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Narwa/Narva

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Narwa

Amtliche Bezeichnung

est. Narva

Anderssprachige Bezeichnung

russ. Нарва (Narva), altruss. Ругодив (Rugodiv)

Etymologie

Der Name „Narwa“ leitet sich vom Germanischen „narwō“ (Narbe bzw. Schwelle) oder von der wepsischen Bezeichnung „Narvaine“ (Schwelle oder Einschnitt) ab und rekurriert auf den Wasserfall südlich der Stadt. Der altrussische Name „Rugodiv“ bezieht sich auf ein mythologisches Wesen, das Ertrinkende rettet.

2. Geographie

Lage

59° 22’ nördliche Länge, 28° 11’ östliche Breite

Topographie

Die Stadt liegt im Osten Estlands an der Grenze zur Russischen Föderation, 14 km von der Ostsee entfernt am westlichen Ufer des Narwa-Flusses (est. Narva jõgi). Sie befindet sich auf einem Kalksteinplateau, wie es für die Landbrücke zwischen Finnischem Meerbusen und Peipussee typisch ist. Im Süden grenzt seit 1955 der Narwa-Stausee (est. Narva veehoidla) an das Stadtgebiet. Sumpfgebiete, Tagebaue und Abraumhalden prägen die Umgebung. Narwa ist 195 km von Reval/Tallinn und 135 km von Sankt Petersburg/Sankt-Peterburg entfernt.

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Narwa liegt im Kreis Ostwierland (est. Ida-Viru), der Verwaltungssitz ist Jewe (est. Jõhvi).

Historisch betrachtet bilden Iwangorod (dt. Johannstadt, russ. Ивангород, est. Jaanilinn) und Narwa eine Zwillingsstadt. Mit Wiedererlangung der Unabhängigkeit Estlands 1991 wurden das estnische Narwa und das russische Iwangorod zu Grenzstädten.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Auf dem blauen Grund des Stadtwappens ist im oberen Teil ein Schwert abgebildet, das von zwei Kanonenkugeln flankiert wird. Darunter, in der Wappenmitte, befinden sind zwei silberne Fische (Stöhr). Im unteren Teil folgt ein Säbel über einer dritten Kanonenkugel.

Die Fahne der Stadt besteht aus zwei horizontalen Streifen. Der obere gelbe symbolisiert den reifen Weizen, der untere grün-bläuliche versinnbildlicht das Meer. Fahne und Wappen stammen aus der Schwedenzeit.

Vor- und Frühgeschichte

Erste Siedlungsspuren am Burgberg Narva Joaroru stammen aus der Zeit um 10.000 v. Chr. Funde aus der Kunda-Kultur, die Übereinstimmungen mit der Maglemose-Kultur aufweisen, belegen eine Besiedlung zwischen 7.400–6.000 v. Chr. an der Narwa. Im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. entwickelte sich hier die semi-neolithische Narva-Kultur, die nach ihrem Fundort definiert wurde und vom Jagen und Sammeln geprägt war.

Mittelalter

Nach der Zerstörung des hölzernen Vorgängerbaus der Hermannsfeste (est. Hermanni linnus) am Anfang des 13. Jahrhunderts erfolgte ab 1256 die Errichtung einer massiven Befestigungsanlage. Erstmals urkundlich erwähnt wird die neue Burg 1277, zur selben Zeit kam es zum Ausbau der Siedlung innerhalb der Festung. Die Burg diente als Stützpunkt für die geplante Eroberung des Watlands durch die Dänen und wurde ab 1329 civitas und ab 1333 castrum et civitas genannt. 1342 wurde die Stadt durch russische Truppen verwüstet. Dänemarks König Waldemar IV. (1321–1375) bestätigte 1345 das Lübische Stadtrecht, verkaufte aber 1346 seine estnischen Gebiete inklusive Narwas an den Deutschen Orden. 1367 kam es zu Zerstörungen durch russische Truppen und einen Stadtbrand. In der Folgezeit entstand eine neue Stadt in der Vorburg.

