OME-Lexikon

Elbing/Elbląg

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Elbing

Amtliche Bezeichnung

poln. Elbląg

Anderssprachige Bezeichnungen

lat. Elbinga, Elbingus; pruss. Elbings; russ. El'blong; lit. Elbingas; lett. Elblonga; tschech. Elbinek

Etymologie

Der Name der Stadt ist identisch mit dem Namen des kleinen Flusses Elbing, an dem sie liegt. Der Name bedeutet Flüsschen (vgl. schwedisch Elf = Fluss, ing = Diminutivform).

2. Geographie

Lage

Elbing liegt auf 54º 10' nördlicher Breite, 19º 24' östlicher Länge, 52 Kilometer südöstlich von Danzig/Gdańsk, 85 km nordwestlich von Allenstein/Olsztyn, 95 km südwestlich von Königsberg/Kaliningrad.

Topographie

Elbing liegt in der Elbinger Niederung am rechten Ufer des Flusses Elbing (Elbląg) nahe dessen Mündung in das Frische Haff (Zalew Wiślany), am Südwestrand der Elbinger Höhe (197 m).

Region

Früher: Westpreußen; heute: Pomorze

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Polen. Kreisfreie Stadt und Sitz eines Kreises in der Woiwodschaft Ermland-Masuren (Województwo Warmińsko-Mazurskie). 1970–1998 war Elbing Woiwodschaftshauptstadt. Schon seit 1815 gab es einen Landkreis Elbing, 1874 wurde die Stadt kreisfrei. 1818‒1920 gehörte Elbing zum Regierungsbezirk Danzig in der Provinz Westpreußen (1829‒1878: Provinz Preußen), 1922‒1939 zum Regierungsbezirk Westpreußen (Sitz: Marienwerder) in der Provinz Ostpreußen.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Das Wappen ist geteilt und zeigt zwei Tatzenkreuze (Ordenskreuze): oben in Weiß (Silber) ein rotes Kreuz, unten in Rot vor goldenem Netz ein weißes (silbernes) Kreuz. Silber und Rot sind auch die Farben von Elbings "Mutterstadt" Lübeck; das Netz verweist auf den Fischfang.

Allgemeine Geschichte

Mittelalter

Bild

Stadtansicht Elbing mit Häuserreihe am Elbingfluss und
Turm der Nikolaikirche (Dia: vor 1945)
[Herder-Institut, Marburg, Bildarchiv, Inv. Nr. 201161].

Unweit der einstigen prußisch-wikingischen Streusiedlung Truso, die an einer Bucht des Frischen Haffs, dem späteren Drausensee (Jezioro Druzno), lag und im 9. Jahrhundert eine Blütezeit als Handelsplatz erlebt hatte, begann der Deutsche Orden im Jahr 1237 mit dem Bau einer Burg (ab 1246 bis Anfang 14. Jh. in Stein ausgebaut). Diese war von 1251 bis 1309 Haupthaus des Deutschen Ritterordens in Preußen und Sitz der Landmeister von Preußen, danach Sitz des Großspittlers. Unmittelbar nördlich der Burg, östlich des Elbing-Flusses, ließen sich Lübecker Kaufleute, meist westfälischer Abkunft, und andere Siedler nieder und gründeten im Zusammenwirken mit dem Orden im Jahr 1237 die Hafenstadt Elbing, die 1246 das Lübische Stadtrecht erhielt. In den 1240er, 1260er und 1270er Jahren mussten sich Stadt und Burg mehrerer Angriffe der Prußen erwehren. Nach einem Stadtbrand 1288 erfolgte der Wiederaufbau in Stein. Die Stadt war stark befestigt; um 1300 wurde eine Mauer mit 14 Wehrtürmen, zwischen 1410 und 1437 ein äußerer Wall mit Türmen und einem Graben errichtet. Im 13. und 14. Jahrhundert entstanden der Stadt gegenüber, am Westufer des Elbing-Flusses, zahlreiche Speicher. Um 1337 gründete der Orden südöstlich der Stadt eine selbständige Neustadt – nur für Handwerker und Ackerbürger, nicht für Kaufleute ‒, die 1343 mit dem Lübischen Recht ausgestattet wurde; 1478 schlossen sich beide Städte zusammen.

