (1874) sowie einer Eisenbahnbrücke über den Dnipro (1884) ermöglichte. Am Ende des Jahrhunderts erlebte Ekaterinoslav ein wahres "Eisen-Fieber", das der Stadt und dem ganzen Gouvernement die Bezeichnung "Neu-Amerika" einbrachte. Belgische, deutsche und französische Industrielle bauten die Süd-Russische Alexander-Hütte, die Rohrwerke Šoduar-A, B und C, Waggonreparaturwerkstätten und eine Weichenfabrik. Der Pole Tadeusz Gantke errichtete ein Stahlwerk.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörte Ekaterinoslav zu den sieben größten Städten des Russischen Reiches, deren städtischer Haushalt zwischen ein und acht Millionen Rubel[7] betrug, und war die zweite Stadt mit einer elektrischen Straßenbahn. (1897). Mit Inbetriebnahme des Elektrizitätswerks wurde die gesamte Stadt beleuchtet (1903). 

Während des Ersten Weltkriegs beherbergte Dnipro evakuierte Unternehmen, Krankenhäuser und gesellschaftliche Organisationen zur Unterstützung der Kriegsopfer.  

Die Stadt nahm 30.000 Flüchtlinge auf und war das Zentrum des Gouvernements, das unter den 45 Gouvernements des Russischen Reiches die größte Zahl von Flüchtlingen (227.942) versorgte.[8]

Zeitgeschichte

In den Jahren 1917–1921 gehörte Dnipro zur Ukrainischen Volksrepublik, dem ukrainischen Staat unter Hetman Pavlo Skoropadsʹkyj (1873-1945)[9] und der gegen die Bolschewiki kämpfenden Weißen Arme. Mehrmals war Dnipro zudem die Hauptstadt der Freien Anarchischen Republik der Ukraine von Nestor Machno (1888–1934). Im Jahr 1919 marschierten die bolschewistischen Truppen zum zweiten Mal in die Stadt ein und errichteten ihre Herrschaft. In den 1920er und 1930er Jahren wurde Dnipro zum wichtigsten Standort der metallverarbeitenden Industrie im Süden der UdSSR. Als Teil der Sowjetunion war die Stadt in den Jahren 1919–1925 Zentrum des Gouvernements Ekaterinoslav, im Zeitraum 1932–1991 Zentrum der Oblast Dnepropetrovsk. 

Im Juli 1926 wurde Ekaterinoslav zu Ehren des Parteifunktionärs Hryhorij Petrovs’kyj (1878–1958) in Dnepropetrovsk umbenannt. Während des Holodomor kamen in den Jahren 1932–1933 hungernde Bauern in der Hoffnung auf Rettung nach Dnipro; viele von ihnen starben bereits bei der Ankunft auf dem Bahnhofsplatz.[10]

In den 1920er Jahren unternahmen Angehörige der deutschen Gemeinde Versuche, in ihre historische Heimat zurückzukehren; in den 1930er Jahren unterlagen sie, wie andere ethnische Gruppen auch, vom stalinistischen Regime als "nationale Operationen" bezeichneten Repressionen.[11]

Während des Zweiten Weltkriegs stand Dnipro unter deutscher Besatzung (25. August 1941 – 25. Oktober 1943). Am 1. September 1941 wurde die Stadt zum Zentrum des „Generalbezirks Dnjepropetrowsk“[12] und wurde in das Reichskommissariat Ukraine eingegliedert. Dessen Generalkommissar, der SS-Führer Nikolaus Selzner (1899–1944) war unmittelbar für die Ermordung der jüdischen Bevölkerung dieses Gebiets verantwortlich, insbesondere für die Ermordung von 17.000 Juden Ende 1941 in der Nähe des jüdischen Friedhofs der Stadt.[13]

Seit der Unabhängigkeitserklärung der Ukraine im Jahr 1991 ist Dnipro die viertgrößte Stadt des Landes.