Neuzeit

1492 ließ Ivan III. (1440–1505), der Großfürst von Moskau, am östlichen Ufer der Narwa die Festung Iwangorod errichten. Im Zuge des Livländischen Krieges (1558–1583) wurden die Stadt und die Herrmannsfeste 1558 durch die Truppen des Zaren Ivan IV. (1530–1584) erobert. Es folgte eine kurze wirtschaftliche Blütezeit, in der Narwa als einzige Hafenstadt Russlands im Ostseeraum den russischen Transithandel dominierte. Die russische Herrschaft endete 1581 mit der schwedischen Eroberung unter Pontus de la Gardie (1520–1585). Während der schwedischen Herrschaft (1581-1704) kam es zum planmäßigen Ausbau der Stadt und ihrer Festung. Mehrere Stadtbrände (1610, 1649, 1659) sowie die Vereinigung mit Iwangorod im Jahr 1645 veränderten die urbane Gestalt. Ab 1680 erfolgte die Umgestaltung der Stadt zur Festungsstadt nach Fortifikationsplänen Erik Dahlbergs (1625–1703). In der Schlacht bei Narwa im Jahr 1700 schlug Karl XII. von Schweden (1682–1718) trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit das russische Heer Zar Peter I. (1682–1725). 1704 kehrten die russischen Truppen zurück und eroberten die Stadt. Die Einwohner der Stadt wurden 1707/08 ins Zarenreich deportiert und durften erst 1715 zurückkehren. Mit dem Frieden von Nystad wurde Narwa 1721 offiziell Teil des Zarenreichs und gehörte bis 1917 zum Gouvernement Sankt Petersburg.

Auf dem Gelände der Krähnholm Manufakturen (est. Kreenholmi Manufaktuur) befand sich das sowjetische Kriegsgefangenenlager 206, das 1945 mit dem Lager 393 in Narwa zusammengelegt wurde. Mit der Wiedererrichtung der Estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik erfolgte die Abtrennung von Iwangorod, das zu einer eigenständigen Stadt wurde. Allen ehemaligen Bewohnern Narwas wurde die Rückkehr verweigert und neue russischstämmige Personen, bevorzugt aus dem Oblast Leningrad, angesiedelt. Bis zur Unabhängigkeitserklärung der Republik Estland am 20. August 1991 gehörte Narwa zur Sowjetunion.

Bevölkerung

Jahr16. Jh.17. Jh.17821819189719341959197919922015
Einwohnerca. 600ca. 4.0002.6143.50028.59223.51227.63075.90982.97958375[1]

Vor dem Livländischen Krieg (1530) bestand die ca. 500-800 Menschen umfassende Einwohnerschaft Narwas aus etwa 30 deutschen und 120 weiteren Familien. Mitte des 17. Jahrhunderts zählte die deutsche Gemeinde 115 steuerpflichtige Bürger. Im Zuge des Stadtausbaus zum Ende des 17. Jahrhunderts stieg die Bevölkerung auf ca. 4.000 Einwohner zuzüglich einer Garnison von 1.000 Mann. Die Bürgerschaft bestand zur damaligen Zeit aus Deutschen, Schweden, Russen, Esten und Finnen. Zeitweilig ließen sich auch einige englische und holländische Kaufleute in der Stadt nieder. Im Jahr 1934 waren unter Narwas 23.512 Einwohnern 65 Prozent estnischer und 30 Prozent russischer Nationalität. Die Deutschen bildeten mit 499 Personen 2 Prozent. Daneben gab es 188 Juden, 162 Polen und 145 Finnen.

Nachdem es nach den Umsiedlungen von 1939/1941 keine deutschen Bevölkerungsteile mehr gab, hat sich nach 1991 der kleine deutsche Verein „Harmonie“ gebildet, der vornehmlich aus Russlanddeutschen besteht, die in der Zeit der Zugehörigkeit Estlands zur Sowjetunion zugezogen sind. Obwohl sie drittgrößte Stadt Estlands ist, weist Narwa seit der estnischen Staatsgründung 1991 einen kontinuierlichen Bevölkerungsschwund auf. Im Jahre 2017 hatte die Stadt 57.130 Einwohner, von denen sich 83 Prozent als Russen bekannten, dagegen nur 4 Prozent als Esten sowie 2 Prozent als Ukrainer und 2 Prozent als Weißrussen. Nur 48 Prozent besaßen die estnische Staatsbürgerschaft, 36 Prozent die russische und 14 Prozent waren staatenlos. Insbesondere die starke russische Mehrheit verfügt teilweise noch immer über keinen estnischen Pass. Seit 1992 wird allen Neugeborenen in Estland die estnische Staatsbürgerschaft gewährt.