Elbing, von seiner Gründung an für rund 150 Jahre lang bedeutendster Seehafen des Preußenlandes, war 1358 Mitbegründer und fortan führendes Mitglied der Hanse. Um 1315 und 1360 (und auch später, etwa 1656‒1660) wütete in Elbing die Pest. 1440 schlossen die preußischen Hansestädte Elbing, Danzig und Thorn/Toruń den Preußischen Bund. 1452 ließen sie sich ihre Rechte und Privilegien von Kaiser Friedrich III. bestätigen, damit diese nicht vom Deutschen Orden eingeschränkt würden. Nachdem die Polen das Elbinger Ordensschloss 1414 erfolglos belagert hatten, nahmen die Bürger Elbings 1453 an der Belagerung des Ordensschlosses durch die Polen teil und zerstörten 1454 das Schloss, dessen Ruinen 1554 weitgehend beseitigt wurden. 1454 huldigte die Stadt dem polnischen König Kasimir IV. (Kazimierz IV Jagiellończyk), an den sie der Orden 1466, im Zweiten Thorner Frieden, abtreten musste.

Neuzeit

Von 1466 bis 1772 gehörte Elbing zum königlichen Preußen (Preußen königlich-polnischen Anteils), wobei es seine Sonderstellung als autonome Stadtrepublik bewahrte. Um 1620 trat Elbing aus der Hanse aus. Im Dreißigjährigen Krieg nahm der schwedische König Gustav II. Adolf die Stadt ein; sie war im 17. und frühen 18. Jahrhundert dreimal (1626‒1635, 1655‒1660, 1703‒1710) schwedisch besetzt. 1626 bis 1635 wurde um die ganze Stadt, Vorstädte und Speicherinsel ein weiterer Festungsgürtel mit Bastionen und Gräben angelegt. 1657 wurde Elbing vom polnischen König an den Großen Kurfürsten verpfändet. Während des Nordischen Krieges, 1710 bis 1712, und des Siebenjährigen Krieges, 1758 bis 1762, war Elbing von Russland okkupiert. Bei der Ersten Teilung Polens 1772 wurde Elbing ein Teil des Königreichs Preußen, Provinz Westpreußen. 1807 wurde die Stadt von französischen Truppen besetzt und zu einer Kontribution gezwungen. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Elbing zur Industriestadt. Es hatte stets eine sozialdemokratische Mehrheit und war in den 1920er Jahren eine Hochburg der Kommunisten. Aufgrund des Versailler Vertrags blieb Elbing zusammen mit dem rechts von Nogat und Weichsel gelegenen Teil Westpreußens beim Deutschen Reich; es war fortan die größte Stadt des Regierungsbezirks Westpreußen.

Zeitgeschichte

1938 wurden in der sog. Kristallnacht die 1823/24 erbaute Synagoge und Geschäftshäuser jüdischer Bürger zerstört. Im Zweiten Weltkrieg wurden als Außenstelle des KZ Stutthof fünf Arbeitslager für polnische Zwangsarbeiter eingerichtet. Nach dreiwöchiger Belagerung wurde Elbing am 10. Februar 1945 von der Roten Armee eingenommen. 60–65 % aller Gebäude fielen dem Feuersturm zum Opfer; bis auf 6 Gebäude waren alle Bauten der Altstadt zerstört. Ein Großteil der Zivilbevölkerung flüchtete aus Elbing, viele ertranken im Frischen Haff; die in der Stadt Verbliebenen wurden vertrieben. Am 19. Mai 1945 wurde die Stadt von der sowjetischen Besatzungsmacht an Polen übergeben. Menschen aus Zentralpolen und aus dem 1945 an die Sowjetunion gefallenen früheren Nordostpolen wurden angesiedelt. Die Altstadt blieb lange ein Trümmerfeld, 1958 begann man mit den Aufräumarbeiten, 1990 mit dem Wiederaufbau. Nach Danzig war auch Elbing 1970 und 1980 ein Ort des Widerstands gegen die sowjetische Staatsmacht.

