Zabrze
1. Toponymie
Deutsche Bezeichnung
Zabrze; seit 1915 Hindenburg O.S.
Amtliche Bezeichnung
poln. Zabrze
Andere Namen
Nach der für Deutschland siegreichen Schlacht bei Tannenberg in Ostpreußen gegen russische Truppen zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde die aus mehreren Ortsteilen bestehende Gemeinde Zabrze zu Ehren des deutschen Befehlshabers Paul von Hindenburg (1847–1934) Anfang 1915 in Hindenburg O.S. (Oberschlesien) umbenannt.
Etymologie
Erstmals erwähnt wird Zabrze im Liber fundationis episcopatus Vratislaviensis, einem Zehntregister des Bistums Breslau (um 1300), als „Sadbre sive Cunczindorf“, als Dorf des Konrad. Heute wird die Etymologie von Zabrze meist aus dem polnischen debry (= Dickicht) abgeleitet. Sadbre/Zabrze (die Vorsilbe sa-/za- lässt sich mit „hinter“ oder „jenseits“ übersetzen) bezeichnet demnach den Ort hinter dem Dickicht. Eine Ableitung von Poln. brzeg (= Ufer), also Sadbre/Zabrze als Ort jenseits des Ufers, gilt als überholt.
Beinamen
Im frühen 20. Jahrhundert wurde Zabrze als „größtes Dorf Europas“ bezeichnet, da es durch die Industrialisierung enorm gewachsen war (siehe „Bevölkerungsentwicklung“), jedoch bis 1922 nur als Landgemeinde firmierte.
2. Geographie
Lage
50˚ 18' nördlicher Breite und 18˚ 47' östlicher Länge, 243 Meter über NHN. Die Stadt liegt im Südwesten Polens, rund 90 Kilometer nordwestlich von Krakau/Kraków und etwa 170 Kilometer südöstlich von Breslau/Wrocław.
Topographie
Zabrze liegt an den beiden Flüssen Klodnitz (poln. Kłodnica) und Beuthener Wasser (poln. Bytomka) in einer hügeligen und vor der Industrialisierung von Wäldern bewachsenen Landschaft.
Staatliche und administrative Zugehörigkeit
3. Geschichte und Kultur
Gebräuchliche Symbolik
Das heutige Wappen ist an das ursprüngliche, von der Stadt seit 1927 geführte Wappen angelehnt. Es zeigt drei zinnenbewehrte Türme mit dahinter aufragendem Zahnrad. 1960–1990 wurde ein zweigeteiltes Wappen verwendet, das links den polnischen Adler, rechts eine Pike mit Lorbeerzweig zeigt.
Geschichte bis Ende des 18. Jahrhunderts
Über viele Jahrhunderte blieb Zabrze ein unbedeutendes Dorf, dessen Bewohner von Landwirtschaft und Holzhandel lebten. Zur Zeit der ersten urkundlichen Erwähnung gehörte es zum Herrschaftsgebiet der Piastenfürsten von Oppeln/Opole, ebenso wie die gleichfalls erwähnten Dörfer in der Umgegend Biskupitz/Biskupice und Mikultschütz/Mikulczyce, die heute Stadtteile von Zabrze bilden. Im Vertrag von Trentschin von 1331 ging Zabrze wie ganz Schlesien von der polnischen an die böhmische Krone über; 1526 gelangte Schlesien durch Erbfolge an das Haus Habsburg. Nach dem Ersten Schlesischen Krieg (1740–1742) fiel Zabrze an Preußen und blieb bis 1945 Teil der preußischen Provinz Schlesien (ab 1919 Oberschlesien). Einen Entwicklungsschub erhielten der Ort und seine Umgegend mit der friderizianischen Kolonisation Schlesiens ab 1742, als die Kolonien Dorotheendorf/Dorota und Klein-Zabrze/Małe Zabrze entstanden. Als entscheidend für die weitere Entwicklung erwies sich die Entdeckung von Steinkohlevorkommen im heutigen Stadtgebiet von Zabrze 1790.