Verwaltung

Das heutige Dnipro besteht aus acht Verwaltungsbezirken, fünf am rechten, drei am linken Ufer des Dnipro. Die stadtähnliche Siedlung Aviators’ke fällt ebenfalls in den Zuständigkeitsbereich der Stadt. Die Organe der kommunalen Selbstverwaltung sind der Stadtrat und der Bürgermeister.

Bevölkerung

Im historischen Bezirk von Dnipro Novyj Kodak lebten in den 1770er Jahren 673 Familien „Pospoliter Kosaken".[14] Im 19. Jahrhundert wuchs die Bevölkerung stetig (1811: 8.600, 1863: 19.900, 1865: 22.846, 1897: 112.800, 1914: 211.100).[15] Im 20. Jahrhundert war die Dynamik unterschiedlich (1923: 126.462, 1939: 526.998, 1941: 560.000, 1959: 661.547, 1989: 1.177.897, 2001: 1.065.008). Am 1. Januar 2022 lag die Einwohnerzahl bei 968.502.[16] Ab Ende des 18. Jahrhunderts waren Polen und Juden ansässig. In das Gouvernement Ekaterinsolav kamen die ersten Deutschen zwischen 1786 und 1789: 228 mennonitische Familien und 900 Siedler aus Preußen. Im 19. Jahrhunderts wuchs die deutsche Gemeinschaft in der Stadt (1865: 300, 1897: 1.438, 1926: 2.445).[17] Im Jahr 1897 lebten hier 41.240 Juden.[18] 
Die Tabelle zeigt die Entwicklung der ethnischen Zusammensetzung im 20. Jahrhundert.

 

Ukrainer

Russen

Juden

1926

36.0

31,6

26,8

1939

54,6

23,4

15,6

1959

61,5

27,9

7,6

1989

62,5

31,0

3,2

2001

72,6

23,5

1,0

 

Es gibt 14 nationale kulturelle Gemeinschaften, darunter die Regionale Gesellschaft der Deutschen von Dnipropetrovs‘k "Wiedergeburt", das nach Karol Wojtyła (Papst Johannes Paul II., 1920-2005) benannte Polnische Kulturzentrum, die Vereinigung der jüdischen religiösen Gesellschaften und Organisationen der Region Dnipropetrovs‘k und drei Organisationen der griechischen Gemeinschaft.[19]

Wirtschaft

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war Ekaterinoslav das landwirtschaftliche Zentrum eines ausgedehnten Gouvernements. Die Entdeckung der Eisenerzlagerstätte Kryvyj Rih löste die intensive Entwicklung der Stadt aus. In dieser Zeit gab es etwa 170 große und kleine Betriebe und Fabriken. In den 1930er Jahren entwickelte sich die Stadt zu einem mächtigen Industriezentrum der UdSSR. Dnipro ist heute eines der weltweiten Zentren für Weltraumraketenbau. Die Stadt ist eines der führenden Finanzzentren der Ukraine. Südöstlich des Stadtzentrums befand sich der internationale Flughafen "Dnipro", der im April 2022 durch wiederholte Raketenangriffe russischer Truppen vollständig zerstört wurde.[20]

Religions- und Kirchengeschichte

Die ethnischen Gruppen der Stadt ließen Kirchen errichten, die die antireligiösen Kampagnen der Sowjetunion überstanden. 1866 errichtete die deutsche Gemeinde als erste lutherische die Katharinenkirche, die bis 1933 das Zentrum des Lebens der deutschen Diaspora war.[21] Im Jahr 1991 wurde das Kirchengebäude an die Gemeindemitglieder zurückgegeben, die Gottesdienste wurden wieder aufgenommen. Die römisch-katholische Kirche St. Joseph (1877)[22] ist nach wie vor das Zentrum der polnischen Gemeinde. Die Choralsynagoge wurde 1852 an der Stelle der 1833 abgebrannten Synagoge erbaut , im Jahr 2000 rekonstruiert und in Goldene Rose umbenannt.[23] Dnipro ist das Zentrum der Diözesen der Orthodoxen Kirche der Ukraine und der Russisch-Orthodoxen Kirche in der Ukraine sowie der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche.

