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Jassy/Iaşi

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Jassy, veraltet: Jaßenmarkt

Amtliche Bezeichnung

rum. Iaşi

Anderssprachige Bezeichnungen

lat. Jassium; russ. Яссы, translit. Jassy; ung. Jászvásár; armen. Yash; türk. Yaş

Etymologie

In der rumänischen Sprache wird die Stadt auch als „Iaşii“ oder „Târgul Iaşilor“ bezeichnet, was wörtlich „der Markt der Jassen“ bedeutet. Bei den „Jassen“ handelt es sich um Angehörige reiternomadischer Turkvölker, die sich im Hochmittelalter vor allem auf dem Gebiet des Kumanenreiches im nördlichen Schwarzmeerraum niederließen.

2. Geographie

Lage

Jassy liegt im Nordosten Rumäniens, ca. 20 km von der Grenze zur Republik Moldau entfernt, auf 47° 09′ nördlicher Breite und 27° 38′ östlicher Länge.

Topographie

Jassy erstreckt sich auf den Uferwiesen und Terrassen des Flusses Bahlui sowie auf sieben Hügeln.

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Das Munizipium Jassy ist Kreishauptstadt des Landkreises Jassy (Iaşi) und die viertgrößte Stadt Rumäniens. In der Regionalaufteilung der EU gehört Jassy zur rumänischen Entwicklungsregion Nordost, die den niedrigsten Entwicklungsgrad in Rumänien aufweist.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Auf dem Stadtwappen sind auf rotem Grund ein weißes Stadttor sowie darüber ein weißes Pferd und eine goldene Krone dargestellt; Letztere sind „Symbole der Macht“.[1]

Gebräuchliche oder historische Beinamen

Jassy ist auch als „Stadt der hundert Kirchen“ und als „Stadt der sieben Hügel“ bekannt.

Archäologische Bedeutung

Durch intensive archäologische Forschungen, besonders nach 1950, wurden unweit von Jassy Spuren paläolithischer (Silexwerkzeuge) und neolithischer Kulturen (Cucuteni-Keramik) ausgegraben.[2]

Allgemeine (politische) Geschichte

1408 wurde Jassy während der Herrschaft von Alexandru cel Bun (Alexandru dem Guten, gest. 1432) in einem Dokument, das das Handelsprivileg für Kaufleute aus Lemberg/L’viv/Lwów besiegelt, zum ersten Mal erwähnt. Die urbane Entwicklung begann ab dem 13. Jahrhundert, beeinflusst von der Intensivierung des Handels in der Moldau, der damit zusammenhängenden wirtschaftlichen Entwicklung und dem Zuzug von Handwerkern sowie der strategisch guten Lage inmitten des Fürstentums.

Jassy hatte ab 1563 – mit Unterbrechungen – die Funktion einer Hauptstadt des Fürstentums Moldau inne. Von 1859 bis 1861 war Jassy die gemeinsame Hauptstadt der vereinigten Fürstentümer der Walachei und Moldau und wurde in dieser Eigenschaft 1862 durch Bukarest/Bucureşti abgelöst. Im Ersten Weltkrieg, 1916–1918, wurde Jassy noch einmal provisorischer Regierungssitz Rumäniens.

Pogrom von Jassy

Am 26. Juni 1940 stellte die Sowjetunion Rumänien ein Ultimatum, in dem gefordert wurde, Bukarest solle seine Truppen und seine Administration aus Bessarabien, der nördlichen Bukowina und dem Herza-Gebiet unverzüglich abziehen. Rumänien akzeptierte die Bedingungen, um eine bewaffnete Auseinandersetzung zu vermeiden. Die absurde Annahme, dass Juden für die Abtretung dieser Territorien verantwortlich waren, wurde ein gängiges Klischee,[3] ebenso Gerüchte, dass Juden sowjetischen Flugzeugen, die die Stadt im Juni 1941 bombardierten, Signale gesendet hätten. Dies trug dazu bei, die Juden pauschal mit antikommunistischen Feindbildern in Verbindung zu bringen.[4] Mit den Vorbereitungen für den Angriff rumänischer und deutscher Armeen auf die Sowjetunion verstärkte sich die antijüdische Hetze in der grenznahen Stadt. Unmittelbar nach dem Überfall auf die Sowjetunion wurden am 29. Juni 1941 und in den folgenden Tagen in Jassy Schätzungen zufolge bis zu 13.000 Juden ermordet: Etwa 3.500 wurden von rumänischen und deutschen Soldaten zusammengetrieben, auf dem Gelände des Polizeihauptquartiers in Jassy gefangen gehalten und erschossen,[5] andere wurden ermordet, als deutsche und rumänische Soldaten im jüdischen Viertel plünderten. Zwei Züge wurden für die „Evakuierung“ der übrig gebliebenen Juden bereitgestellt. Es handelte sich um Züge, in denen Karbid transportiert worden war. Dort waren die Juden tagelang eingesperrt, ohne Luft zum Atmen, Wasser oder Nahrung, teilweise schwer verletzt; viele starben.[6]