Bevölkerung

Im Jahr des Übergangs an Preußen, 1772, hatte Elbing 10.733 Einwohner,[1] 1792 waren es 14.157.[2] Laut der preußischen Volkszählung von 1905 waren in den Kreisen Elbing Stadt und Elbing Land 94.065 Personen deutschsprachig und 280 Personen polnisch- bzw. kaschubischsprachig. Die Stadt Elbing zählte im Dezember 1910 58.636 Einwohner, darunter 115 mit polnischer Muttersprache.[3] Im Januar 1945 zählte Elbing 100.000 Einwohner,[4] am 14. Februar 1946 waren es 21.000. Nach starkem Zuzug von Polen und Eingemeindungen umliegender Ortschaften hatte Elbing 1977 wieder 100.000 und 1990 ca. 132.000 Einwohner. 2010 lebten in Elbing 126.049 Personen.[5] Juden hatten bis 1772 kein Bürgerrecht; 1792 wurden 12 Personen jüdischen Glaubens registriert.[6]

Wirtschaft

Bis kurz vor Ende des 14. Jahrhunderts politisch und wirtschaftlich wichtiger als Danzig, wurde Elbing danach von der älteren, größeren und noch wohlhabenderen Nachbarstadt überflügelt. Gegenüber dem zurückgehenden Fernhandel gewann im 15. Jahrhundert die Bierbrauerei an Bedeutung. Während der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Danzig und dem König von Polen Stephan Báthory 1576/77 konnte Elbing seine Stellung als Handelsplatz ausbauen. Ab 1579 (Gründung der Eastland Company) unterhielt es intensive Handelsbeziehungen zu England; mehrere Kaufmannsfamilien aus England und Schottland zogen nach Elbing. Auch nach 1772, als Elbing bereits zu Preußen gehörte, Danzig jedoch noch nicht, profitierte die kleinere Stadt wirtschaftlich. 1837 gründete Ferdinand Schichau (1814–1896) die Schichau-Werke, die zunächst Dampfschiffe, später auch Lokomotiven bauten.[7] Nach dem Bau der Eisenbahnlinie über Elbing hinaus bis nach Königsberg 1853 erlebte die Stadt einen weiteren wirtschaftlichen Aufschwung. Seit 1878 gab es in Elbing die Zigarrenfabrik Loeser & Wolff, die 1916 3.740 Menschen beschäftigte und als Europas größte Fabrik ihrer Branche galt.[8] 1906 gründete Franz Komnick (1857–1938) ein Werk, das v. a. Nutzfahrzeuge baute. Weitere Betriebe waren eine Brauerei, eine Branntweinbrennerei, eine Schokoladenfabrik und eine Großmolkerei. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden die Schichau-Werke ausgebaut – sie hatten zuletzt 18.000 Beschäftigte – und noch eine Flugzeugfabrik errichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Elbing erneut Industriestadt; nach Einstellung des Schiffbaus beherbergt es heute Maschinen-, Transportmittel-, Holz-, Lebensmittel-, Leder-, Textil- und Möbelindustrie.

Bis 1945 führte die Reichsstraße 1 (Aachen-Tilsit) durch die Stadt.

Gesellschaft

Bürgerschaftliches humanitäres Engagement in Elbing konzentrierte sich in der St.-Georgenbrüderschaft. Es gab einen Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs für Elbing und Umgebung. Unter den Sportvereinen waren besonders prominent die Ruderklubs "Vorwärts" und "Nautilus".

Religions- und Kirchengeschichte

Die Burg des Deutschen Ordens in Elbing war zugleich Residenz des ermländischen Bischofs Anselm, der hier 1274 starb. Mit der Gründung der Stadt entstanden die St.-Nikolai-Kirche, die Marienkirche und das Dominikanerkloster, bald danach außerhalb der Stadtmauer als Filiale der Stadtpfarrkirche die Kirche zum hl. Jakob sowie weitere Gotteshäuser. Mit einer Erhebung von Bürgern gegen den Stadtrat begann 1525 die Reformation, während der König von Polen Sigismund I. (Zygmunt I) auf der Rückkehr zum katholischen Glauben bestand. 1550 wurde Elbing vom König Sigismund II. August (Zygmunt II August) die volle Glaubensfreiheit zugesichert. Die Nikolaikirche wurde 1577 von den Lutheranern übernommen, 1617 dem katholischen Klerus zurückgegeben; 1626 mit dem Einzug des schwedischen Königs wurde sie protestantisch, 1660, nach dem Frieden von Oliva, wiederum katholisch. Alle übrigen Kirchen Elbings blieben bis 1945 protestantisch; Hauptkirche der Lutheraner war von 1542 bis 1945 die Marienkirche. Seit 1992 ist Elbing Sitz einer katholischen Diözese innerhalb des Erzbistums Ermland. 1823/24 wurde die Elbinger Synagoge gebaut.

