OME-Lexikon

Südostdeutsche Forschungsgemeinschaft (SOFG)

1. Kurzbeschreibung

Am 17. Oktober 1931 gründeten Volkstumsforscher aus Österreich, Deutschland sowie der Schweiz offiziell die „Arbeitsgemeinschaft für Südostdeutsche Forschungen“, die im Frühjahr 1933 eine Umbenennung in „Südostdeutsche Forschungsgemeinschaft“ (SOFG) erfuhr. Die Gründungsmitglieder entstammten allesamt dem deutschnationalen Spektrum und verfolgten die ‚großdeutsche Idee‘, das heißt, den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Neben Forschungen zum ‚Deutschtum‘ in Südosteuropa war es von Anbeginn Ziel der SOFG, mithilfe von Propaganda und ‚Stärkung des Volksbewusstseins‘ der deutschsprachigen Minderheiten die noch jungen Staaten Südosteuropas zu destabilisieren. Für die Umsetzung des rassisch fundierten ‚Volksgruppenrechts’ der Nationalsozialisten sowie für die ‚Endlösung der Judenfrage‘ lieferte die SOFG die entsprechenden Forschungen als legitimierende Grundlage und erwarb sich damit eine führende Rolle in der Vorbereitung und Umsetzung der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik Südosteuropas. Die SOFG und ihre Mitarbeiter können als klassisches Beispiel für die Verbindung von Wissenschaft und Politik gelten, in deren Zuge sich vor allem ‚Ostforscher‘ als Teil einer Funktionselite zur Begleitung und Umsetzung der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik etablierten.

2. Aufgaben

Mit der Gründung der SOFG standen zunächst die Schwerpunkte Staat und Volkstum, Gesellschaft und Volk sowie die ‚großdeutsche Idee‘ im Mittelpunkt des Forschungsinteresses, wobei die SOFG zusammen mit der „Alpenländischen Forschungsgemeinschaft“ als Nachfolge der „Leipziger Stiftung für deutsche Volks- und Kulturbodenforschung“ konzipiert war, die bereits in den 1920er Jahren eine rassisch-homogene ‚Volksboden‘-Konzeption zugunsten deutschsprachiger Siedler in Ost- und Südosteuropa erarbeitet hatte.[1] Geographisch zeichnete sich die SOFG für die Nachfolgestaaten des Habsburgerreichs verantwortlich, wobei die Tschechoslowakei jeweils anteilig von der SOFG und der „Nord- und Ostdeutschen Forschungsgemeinschaft“ (NOFG) bearbeitet wurde. Im Zuge des Balkan- und Russlandfeldzuges erweiterte sich das geographische Zuständigkeitsgebiet auf den gesamten Balkan sowie bis in den Kaukasus hinein. Infolge von Ressortüberschneidungen mit dem Münchener Südost-Institut vereinbarte man ein Zusammenwirken, um Konkurrenzarbeiten zu vermeiden. Zudem kooperierte man seitens der SOFG eng mit den Universitäten Graz, Prag, München und Wien[2] sowie einer Reihe weiterer Forschungsinstitute.

Die in den Anfangsjahren der SOFG entstandenen Ausarbeitungen zielten zunächst darauf ab, durch regionale Untersuchungen über deutschsprachige Minderheiten in Südosteuropa deren sozioökonomische Lage zu beschreiben und Verschlechterungen ihrer Situation den jeweiligen Nationalregierungen anzulasten. Die Schlussforderung dieser Untersuchungen beinhaltete die Forderung nach Stärkung des allein auf ethnischer Differenzierung basierenden ‚Volksgruppenrechts’ und damit einer Besserstellung der in den jeweiligen Staaten lebenden deutschsprachigen Einwohner. Dies war im Endeffekt ein „ethnopolitisches Programm“[3] zur Stärkung des Einflusses des Deutschen Reiches auf die jeweiligen Volksgruppen bei gleichzeitiger Destabilisierung der betreffenden Staaten. Darüber hinaus bestanden die wesentlichen Aufgaben der SOFG bis 1938 in der Erstellung einer Bibliographie zu laufenden Arbeiten und Dissertationen sowohl von deutschen als auch nichtdeutschen Wissenschaftlern in Südosteuropa, der Herausgabe einer Sprachenkarte und dem Aufbau eines nachrichtendienstlichen Übersetzungsdienstes sowie einer Südost-Bibliothek.