Bevölkerungsentwicklung

Ab dem 15. Jahrhundert wuchs Jassy stetig; die Bevölkerung stieg durch den Zuzug verschiedener Gruppen an: Menschen aus den benachbarten Dörfern, Armenier, Deutsche aus Siebenbürgen (die sich vor allem in der sog. „Sächsischen“ Straße, hinter der heutigen Metropolie, ansiedelten), Rumänen und Ungarn aus Siebenbürgen, Griechen, Russen und andere.[7]

1912 hatte Jassy 75.229 Bewohner, davon waren fast die Hälfte, 42 %, Juden.[8] 1930 zählte die Stadt 102.872 Einwohner, darunter 63.168 Rumänen, 34.662 Juden, 980 Deutsche, 918 Russen und andere.[9] Vor dem Zweiten Weltkrieg waren etwa die Hälfte (45.000) der Stadtbewohner Juden.[10] Um die Jahrtausendwende (2002) war Jassy mit ca. 321.000 Einwohnern nach Bukarest noch die zweitgrößte Stadt Rumäniens.[11] Im darauffolgenden Jahrzehnt nahm die Bevölkerung der Stadt, vor allem bedingt durch den wirtschaftlichen Umstrukturierungsprozess, kontinuierlich ab, sodass in Jassy 2011 nur noch 263.000 Einwohner lebten,[12] darunter 89 Deutsche.[13]

Wirtschaft

Die Stadt lag im Mittelalter an der Fernhandelsstraße von Istanbul nach Kiew/Kyjiv. Die Hauptstadtfunktion ab dem späten 16. Jahrhundert und die Ansiedlung jüdischer, armenischer und griechischer Kaufleute in der Frühen Neuzeit wirkten sich positiv auf die wirtschaftliche Entwicklung Jassys aus und belebten vor allem den Handel, für den an dieser Schnittstelle zwischen Osmanischem Reich, Habsburgermonarchie und Polen beziehungsweise Russland besonders gute Bedingungen vorlagen. Die Industrialisierung der Stadt begann erst im späten 19. Jahrhundert und wurde vom kommunistischen Regime intensiv vorangetrieben, sodass die Bevölkerung ab den 1950er Jahren massiv anstieg. Die wichtigsten Wirtschaftsbranchen Jassys sind gegenwärtig die Pharmaindustrie, die Metallurgie, der Maschinenbau, die Textilindustrie, der Bankensektor und der Tourismus. In der Stadt sind mehrere Softwareunternehmen angesiedelt.

Religions- und Kirchengeschichte

Die Stadt hatte mehr als 50 Synagogen, 43 griechisch-orthodoxe Kirchen, eine armenische Kirche, ein römisch-katholisches und ein protestantisches Gotteshaus.[14] Noch 1930 waren ca. 34 % der Einwohner jüdischen Glaubens und 60 % orthodoxer Konfession. Für 2002 ergab die Volkszählung 92,5 % Orthodoxe und 4,9 % Katholiken.[15]

Besondere kulturelle Institutionen

1840 wurde das erste Nationaltheater der rumänischen Fürstentümer in Jassy eröffnet. Hier entstanden auch das erste Naturkundemuseum Rumäniens und das erste jiddischsprachige Theater weltweit (1876), gegründet von Abraham Goldfaden (1840–1908), Verfasser von Operetten und Dramen. Im Rumänischen Literaturmuseum werden vor allem Aspekte der rumänischen Literaturgeschichte nach 1848 präsentiert.