Architektur- und Kunstgeschichte

Die Architektur von Dnipro ist durch verschiedene Stile geprägt und facettenreich. Eines der ältesten Gebäude ist der Potemkin-Palast (1786–1791), ein Architekturdenkmal von nationaler Bedeutung. Es wurde im klassizistischen Stil von dem Architekten Ivan Starov (1745–1808), einem der Begründer des russischen Klassizismus, entworfen. Von ihm stammt auch der Generalplan von Ekaterinoslav (1792), der Ideen des französischen Architekten Claude Gueroi, des Autors des ersten Plans für die Stadt (1786), aufgriff. Die Architektur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist geprägt von Klassizismus, Moderne, Neugotik und Eklektizismus. Ein Beispiel für Klassizismus ist die Verklärungskathedrale (1835). Einzigartig ist der Bau der evangelisch-lutherischen Katharinenkirche des Architekten und Ingenieurs Karl Wilke (1820–?) im neogotischen Stil mit Elementen des Spätbarocks. Maßgeblich zur Gestaltung des architektonischen Erscheinungsbildes der Stadt trug der Stadtarchitekt Dmytro Skorobohatov (1862–1938) bei. Zu seinen bekanntesten Werken gehört das Gebäude der Stadtduma im Stil der „Wiener Renaissance”.

Bis heute erhalten sind Gebäude, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von zwei polnischen Architektenfamilien errichtet wurden. Vater Albert (1830–1875) und Sohn Leonid (1864–?) Brodnicki arbeiteten im neoklassizistischen, eklektischen und "neorussischen Stil". Ersterer entwarf die katholische Kirche. Sein Sohn schuf die imposante Gouvernements-Zemstvo-Verwaltung (1900–1902), bekannt als "Zemstvo-Haus". Auch die Familie Charmanskij – Ėduard-Julian (1836–1910) und Stanislav-Anton (1861–?) – hinterließen ihr architektonisches Erbe in Ekaterinoslav, der Sohn des Letzteren, Marian-Zdizsław (1859–1925) wirkte in Charkiw/Charkow/Charkiv.[24] Zu den bekanntesten Bauten von Stanislav Charmanskij gehört das "Haus der Arbeitsliebe“ (russ. Dom Trudoljubija, +Levanevs'kyj-Straße 15), "ein seltenes erhaltenes Beispiel für die dekorative Strömung des Moderne in der Stadt". Die Stadt ist auch mit dem Namen des deutschen Architekten Dietrich Tissen (1870–1937) verbunden, der während des stalinistischen Terrors hingerichtet wurde.{25] Von ihm stammt als hervorragendes Beispiel der lokalen Moderne das Gebäude des Zweiten Manufakturwerks (russ. 2. Manufakturnyj Ryad) in der Michail Gruševskij-Straße 2.

In der Stadt wurde eine Reihe von Wolkenkratzern errichtet, zwei 29- und zwei 25-stöckige Gebäude sowie das größte jüdische Zentrum der Welt "Menora" (122.000 m2). Mit Dnipro ist der armenischstämmige Maler von Meeresdarstellungen Ivan Ajvazovskij (1817–1900) verbunden, der 1833 die erste künstlerische Darstellung der Stadt schuf.

Musik

In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Gesellschaft der Liebhaber der Musik- und Theaterkunst gegründet.[26} Die Sänger Fjodor Šaljapin (18731938) und Leonid Sobinov (1872–1934), die Komponisten und Pianisten Anton Rubinstein (1829–1894), Sergej Rachmaninov (18731943), Mykola Lysenko (1842–1912), Ignacy Paderewski (1860–1941), und Gottfried Galston (1879–1950) traten in der Stadt auf. Festivals: „Jazz am Dnipro“ (1987–1990 und 1999–2006), „Musik ohne Grenzen“; Internationales Bach-Festival für Orgelkunst.