Wirtschaft

Die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt Narwa gründete sich historisch auf ihre Lage im Schnittpunkt der Handelswege im nordöstlichen Ostseeraum. Bis zur Eroberung durch den russischen Zar Peter I. war sie eine wichtige Hafenstadt mit weitreichenden Fernhandelsbeziehungen. Diese wurden seit der Hanse durch deutsche Kaufleute dominiert, bevor die Stadt ab 1704 an wirtschaftlicher Bedeutung verlor. Mit der Industrialisierung wurde die Holzindustrie und ab 1857 auch die Textilindustrie mit den Krähnholm Manufakturen unter Ludwig Knoop (1821–1894) ausgebaut. Nach 1990 firmierten die Werke unter verschiedenen Namen, bevor sie 2010 Konkurs anmeldeten und 2012 die Produktion einstellten. Seit der Eröffnung der Fernbahn zwischen Reval und Stankt Petersburg 1870 spielte der Fluss als Transportweg keine wirtschaftliche Rolle mehr. Im Zuge der globalen Finanzkrise 2008 kam es zum Einbruch des Im- und Exportgeschäfts sowie zum Anstieg der Arbeitslosenquote (Höchststand 2010: 15,5 Prozent).

Religions- und Kirchengeschichte

Nachdem die Christianisierung der Esten durch norddeutsche Missionare bereits um die Jahrtausendwende begonnen hatte und der christliche Glaube mit der Eroberung Estlands durch die Dänen im 13. Jahrhundert weiter verbreitet worden war, erreichte er nach dem Erwerb Estlands durch den Deutschen Orden im Jahr 1346 auch Narwa. Durch enge Beziehungen der deutschen Oberschicht im Hansenetzwerk setzte sich die Reformation bis 1526 in der Ostseestadt durch. Zugleich drang auch der russisch-orthodoxe Glaube, ausgehend von der Nähe zu den russischen Gebieten und der ansässigen Bevölkerung in Iwangorod, bis nach Narwa vor. Die schwedische Herrschaft (1581–1704) konzentrierte sich dann auf die Festigung der lutherischen Lehre.

Nach dem vertraglichen Übergang Narwas an das russische Zarenreich 1710 behielt die lutherische Kirche ihre Autonomie. Deutsch blieb nicht nur Verwaltungs-, sondern auch Kirchensprache. Der von Zar Alexander III. (1845–1894) im späten 19. Jahrhundert unternommene Versuch, den russisch-orthodoxen Glauben in Estland zu stärken, blieb ohne Erfolg.

Im unabhängigen Estland der Zwischenkriegszeit galt Religionsfreiheit. Durch die Mehrheit der russischen Bevölkerung dominiert heute der russisch-orthodoxe Glaube. Neben einer kleinen lutherischen Gemeinde existieren auch eine jüdische und islamische Gemeinde mit einer geringen Mitgliederzahl, während mehr als ein Fünftel der Bevölkerung Narwas sich keiner Religion zugehörig fühlt.

Kunstgeschichte

Wahrzeichen der Stadt ist die gotische Hermannsfeste mit dem 51 m hohen „Langen Hermann“ (est. Pikk Herrmann), der gegenüber der Burg Iwangorod steht. Das barocke Rathaus (1665–1671), errichtet nach Plänen Georg Teuffels (1610–1672), wurde nach seiner Rekonstruktion (1961-1964) bis 1991 als Pionierpalast genutzt. Fast alle Narwaer Bürgerhäuser aus der Zeit der Renaissance und des Barocks wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Der Wiederaufbau der Stadt geschah nach sozialistischem Vorbild, eine Rekonstruktion der Altstadt unterblieb.