Bildung und Wissenschaft

In der Zeit der Phanarioten (→ Rumänien) wurde in Jassy eine griechische höhere Schule eingerichtet, in der neben Theologie auch Mathematik, Geographie und Philosophie unterrichtet wurden. 1860 wurde in Jassy die erste rumänische Hochschule gegründet, die heute den Namen Alexandru-Ioan-Cuza-Universität (Universitatea Alexandru Ioan Cuza) trägt. Der Germanistik-Lehrstuhl der Universität gibt seit 1983 die Jassyer Beiträge zur Germanistik heraus. Weitere wichtige Hochschulen in Jassy sind die Technische Universität Gheorghe Asachi und die Universität für Medizin und Pharmazie Gr. T. Popa. Der bedeutende siebenbürgisch-sächsische Germanist und Theologe Karl Kurt Klein (1897–1971) wurde 1923 evangelischer Pfarrer in Jassy und 1932 zum Professor für Germanistik an der örtlichen Universität sowie zum Direktor der Universitätsbibliothek berufen.

Kunstgeschichte und Kunsthandwerk

Im 17. Jahrhundert erfuhr Jassy eine kirchlich-kulturelle Blütezeit, wovon unter anderem die prachtvolle Kirche Trei Ierarhi mit orientalischen Steinornamenten und das Cetăţuia-Kloster zeugen. In der Druckerei der Trei Ierarhi-Kirche wurde 1643 erstmals ein Predigtenbuch in rumänischer Sprache gedruckt.

Die Holzschnitzerei ist eine traditionelle Volkskunst in Jassy und der Moldau.

Literatur

1863/1864 wurde in Jassy die literarische Junimea-Gesellschaft gegründet, der bedeutende Schriftsteller, Philologen, Historiker und Juristen wie Titu Maiorescu (1840–1917), Petre P. Carp (1837–1919), Mihai Eminescu (1850–1889), Ioan Slavici (1848–1925), Ion Creangă (1839–1889) und Ion Luca Caragiale (1852–1912) angehörten. Die Vereinigung spielte eine überragende Rolle in der rumänischen Kultur des 19. Jahrhunderts und prägte insbesondere auch die rumänische Historiographie. Die Mitglieder dieser Gesellschaft besetzten wichtige Führungspositionen innerhalb der Konservativen Partei und stellten mehrere rumänische Ministerpräsidenten und Minister.

Der 1995 gegründete Verlag Polirom ist einer der größten Verlage in Rumänien und spielt eine wichtige Rolle bei der Förderung der zeitgenössischen jungen rumänischen Literatur (Autoren sind u. a. Răzvan Rădulescu und Ana Maria Sandu).

Gedächtnis- und Erinnerungskultur

In Jassy gibt es mehrere Denkmäler für die Opfer der Deportationszüge und des Pogroms von 1941; 1976 wurde vor der Großen Synagoge, dem einzigen erhalten gebliebenen jüdischen Gotteshaus Jassys, ein Obelisk zur Erinnerung aufgestellt.

4. Diskurse/Kontroversen

Erst im Juni 2003, nach mehr als 50 Jahren Rechtfertigungsdiskursen und der Ablehnung jeder Verantwortung der Rumänen für die Verfolgung und Ermordung der Juden, hat die rumänische Regierung auf internationalen Druck die Internationale Kommission („Wiesel-Kommission“)[16] zur Erforschung des Holocausts in Rumänien gebildet.[17]

5. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • József Benedek: Raumplanung und Regionalentwicklung. In: Thede Kahl, Michael Metzeltin, Mihai-Rǎzvan Ungureanu (Hg.): Rumänien. Raum und Bevölkerung, Geschichte und Geschichtsbilder, Kultur, Gesellschaft und Politik heute, Wirtschaft, Recht und Verfassung, Historische Regionen. Wien, Berlin 2008 (Österreichische Osthefte. Zeitschrift für Mittel-, Ost- und Südosteuropaforschung 48/2006, Sonderband), S. 105–130.
  • Cristina Ciucu: Der rumänische Holocaust: Leugnung und Revisionismus. In: Iulia Dondorici (Hg.): Rumänien heute. Wien 2011 (Passagen Europa Süd-Ost), S. 69–82.
  • Claudia Popescu: The Economy of a Regional Metropolis. Case-study: Iaşi, Romania. In: Transylvanian Review of Administrative Sciences 33E (2011), S. 255–276 (URL: www.rtsa.ro/en/367,the-economy-of-a-regional-metropolis.-case-study-ia-350;i-romania.html).
  • Hugo Weczerka: Das Fürstentum Moldau und die Deutschen. In: Isabel Röskau-Rydel (Hg.): Galizien, Bukowina, Moldau. Berlin 1999 (Deutsche Geschichte im Osten Europas), S. 329–378.