Ab Ende der 1930er Jahre gehörte zum Hauptaufgabengebiet der SOFG die Mitarbeit beim Aufbau der nationalsozialistischen Strukturen nach dem ‚Anschluss‘ Österreichs sowie die politische Schulung von dortigen Parteikadern. Hinzu kam ab 1940 die Informationsbeschaffung in Zusammenarbeit mit Wehrmacht, Sicherheitsdienst und Geheimer Staatspolizei als vorbereitende Maßnahme im Zusammenhang mit dem Balkanfeldzug.

Mit dem ‚Anschluss‘ Österreichs begann die SOFG zudem, die verschiedenen deutschen Volksgruppen in Südosteuropa zu (re-)organisieren, indem sie beispielsweise deren Zeitschriften förderte und redaktionell begleitete. Für die Erstellung von Siedlungs- und Verwaltungskarten arbeiteten Kontaktpersonen der SOFG in den jeweiligen Ländern mit den Volksgruppenführungen zusammen, zusätzlich standen der SOFG für ihre Arbeit ab 1941 Filialen in Prag/Praha, Neusatz/Novi Sad/Újvidék, Budapest, Pressburg/Bratislava/Pozsony, Belgrad/Beograd und Hermannstadt/Sibiu zur Verfügung. Die angefertigten Karten dienten einerseits als Grundlage für deutsche Regierungsstellen zur Vorbereitung des Zweiten Wiener Schiedsspruch von 1940 zur Grenzbegradigung zwischen Ungarn und Rumänien, mit der das mittelfristige Ziel einer Homogenisierung der Bevölkerung in den betroffenen Gebieten durch ‚Umsiedlungen‘ sowie die Isolierung der dort lebenden Juden verbunden war. Andererseits nutzte die Wehrmacht das Material zur Vorbereitung des deutschen Überfalls auf die Balkanländer im Frühjahr 1941, wodurch die SOFG aktiv am nationalsozialistischen Eroberungskrieg mitwirkte. Mitarbeiter der SOFG wie Viktor Paulsen (1913–1987) beteiligten sich zudem an der Plünderung des Militärgeographischen Instituts und des Statistisches Amtes in Belgrad, wo man wichtiges Kartenmaterial sicherstellte. Desweiteren gehörten SOFG-Mitglieder jenen Kommandos an, die Anfang Mai 1944 jüdische Buchhandlungen und Antiquariate in Budapest plünderten. Die der SOFG angegliederte Publikationsstelle Wien (P-Stelle) erstellte für derartige Maßnahmen sowie für weitere politische und militärische Zwecke Informationsmaterialien auf Grundlage statistischer und kartographischer Aufarbeitungen, wohingegen die SOFG sich vermehrt „auf die Unterstützung und Koordinierung der Forschung“[4] konzentrierte, die indes die gleichen Ziele verfolgte. Der stellvertretende Leiter der Wiener P-Stelle Franz Ronneberger (1913–1999), seines Zeichens mit verschiedenen Funktionen innerhalb von NSDAP, SS und SD betraut, organisierte 1944 den Umzug der P-Stelle mithilfe von KZ-Häftlingen in das ehemalige Benediktinerstift St. Lambrecht, welches die SS zu dieser Zeit als Außenlager des Konzentrationslagers Mauthausen nutzte und in dem bereits umfangreiche Bestände aus Bücherraubaktionen lagerten.[5]


3. Organisation

Geleitet wurde die SOFG durch einen vierköpfigen Vorstand, dem Viktor von Geramb (1884–1956), Hans Hirsch (1878–1940), Fritz Machatschek (1876–1957) und Hugo Hassinger (1877–1952) angehörten. Hassinger hatte bis 1934 den Vorsitz inne, ihm folgten Hans Hirsch und ab 1940 Otto Brunner (1898–1982). Ein Arbeitsausschuss von 17 Mitgliedern sichtete eingehende Förderanträge und gab seine Empfehlungen an den Vorstand, der über finanzielle Projektunterstützungen entschied. Neben der Förderung und Publikation wissenschaftlicher Forschungen veröffentlichte die SOFG von 1937 bis 1944 die Zeitschrift Deutsches Archiv für Landes- und Volksforschung.

