Mittelpolen/Zentralpolen

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Mittelpolen

Anderssprachige Bezeichnung

poln. Polska Środkowa, Polska Centralna

Etymologie

‚Mittelpolen‘ bezeichnet keine eigenständige historische Landschaft. In polnischen geologischen und geographischen Publikationen werden Polska Centralna (Zentralpolen) und Polska Środkowa (Mittelpolen) gelegentlich seit den 1920er Jahren für die geographische Mitte des Landes gebraucht.

In deutschsprachigen Veröffentlichungen erscheint der Begriff „Mittelpolen“ erstmals 1931 als Äquivalent für das „ehemalige Kongresspolen“, also das auf dem Wiener Kongress geschaffene Königreich Polen, das in Personalunion mit Russland verbunden war.[1] In die deutsche ‚Volksforschung‘ führte der Heimatkundler Albert Breyer (1889–1939) den Begriff „Mittelpolen“ für das bis 1914/18 zu Russland gehörende polnische Gebiet des 1915–1918 von Deutschland besetzten „Generalgouvernements Warschau“ ein,[2] während Viktor Kauder (1899–1985) das „Cholmer und Lubliner Land“, das während des Ersten Weltkriegs zum von Österreich-Ungarn besetzten „Generalgouvernement Lublin“ zusammengefasst wurde, zusammen mit Polnisch-Wolhynien „Ostpolen“ zuordnete.[3]

Allgemein wird heute im deutschen Sprachraum unter „Mittelpolen“ das Gebiet des Königreichs Polen von 1815−1918 verstanden, volkstümlich als „Kongresspolen“, zeitgenössisch auch als „Russisch-Polen“ bezeichnet.

2. Geographie

Lage

Im Westen grenzte Mittelpolen an die preußischen Provinzen Schlesien und Posen (in Teilen verlief die Grenze entlang der Prosna), westlich von Thorn/Toruń verlief die Grenze an der Drewenz (Drwęca), dann entlang der Südgrenze Ostpreußens bis zur Memel (Niemen), westlich von Grodno/Hrodna entlang der Biebrza, dann am Narew, dann durch die engste Stelle bis zum Bug bis Kryłów nach Süden. Von dort verlief die Südgrenze über Land bis an den San, dann die Weichsel (Wisła) entlang nach Westen bis kurz vor Krakau/Kraków, dann nördlich der Weichsel über Land bis Dombrowa (Dąbrowa Górnicza) an der Grenze mit Schlesien.

„Mittelpolen‘“ ist damit nach dem Territorialstand Polens von 1923 das Gebiet zwischen Posen-Pommerellen und dem Bug, also die Mittellage zwischen den Westgebieten der Zweiten Polnischen Republik und der heutigen Ostgrenze.

Topographie

Südlich der Masowischen Niederung schließen sich Podlachien (Podlasie) und Polesien (Polesie) an, dann die mittelpolnischen Hochebenen. Zentrale Städte sind Warschau/Warszawa, Lodz/Łódź, Lublin, Kielce und Kalisch/Kalisz.

Historische Geographie

Historisch gehörten die 1815 im Königreich Polen zusammengefassten Gebiete zu Großpolen (u. a. Kalisch und Konin, 1999 Teil der Wojewodschaft Großpolen [Województwo wielkopolskie]), zu Kujawien (Kujawy), Masowien (Mazowsze), Galizien (Galicja) und teilweise Podlasien (Podlasie).

Nach der Besetzung im Ersten Weltkrieg teilten Deutschland und Österreich-Ungarn das Besatzungsgebiet in die Generalgouvernements Warschau und Lublin. In der Zweiten Polnischen Republik war bis zur Verwaltungsreform 1938 das Gebiet administrativ in die Wojewodschaften Warszawa, Łódź, Kielce und Lublin eingeteilt, nach der Verwaltungsreform von 1999 in die Wojewodschaften Lublin, Łódź, Masowien (Województwo mazowieckie)  und Heiligkreuz (Województwo świętokrzyskie).