Anfänge der Industrialisierung
Die Inbetriebnahme des ersten Kohlebergwerks erfolgte 1791. Im 19. Jahrhundert wurden weitere Bergwerke, Hochöfen und Kokereien errichtet. Infrastrukturprojekte wie der Klodnitzkanal/Kanał Kłodnicki (1792–1812) verbanden die Stadt mit der Oder und erleichterten den Warentransport in das Innere Preußens. 1845 wurde Zabrze an das Eisenbahnnetz nach Berlin angeschlossen.
Neben den staatlichen Investitionen des Preußischen Bergfiskus spielte insbesondere die deutsch-österreichische Adelsfamilie Henckel von Donnersmarck, die seit 1826 über einen Gutsbezirk in Zabrze verfügte, eine zentrale Rolle beim Ausbau der Schwerindustrie in der Region. Ab 1862 betrieb die Industriellenfamilie Borsig Kohleförderung für die Produktion in ihrer Berliner Lokomotivfabrik.
1905 erfolgte der Zusammenschluss der Gemeinden Zabrze, Dorotheendorf, Klein-Zabrze sowie dem Gutsbezirk zur Landgemeinde Zabrze mit 54.288 Einwohnern.[2]
Zwischenkriegszeit
Im Kontext der Friedensverträge nach dem Ersten Weltkrieg fand am 20. März 1921 eine Volksabstimmung statt, bei der die Bewohner der seit 1915 Hindenburg genannten Landgemeinde mehrheitlich für einen Verbleib beim Deutschen Reich votierten. Nachdem das Deutsche Reich 1922 Teile Oberschlesiens an den neu entstandenen polnischen Staat abtreten musste, erhielt Hindenburg schließlich das Stadtrecht und war damit neben Gleiwitz/Gliwice und Beuthen O.S./Bytom die einzige größere Stadt des oberschlesischen Industriegebietes, die bei Deutschland verblieb. Die Grenze zwischen dem Deutschen Reich und der Republik Polen verlief bis zum 1. September 1939 unmittelbar an der südlichen Stadtgrenze von Hindenburg.
Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit
Am 26./27. Januar 1945 kam es zu intensiveren Kampfhandlungen zwischen der Roten Armee und deutschen Einheiten und in der Folge auch zu kleineren Zerstörungen in der Stadt. Unmittelbar danach wurde die Stadt von der Roten Armee eingenommen. In den Januarwochen zuvor wurde eine Evakuierung von nur wenigen Personen gestattet; zumeist Frauen und Kinder sowie ältere Männer, so dass nur ein kleiner Teil der Bevölkerung ausreiste. Die Anweisung zum Verlassen der Provinz Oberschlesien erging erst kurz vor der Einnahme der Stadt, als die Eisenbahnlinien nach Westen bereits abgeschnitten waren und eine Flucht nur noch nach Süden – in das Protektorat Böhmen und Mähren – möglich war.[3]
Unmittelbar nach Ende der Kriegshandlungen setzten Vertreibungen der deutschen Bevölkerung ein. Bis 1949 verließen rund 23.000 Personen die Stadt.[4] Insbesondere in den ersten Nachkriegsjahren wurde eine intensive Polonisierung betrieben, die sich u. a. im Verbot des Gebrauchs der deutschen Sprache im öffentlichen Raum, der Tilgung bzw. Polonisierung deutscher Bezeichnungen, Inschriften und Namen, in der Entfernung deutscher Bücher aus Bibliotheken sowie dem Verbot deutscher Vereine manifestierte.