Bildung und Wissenschaft

Bereits Anfang des 14. Jahrhunderts bestand in Elbing eine vom Rat der Stadt und der Pfarrkirche St. Nikolai gemeinsam getragene Schule. 1535 wurde unter dem Einfluss der Reformation als erstes im Preußenland das Elbinger Gymnasium[9] gegründet; der erste Rektor war der Humanist und reformierte Protestant Wilhelm Gnaph(a)eus (1493‒1568), ein Emigrant aus den Niederlanden. Auseinandersetzungen zwischen dem Stadtrat und den ermländischen Bischöfen um die Konfession der Rektoren wurde durch ein 1558 vom König von Polen Sigismund II. August gewährtes, 1576 von seinem Nachfolger Stephan Báthory bestätigtes Privileg zugunsten der evangelischen Schule beendet. 1644/45 war Johann Amos Comenius (Jan Amos Komenský, 1592–1670) Rektor des Gymnasiums. Insgesamt besaß Elbing bis 1945 drei höhere Schulen und seit 1926 eine Pädagogische Akademie. Heute hat Elbing eine staatliche Fachhochschule (Państwowa Wyższa Szkoła Zawodowa w Elblągu) und eine private Humanistisch-Ökonomische Hochschule (Elbląska Uczelnia Humanistyczno-Ekonomiczna).

Bis zum Zweiten Weltkrieg beherbergte Elbing mehrere wertvolle Büchersammlungen: die 1601 gegründete Gymnasial-, spätere (ab 1846) Stadtbibliothek (mit über 200 Handschriften und über 100 Wiegendrucken), die Bibliothek des Stadtarchivs, das Stadtmuseum mit der ehemaligen Bibliothek der Dominikaner sowie die Bibliotheken an der Nikolai- und an der Marienkirche. Diese Bücherschätze wurden 1945 stark dezimiert, vieles befindet sich in Danzig und Thorn, anderes gelangte von dort nach Elbing zurück. Die wichtigste Bibliothek ist heute die Elbinger Cyprian-Kamil-Norwid-Bibliothek (Biblioteka Elbląska im. Cypriana K. Norwida) im wiederaufgebauten Hl.-Geist-Hospital. Seit 1951 existiert zudem die Ermländisch-Masurische pädagogische Bibliothek (Warmińsko-Mazurska Biblioteka Pedagogiczna im. Karola Wojtyły).

Im einstigen Krameramtshaus (1624) war bis 1945 das Elbinger Heimatmuseum ("Carl-Pudor-Museum") untergebracht; außerdem gab es das Städtische Museum in einem 1647 erbauten großen Giebelhaus. Im alten Gymnasium residiert das heutige Archäologisch-Historische Museum (Muzeum Archeologiczno-Historyczne w Elblągu). Das Elbinger Staatsarchiv hat heute seinen Sitz in Marienburg/Malbork (Archiwum Państwowe w Elblągu z siedzibą w Malborku).

Publikationsort der Elbinger Stadthistoriker ist derzeit das Jahrbuch Rocznik Elbląski (1961ff.), das an die Tradition des Elbinger Jahrbuchs (1920ff.), des Organs der 1873 gegründeten Elbinger Altertumsgesellschaft, anknüpft. Heute gibt es in Elbing eine wissenschaftliche (Elbląskie Towarzystwo Naukowe im. Jana Myliusa) und eine kulturelle Gesellschaft (Elbląskie Towarzystwo Kulturalne). Um die Stadtgeschichte kümmert sich auch die "Truso-Vereinigung e. V. - Gemeinnütziger Zusammenschluss für Elbinger Kultur und Wissenschaft".