3. Geschichte und Kultur

Bis 1815

Mittelpolen entspricht dem frühneuzeitlichen historischen Kerngebiet Polens. Nach der Erbteilung 1138 blieb das Herzogtum Masowien, seit 1351 als Lehen Polens, bis zum Aussterben der masowischen Piasten in der männlichen Linie 1526 eigenständig (1529 Wojewodschaft). Unter den Wahlkönigen verlegte Zygmunt III. (1566/1587–1632) seine Hauptresidenz nach Warschau. Nach Niedergang und Zerstörungen infolge der Nordischen Kriege bauten die Sachsenkönige (1698–1763) Warschau zur Hauptstadt aus. 1793 fielen der Westteil Masowiens und Großpolen an Preußen (Provinz Südpreußen), 1795 wurde das restliche Polen zwischen Preußen (Südpreußen mit Warschau, Neuostpreußen) und Russland geteilt. Preußen zog die staatlichen und kirchlichen Ländereien ein und wandelte sie zu Domänen um. Wegen der Schenkung oder der Überlassung großer Güter zu Schleuderpreisen an hochgestellte Personen kam es zum Skandal.

Aus den preußischen Gebietszuwächsen aus der zweiten und dritten Teilung Polens (1793−1795) (ohne Danzig/Gdańsk und den Bezirk Białystok) wurde nach der Niederlage Preußens 1807 das napoleonische Herzogtum Warschau gebildet und 1809 um ‚Westgalizien‘ – Österreichs Gebietsgewinn aus der dritten Teilung – erweitert. Bereits im Februar 1813 besetzten jedoch russische Truppen nach dem Rückzug der napoleonischen Armeen aus Russland dessen Hauptstadt Warschau.

Deutsche in der Adelsrepublik

In der Weichselniederung wurden in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ‚Holländer‘, d. h. Siedler mit Erfahrung im Trockenlegen von Sumpfgebieten, von der unteren Weichsel und aus Pommern angesiedelt. Ab 1730 folgte ein neuer Siedlungsschub bis etwa 1830.

Im Dobriner Land (ziemia dobrzyńska, an der Grenze zu Ostpreußen) legten Gutsherren 1700–1780 Dörfer mit Siedlern auch aus dem benachbarten herzoglichen Preußen an. Zwischen 1820 und 1863 entstanden weitere Siedlungen.

Von 1750 bis 1795 legten im Bereich der Kujawischen Seenplatte ebenfalls polnische Grundherren 110 kleine deutsche Dörfer an, nach 1795 unter Südpreußen entstanden sieben größere Schwabensiedlungen.

In der Stadt Dabie/Dąbie entstand Ende des 18. Jahrhunderts eine Tuchmacherkolonie. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte die handwerkliche Weberei jedoch nicht mehr mit der Lodzer Textilindustrie konkurrieren. Ähnliches gilt für die Städte Zagorow/Zagórów, Konin und Kolo/Koło im mittleren Warthebruch, in dem Grundbesitzer seit der Mitte des 18. Jahrhunderts wie im Kalischer Land bäuerliche Kolonisten angesiedelt hatten.

Im Gebiet von Gostynin begann die bäuerliche Siedlung um 1780, zur selben Zeit findet man ländliche Kolonien in der Umgebung von Lodz, weitere entstanden nach 1795 in Südpreußen und nach 1807 im Herzogtum Warschau. Die ‚Schwabensiedung’ bei Warschau setzte um 1800 unter der südpreußischen Verwaltung ein. Bis zur staatlichen Ansiedlungspolitik wurden Siedler aus dem deutschen Sprachraum von den Grundherren angesiedelt, in Städten seit dem Ende des 18. Jahrhunderts auch Tuchmacher. In Warschau lebte im 18. Jahrhundert ein deutschsprachiges, meist protestantisches Bürgertum, das sich im 19. Jahrhundert weitgehend an das polnische Umfeld akkulturierte.

Das Königreich Polen (Russisch-Polen)

Der Wiener Kongress ordnete die Teilungsgebiete neu: Das Herzogtum Warschau wurde Russland als „Königreich Polen“ in Personalunion ‚auf ewig’ verbunden. Die übrigen russischen Teilungsgebiete wie Wolhynien wurden in das Russische Reich integriert.