Neben Flucht und Vertreibung in den Westen fanden eine ethnische Diskriminierung und auch Internierung der als deutsch identifizierten und als NS-affin verdächtigten Bevölkerung Oberschlesiens statt. Hinzu kamen Internierungen von Männern im arbeitsfähigen Alter durch die sowjetische Armee, unabhängig von der nationalen Zuordnung. Viele davon wurden als Arbeitskräfte zumeist in die Kohlereviere der Ukraine verschleppt und kehrten, wenn überhaupt, erst in den 1950er Jahren zurück. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Episode der schlesischen Geschichte ist relativ neu und wird in erster Linie von polnischen Historikern betrieben. Für Oberschlesien als Ganzes werden Zahlen von mehreren zehntausend Personen genannt, für die Stadt Zabrze nennt eine Publikation knapp 7.000 internierte und in die Sowjetunion verbrachte Personen.[5]
In den 1950er und 1960er Jahren wurde das Stadtgebiet durch weitere Eingemeindungen erweitert. Das Wachstum der Stadt (siehe dazu auch der Abschnitt Einwohnerzahlen) in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg war in erster Linie dem staatlich geförderten Ausbau der Kohleförderung geschuldet. Steinkohle war in Volkspolen der wichtigste Energieträger sowie ein Exportgut, das dringend benötigte Devisen ins Land holte. Insbesondere in den 1970er Jahren wurde das oberschlesische Kohlerevier von der staatlichen Propaganda zum Garanten der wirtschaftlichen Stabilität und Motor des sozialistischen Aufbaus Polens stilisiert. Rund um die wachsenden Industriebetriebe entstand auch in Zabrze ein Netz an sekundärer Infrastruktur, zu dem Kindergärten, Schulen, Arbeiterhotels, Sportvereine, Schwimmbäder, Erholungsheime und weitere für die Industriebeschäftigten und ihre Familien geschaffene Einrichtungen gehörten. Dem forcierten Ausbau des Bergbaus standen jedoch strukturelle Mängel gegenüber, welche die Kohleförderung in Volkspolen zu einem hoch subventionierten Wirtschaftszweig machten.
Die Aufstieg Zabrzes zu einem der Zentren der polnischen Schwerindustrie zeigte sich auch im Aufstieg des Fußballvereins Górnik (poln. Bergmann) Zabrze, der zwischen den 1950er und 1980er zu den erfolgreichsten Fußballmannschaften in Polen gehörte.
Entwicklung seit 1989
In den 1990er Jahren begann der Niedergang der traditionellen Industrie, insbesondere des Bergbaus. Gegenwärtig stehen sämtliche Bergwerke, daneben jedoch auch zahlreiche andere Industrieanlagen, im Stadtgebiet von Zabrze still. Seit dem Beitritt Polens zur EU am 1. Mai 2004 entwickelt sich die industrielle Vergangenheit Zabrzes zu einem touristischen Faktor: Stillgelegte Anlagen werden zunehmend für Besucher erschlossen, wie etwa der Luisen-Stollen (Sztolnia Luiza) unter der Ägide des Kohlebergbaumuseums (Muzeum Górnictwa Węglowego w Zabrzu).
Bevölkerungsentwicklung
Mit der Entwicklung der Schwerindustrie im 19. Jahrhundert wuchs auch die Bevölkerung in Zabrze und der Umgegend. Kamen Zabrze, Klein-Zabrze und Dorotheendorf 1830 auf zusammen lediglich 1.188 Einwohner, waren es 1903 rund 45.000,[6] und beim Zusammenschluss zur Landgemeinde Zabrze im Jahr 1905 bereits 54.288 Einwohner.[7]