Zu den Kooperationspartnern der SOFG zählten unter anderem die „Alpenländische Forschungsgemeinschaft“, die „Stiftung zur Erforschung des deutschen Volkstums im Süden und Südosten“ (München), die „Südosteuropa Gesellschaft“ (SOEG) und die „Reinhard-Heydrich-Stiftung“ (Prag). Darüber hinaus bestanden intensive Kontakte zu den Volksgruppenführungen und zu den von den Volkgruppen unterhaltenen lokalen Forschungsinstituten. Personelle Verflechtungen sowie Zusammenarbeiten existierten ferner mit der SS, dem Reichssicherheitshauptamt, diversen Reichsministerien, allen voran mit dem Auswärtigen Amt, dem „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ und der Wehrmacht.

Die Personal- und Sachkosten der SOFG trugen zur einen Hälfte der Staat Österreich und die deutsch-österreichische Wissenschaftshilfe, zur anderen Hälfte mit weiteren ca. 1,2 Mio. Reichsmark Ministerien des "Dritten Reiches". Rund 20 Prozent der Gesamtförderung der „Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften“ (VFG) kam der SOFG zugute. Einhergehend mit der Aufgabenerweiterung ab 1939 stieg die Mitarbeiterzahl der SOFG in den Kriegsjahren, allen voran in der Wiener P-Stelle, erheblich an. 1943 übernahm das Reichssicherheitshauptamt die Führung über die VFG, die wiederum die Dienstaufsicht über die SOFG sowie die weiteren fünf osteuropäischen Forschungsgemeinschaften inne hatte, womit die „instrumentelle Einsetzung der volksdeutschen Wissenschaft zur Gegnerforschung und -vernichtung […] ihren Höhepunkt [erreichte].“[6]

Ehemalige Mitarbeiter der SOFG engagierten sich nach Kriegsende in der Wiener „Arbeitsgemeinschaft“ Ost, dem Vorgänger des „Österreichischen Ost- und Südosteuropainstituts“ oder konnten, trotz teilweiser Beteiligung an Kriegsverbrechen, für sich neue Tätigkeitsfelder in der Bundesrepublik Deutschland erschließen.

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Michael Fahlbusch: Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die »Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften« von 1931–1945. Baden Baden 1999.
  • Michael Fahlbusch: Die »Südostdeutsche Forschungsgemeinschaft«. Politische Beratung und NS-Volkstumspolitik. In: Winfried Schulze, Otto Gerhard Oexle (Hg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus. Frankfurt/M. 1999, S. 241–264.
  • Michael Fahlbusch: Südostdeutsche Forschungsgemeinschaft. In: Ingo Haar, Michael Fahlbusch (Hg.): Handbuch der völkischen Wissenschaften. Personen – Institutionen – Forschungsprogramme – Stiftungen. München 2008, S. 688–697.
  • Christine Zippel: Hugo Hassinger. In: Ingo Haar, Michael Fahlbusch (Hg.): Handbuch der völkischen Wissenschaften. Personen – Institutionen – Forschungsprogramme – Stiftungen. München 2008, S. 226–230.

Anmerkungen

[1] Ingo Haar: Historiker im Nationalsozialismus. Deutsche Geschichtswissenschaft und der »Volkstumskampf« im Osten. Göttingen 2000 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 143.), S. 50–57.

[2] Ausführlich zu den Südosteuropa-Forschungen an der Universität Wien während der 1930er und 1940er Jahre, auch im Zusammenhang mit der SOFG, Petra Svatek: »Wien als Tor nach dem Südosten« – Der Beitrag Wiener Geisteswissenschaftler zur Erforschung Südosteuropas während des Nationalsozialismus. In: Mitchell G. Ash, Wolfram Nieß, Ramon Pils (Hg.): Geisteswissenschaften im Nationalsozialismus. Das Beispiel der Universität Wien. Göttingen 2010, S. 111–139.

[3] Fahlbusch: Wissenschaft im Dienst, S. 263.

[4] Fahlbusch: Wissenschaft im Dienst, S. 630.

[5] Peer Heinelt: Portrait eines Schreibtischtäters. Franz Ronneberger. In: Wolfgang Duchkowitsch, Fritz Hausjell, Bernd Semrad (Hg.): Die Spirale des Schweigens. Zum Umgang mit der nationalsozialistischen Zeitungswissenschaft, 2. Aufl. Wien u. w. 2004, S. 193–217, hier S. 207.

Zitation

Dirk Schuster: Südostdeutsche Forschungsgemeinschaft (SOFG). In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2018. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32759 (Stand 11.01.2018).

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