Für das Königreich Polen wurde eine fortschrittliche Verfassung mit weitgehenden Handlungsmöglichkeiten im Innern bei einer gemeinsamen Außenpolitik mit Russland erlassen, doch überwogen seit dem Herrschaftsantritt von Zar Nikolaus I. (1796/1825–1855) in wachsendem Maße die Differenzen.

Bis 1820 bemühten sich polnische Grundherren um Tuchmacher und Handwerker aus deutschen Ländern für ihre neuen Privatstädte, so für Aleksandrów, Ozorków, Zduńska Wola, Tomaszów Mazowiecki und andere. Die Einwanderung in die privaten Industriesiedlungen hielt bis 1830 an, doch konkurrierte sie seit 1820 mit der Ansiedlung durch die Regierung, die für „Fabrikanten und Handwerker“ (u. a. aus Schlesien und dem Großherzogtum Posen) neue Städte wie in Zgierz, Pabianitz/Pabianice oder Lodz neben alten Siedlungen anlegte. Der Vertrag von Zgierz 1821 mit drei Tuchindustriellen aus dem Großherzogtum Posen gilt als richtungweisender Mustervertrag. Allein in Zgierz produzierten 1825 bereits 500 Tuchmeistermeister für den russischen und den chinesischen Markt. Bis 1830 waren etwa 10.000 Tuchmacherfamilien in das Königreich Polen eingewandert.

Am 29. November 1830 begann eine Gruppe von Offiziersanwärtern in Warschau den Aufstand, der in der Absetzung Nikolaus I. und der Dynastie Romanov im Januar 1831 den Höhepunkt erreichte. Die Aufständischen konnten mehr als 100.000 Soldaten auch aus den anderen Teilungsgebieten mobilisieren, doch siegte im September 1831 die russische Seite. Ein Teil der Akteure ging in der „Großen Emigration“ insbesondere nach Frankreich. Die Verbliebenen wurden zu Haftstrafen und Zwangsarbeit verurteilt, ihr Besitz wie das Eigentum der Emigranten eingezogen.

Mittel- und süddeutsche Liberale feierten die Emigranten unter anderem beim Hambacher Fest 1832. Auf dem linken Flügel der politisch zerstrittenen Emigration prägte vermutlich der Historiker Joachim Lelewel (1786−1861) das wirkungsmächtige Schlagwort „Für unsere und für eure Freiheit“, d. h., dass der politische Kampf für die Wiederherstellung eines unabhängigen Polen auch ein Kampf gegen die Autokratien in Europa war. Die Verfassung des Königreichs Polen wurde 1832 durch das „Organische Statut“ ersetzt, der Kriegszustand erst 1856 aufgehoben, doch blieb eine in ihren Möglichkeiten eingeschränkte eigene Administration.

Nach 1833 warben Grundherren wieder bäuerliche Siedler an. Die Aufhebung der Zollgrenze zu Russland 1851 verstärkte den Aufschwung der Textilindustrie zur Großindustrie, die seit den 1850er Jahren das Weberhandwerk verdrängte. Der aus Monschau (Eifel) stammende Karl Scheibler (1820–1881) war einer der Großindustriellen. Sein 1854 in Lodz begründetes Unternehmen beschäftigte vor 1914 mehr als 10.000 Arbeiter.

Zar Alexander II. (1818/1855–1881) setzte sich nach 1855 im Rahmen seines Reformprogramms auch für den Ausgleich mit Polen ein. Die polnische Gesellschaft nutzte die gewonnenen Freiräume für patriotische Manifestationen und die Bildung konspirativer Zirkel. Der Aufstand einer kleinen Verschwörergruppe im Januar 1863 (‚Januaraufstand‘) scheiterte an der unzureichenden Organisation und der nicht gelungenen Mobilisierung breiterer Schichten. Preußen und Russland konnten im April 1864 die Insurrektion niederschlagen. Die russische Verwaltung ging gegen die gesamte Bevölkerung hart vor. Der Name ‚Polen‘ wurde im offiziellen Sprachgebrauch verboten und durch ‚Weichselland‘ ersetzt. Der Gebrauch der polnischen Sprache wurde unterdrückt, Russisch ab 1865 die ausschließliche Verwaltungssprache; die eigenständigen Einrichtungen des ‚Weichsellandes‘ wurden aufgelöst.