Durch Eingemeindungen sowie Zuzug insbesondere deutschsprachiger Bevölkerung aus dem Polen zugefallenen Teil von Oberschlesien wuchs die Einwohnerzahl fast auf das Doppelte: von 66.911 im Jahr 1919[8] auf 122.671 im Jahr 1925.[9] Danach verlangsamte sich das Wachstum, die Volkszählung vom Mai 1939 ergab 126.220 Einwohner.[10] Aufgrund der einsetzenden Fluchtbewegungen der Deutschen fiel die Einwohnerzahl im Januar 1945 auf 80.000.[11] Die Bevölkerungsverluste der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit wurden durch Zuwanderung aus dem vom Krieg weitaus stärker zerstörten Zentralpolen sowie, in größerem Maße, durch polnische Umsiedler aus den 1945 an die Sowjetunion gefallenen Gebieten Ostpolens rasch ausgeglichen. So verfügte Zabrze im Februar 1946 bereits wieder über rund 104.000 Einwohner,[12] Ende 1948 war mit einer Bevölkerung von 125.058 das Vorkriegsniveau fast erreicht.[13] In den folgenden Jahrzehnten verzeichnete Zabrze ein weiteres Bevölkerungswachstum. Im Jahr 1976 hatte die Stadt 204.163 Einwohner.[14] Mit der schrittweisen Schließung der Gruben seit den 1990er Jahren nahm die Bevölkerung hingegen sukzessive ab. Im Jahr 2024 lebten rund 153.000 Menschen in der Stadt.[15]
Bevölkerungsgruppen und Sprache
Als Grenzgebiet, in dem deutsche, polnische, aber auch tschechische und slowakische Bevölkerungsgruppen lebten, entzogen sich Oberschlesien und seine Bevölkerung lange Zeit einer eindeutigen nationalen Zuordnung. Entsprechend vielschichtig war über viele Jahrhunderte auch die sprachliche Situation. So standen z. B. bei der Gründung der Landgemeinde Zabrze 1905 rund 19.000 Bewohner mit der Muttersprache Deutsch knapp 33.000 polnischen Muttersprachlern gegenüber. Rund 1.500 Personen nannten Deutsch wie Polnisch als Muttersprache.[16] Von Statistiken schwer zu erfassen, doch bis heute verbreitet, ist in der Stadt das Oberschlesische, eine vielfach am Polnischen angelehnte, von zahlreichen Germanismen durchsetzte eigene Sprache – als solche wird sie von der slawistischen Linguistik seit geraumer Zeit klassifiziert.[17]
Entscheidenden Einfluss auf die heutige Zusammensetzung der Bevölkerung Zabrzes hatten – wie auch in anderen Städten Oberschlesiens – die Vertreibung und Spätaussiedlung weiter Teile der deutschen Einwohner nach 1945 bzw. nach 1956 und in den 1970er Jahren sowie die Ansiedlung von Polen aus den an die Sowjetunion gefallenen polnischen Ostgebieten, in erster Linie aus Galizien und Wolhynien. So wurden bei der Bevölkerungszählung 1948 79.425 Personen als autochthone Oberschlesier klassifiziert, 45.463 Personen als Zugezogene und 170 Personen als Deutsche.[18] Das Zusammenleben dieser kulturell und sprachlich unterschiedlich geprägten Gruppen verlief angesichts der einschneidend negativen Erfahrungen der deutschen Okkupation im Zweiten Weltkrieg gerade in den Nachkriegsjahren konflikthaft und vorurteilsbeladen.
Wissenschaft und Bildung
1948 wurde in der Gemeinde Rokittnitz/Rokitnica die Schlesische Medizinische Akademie (Śląska Akademia Medyczna) mit Abteilungen für Humanmedizin und für Zahnheilkunde eingerichtet; 1951 erfolgte die Eingemeindung zu Zabrze.[19] Die Einrichtungen bestehen weiter; der Hauptsitz der Universität befindet sich heute in Kattowitz/Katowice. 1983 entstand in Zabrze – ebenfalls als Ableger der Medizinischen Universität Kattowitz – ein Zentrum für Kardiologie (poln. Wojewódzki Ośrodek Kardiologii w Zabrzu, seit 1996 Śląskie Centrum Chorób Serca), das sich – unter anderem mit der polenweit ersten erfolgreich durchgeführten Herztransplantation 1985 – schnell zu einer der führenden Einrichtungen ihrer Art in Polen entwickelte. Seit 1995 ist das Institut für Organisation und Verwaltung der Schlesischen Technischen Universität Gleiwitz in Zabrze beheimatet.
Religion
Wie Oberschlesien als Ganzes ist auch Zabrze katholisch geprägt. Eine protestantische Gemeinde entstand erst 1873. 1925 zählte sie rund 10.000 Mitglieder. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Vertreibung bzw. Spätaussiedlung eines großen Teils der deutschen Bevölkerung verringerte sich die Mitgliederzahl rapide. Heute liegt sie bei rund 500 Personen (Stand Juli 2021).
