Stuhlweißenburg/Székesfehérvár

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Stuhlweißenburg, auch Weissenburg

Amtliche Bezeichnung

ung. Székesfehérvár

Anderssprachige Bezeichnungen

lat. Alba, Alba Civitas, Alba Regia, Alba Regalis[1], slaw. Belgrad[2].

Etymologie

Bereits 1009 ist die Siedlung als Alba Civitas in der Gründungsurkunde des Bistums zu Wesprim/Veszprém und auch auf dem für die Stuhlweißenburger Basilika 1031 angefertigten – später als Krönungsgewand der ungarischen Könige verwendeten – Messgewand schriftlich belegt.[3] Die deutsche Bezeichnung ist bereits 1044 als Wzzenburch (in einem Itinerarium von Jerusalem) und als Vizenburg (Annales Altahenses) nachweislich.[4] Die ungarische Form Feheruuaru erscheint zum ersten Mal im Jahre 1055 in der Gründungsurkunde der Tihanyer Abtei (Tihanyi Apátság) am Plattensee.[5] Die ursprüngliche Bezeichnung der Siedlung war wahrscheinlich slawischer Herkunft: Die vor dem 11. Jahrhundert hier lebende bedeutende slawische Bevölkerung bezeichnete die am Ende des 10. Jahrhunderts unter dem Fürsten Géza (ungarischer Großfürst 972–997) und am Anfang des 11. Jahrhunderts unter dem ersten ungarischen König Stephan I. dem Heiligen (Großfürst 997–1000, König 1000/1001–1038) gebaute Burg – nach deren weiß verputzten oder aus weißen Steinen erbauten Mauern – Belgrad, also Weißenburg,  eine Bezeichnung, die dann auch ins Ungarische (Fehérvár) übersetzt wurde. Es ist aber nicht auszuschließen, dass die slawische und die ungarische Bezeichnung etwa zur gleichen Zeit entstanden sind. Zugleich ist zu bemerken, dass mehrere – deutsche, römische und auf Arabisch schreibende sizilianische – Autoren historiographischer Quellen aus dem 12. Jahrhundert voneinander unabhängig die slawische und nicht die ungarische Bezeichnung der Stadt verwendeten. Die Bezeichnung „Stuhl” weist höchstwahrscheinlich auf den in der Stadt aufbewahrten und bei den Krönungen benutzten „königlichen Stuhl“, also auf den Thron der ungarischen Könige hin.

2. Geographie

Lage

Stuhlweißenburg liegt auf 47o 12’ nördlicher Breite und auf 18o 25’ östlicher Länge, zwischen dem Plattensee (Balaton) und dem Welenzer Teich (Velencei-tó), etwa 60 km südwestlich von Budapest entfernt. Es entstand am Knotenpunkt bedeutender Heeresstraßen; später kreuzten sich hier wichtige Handels- und Pilgerwege, die die strategische Bedeutung der Stadt unterstrichen.

Topographie

Stuhlweißenburg liegt im geographischen Mittelpunkt des mittelalterlichen Ungarn bzw. ein wenig nordwestlich davon. Es befindet sich in Mitteltransdanubien (Közép-Dunántúl), am südwestlichen Rande des Welenzer-Gebirges (Velencei hegység), im südlichen Teil der Moorer Senke (Móri-árok), die den Bakonyer Wald (Bakony hegység) und das Schildgebirge (Vértes hegység) in nordwestlich-südöstlicher Richtung voneinander trennt, also an der Grenze zweier verschiedener Landschaftseinheiten. Sein Gelände ist dementsprechend abwechslungsreich, zum großen Teil Flach- und Hügelland, zu einem kleinen Teil Bergland. Überwiegend aber zeigen sich die Züge der Landschaft des Wiesengrundes (Mezőföld), der sich zwischen dem Schio-Kanal (Sió csatorna) und der Donau erstreckt. Stuhlweißenburg entstand also auf einem wassersammelnden Gebiet auf vier aus der Sumpflandschaft herausragenden Landzungen, wobei das morastige Gelände der Siedlung lange Zeit, etwa bis 1400, große Sicherheit gewährte. Zusätzlich wurden zum Schutz der Stadt Gräben, Dämme, Schleusen und Wälle errichtet, das umgebende Gewässersystem wurde reguliert.

Region

Westungarn (Nyugat-Magyarország), Transdanubien (Dunántúl), Mitteltransdanubien (Közép-Dunántúl).

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Ungarn; Stadt mit Komitatsrecht in Transdanubien (Dunántúl); Zentrum der mitteltransdanubischen Region; Sitz des Komitats Fejér (Fejér Megye) und des Stuhlweißenburger Bezirkes (Székesfehérvári járás); eine der größten Städte Ungarns.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