Die 1863 in Reaktion auf den Aufstand verkündete Bauernbefreiung setzte Arbeitskräfte für die sich entwickelnde Industrie frei, führte aber auch zu ländlicher Überbevölkerung und zu einem Anstieg der Auswanderung nach Übersee. Die industriellen Zentren Warschau und Lodz wuchsen rasant. Die Einwohnerzahl der Textilindustriestadt Lodz wuchs von 4.700 Menschen im Jahre 1831 auf 32.400 im Jahr 1865 bis zu 505.500 zu Beginn des Ersten Weltkriegs, während der Anteil der deutschen Bevölkerung von 62,4 Prozent im Jahr 1862 auf 15 Prozent im Jahr 1914 sank.[4]

Die polnische Gesellschaft organisierte sich in der ‚Organischen Arbeit‘ selbst und entwickelte ihre eigene, stark von der katholischen Kirche geprägte nationale Ideologie. 1892/93 bildete sich die Polnische Sozialistische Partei im Pariser Exil und bald auch illegal in Polen selbst. 1894 spaltete sich von ihr die internationalistische Sozialdemokratie des Königreichs Polen unter Rosa Luxemburg (1871–1919) und Julian Marchlewski (1866–1925) ab. 1897 entstanden der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund (Bund) sowie die von Roman Dmowski (1864–1939) geführte Nationaldemokratische Partei. Nach der Revolution von 1905 wurden politische Parteien in Russland zugelassen. In den Dumawahlen 1906 errangen die durch das Kuriensystem begünstigten Nationaldemokraten als Repräsentanten des polnischen nationalen Widerstands gegen die russische Zentralmacht die Mehrheit in den ehemals polnischen Gebieten des Russischen Reiches.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs rückten nach der Niederlage der russischen Invasionsarmee in Ostpreußen Ende August 1914 deutsche und österreichische Truppen nach Russisch-Polen ein. Deutsche Truppenteile besetzten vom 8. bis zum 29. Oktober 1914 Lodz, mussten die Stadt aber wegen der anrückenden russischen Truppen wieder aufgeben und nahmen sie erst am 6. Dezember 1914 wieder ein, um sie bis zum Kriegsende besetzt zu halten. Nach wechselvollen Kämpfen um Warschau und Lodz verfestigte sich eine Stellungsfront. Die russischen Truppen schlugen zurück und konnten sich bis Mitte 1915 halten. Die Mittelmächte konnten in Warschau erst am 5. August 1915 einmarschieren.

Zu Kriegsbeginn wurde ein großer Teil der deutschen und jüdischen Land- und Kleinstadtbevölkerung ins Innere Russlands umgesiedelt. Der Gebrauch der deutschen Sprache in der Öffentlichkeit wurde verboten, deutsche Vereine und Privatschulen wurden aufgelöst. Am 2. Februar 1915 erließ die russische Regierung ein Liquidationsgesetz für die deutschen Kolonien in Kongresspolen und Wolhynien, nach dem die Deutschen bis zum Jahresende ihr Eigentum aufzulösen und die Wohngebiete zu verlassen hatten. Durch das Vordringen der deutschen Truppen blieb das westliche Kongresspolen verschont, etwa 120.000 Deutsche aus dem östlichen Teil und aus Wolhynien wurden im Frühjahr 1915 in das Innere Russlands und nach Sibirien verbracht.

Russisch-Polen wurde in ein „Generalgouvernement Warschau“ unter deutscher und ein „Generalgouvernement Lublin“ unter österreichischer Führung aufgeteilt, beide mit ziviler Verwaltung. Am 5. November 1916 proklamierten der deutsche und der österreichische Kaiser für diese beiden Besatzungsgebiete ein „Königreich Polen“ mit erblicher Monarchie in engem Verbund mit den Mittelmächten. Die Zivilverwaltung des Generalgouvernements Warschau richtete eine eigene wissenschaftliche Kommission zur systematischen Erforschung des Landes mit ein, deren Ergebnisse bis heute relevant sind.

