Oberwischau/Vişeul de Sus

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Oberwischau (Kurzform: Wischau; mundartl./umgangssprl. Wischo)

Amtliche Bezeichnung

rum. Vişeu de Sus

Anderssprachige Bezeichnungen

ung. Felsővisó (Kurzform: Visó)

Etymologie

Der Ort liegt am Zusammenfluss des namensgebenden Flusses Wischau (rum. Vișeu) mit dem Fluss Wasser (rum. Vaser).

2. Geographie

Lage

47° 43′ N, 24° 26′ O

Topographie

Oberwischau liegt auf 427 m Höhe im Wassertal, das sich in Ost-West-Richtung erstreckt und von den Ostkarpaten (Waldkarpaten) umgeben ist. Gemessen an der Fläche gehört Oberwischau zu den größten Städten Rumäniens. Es herrscht ein kontinentales Klima.

Region

Oberwischau gehört zur historischen Region Marmarosch (auch Marmatien genannt), deren südlicher Teil heute den Verwaltungskreis Maramureş in Nordrumänien bildet.

Staatliche Zugehörigkeit

Oberwischau gehörte im Mittelalter zum Königreich Ungarn, im 16. und 17. Jahrhundert zum Fürstentum Siebenbürgen, danach innerhalb der Habsburgermonarchie wieder zum Königreich Ungarn und ab 1918 zu Rumänien (1940–1945 zu Ungarn).

3. Geschichte und Kultur

Mittelalter und Frühe Neuzeit

Der 1365 zum ersten Mal urkundlich erwähnte Ort befand sich im südlichen Teil des ungarischen Komitates Marmarosch, der als Landstrich bereits 1199 in einem Dokument als Jagdrevier des ungarischen Königs Emmerich (reg. 1196–1204) aufscheint. 1468 wird Oberwischau als selbstständiger Ort im Komitat Marmarosch erwähnt.

Die an Salzvorkommen und Wäldern reiche Region wurde nach den „Türkenkriegen“ im Zuge der wirtschaftlichen Erschließung des Karpatenraums im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert durch die Habsburgermonarchie von deutschsprachigen Kolonisten besiedelt. Es waren Waldfachleute aus dem oberösterreichischen Salzkammergut, die mit der Reorganisierung des Holzwesens nach dem Vorbild ihres Herkunftsgebietes beauftragt wurden. Zur Arbeit dieser Ansiedler gehörte auch das Herstellen von Flößen, mit denen man auf der Theiß den günstigsten Salztransport zu den Hauptumschlagplätzen sichern konnte. Sowohl das an Holz reiche Wassertal als auch die Wasser bzw. die Wischau als Zuflüsse der Theiß waren für dieses Vorhaben bestens geeignet. Deshalb ließ der Ärar (Fiskus) 1778 einen Teil der oben genannten österreichischen Kolonisten (vor allem aus der Gegend um Gmunden) auch im Wassertal mit dem Hauptort Oberwischau ansiedeln. Danach folgten Kaufleute sowie 1785 ein zweiter Zuwandererstrom aus Bad Ischl, Ebensee und Umgebung. Diese Einwanderer erhielten ab 1796 Zuzug aus der oberungarischen (heute slowakischen) Zips, einer deutschen Sprachinsel im östlichen Vorland der Hohen Tatra (vor allem aus der Umgebung von Altlublau, Käsmark, Leutschau und Poprad). Die Herkunftsbezeichnung dieser Menschen übertrug die ungarische Verwaltungsbehörde sowohl auf die bereits ansässige als auch auf die später zugewanderte deutschsprachige Bevölkerung des Wassertales, wonach diese bis heute „Zipser“ genannt werden. Die letzten größeren deutschen Einwanderergruppen trafen 1812 und 1829 in Oberwischau ein.