Kunstgeschichte

Von den zahlreichen Türmen und Toren der Stadtbefestigung blieb nur das 1319 erbaute Markttor erhalten. Die Ruinen des Ordensschlosses wurden Anfang des 16. Jahrhunderts weitgehend abgetragen, ein Teil steht bis heute. Die 1237 begonnene Nikolaikirche wurde ab 1240 in Stein als dreischiffige Hallenkirche erbaut, im 14. und 15. Jahrhundert erheblich vergrößert (mit Bronzetaufbecken von Meister Bernhuser von 1387, Kreuzigungsgruppe von Johann von der Matten), 1777 bei einem Brand stark zerstört, in reduzierter Form wiederaufgebaut (bis 1790, Turmneubau – eine Kopie des um 1600 aufgesetzten schlanken Renaissance-Turmhelms ‒ erst 1906/07). Im Krieg nur relativ wenig zerstört, dominiert die Nikolaikirche mit ihrem 97 Meter hohen Turm auch heute die Altstadt. Ab etwa 1248 entstand das Dominikanerkloster mit der St.-Marien-Kirche; 1504 niedergebrannt, wurde die Kirche verändert wieder aufgebaut, sie dient heute als Kunstgalerie (Centrum Sztuki Galeria EL). Ab 1242 wurde das Hl.-Geist-Hospital mit Hospitalkirche erbaut. Ferner entstanden die St.-Georgs-Hospitalkirche, nach einem Brand 1400 wiederaufgebaut und Hl.-Leichnam-Kirche benannt, ab 1340 die Hl.-Drei-Könige-Kirche in der Neustadt (abgebrochen und 1888 neu errichtet); außerhalb der Stadtmauer die St.-Jakobs-Kirche (1601 abgebrochen) und die St.-Annen-Kirche (Neubau 1901).

Bild

Markttor Elbing (Postkarte: vor 1945)
[Herder-Institut, Marburg, Bildarchiv,
Inv. Nr. 102601].

Das Rathaus am "Alten Markt" fiel 1777 dem Feuer zum Opfer; es wurde 1779 bis 1782 an anderer Stelle neu errichtet. Backsteingiebelhäuser aus allen Epochen von der Gotik (meist mit Staffelgiebel) über Renaissance (z. B. sog. Kamelhaus, 1651) und Barock bis zum Historismus prägten die Altstadt; auch einige sog. Beischläge hatten sich erhalten.

Nach den verheerenden Zerstörungen 1945 begann man in den 1980er Jahren mit der Rekonstruktion von Teilen der Altstadt unter Verwendung der historischen Grundrisse und Proportionen der Häuser. Bei der Gestaltung der Fassaden wurden historische Elbinger Motive (Treppengiebel, Spitzbögen, Fachwerk) mit zeitgenössischen Details und Materialien sowie starken Farbkontrasten zu einem postmodernen Pasticcio verbunden. Diese „Retroversion“ genannte Form des Wiederaufbaus diente anderen kriegszerstörten polnischen Städten, beispielsweise Glogau/Głogów, als Vorbild.[10] Der historisch getreue Wiederaufbau der St.-Nikolai-Kirche war 1990 bereits abgeschlossen. 

In Elbing lebte und arbeitete um 1640/1650 der Maler Vitus Heinrich, von dem einige Werke im Dom zu Frauenburg erhalten sind. Das Hauptwerk des Malers Bartholomäus Strobel d. J., Gastmahl des Herodes und Enthauptung Johannesʼdes Täufers, im Auftrag König Władysławs IV., entstand um 1642 in Elbing.[11] Von 1670 bis 1700 wirkte in Elbing der Steinbildhauer Andreas Silber.[12]

Von 1965 bis 1973 und seit 1986 wird in Elbing die "Biennale der räumlichen Formen" (Biennale Form Przestrzennych) veranstaltet; die dabei geschaffenen Skulpturen sind an vielen Stellen der Stadt ausgestellt.

Theater, Musik, Literatur, Presse

1846 wurde in Elbing ein Theaterbau eröffnet.[13] Das heutige Stadttheater (Teatr im. Aleksandra Sewruka w Elblągu) spielte ab 1966 im Elbinger Kulturhaus und hat sein Domizil seit 1976 in einem eigenen Theaterbau.