Die Deutschen im Königreich Polen

Die acht geographisch voneinander getrennten Gebiete mit vor allem im 18. Jahrhundert von polnischen Grundbesitzern durchgeführter ländlicher Siedlung deutschsprachiger Bauern (Weichselniederung, Dobriner Land, Kujawische Seenplatte, Warthebruch, Lodzer Industriegebiet, Kalischer Land, Gostyniner Land, Schwaben bei Warschau) hatten keinerlei Verbindungen untereinander. Sie bestanden hauptsächlich aus Einzeldörfern. In der Weichselniederung lebten zum Beispiel nach dem Ersten Weltkrieg 25.000 Deutsche in 274 Dörfern, die sich über 300 km entlang der Weichsel in einem mehrheitlich polnischen Umfeld erstreckten. Nach 1860 findet man bäuerliche Siedlungen auch im Gouvernement Lublin, insbesondere im Kreis Cholm (Chełm). Die bäuerlichen Siedler, überwiegend Angehörige der sowohl deutsch- als auch polnischsprachigen Evangelisch-Augsburgischen Kirche, akkulturierten sich nicht selten an ihre polnischsprachige Umgebung. Bis zur Revolution von 1905 waren politische und nationale Organisationen verboten, erst die Arbeiten der Landeskundlichen Kommission während des Ersten Weltkriegs ergaben Informationen über die Existenz deutschsprachiger Siedlungen.

Die Lodzer „Aktivisten“ um Adolf Eichler (1877–1945) hatten vor dem Krieg begonnen, das nationale Bewusstsein ihrer deutschen Landsleute in den Städten des Lodzer Industriegebiets zu wecken, gefördert vor allem durch die von Eichler 1915–1918 herausgegebene Deutsche Post und die Deutsche Lodzer Zeitung. Die deutschen Behörden reagierten zurückhaltend und genehmigten erst im März 1916 den von Eichler geführten Deutschen Verein für Lodz und Umgebung als Organisation für das gesamte Generalgouvernement. Die Aktivisten forderten den Anschluss des Lodzer Industriegebiets an das Deutsche Reich. Alldeutsche Kreise, der Ostmarkenverein, General Erich Ludendorff (1865−1932) als Leiter der deutschen Kriegsführung und Wirtschaftskreise planten am Westrand des bisherigen Russisch-Polen einen „polnischen Grenzstreifen“ unter Aussiedlung der polnischen Bevölkerung als Sicherheitszone einzurichten.

Obwohl sich die Hoffnungen der deutschen Aktivisten auf Unterstützung durch den Generalgouverneur Hans von Beseler (1850−1921) als illusorisch erwiesen, hatte der Deutsche Verein für Lodz und Umgebung im Vergleich zur russischen Zeit günstige Entwicklungsmöglichkeiten. Die deutsche Landbevölkerung, soweit sie nicht umgesiedelt worden war oder aus den Kampfgebieten hatte fliehen müssen, war politisch nicht organisiert. Als der Deutsche Verein Anfang 1919 auf Druck der polnischen Behörden aufgelöst werden musste, soll er mehr als 30.000 Mitglieder in 230 Ortsgruppen gehabt haben.[5] Ermutigt durch den in Lodz als Militärpfarrer tätigen Paul Althaus (1888–1966) versuchten die deutschen Pfarrer der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in der Lodzer Synode im Oktober 1917 – ohne Erfolg – eine deutsche evangelisch-lutherische Kirche durchzusetzen.

Zwischenkriegszeit

Nach 1918 bildet der mittelpolnische Raum keine eigene politische Einheit mehr. Er war mit dem Verwaltungs- und Wirtschaftszentrum Warschau und dem Lodzer Textilindustriegebiet von zentraler Bedeutung für den Gesamtstaat. Am nach 1920 geförderten Zentralen Industriegebiet (Centralny Okręg Przemysłowy) mit Schwer- und Rüstungsindustrie partizipierte nur der Süden mit den Wojewodschaften Kielce (in Radom) und Lublin.