Weblinks

Anmerkungen

[1] Projekt Comenius: Volksproduktion, Volkshandwerke in Europa – gestern und heute. URL: http://www.gymsered.sk/comeniusweb/sammelwerk_EU.pdf (Abruf 11.09.2014).

[2] Constantin Cihodaru, Gheorghe Platon (Hg.): Istoria oraşului Iaşi [Die Geschichte der Stadt Jassy]. Bd. 1. Iaşi 1980, S. 20, 22.

[3] Comisia internaţională pentru studierea Holocaustului în România: Raport final [Internationale Kommission zur Erforschung des Holocaust in Rumänien: Abschlussbericht], S. 84. URL: http://www.inshr-ew.ro/raportul-wiesel (Abruf 11.09.2014).

[4] Armin Heinen: România, Holocaustul şi logica violenţei [Rumänien, der Holocaust und die Logik der Gewalt]. Iaşi 2011, S. 124.

[5] Gedenkstättenportal zu Orten der Erinnerung in Europa/Jassy: http://www.memorialmuseums.org/denkmaeler/view/1047/Erinnerung-an-die-Opfer-des-Pogroms-vom-Juni-1941 (Abruf 11.09.2014).

[6] Raport final (Anm. 3), S. 118ff.

[7] Cihodaru, Platon (Hg.): Istoria oraşului Iaşi (Anm. 2), S. 52ff.

[8] Lucian Boia: Geschichte und Mythos. Über die Gegenwart des Vergangenen in der rumänischen Gesellschaft. Köln, Weimar, Wien 2003, S. 203.

[9] Recensământul general al populaţiei României din 29 decembrie 1930 [Rumänische Volkszählung vom 29. Dezember 1930]. Bd. 2. Bucureşti 1938.

[10] Gedenkstättenportal zu Orten der Erinnerung in Europa/Jassy (Anm. 5).

[11] Peter Jordan, Thede Kahl: Ethnische Struktur. In: Thede Kahl, Michael Metzeltin, Mihai-Rǎzvan Ungureanu (Hg.): Rumänien. Raum und Bevölkerung, Geschichte und Geschichtsbilder, Kultur, Gesellschaft und Politik heute, Wirtschaft, Recht und Verfassung, Historische Regionen. (Österreichische Osthefte. Zeitschrift für Mittel-, Ost- und Südosteuropaforschung 48/2006, Sonderband), S. 63–88, hier S. 76ff.

[12] Comisia Centrală pentru recensământul populaţiei şi al locuinţelor [Zentrale Kommission für die Zählung der Bevölkerung und des Wohnraums] (Hg.): Comunicat de presă din 2 februarie 2012 privind rezultatele provizorii ale Recensământului Populaţiei şi Locuinţelor [Pressemitteilung vom 2. Februar 2012 über die vorläufigen Ergebnisse der Volks- und Wohnungszählung]. URL: http://www.recensamantromania.ro/rezultate-2/ (Abruf 17.05.2012).

[13] Institutul Național de Statistică: Rezultate provizorii [Nationales Institut für Statistik: Zwischenergebnisse]. URL: http://www.recensamantromania.ro/ rezultate-2/ (Abruf 17.05.2012).

[14] Weczerka: Das Fürstentum Moldau, S. 366.

[15] Populaţia stabilă după principalele religii la recensământul din anul 2011 [Die Wohnbevölkerung ausgewiesen nach den wichtigsten Religionen gemäß der Volkszählung von 2011]. URL: http://www.recensamantromania.ro/rezultate-2/ (Abruf 17.05.2012).

[16] Raport final (Anm. 3).

[17] Ciucu: Der rumänische Holocaust, S. 74–77.

Zitation

Arinda Crăciun: Jassy/Iaşi. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2015. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32402 (Stand 16.03.2015).

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