19. und 20. Jahrhundert

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts, als auch die Einwanderung armenischer und jüdischer Händler einsetzte, wurde das Wassertal eine Landschaft mit gemischtethnischem und multikulturellem Charakter. Oberwischau beheimatete außer Deutschen, Österreichern, deutschsprachigen „Zipsern“, Rumänen und Ukrainern auch ungarische, armenische, polnische und slowakische Einwohner, die ein friedliches Miteinander pflegten. Dieses enge Zusammenleben führte jedoch weder zu einer Verschmelzung der Ethnien noch zu einem Aufgehen in der rumänischen Mehrheitsbevölkerung nach 1918. Jahrhunderte hindurch konnten sich hier Deutsche, Juden, Rumänen, Ukrainer und Ungarn sprachlich, kulturell und konfessionell eigenständig entfalten und ihre Traditionen pflegen.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde die jüdische Stadtbevölkerung größtenteils deportiert. Die Wenigsten überlebten.  

Oberwischau wurde 1956 zur Stadt erhoben. Nach 1970 wanderte der Großteil der Zipser aus dem Wassertal in die Bundesrepublik Deutschland aus, wo sie sich vorwiegend in den Großräumen Ingolstadt, München, Nürnberg, Singen und Stuttgart niederließen. Dazu gehörte auch die Familie des rumäniendeutschen Schriftstellers und Dramatikers Thomas Perle, der 1987 in Oberwischau geboren wurde. Die Oberwischauer Aussiedler in Deutschland sind in der Heimatortsgemeinschaft der Oberwischauer e. V. organisiert. Ihr Mitteilungsblatt ist der „Wassertaler Heimatbote“, der zweimal jährlich in Ingolstadt erscheint.

Bevölkerung

Die Bevölkerungszählung von 1910 ergab 9.234 Einwohner (Muttersprache Deutsch 5.268, Rumänisch 2.559, Ungarisch 1.089 und Ukrainisch 318). Von ihnen bekannten sich an die 3.000 zum jüdischen Glauben. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts (1992) wuchs die Bevölkerung auf 15.944 Menschen an (13.026 Rumänen, 1.737 Deutsche, 668 Ungarn, 457 Ukrainer und 43 Roma). Der letzte jüdische Bewohner starb 1998.

Die Zahl der Oberwischauer Deutschen wurde in der Hochblüte auf circa 6.000 geschätzt. Den statistischen Daten des Bistums Sathmar aus dem Jahr 2015 ist zu entnehmen, dass die römisch-katholische Pfarrgemeinde rund 1.100 Angehörige zählt. Der Anteil der Zipser liegt unter 300 Gläubigen.

Sprache

Das Idiom der Altösterreicher im Wassertal basiert auf einer einzigartigen Sprachfusion, die ein interessantes sprachgeschichtliches Detail aufweist: Die Einwanderer aus dem Salzkammergut haben ihre Herkunftsbezeichnung zugunsten der Zipser Ansiedler verloren. Sprachlich hingegen setzte sich die oberösterreichische Mundart durch und entwickelte sich zum Idiom der Wischaudeutschen, weil das Mittelbairische dem Hochdeutsch, das in Kirche und Schule gesprochen wurde, näherstand als das Zipserische. Dieses wurde somit in einem Zeitraum von etwa einem Jahrhundert allmählich von der Mundart der Salzkammergütler, dem sogenannten „Teitsch“, verdrängt, allerdings erst nachdem viele zipserische Elemente, Lexeme und Redewendungen in sie eingeflossen waren. Das „Zäpserisch“ schrumpfte allmählich zu einem Familien- bzw. Hausdialekt und wird seit den 1970er Jahren in Oberwischau weder gesprochen noch verstanden. 

Wirtschaft

Bis ins 18. Jahrhundert stellten die Rinder- und Schafzucht die wichtigsten Wirtschaftszweige dar, da der Gebirgsboden für Ackerbau ungeeignet war. Die deutschsprachigen Siedler errichteten 1790 eine Talsperre im Wassertal und bauten Stauanlagen, um das Flößen der Baumstämme auf dem Wasserfluss zu ermöglichen. Wahrscheinlich aus Bayern wurden 1785 deutsche Goldwäscherfamilien in Oberwischau angesiedelt, die den Goldsand des Wischauflusses ausbeuten sollten. Zur Nutzung des Waldreichtums wurde 1792 ein Sägewerk errichtet, 1801 folgte der Bau der ersten Holzbrücke über den Wasserfluss. Die Fertigstellung der Eisenbahnlinie Sigeth-Oberwischau-Pfefferfeld/Baia Borşa im Jahr 1910 verschaffte der Region einen starken wirtschaftlichen Aufschwung. Gegenwärtig besitzt neben der Holzwirtschaft auch der Tourismus eine große Bedeutung. Oberwischau ist überregional durch seine historische Karpatenwaldbahn (Wassertalbahn) bekannt geworden, die auf einem 40 Kilometer langen Schienennetz bis zur rumänisch-ukrainischen Grenze fährt und viele ausländische Touristen anzieht.