Die deutsche Minderheit in den zentralpolnischen Wojewodschaften 1918−1939

Anstelle des Deutschen Vereins wurde 1921 in Lodz im Hinblick auf die für 1922 angekündigten Sejmwahlen der Bund der Deutschen Polens gegründet, der schnell „ein umfassendes Organisationsnetz über die deutschen Siedlungen in Mittelpolen“ gespannt haben soll,[6] allerdings nach der Nichtbestätigung der Satzung durch die staatlichen Behörden 1924 nach dem Vereinsrecht aufgelöst werden musste. Erst dem 1924 gegründeten Deutschen Volksverband in Polen (DVV) gelang es, sich als gemeinsame Organisation für Stadt und Land in den mittelpolnischen Wojewodschaften aufzubauen. Er erweiterte seinen Aktionsbereich kurz vor dem Zweiten Weltkrieg auch auf den Kreis Cholm und das Gebiet von Białystok. Den DVV führte der Lehrer August Utta (1886–1940) von 1924–1938 als Vorsitzender. 1925–1928 und 1930–1932 war er Mitglied des Sejm, 1933–1938 des Senats der Polnischen Republik. 1938 wurde er von Ludwig Wolff (1908–1988) abgelöst, der den DVV nach nationalsozialistischem Vorbild umgestaltete. 1939 wurde er nach dem deutschen Überfall auf Polen erster NSDAP-Kreisleiter für die Stadt Lodsch, dazu SS-Obersturmbannführer. 1929 wurde die Deutsche Sozialistische Arbeitspartei Polens mit dem Schwerpunkt im Lodzer Raum gegründet.

Die deutschen Pastoren der Evangelisch-Augsburgischen Kirche waren gespalten zwischen der älteren, eher polonophilen Generation, die meist in Dorpat/Tartu studiert hatte, und der jüngeren, national deutsch orientierten Generation, die ihr Studium meist in Deutschland absolviert hatte und Sympathien für eine deutsche Kirche und den Nationalsozialismus zeigte. Ihr Feindbild war der Generalsuperintendent Julius Bursche (1862–1942), dem sie die Polonisierung ihrer Kirche vorwarfen.

Im Zweiten Weltkrieg

Unter der deutschen Besatzung 1939–1945 wurde das Gebiet zwischen dem Reichsgau Danzig-Westpreußen (Dobriner Land), dem Reichsgau Wartheland und dem Generalgouvernement geteilt. Das Lodzer Industriegebiet wurde als „östliches Wartheland“ dem Reichsgau Wartheland zugeordnet. Lodz (1939 Lodsch, 1940 Litzmannstadt) war mit dem Ghetto und der Einwanderungszentrale für die ‚volksdeutschen Umsiedler’ ein zentraler Ort für die nationalsozialistische Bevölkerungspolitik. In der Region wurden verstärkt ‚Umsiedler’ aus dem sowjetischen Herrschaftsbereich angesiedelt. Der übrige Raum mit Warschau wurde dem Generalgouvernement unterstellt. Warschau wurde mit dem Ghettoaufstand 1943 und dem Warschauer Aufstand 1944 zu einem zentralen Ort des polnischen und jüdischen Widerstandes.

Der Evakuierungsbefehl kam im Januar 1945 für eine geordnete Evakuierung der deutschen Bevölkerung vor der vorrückenden Roten Armee zu spät. Die verbliebenen Deutschen wurden als ‚feindliche Elemente’ entrechtet, in Lagerhaft genommen und nach 1948 großenteils ausgesiedelt.

Nach 1945

‚Mittelpolen‘ bildete nach 1945 den Ostteil Polens zwischen den Westgebieten von 1920 und dem Bug. Als eigenständige Region wird es heute nicht wahrgenommen.

Die deutsche Restminderheit, die sich nach 1990 wieder organisiert hat, stützt sich weitgehend auf die Evangelisch-Augsburgische Kirche, erscheint aber, auf die Region bezogen, als marginal.