1865 schlossen sich die die jüdischen Bewohner auf dem Gebiet der heutigen Stadt Zabrze zu einer ca. 120 Mitglieder zählenden Filiale der jüdischen Gemeinde in Beuthen zusammen. 1872 entstand eine eigenständige jüdische Gemeinde. 1931 betrug der jüdische Anteil an der Stadtbevölkerung ein Prozent.[20] Holocaust und Abwanderung in den ersten Nachkriegsjahren führten zum Verschwinden jüdischen Lebens in Zabrze. Die 1873 eingeweihte Synagoge wurde während des Pogroms vom 9. November 1938 zerstört. Erhalten geblieben ist der jüdische Friedhof.
Architektur und Städtebau
Mit der Siedlung Borsigwerk (poln. Osiedle robotnicze Borsigwerk) sowie der zur Donnersmarckhütte (poln. Huta Donnersmarcka/Huta Donnersmarcków) gehörenden Sandkolonie (poln. Zandka) verfügt Zabrze über zwei zumindest in Teilen erhaltene, denkmalgeschützte Arbeitersiedlungen aus dem 19. bzw. frühen 20. Jahrhundert. Die Donnersmarckhütte investierte auch in Einrichtungen der Arbeiterbildung und Sozialfürsorge; u. a. entstanden das sogenannte Kasino (1901), mit Veranstaltungssaal und Bibliothek (heute Stadttheater/Teatr Miejski), ein Hallenbad und eine Turnhalle.
Die 1920er Jahre brachten den Städten Oberschlesiens – auf deutscher wie polnischer Seite – einen architektonischen Boom. Dem großen Bevölkerungswachstum musste mit Wohnungsbauprogrammen begegnet werden. Verschiedene von der öffentlichen Hand geförderte Siedlungsbaugesellschaften waren daran beteiligt, u.a. die DEWOG (Deutsche Wohnungsfürsorgegesellschaft AG).[21] Oberbürgermeister Hans Lukaschek (1885–1960) und Stadtbaurat Moritz Wolf (1888–1971) waren in den 1920er Jahren bestrebt, in der ungeordnet gewachsenen Agglomeration ein Stadtzentrum zu etablieren. Entwürfe dazu wurden von renommierten Architekten wie Hans Poelzig (1869–1936) und Max Berg (1870–1947) eingereicht. Zwar wurden diese Pläne nicht realisiert, doch prägt eine Reihe modernistischer Bauten profanen wie sakralen Charakters das Bild der Stadt bis heute.
Hervorzuheben ist der schlicht-monumentale Backsteinbau der St. Josefs-Kirche (1929–1931) von Dominikus Böhm (1880–1955) in der neu angelegten Südstadt.[22] Vor dem Hintergrund der Grenzlage entstanden in den späten 1920er Jahren Pläne zur Schaffung einer „Dreistädteeinheit Gleiwitz-Hindenburg-Beuthen“, die mit moderner Architektur und Infrastruktur ein Aushängeschild deutscher Stadtplanung in Oberschlesien und ein Gegengewicht zur polnisch gewordenen Metropole Kattowitz bilden sollte; zu einer Realisierung kam es nicht.[23]
Seit den 1960er Jahren wurden neue Wohngebiete erschlossen und zahlreiche Plattenbausiedlungen errichtet, die das Erscheinungsbild der Stadt bis heute prägen.[24]
Erinnerungskultur
Mit dem politischen Umbruch des Jahres 1989 begann auch in Zabrze eine Abkehr von der in Volkspolen gepflegten Erinnerungskultur: Straßennamen mit sozialistischem bzw. kommunistischem Hintergrund wurden zumeist umbenannt und Denkmäler sukzessive geschleift. Zuletzt wurde 2017 das Denkmal der sowjetisch-polnischen Waffenbrüderschaft in Zentrum von Zabrze demontiert.