In Elbing geboren wurden die Musiker und Komponisten Johann Benjamin Groß (1809–1848) und Hieronymus Truhn (1811–1886) sowie der Dirigent Max Gabriel (1861–1942).

Der Elbinger Bürgermeister und Gelehrte Friedrich Zamehl (1590‒1647) publizierte Sammlungen neulateinischer Epigramme. Gebürtige Elbinger waren auch die Barockdichter Daniel Bärhol(t)z (1641–1688) und Christian Wernicke (1661‒1725), der Schriftsteller und Slawist Heinrich Nitschmann (1826‒1905), Verfasser einer Geschichte der polnischen Literatur und Übersetzer polnischer Gedichte, sowie die Schriftsteller Paul Fechter (1880–1958), Literarhistoriker und Autor der Komödie Der Zauberer Gottes, und Albrecht Schaeffer (1885–1950), Autor des Romans Helianth. In Elbing lebte die Schriftstellerin und Jugendbuchautorin Johanne Satori (eigentlich: Neumann, 1786–1863), Gründerin einer Leihbibliothek.[14] Heute gibt es in Elbing die Veranstaltungsreihe "Elbinger Literarischer Herbst" (Elbląska Jesień Literacka) sowie den "Elbinger Alternativen Literarischen Klub" (Elbląski Alternatywny Klub Literacki). Über das Elbinger Kulturleben nach 1945, das er selbst mit prägte, schrieb der Maler, Schriftsteller, Kunst- und Literaturkritiker Ryszard Tomczyk (geb. 1931).[15]

Das erste Elbinger Presseerzeugnis waren ab 1787 die Elbingschen Anzeigen.[16] Die führende Elbinger Tageszeitung war früher die Elbinger Zeitung und ist heute der Dziennik Elbląski.

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Edward Carstenn: Elbinger Geschichte. Essen-Bredeney 1951 (Elbinger Hefte 5). – 2. Aufl. Hg. v. Hans Werner Hoppe, Hans-Jürgen Schuch. Münster u. a. 1982.
  • Wiesław Długokęcki (Red. [Hg.]): Zbiory zabytkowe Biblioteki Elbląskiej. Materiały z sesji naukowej zorganizowanej w Bibliotece Elbląskiej 24 listopada 2006 r. [Die historischen Sammlungen der Elbinger Bibliothek. Materialien der wissenschaftlichen Tagung in der Elbinger Bibliothek, 24.11.2001. Elbląg 2006.
  • Magdalena Dubiella-Polakowska: Życie społeczne Elbląga w latach 1945‒2000 [Das soziale Leben Elbings in den Jahren 1945‒2000]. Elbląg 2002.
  • Fridrun Freise: Elbing. In: ­Wolfgang Adam, Siegrid Westphal (Hg.): Handbuch kultureller Zentren der Frühen Neuzeit. Städte und Residenzen im alten deutschen Sprachraum. Bd. 1. Berlin, Boston 2012, S. 467-­502.