Kulturelle Institutionen

Die erste Bildungseinrichtung war die 1899 gegründete Höhere Bergbauschule von Ekaterinoslav, ab 1912 Bergbauinstitut von Ekaterinoslav (heute Nationale Technische Universität "Dnipro-Polytechnikum"). Im Jahr 1916 wurden die höheren Frauenkurse eingerichtet. 1918 wurde die Universität Ekaterinoslav (heute Nationale Oles‘ Gončar-Universität Dnipro) gegründet. Die regionale wissenschaftliche Universalbibliothek von Dnipropetrovs’k (1834), benannt nach den Slawenaposteln Kyrill (827-869) und Methodius (815-885), ist die größte wissenschaftliche Bibliothek in Dnipro und verfügt über einen Bestand von über drei Millionen Büchern. Zu erwähnen ist ferner die Zentrale wissenschaftlich-technische Staatsbibliothek des Bergbau- und Hüttenwesens der Ukraine.

Literatur und Wissenschaft

Das erst in Dnipro erschienene Buch trägt den Titel Anweisung für den Sohn (russ. Nastavlenie synu) von Volodymyr Zolotnyc’kyj (1741 – nach 1796), einem gebürtigen Ukrainer, Juristen und Moralphilosophen der Aufklärung. 1883 wurde das Buch Feuervogel (ukr. Žar-ptycja) des Schriftstellers und Aufklärers Adrian Kaščenko (1858–1921) veröffentlicht, die erste gedruckte Publikation in ukrainischer Sprache in der Dnipro-Region. Die Stadt ist mit dem Dichter und Ethnographen Ivan Manżura (1851–1893) sowie mit dem Erforscher der Geschichte der Saporoschje-Kosaken und dem Schriftsteller Dmytro Javornyc‘kyj (1855-1940) verbunden, ebenso wie mit Valer’jan Pidmohyl’nyj (1901–1937), einer der bedeutendsten Prosaschriftsteller der ukrainischen „Erschossenen Wiedergeburt“ (Ukr. Rozstriljane Vidrodžennja).

Unter den ukrainischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts mit Verbindung zu Dnipro ragen Pavlo Zahrebel‘nyj (1924–2009), dessen Romane in 23 Sprachen übersetzt wurden, und Oles‘ Hončar (1918–1995) mit Übersetzungen in 67 Sprachen heraus.

Dnipro ist eines der bedeutendsten wissenschaftlichen Zentren der Ukraine, in dem die Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine konzentriert sind.

Pressegeschichte

Von 1838 bis 1918 wurde in Ekaterinoslav die erste Zeitung[27] Ekaterinoslaver Gouvernementsnachrichten (russ. Ekaterinoslavskie gubernskie vedomosti) herausgegeben. In den Jahren 1882–1905 erschien das Ekaterinoslaver Blatt (russ. Ekaterinoslavsky listok), eine Zeitung des lokalen gesellschaftlichen Lebens, die erste Massenpublikation des Gouvernements Ekaterinoslav. Ende des 19. Jahrhunderts erschienen auch die Ekaterinoslaver Eparchialnachrichten (russ. Ekaterinoslavskie eparchial’nye vedomosti), Dnepr-Region (russ. Pridneprovskij kraj), die Ekaterinoslaver Zemstvo-Zeitung (russ. Ekaterinoslavskaja zemskaja gazeta) und Dnepr-Gerücht (russ. Dneprovskaja molva). Während der ukrainischen Revolution (1917–1921) wurden Zeitungen verschiedener Parteien herausgegeben, darunter Unsere Sache (russ. Naše delo) und Land und Wille (russ. Zemlja i volja). In den 1920er und frühen 1930er Jahren erschienen für die kleine deutschsprachige Minderheit die Zeitungen Die Rote Fahne und Die Neue Zeit.[28]

Gedächtnis- und Erinnerungskultur

Seit 2014 wurden in der Stadt mehrere Gedenktafeln enthüllt, die an die Gefallenen auf dem Maidan in Kiew und an die Soldaten erinnern, die die Ukraine gegen die russische Aggression verteidigten. Gleichzeitig werden im Zusammenhang mit dem russisch-ukrainischen Krieg Gedenktafeln aus der Zeit der sowjetischen Geschichte der Stadt abgebaut.