Zu den im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kirchen gehört neben der Stadtkirche auch die protestantische St. Johanniskirche der ehemaligen deutschen Kirchengemeinde. Die russisch-orthodoxe Aufklärungskathedrale wurde 1890–1898 im neubyzantinischen Stil errichtet. Im gleichen Zeitraum (1881–1884) entstand nach Entwürfen des Architekten Otto Pius Hippius (1826–1883) auch die Alexanderkirche als größte evangelische Kirche in Estland. Erst ab 1990 wurden ihre Kriegsschäden beseitigt und 2016 wurde sie vom estnischen Staat gekauft. Heute befindet sich hier eine Kunstausstellung.

Buch-, Druck- und Mediengeschichte

1695 wurde in Narwa die erste, allerdings nur ein Jahrzehnt bestehende Druckerei eingerichtet. Hier wurden die Narvaische Post-Zeitung (1701/02) und Narva literata (1703) verlegt, zwei wichtige deutschsprachige Drucke der Frühen Neuzeit. Erst ab 1862 gab es wieder eine Zeitung in Narwa. Heute erscheinen in Narwa die estnischsprachige Wochenzeitung Narva Postiljon sowie zweimal wöchentlich ihr russisches Pendant Narvskaja Gazeta.

Gedächtnis- und Erinnerungskultur

Ein 1936 zum Gedenken an die Schlacht von 1700 errichtetes schwedisches Löwenmonument wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und im Jahr 2000 zum 300-jährigen Jubiläum wiedererrichtet. Jeden Sommer wird mit der „Narva Battle“ die Schlacht von Narwa in der Hermannsfeste nachgestellt. Im Burghof der Hermannsfeste befindet sich als Museumsstück eine Lenin-Statue. 1999 wurde ein deutscher Kriegsgräberfriedhof eingeweiht, der 15.000 Grabfelder umfasst.

4. Diskurse/Kontroversen

Seit der russischen Annexion der Krim 2014 wurde die Frage „Is Narva next?“ wiederholt und kontrovers diskutiert. Am 24. Februar 2015, dem estnischen Nationalfeiertag, verdeutlichte die NATO-Militärparade im Stadtzentrum von Narwa, und damit in unmittelbarer Nähe zur EU-Außengrenze, die strategische Bedeutung der Stadt. Bereits 1993 war ein Referendum in Narwa und der Region Ida-Viru, das eine Mehrheit für die Unabhängigkeit des Gebietes ergeben hatte, vom Obersten Gerichtshof Estlands für ungültig erklärt worden.

5. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Karsten Brüggemann (Hg.): Narva und die Ostseeregion. Beiträge der II. Internationalen Konferenz über die politischen und kulturellen Beziehungen zwischen Russland und der Ostseeregion (Narva, 1.–3. Mai 2003) – Narva and the Baltic Sea Region. Papers Presented at the II International Conference on Political and Cultural Relations between Russia and the Baltic Region States (Narva, 1–3 May 2003). Narva 2004.
  • Heinrich Johann Hansen: Geschichte der Stadt Narva. Dorpat 1858.
  • Sten Karling: Narva: eine baugeschichtliche Untersuchung. Stockholm 1936.
  • Arnold Süvalep [Schulbach]: Narva Ajalugu, Bd. I: Taani- ja orduaeg. Tartu 1936.
  • Weiss-Wendt, Anton (Ed.): On the Margins. Essays on the History of Jews in Estonia. Budapest, New York 2017.

Periodika

  • Narva Muuseum Toimetised  (vom Narvaer Stadtmuseum jährlich herausgegebenes Periodikum zu Themen der Narvaer Stadtgeschichte).

Weblinks

Anmerkungen

[1] Vgl. u. a. Raimo Pullat: Zur historischen Demographie der Städte in der estnischen SSR. In: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte / Economic History Yearbook, 12, II, Berlin 1971, S. 255–266; Narva Linna Arenduse ja Ökonoomika Amet: Narva arvudes / Narva in figures 2010, S. 7, web.narva.ee/files/2010_Narva%20arvudes_et_en.pdf (Abruf 22.12.2017).

Zitation

Stefan Herfurth: Narwa/Narva. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2017. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32315 (Stand 10.01.2018).

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OME-Redaktion (Stand: 25.04.2018)