Religions- und Kirchengeschichte

Die Gotteshäuser der römisch-katholischen, griechisch-katholischen und griechisch-orthodoxen Konfessionen sind bis heute wichtige Mittelpunkte des Glaubens- und Gemeinschaftslebens. Dem ersten Bau einer kleinen katholischen Kirche 1804–1806 folgte der Bau der heutigen römisch-katholischen Pfarrkirche, die 1912 geweiht wurde. Eine griechisch-katholische Kirche wurde 1842 gebaut, die heute von der griechisch-orthodoxen Gemeinde genutzt wird. Gottesdienste und liturgische Handlungen wurden immer in der Muttersprache der Gläubigen zelebriert. Eine jüdische Gemeinde, die in Oberwischau zwei Synagogen besaß, entwickelte sich ab 1848 mit dem Zuzug jüdischer Kaufleute und Handwerker, deren Mitglieder größtenteils 1944 im Holocaust ermordet wurden.

Bildung und Wissenschaft

Zur staatsbürgerlichen Pflicht gehörte das Erlernen der Staatssprachen Ungarisch (1867–1918) und Rumänisch (ab 1919). Mit zwischenzeitlichen Unterbrechungen bestand aber die Möglichkeit, Grund- und Hauptschule, insgesamt acht Schuljahre, in der jeweiligen Muttersprache zu absolvieren. Das kommunistische Regime (1948–1989) führte die Deutschstämmigen – wie auch andere nichtrumänische Bevölkerungsgruppen, 16 an der Zahl – als „nationale Minderheit“. So galten die Deutschen als „rumänische Staatsbürger deutscher Nationalität“.

An der Grundschule der deutschen Abteilung der Allgemeinschule Oberwischau wird Deutsch immer noch als Unterrichtssprache verwendet. Der Mangel an deutschsprachigen Fachlehrern hat jedoch dazu geführt, dass an der Oberstufe die meisten Fächer in rumänischer Sprache gelehrt werden. Trotzdem sind die Schülerzahlen im Steigen begriffen, da die deutschen Schulen in Rumänien den Ruf von Eliteeinrichtungen haben und deshalb überwiegend von Schülern mit nichtdeutscher Muttersprache frequentiert werden. Diese Situation wirkt sich auf die multiethnische Bevölkerung des Wassertales positiv aus: Für die Kinder aus den verbliebenen deutschsprachigen Familien kann auf diese Weise der muttersprachliche Unterricht gewährleistet werden und den nichtdeutschen Ethnien eröffnet sich der Zugang zur deutschen Kultur und nicht zuletzt die Möglichkeit, in den deutschsprachigen Ländern zu studieren oder zu arbeiten.