Eine Reihe von Gedenktafeln sind der multiethnischen Geschichte der Stadt gewidmet, zum Beispiel dem polnischen Dichter Juliusz Słowacki (1809–1849) sowie dem polnischen Arzt Ivan Leško-Popel‘ (1860–1903). 2002 wurde ein Denkmal für Alexander Paul‘[29] errichtet, Geschäftsmann, Archäologe und Schriftsteller, der von seinen Zeitgenossen als „Steppen-Kolumbus“ bezeichnet wurde. Das Projekt "QR-Guide durch das deutsche Dnipro", das 16 von deutschen Architekten entworfene Gebäude im Zentrum der Stadt umfasst (2017), trägt dazu bei, die Erinnerung an die deutsche Gemeinschaft zu bewahren. Drei Denkmäler erinnern an die Ereignisse des Holocausts. Die 2010 angebrachte Gedenktafel an der Wand des Zentralkaufhauses (Dmytro Javornyc’kyj-Prospekt 52) trägt auf Ukrainisch folgenden Text: „Von dieser Stelle aus gingen im Oktober 1941 11.000 Menschen auf der Straße des Todes in die Ewigkeit… Frauen, Alte, Kinder… Ihre einzige Schuld bestand darin, dass sie Juden waren. Gesegnet sei ihr Andenken.“[30]

5. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Al’fred Ajsfel’d, Vladimir Matrinenko: Ėtničeskie nemcy Ukrainy vo vremja Vtoroj mirovoj vojny i v povoennye gody [Ethnische Deutsche der Ukraine während des Zweiten Weltkriegs und in den Nachkriegsjahren]. In: Ukraina vo vtoroj mirovoj vojne: vzgljad s XXI st. [Die Ukraine im Zweiten Weltkrieg: Blick aus dem 21. Jahrhundert]. Band 1. Kiev 2011, S. 595–643.
  • Anatolij Bojko (Hg.): Istočniki istorii Ukrainy. Opisanija Stepnoj Ukrainy poslednej četverti 18 – načala 19 veka. T. 10 [Quellen der Geschichte der Ukraine. Beschreibungen der Steppenukraine vom letzten Viertel des 18. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Band 10]. Zaporož’e 2009.
  • Larisa Jakovleva, Bogdan Čirko, Sergej Piško (Hg.): Nemcy v Ukraine 20–30-e gg. XX veka. Sbornik dokumentov gosudarstvennych archivov Ukrainy [Die Deutschen in der Ukraine in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Zusammenstellung von Dokumenten aus staatlichen Archiven der Ukraine]. Kiev 1994.
  • Lidija Kuzikova, Sergej Antonov: Ekaterinoslav-Dnepropetrovsk. Architektura i architektory: učebnoe posobie [Ekaterinoslav-Dnepropetrovsk. Architektur und Architekten: Lehrwerk]. Zaporož’e 2009.
  • Nemcy Dnepropetrovščiny: istorija i sovremennost: Dokumental’nye očerki [Die Deutschen von Dnepropetrovsk: Geschichte und Gegenwart: Dokumentarische Essays]. Dnepropetrovsk 2012.
  • Viktorija Mitlickaja: Muzykal’naja žizn‘ Ekaterinoslavščiny serediny 19 – načala 20 vekov. Avtoreferat dissertacii na soiskanie naučnogo stepeni kandidata iskusstvovedenija 17.00.01 – teorija i istorija kul’tury [Das Musikleben in Ekaterinoslav im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zusammenfassung der Dissertation zur Erlangung des wissenschaftlichen Titels Kandidat der Kunstgeschichte. 17.00.01 – Theorie und Geschichte der Kultur]. Char’kov 2000.
  • Andrij Portnov: Dnipro. An Entangled History of a European City. Boston 2022.
  • Adol’f Rašin: Naselenie Rossii za 100 let (1811–1913 gg.). Statističeskie očerki [Die Bevölkerung Russlands im Lauf von 100 Jahren (1811–1913). Statistische Aufsätze. Moskva 1956.
  • Ivan Storoženko: Dnepropetrovsk. Vechi istorii [Dnepropetrovsk. Meilensteine der Geschichte]. Dnepropetrovsk 2001.
  • Lubow Żwanko: Wybitni Polacy i Charków: słownik biograficzny (1805–1918) [Herausragende Polen und Charkiw: biographisches Wörterbuch (1805–1918)]. Charków 2019.
  • Lubow Żwanko: Kościoły rzymskokatolickie na Ukrainie Lewobrzeżnej (XIX–XX wiek). Przegląd retrospektywny [Römisch-katholische Kirchen in der linksufrigen Ukraine (19.–20. Jahrhundert). Retrospektiver Überblick]. In: Archiwa, Biblioteki i Muzea Kościelne [Archive, Bibliotheken und Kirchenmuseen]. 2020. Nr. 113, S. 485–510.