  • Klaus Garber (Hg.): Handbuch des personalen Gelegenheitsschrifttums in europäischen Bibliotheken und Archiven. Im Zusammenwirken mit der Forschungsstelle Literatur der Frühen Neuzeit und dem Institut für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit der Universität Osnabrück. Bd. 21/22: Elbing - Elbląg. Mit einer bibliotheksgeschichtlichen Einleitung und einer kommentierten Bibliographie v. Fridrun Freise. Hg. v. Fridrun Freise unter Mitarbeit v. Stefan Anders u. Sabine Beckmann. 2 Tle. Hildesheim u. a. 2008.
  • Stanisław Gierszewski: Elbląg. Przeszłość i teraźniejszość [Elbing. Vergangenheit und Gegenwart]. Gdańsk 1970. - Wyd. 2, popraw. i rozszerz. [2., verb. u. erw. Aufl.] ebd. 1978. – Wyd. 3, popraw. i rozszerz. [3., verb. u. erw. Aufl.] ebd. 1988.
  • Stanisław Gierszewski †, Andrzej Groth [ab Bd. 2: Andrzej Groth] (Red. [Hg.]): Historia Elbląga. Opracowanie zbiorowe [Geschichte Elbings. Sammelwerk]. Gdańsk 1993ff. – T. [Bd.] 1: S. Gierszewski †, A. Groth (Red. [Hg.]): Do 1466 r. [Bis 1466]. 1993. – T. [Bd.] 2, cz. [Tl.] 1: A. Groth (Red. [Hg.]): 1466–1626. 1996. – T. [Bd.] 2, cz. [Tl.] 2: A. Groth (Red. [Hg.]): 1626–1772. 1997. – T. [Bd.] 3, cz. [Tl.] 1: A. Groth (Red. [Hg.]): 1772–1850. 2000. – T. [Bd.] 3, cz. [Tl.] 2: A. Groth (Red. [Hg.]): 1851–1920. 2001. – T. [Bd.] 4: Marek Andrzejewski (Red. [Hg.]): 1918–1945. 2002.
  • Andrzej Groth (Red. [Hg.]): 750 lat praw miejskich Elbląga. Księga pamiątkowa [750 Jahre Stadtrechte Elbings. Eine Gedenkschrift]. Gdańsk 1996.
  • Karl Hauke, Horst Stobbe: Die Baugeschichte und die Baudenkmäler der Stadt Elbing. Stuttgart 1964 (Bau- und Kunstdenkmäler des deutschen Ostens, Reihe B 6).
  • Dieter Heckmann (Hg.): Beiträge zur Handels- und Wirtschaftsgeschichte Elbings und Danzigs in Mittelalter und Neuzeit. Münster 2013 (Quellen und Darstellungen zur Geschichte Westpreußens 36).
  • Bernhart Jähnig, Hans-Jürgen Schuch (Hg.): Elbing 1237–1987. Beiträge zum Elbing-Kolloquium im November 1987 in Berlin. Münster 1991 (Quellen und Darstellungen zur Geschichte Westpreußens 25).
  • Theodor Lockemann: Elbing. Berlin-Halensee 1926 (Deutschlands Städtebau).
  • Maria Lubocka-Hoffmann: Retrowersja Starego Miasta w Elblągu [Die Retroversion der Altstadt in Elbląg]. In: Maria Lubocka-Hoffmann (Hg.): Odbudowa miast historycznych. Dokonania przeszłości, potrzeby i możliwości współczesne, wyzwania przyszłości [Der Wiederaufbau historischer Städte. Maßnahmen der Vergangenheit, gegenwärtige Anforderungen und Möglichkeiten, Herausforderungen der Zukunft]. Elbląg 1998, S. 148–160.

  • Hans-Jürgen Schuch: Elbing. Aus 750 Jahren Geschichte der Ordens-, Hanse- und Industriestadt. Bad Münstereifel 1989 (Ostdeutsche Städtebilder 5).
  • Jerzy Sekulski: Książka w Elblągu do roku 1772 [Das Buch in Elbing bis 1772] (Biblioteczka Elbląska 8). Gdańsk 1990.
  • Joanna Szkolnicka: Życie literackie i biblioteki w Elblągu w latach 1918‒1945 [Literarisches Leben und Bibliotheken in Elbing in den Jahren 1918‒1945]. In: Rocznik Elbląski 22 (2009), S. 131‒140.
  • Dorota Wcisła, Jerzy Wcisła: Kto jest kim w Elblągu. Who is who in Elblag. Elbląg 1999.

Periodika

  • Rocznik Elbląski [Elbinger Jahrbuch] (1961ff.)

Weblinks

Anmerkungen

[1] 750 Jahre Elbing. Ordens- und Hansestadt - Industrie- und Hochschulstadt. Historische Ausstellung in Bildern, Dokumenten, Modellen und Kunst. Westpreußisches Landesmuseum, Münster. [Münster 1987], S. 23.

[2] Schuch: Elbing, S. 35.

[3] Hans-Jürgen Schuch: 750 Jahre Elbinger Stadtgeschichte. In: Bernhart Jähnig, Hans-Jürgen Schuch (Hg.): Elbing 1237–1987. Beiträge zum Elbing-Kolloquium im November 1987 in Berlin. Münster 1991 (Quellen und Darstellungen zur Geschichte Westpreußens 25), S. 9-30, hier S. 24.