Kontroversen zur Kultur und Geschichte der Deutschen

Der seit der Lodzer Synode 1917 innerhalb der Evangelisch-Augsburgischen Kirche ausgetragene, an der Person des als ‚Polonisator’ geschmähten Generalsuperintendenten Julius Bursche (1862–1942) festgemachte Konflikt um einen national-deutschen oder primär evangelischen Charakter der Kirche wurde nach 1945 vor allem von den Pastoren Eduard Kneifel (1896−1993) und Alfred Kleindienst (1893−1978) fortgeführt. Von polnischer Seite hat der Leiter der Warschauer Theologischen Akademie Waldemar Gastpary (1908−1984) Bursches Leistung herausgestellt. Diesen Ansatz hat Bernd Krebs in seiner Warschauer Dissertation aufgenommen,[7] gegen die das Hilfskomitee der Evangelisch-lutherischen Deutschen aus Polen die alten Argumente wiederholt hat.[8] 

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Włodzimierz Borodziej, Hans Lemberg (Hg.): „Unsere Heimat ist uns ein fremdes Land geworden...“. Die Deutschen östlich von Oder und Neiße 1945–1950. Dokumente aus polnischen Archiven. Bd. 2: Zentralpolen. Wojewodschaft Schlesien (Oberschlesien). Marburg 2003 (Quellen zur Geschichte und Landeskunde Ostmitteleuropas 4.2).
  • Severin Gawlitta: Zwischen Einladung und Ausweisung: deutsche bäuerliche Siedler im Königreich Polen 1815–1915. Marburg 2009 (Materialien und Studien zur Ostmitteleuropa-Forschung 20).
  • Severin Gawlitta (Hg.): Deutsche Siedler im Königreich Polen 1815–1915. Herne 2010 (Beiträge zur Geschichte der Deutschen in Polen und der deutsch-polnischen Beziehungen 4).
  • Otto Heike: Die deutsche Minderheit in Polen bis 1939. Ihr Leben und Wirken kulturell, gesellschaftlich, politisch. Leverkusen 1985.
  • Lucjan Meissner (Red.): Polska Środkowa w niemieckich badaniach wschodnich. Historia i współczesność [Mittelpolen im Spiegel der Ostforschung. Geschichte und Gegenwart]. Łódź 1999.
  • Joachim Rogall: Die Deutschen im Posener Land und in Mittelpolen. München 1993 (Vertreibungsgebiete und vertriebene Deutsche 3).
  • Joachim Rogall (Hg.): Land der großen Ströme. Von Polen nach Litauen. Berlin 1996 (Deutsche Geschichte im Osten Europas 8).

Periodika

  • Jahrbuch Weichsel-Warthe. Hg v. d. Landsmannschaft Weichsel-Warthe. Wiesbaden 1955ff.

Anmerkungen

[1] Leopold Schenzel: Zur Geschichte der deutschen Gesangvereine in Mittelpolen, in: Deutsche Blätter in Polen 8 (1931), S. 283–290.

[2] Albert Breyer: Die landschaftliche Gliederung des Deutschtums in Mittelpolen, in: Deutsche Schulzeitung in Polen 12 (1932/33), S. 161–165, endgültig durchgesetzt mit Ders.: Deutsche Gaue in Mittelpolen. Plauen 1935 (Ostdeutsche Heimathefte 4).

[3] Viktor Kauder: Das Deutschtum in Ostpolen. Leipzig 1939 (Deutsche Gaue im Osten, S. 8–9).

[4] Wiesław Puś: Die Berufs- und Sozialstruktur der wichtigsten ethnischen Gruppen in Lodz und ihre Entwicklung in den Jahren 1820–1914, in: Jürgen Hensel (Hg.): Polen, Deutsche und Juden in Lodz 1820–1939. Osnabrück 1999, S. 37.

[5] Adolf Eichler: Das Deutschtum in Kongreßpolen. Stuttgart 1921 (Schriften des Deutschen Ausland-Instituts Stuttgart 4), S. 123.

[6] Otto Heike: Die deutsche Minderheit in Polen bis 1939. Leverkusen 1985, S. 174.

[7] Bernd Krebs: Nationale Identität und kirchliche Selbstbehauptung. Julius Bursche und die Auseinandersetzungen um Auftrag und Weg des Protestantismus in Polen 1917–1939. Neukirchen-Vluyn 1993.

[8] Arthur Schmidt, Hugo Karl Schmidt: Die Evangelisch-Augsburgische Kirche Polens 1915–1945. Hannover 1995.

 

 

Zitation

Wolfgang Kessler: Mittelpolen/Zentralpolen. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2020. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32570 (Stand 29.07.2020).

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