Weblinks

Anmerkungen

[1] Steppenukraine ist die historische Bezeichnung der nicht abgegrenzten und schwach besiedelten Steppengebiete am Schwarzen Meer, entspricht heute den Gebieten von Odessa/Odesa, Nikolajew/Mykolaïv, Cherson, Dnipro, Zaporož’e/Zaporižžja, Charkiw/Charkow/Charkiv, Donec‘k und Luhans‘k. 
[2] Die Situation entstand als Ergebnis der Vernichtung von Siedlungen und Bevölkerung der Kiever Rus‘ durch die Mongolen / Tataren.
[3] Die Kodak-Palanka war im 18. Jahrhundert eine administrative und territoriale Einheit des Zaporoger Niederheers. Vgl. Dmitrij Virskij: Kodackaja palanka [Kodak-Palanka]. In: Ėnciklopedija istorii Ukrainy: v 10 t. T. 4. [Enzyklopädie der Geschichte der Ukraine: in 10. Bänden. Band 4]. Kiev 2007.
[4] Ekaterinoslav war, wie es in der historischen Quelle „Beschreibung der Ortschaft Ekaterinoslav für 1784“ heißt, „eine vor kurzem aus dem Ort Novyj Kodak neu gegründete Stadt am rechten Ufer des Dnipro gegenüber der Mündung der Samara.“ 
[5] Vgl. Bojko 2009.
[6] Auf Befehl von Pavel I. erfolgte die Umbenennung in Novorossijsk. 
[7] Vgl. Tat’jana Portnova: Ėvoljucija gorodskoj sredy Ekaterinoslava konca 19 – načala 20 v. [Entwicklung der Stadtmitte von Ekaterinoslav, Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts]. www.historians.in.ua/index.php/en/doslidzhennya/144-tetiana-portnova-evolyutsiya-miskoho-ser (18.08.2022).
[8] Vgl. Ljubov Žvanko 2012.
[9] Zu dieser Zeit trug die Stadt den inoffiziellen Namen Sičeslav. 
[10] Vgl. Julija Racibars’kaja: „Krovavye mesta“. V Dnepre pojavilsja ėkskursionnyj maršrut po mestam massovych repressij i golodomorov [„Blutige Orte“. In Dnipro wurde die Besucherroute zu den Stätten massenhafter Repressionen und des Holodomor eingerichtet]. www.radiosvoboda.org/a/u-dnipri-zyavyvsya-ekskursiynyy-marshrut-mistsyamy-masovykh-represiy-ta-holodomori/31396838.html (18.08.2022).
[11] Vgl. Ajsfel’d, Matrinenko 2011. 
[12] Der Generalbezirk Dnjepropetrowsk war eine administrative Einheit von Nadporož’e und Zaporož’e während des Zweiten Weltkriegs und war Bestandteil des Reichskommissariats Ukraine (25. August 1941 – 25. Oktober 1943). 
[13] Vgl. Klee 2007. 
[14] ‟Pospoliter Kosaken“ ist eine der Bezeichnungen für die freie Landbevölkerung der Linksufrigen und Sloboda-Ukraine im 17. und 18. Jahrhundert. Im Unterschied zu den Kosaken waren sie nicht dauerhaft zum Militärdienst verpflichtet, konnten aber zur örtlichen Selbstverteidigung während einer allgemeinen Mobilisierung verpflichtet werden. 