Auch die Auseinandersetzung mit „weißen Flecken“ der Stadtgeschichte, die in staatssozialistischer Zeit einem strikten Tabu unterlagen, wurde möglich, Dazu gehört z.B. die erwähnte Deportation von Teilen der Stadtbevölkerung in die UdSSR im Jahr 1945, an die seit 2015 eine Gedenktafel im Stadtteil Rokittnitz erinnert. Dabei scheint sich für die Ereignisse die Bezeichnung „Oberschlesische Tragödie“ (poln. Tragedia Górnośląska) durchzusetzen.[25] Auffällig ist dabei, dass in offiziellen Verlautbarungen und Inschriften die Verschleppten als „Bewohner der Stadt“ oder „Schlesier“ bezeichnet werden und die (in vielen Fällen ohnehin schwierig zu beantwortende) Frage nach ihrer Nationalität bewusst offenbleibt. Im Stadtbild wenig sichtbar bleiben die Vertreibungen der Nachkriegszeit bzw. die Aussiedlungen nach 1956.
In der Bundesrepublik übernahm die Stadt Essen im Mai 1953 die Patenschaft für Hindenburg, als deutsch-polnische Städtepartnerschaft ist diese Verbindung bis heute aktiv.[26] 1990 wurde die „Hindenburger Heimatsammlung“ gegründet, die sich seit 2007 im Haus der Essener Geschichte befindet. Sie wird von der Stadt getragen und zeigt auch die Entwicklung nach 1945 zum heutigen Zabrze.[27]
5. Bibliographische Angaben
Literatur
- Adam Dziurok (u. a.) (Hg.): Totalitarianism in the Borderland. Ethnicity, Politics and Culture in the Industrial Area of Upper Silesia (1933–1989). Katowice/Warszawa 2019 (Special Issue of the Journal CzasyPismo in English).
Adam Frużyński: Zarys dziejów górnictwa węgla kamiennego w Polsce. [Grundzüge der Geschichte des Steinkohlebergbaus in Polen]. Zabrze 2012. - Zbigniew Gołasz: Antideutsche Politik in Zabrze in den Jahren 1945 bis 1949. Spezifik – Verlauf – Folgen. In: Adam Dziurok, Piotr Madajczyk, Sebastian Rosenbaum (Hg.): Die Haltung der kommunistischen Behörden gegenüber der deutschen Bevölkerung in Polen in den Jahren 1945 bis 1989. Gliwice-Opole 2015. S. 200–219.
- Zbigniew Gołasz (Hg.): W kręgu kultury i przemysłu. Studia z dziejów Zabrza w XX wieku [Im Bannkreis von Kultur und Industrie. Studien zur Geschichte von Zabrze im 20. Jahrhundert]. Katowice 2015.
- Zbigniew Gołasz: Deportacje do ZSRS. Przypadek zabrzańsko-gliwicki [Die Deportationen in die UdSSR. Der Fall Zabrze-Gleiwitz]. In: Sebastian Rosenbaum, Dariusz Węgrzyn (Hg.): Wywózka. Deportacja mieszkańców Górnego Śląska do obozów pracy przymusowej w Związku Sowjeckim w 1945 r. Faktografia – konteksty – pamięć [Abtransport. Die Deportation von Bewohnern Oberschlesiens in Arbeitslager in der Sowjetunion 1945. Faktografie – Kontexte – Erinnerung]. Katowice 2013, S. 188–203.
- Gerd Hentschel, Jolanta Tambor, István Fekete: Das Schlesische und seine Sprecher. Śląski lekt i jego użytkownicy. Frankfurt/Main 2021.
- Brendan Karch: Nation and Loyalty in a German-Polish Borderland. Upper Silesia, 1848–1960. Cambridge 2018.
Josef Knossalla: Geschichte der Stadt Hindenburg O.S. Aus Anlass der Stadtwerdung in Einzelbildern dargestellt. Kattowitz 1929. - Peter Mrass, Bernard Szczech: Hindenburg O/S – Zabrze. Stadt und Industrie (bis 1945) – Miasto i przemysł (do 1945). Dülmen1993.
- Josef Pollok: Hindenburg O.S. Stadt der Gruben und Hütten. Essen 1979.
- Sebastian Rosenbaum (Hg.): Zabrze 1933–1989. Szkice z dziejów politycznych miasta [Zabrze 1933–1989. Skizzen zur politischen Geschichte der Stadt]. Katowice 2011.
- Karl Schabik, Albert Stütz, M. Wolf (Hg.): Dreistädteeinheit Beuthen, Gleiwitz, Hindenburg. Landkreis Beuthen. Leipzig/Wien/Berlin 1929.