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Ioan Mihályi de Apşa: Istoria comitatului Maramureş. Diplome maramureşene din secolele XIV-XV [Die Geschichte des Landkreises Maramureş. Maramureş-Zeugnisse aus dem 14.–15. Jahrhundert]. Cluj-Napoca 2002, S. 56f, 367ff.
  • Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild. Ungarn V. Bd., 2. Abtheilung. Druck und Verlag der kaiserlich-königlichen Hof- und Staatsdruckerei: Wien 1900, S. 439–463.
  • Kurt Druckenthaner, Anton-Joseph Ilk: Åchterholz, Kulíbn und Habóu. Die Fachsprache der Holzarbeiter aus dem Wassertal. In: Stephan Gaisbauer, Hermann Scheuringer (Hrsg.): Karpatenbeeren. Bairisch-österreichische Siedlung, Kultur und Sprache in den ukrainisch-rumänischen Waldkarpaten. Linz 2006 (= Schriften zur Literatur und Sprache in Oberösterreich, 10), S. 279–330.
  • Anton-Joseph Ilk: Zipser Volksgut aus dem Wassertal. Marburg 1990 (= Schriftenreihe der Kommission für ostdeutsche Volkskunde in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde, Bd. 48).
  • Anton-Joseph Ilk: Die Maramuresch und ihre Geschichte bis zum Ende des 14. Jahrhunderts. In: Stephan Gaisbauer, Hermann Scheuringer (Hrsg.): Karpatenbeeren. Bairisch-österreichische Siedlung, Kultur und Sprache in den ukrainisch-rumänischen Waldkarpaten. Linz 2006 (= Schriften zur Literatur und Sprache in Oberösterreich, 10), S. 215–240.
  • Anton-Joseph Ilk, Johann Traxler: Geschichte des deutschen Schulwesens von Oberwischau. (= Veröffentlichungen zu den Zipsern im Wassertal Band 1. Herausgegeben von Anton-Joseph Ilk). Nürnberg 2009.
  • Anton-Joseph Ilk: Die mythische Erzählwelt des Wassertales. (= Veröffentlichungen zu den Zipsern im Wassertal Band 2. Herausgegeben von Anton-Joseph Ilk). Linz 2010 (= Schriften zur Literatur und Sprache in Oberösterreich 15), S. 21–75.
  • Judeţele României Socialiste. Judeţul Maramureş [Bezirke des sozialistischen Rumänien. Der Bezirk Maramureş Bucureşti 1969, S. 340–352.
  • Thomas Perle: "wir gingen weil alle gingen." 2018.
  • Harald Roth (Hrsg.): Handbuch der Historischen Stätten Siebenbürgen. Stuttgart 2003 (Kröners Taschenausgabe Bd. 330), S. 218–219.
  • Hans Schmid-Egger, Anton F. Zauner: Deutsch-Mokra, Königsfeld. Eine deutsche Siedlung in den Waldkarpaten. Stuttgart 1979 (= Wissenschaftliche Materialien und Beiträge zur Geschichte und Landeskunde der böhmischen Länder, 16), S. 13–137.
  • Gertraude Schmitzberger: Die Entstehung des Waldwesens im Wassertal. Nürnberg 2014 (= Veröffentlichungen zu den Zipsern im Wassertal Band 3. Herausgegeben von Anton-Joseph Ilk). Verlag Haus der Heimat: Nürnberg 2014.
  • Herbert Stemmler: Geschichtliches aus Oberwischau. In: Württembergische Schulwarte. Mitteilungen der Württembergischen Landesanstalt für Erziehung und Unterricht, Nr. 12/1936, S. 709–713.
  • Claus Stephani: Wem die Stunde schlägt. Die Rumäniendeutschen als Brücke zwischen zwei Völkern? In: Neue Zürcher Zeitung, 33/10.02.2003, S. 25.
  • Johann Traxler, Anton-Joseph Ilk: Liedgut und Bräuche aus dem Wassertal (= Veröffentlichungen zu den Zipsern im Wassertal Band 4. Herausgegeben von Anton-Joseph Ilk). Verlag Haus der Heimat: Nürnberg 2015, S. 47–62.

Weblinks

Zitation

Ilk, Anton-Joseph: Oberwischau/Vişeul de Sus. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2021. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32496 (Stand: 26.04.2021).

Nutzungsbedingungen für diesen Artikel

Copyright © Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE), alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk entstand im Rahmen des Projekts „Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa“ und darf vervielfältigt und veröffentlicht werden, sofern die Einwilligung der Rechteinhaber vorliegt. Bitte kontaktieren Sie: ome-lexikon@uol.de Wenn Sie fachliche Hinweise oder Ergänzungen zum Text haben, wenden Sie sich bitte unter Angabe von Literatur- und Quellenbelegen an die Redaktion.
OME-Redaktion (Stand: 20.04.2022)