[15] Vgl. Rašin 1956.
[16] Vgl. Einwohnerzahlen der Stadt Dnipro 2011–2022. index.minfin.com.ua/ua/reference/people/town/dnepr/ (11.08.2022).
[17] Vgl. Viktor Žych, Ėvhen Žych: Nimec’ka gromada Dnipra: istorija sučasnosti [Die deutsche Gemeinde in Dnipro: Geschichte der Gegenwart]. www.poryad.com (11.08.2022).
[18] Vgl. Olena Ishchenko. The Revival of the Dnipropetrovsk and Dnipro Jewish Community in Ukraine. www.e-ir.info/2022/01/27/the-revival-of-the-dnipropetrovsk-and-dnipro-jewish-community-in-ukraine/ (11.08.2022).
[19] Vgl. Nacional’ni hromady m. Dnipra [Nationale Gemeinschaften der Stadt Dnipro]. dniprorada.gov.ua/uk/page/pro-misto (11.08.2022).
[20] Vgl. Vijs’kovi rf povtorno atakuvaly aeroport u Dnipri. Ob‘ėkt zrujnovanyj [Das russische Militär hat erneut den Flughafen in Dnipro angegriffen. Die Anlage ist zerstört]. 10.04.2022. www.ukrinform.ua/rubric-ato/3453886-vijskovi-rf-znovu-vdarili-po-aeroportu-v-dnipri-vin-zrujnovanij-povnistu.html (11.08.2022).
[21] Vgl. Nemcy Dnepropetrovščiny 2012, sowie Nimec’ki rysy v oblyččja Dnipra [Deutsche Züge im Äußeren von Dnipro]. dniprograd.org/2018/02/13/nimetski-risi-v-oblichchi-dnipra_64972 (11.08.2022).
[22] Vgl. Żwanko 2020. 
[23] Vgl. I. Karpenko: Dnepropetrovsk obetovannyj [Das verheißene Dnepropetrovsk]. 
/http://www.lechaim.ru/ARHIV/165/VZR/d1.htm (11.08.2022).
[24] Vgl. Żwanko 2019.
[25] Vgl. Nemcy Dnepropetrovščiny 2012.
[26] Vgl. Mitlickaja 2000.
[27] Auf Anordnung der Regierung begannen unter anderem die Provinzstädte im Russischen Reich, Wochenzeitungen herauszugeben, die aus einem offiziellen Teil – Anordnungen und Dekrete der zentralen und lokalen Behörden - und einem inoffiziellen Teil - hier wurden Werke zur lokalen Geschichte, Geografie, Ethnografie und Statistik gedruckt – bestanden.
[28] Vgl. Jakovleva, Čirko, Piško 1994.
[29] Vgl. Nemcy Dnepropetrovščiny 2012. 
[30] Vgl. Anna Medvedovs’ka: Pam’jat‘ pro Holokost u symvoličnomu prostori Dnipra [Erinnerung an den Holokaust im symbolischen Raum Dnipros]. uamoderna.com/pdl-min/pam%E2%80%99yat-pro-golokost-u-simvolichnomu-prostori-dnipra-(dnipropetrovska) (15.08.2022).

Zitation

Ljubov Žvanko: Dnipro. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa. 2025. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p116306 (Stand 26.11.2025).

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