- Beate Störtkuhl: Moderne Architektur in Schlesien 1900 bis 1939. Baukultur und Politik. München 2013 (Schriften des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im Östlichen Europa 45).
- Barbara Szczypka-Gwiazda: Pomiędzy praktyką a utopią. Trójmiasto Bytom – Zabrze – Gliwice jako przykład koncepcji miasta przemysłowego czasów Republiki Weimarskiej [Zwischen Praxis und Utopie. Die Dreistädteeinheit Beuthen – Hindenburg – Gleiwitz als Beispiel der Konzeption der Industriestadt während der Weimarer Republik]. Katowice 2003.
- Dariusz Walerjański: Zabrze krok po kroku - step by step - Schritt für Schritt. (o.J.).
https://sbc.org.pl/Content/5869/PDF/5869.pdf
Weblinks
- https://miastozabrze.pl/ (Webauftritt der Stadt)
- https://historia-zabrza.pl/ (Seite mit Informationen zur Stadtgeschichte; in polnischer Sprache)
- https://muzeumzabrze.pl/ (Städtisches Museum Zabrze; in polnischer Sprache)
- https://muzeumgornictwa.pl/ (Seite des Bergbaumuseums in Zabrze mit Informationen zu Geschichte und Traditionen; in polnischer Sprache)
- https://deportacje45.pl/ (Seite des 2015 in der Kleinstadt Rodzionkau/Rodzionków eröffneten Dokumentationszentrums für die Deportationen aus Oberschlesien in die UdSSR Anfang 1945; überwiegend in polnischer Sprache)
- https://oberschlesisches-landesmuseum.de/ (in Ratingen, NRW)
- https://dfkschlesien.pl/ (Internetauftritt der deutschen Minderheit in der Woiwodschaft Schlesien; in polnischer und deutscher Sprache)
- https://sztetl.org.pl/pl/miejscowosci/z/72-zabrze/99-historia-spolecznosci/138289-historia-spolecznosci (Informationen zur jüdischen Kultur in Zabrze; in polnischer, deutscher und englischer Sprache)
- https://www.sbc.org.pl/dlibra (Schlesische digitale Bibliothek mit digitalisierten Büchern, Dokumenten, Zeitungen und Zeitschriften)
Anmerkungen
[1] https://katowice.stat.gov.pl/files/gfx/katowice/pl/defaultaktualnosci/760/6/4/1/gzm_2017-2019_internet2.pdf (Zugriff 27.01.2026).
[2] [1] Knossalla: Zabrze, S. 20.
[3] Ryszard Kaczmarek: Górny Śląsk podczas II wojny światowej, Katowice 2006, S. 396 ff., 407 f.
[4] Gołasz: Polityka, S. 223.
[5] Gołasz: Przypadek, S. 198.
[6] Knossalla: Zabrze, S. 202f.
[7] Ebenda, S. 204.
[8] https://www.statistischebibliothek.de/mir/servlets/MCRFileNodeServlet/DEMonografie_derivate_00001664/WiSta-Sonderheft-02.pdf (Zugriff 27.01.2026).
[9] https://www.sbc.org.pl/dlibra/publication/346701/edition/327550/content (Zugriff 27.01.2026).
[10] Pollock: Zabrze, S. 157.
[12] Gołasz: Polityka, S. 218.
[13] https://statlibr.stat.gov.pl/exlibris/aleph/a22_1/apache_media/473MVL6RCN1X85KD5XQ2KTRRQRC36L.pdf (Zugriff 27.01.2026).
[14] https://miastozabrze.pl/miasto/miasto-zabrze/okres-powojenny/ (Zugriff 27.01.2026).
[15] https://miastozabrze.pl/miasto/miasto-zabrze/okres-powojenny/ (Zugriff 27.01.2026).
[16] https://stat.gov.pl/en/topics/statistical-yearbooks/statistical-yearbooks/demographic-yearbook-of-poland-2025,3,19.html (Zugriff 27.01.2026).
Zitation
Jakob Walosczyk: Zabrze. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2026. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p43643 (Stand 09.07.2026).