[4] Schuch: 750 Jahre (wie Anm. 3), S. 24.

[5] Quelle: http://pl.wikipedia.org/wiki/Ludno%C5%9B%C4%87_Elbl%C4%85ga.

[6] Schuch: Elbing, S. 35.

[7] Helga Tödt: Die Krupps des Ostens. Schichau und seine Erben – eine Industriedynastie an der Ostsee. Berlin 2012.

[8] Hans-Jürgen Schuch: Loeser und Wolff. Aus der Geschichte einer Weltfirma. In: Udo Arnold (Hg.): Preußische Landesgeschichte. Festschrift für Bernhart Jähnig zum 60. Geburtstag. Marburg 2001 (Einzelschriften der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung 22), S. 405-423.

[9] Vgl. Marian Pawlak: Die Geschichte des Elbinger Gymnasiums in den Jahren 1535–1772. In: Sabine Beckmann, Klaus Garber (Hg.): Kulturgeschichte Preußens königlich polnischen Anteils in der Frühen Neuzeit. Tübingen 2005 (Frühe Neuzeit 103), S. 371-394.

[10] Lorenz Frank: Konzepte für den Wiederaufbau historischer Altstädte in Polen nach 1945. In: Beate Störtkuhl (Hg.): Architekturgeschichte und kulturelles Erbe – Aspekte der Baudenkmalpflege in Ostmitteleuropa. Frankfurt/M. u. a. 2006 (Mitteleuropa – Osteuropa. Oldenburger Beiträge zur Kultur und Geschichte Ostmitteleuropas 8), S. 94-98.

[11] Jacek Tylicki: Elbings frühneuzeitliche Malerei und Zeichnung bis zum Jahr 1772. In: Beckmann, Garber: Kulturgeschichte (wie Anm. 9), S. 695-735, hier S. 708ff., 717.

[12] Wiesława Rynkiewicz-Domino: Bauwesen und Kunsthandwerk in Elbing von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis etwa 1772. In: Beckmann, Garber: Kulturgeschichte (wie Anm. 9), S. 637-693, hier S. 670ff.

[13] Vgl. Bruno Th[omas] Satori-Neumann: Dreihundert Jahre berufsständisches Theater in Elbing. Die Geschichte einer ostdeutschen Provinzialbühne. Nach den Quellen dargestellt. Bd. 1: 1605-1846. Danzig 1936 (Quellen und Darstellungen zur Geschichte Westpreußens 20). – Bd. 2: Berufsständisches Theater in Elbing 1846–1888. Hg. v. Hermann Kownatzki. Marburg 1962.

[14] Alfred Podlech: Elbinger Autoren und Literatur aus fünf Jahrhunderten. Bremerhaven u. a. 1976 (Elbinger Hefte 35).

[15] Ryszard Tomczyk: Życie kulturalne w Elblągu w latach 1945–1985 [Das kulturelle Leben in Elbing in den Jahren 1945–1985]. Gdańsk 1987 (Biblioteczka Elbląska 5); Ryszard Tomczyk, Janusz Ryszkowski: Elbląg literacki. Rzecz o kształtowaniu się środowiska literackiego w Elblągu w latach 1945–1995 [Elbing literarisch. Über die Herausbildung des literarischen Lebens in Elbing in den Jahren 1945–1995]. Elbląg 2000 (Biblioteka Seka 1).

[16] Vgl. Marek Andrzejewski: Prasa w Elblągu. 1787–1945 [Die Presse in Elbing. 1787–1945]. Gdańsk 2005 (Biblioteczka Elbląska 12).

Zitation

Jens Stüben: Elbing/Elbląg. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2013. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/54208.html (Stand 04.02.2015).

Nutzungsbedingungen für diesen Artikel

Copyright © Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE), alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk entstand im Rahmen des Projekts „Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa“ und darf vervielfältigt und veröffentlicht werden, sofern die Einwilligung der Rechteinhaber vorliegt. Bitte kontaktieren Sie: ome-lexikon(at)uni-oldenburg.de

Wenn Sie fachliche Hinweise oder Ergänzungen zum Text haben, wenden Sie sich bitte unter Angabe von Literatur- und Quellenbelegen an die Redaktion.