In einem blauen, unten spitz zulaufenden Wappenschild ist ein grüner Dreiberg zu sehen, auf dem eine aus Quadersteinen bestehende, schwarz gefugte silberne Burgmauer steht. In deren Mitte sind die schwarz-silbernen Flügel des Burgtores nach rechts und links geöffnet. Im oberen Drittel des Tores ist das hochgezogene schwarze Fallgitter zu sehen. Auf der Burgmauer stehen drei Türme, der mittlere ragt heraus und ist mit einer roten Zwiebelkuppel versehen. Jeder Turm verfügt über je drei Schießscharten (2–1) und auf der Brustwehr über drei Zinnen. Auf den oberen Schildrand ist eine offene goldene, mit Saphiren und Rubinen reich verzierte Krone mit neun Zacken aufgesetzt. Die Prachtstücke sind von rechts Blau und Gold, von links Rot und Silber. Das offene Tor deutet an, dass das Tor von Stuhlweißenburg für die ehrlichen und rechtschaffenen Menschen immer offensteht, sich aber vor feindlich gesinnten und tyrannischen Menschen schließt. Die Burg wurde wegen ihrer großen Bedeutung im Leben der Siedlung ins Wappen aufgenommen. Der mittlere Turm mit Zwiebelkuppel weist auf die von König Stephan I. dem Heiligen gegründete, der Heiligen Jungfrau Maria geweihte Basilika hin. Die auf das Wappen gesetzte goldene Krone versinnbildlicht, dass die Könige des Königreichs Ungarn in Stuhlweißenburg gekrönt wurden. Die wuchernde stilisierte Pflanzenornamentik der den Schild umgebenden Prachtstücke bringt den Schwung, das Lebenwollen zum Ausdruck.

Beinamen

Stuhlweißenburg wird auch als „Stadt der Könige“ (ung. királyok városa) bezeichnet, weil es im Mittelalter als Krönungs- und Bestattungsort der ungarischen Könige und somit als königlicher und sakraler Mittelpunkt des Königreichs Ungarn fungierte. Die Krönung in der Basilika von Stuhlweißenburg galt als ein Mittel der Legitimation: Zur rechtmäßigen Krönung gehörten die Krönung in Stuhlweißenburg durch den Erzbischof von Gran/Esztergom mit den Krönungsinsignien Stephans I. des Heiligen. Von Peter Orseolo (ca. 1008–1046, Krönung 1038) an bis zu Johann Szapolyai (1487–1540, Krönung 1526) bzw. dem Habsburger Ferdinand I. (1503–1564, Krönung 1527) wurden alle Könige Ungarns hier gekrönt. Nach Stephan I. bestimmten zahlreiche Könige die Stadt als letzte Ruhestätte.

Vor- und Frühgeschichte

Erste Spuren der menschlichen Besiedlung finden sich hier bereits im Neolithikum (5. Jahrtausend v. Chr.). Auf dem Gebiet der heutigen Innenstadt wurden Scherben aus der Kupferzeit, der Bronze- und Spätbronzezeit, aber auch keltische und römische Keramik entdeckt. In der römischen Antike galt das nahe liegende Gorsium (Tác) als Verwaltungszentrum der römischen Provinz Pannonia Inferior. Von dort aus wurden die Handelswege in Richtung Norden und Westen, nach Südosten auf die Balkan-Halbinsel, nach Nordosten zur Überquerungsstätte der Donau und an den Ufern des Plattensees in Richtung zum Adriatischen Meer und nach Italien kontrolliert.

Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches besetzten ostgermanische Stämme unter hunnischer Führung und nach der Auflösung des Hunnenreiches ost- und nordgermanische Völker das Gebiet. Nach 568 siedelten sich awarische Stämme an, die im 8.–9. Jahrhundert von Franken und Bayern verdrängt wurden. Aus der Periode nach der „Landnahme“ der Ungarn stammen Funde aus der Arpadenzeit (Stadtmauern, Ruinen der frühen viereckigen Königsburg, Überreste der Basilika und anderer Kirchen, Steinmetzarbeiten, Keramikfragmente usw.) und aus der Türkenzeit (Überreste von Türmen, Bädern usw.), die in den vergangenen Jahrzehnten im Laufe der archäologischen Forschungen freigelegt wurden.

Mittelalter

Auf dem Gebiet der späteren Stadt ließen sich die „landnehmenden“ Ungarn im späten 9. Jahrhundert nieder. Großfürst Géza (reg. 972–997) errichtete sowohl einen Palast mit Wehranlagen als auch eine den Aposteln Petrus und Paulus geweihte Parochialkirche – die ihm später auch als Bestattungsstätte diente – im Zentrum der heutigen Innenstadt (auf dem Hügel der heutigen Bischofskathedrale), deren Grundmauern 1971 ausgegraben wurden. Sein Sohn, der erste ungarische König, Stephan I. der Heilige, baute die Stadt zum wichtigsten Zentrum des Königreichs neben Gran aus. Er gründete auch die der Heiligen Jungfrau Maria geweihte Basilika, in der die Krönungszeremonien stattfanden und in der zahlreiche Könige Ungarns beigesetzt wurden. Zwischen 998 und 1000 organisierte Stephan I. – der die bayerische Herzogstochter Gisela, die Schwester des späteren Kaisers Heinrich II. (reg. 1014–1024) heiratete – wahrscheinlich nach deutschem Vorbild die königlichen Burggespanschaften, Vorläufer der späteren Komitate, und die kirchlichen Diözesen, wobei Stuhlweißenburg zum Zentrum einer Burggespanschaft wurde.

In der Stadt fanden im Mittelalter auch die Landtage (Reichstage) statt. 1222 verkündete König Andreas II. (reg. 1205–1235) hier die erste schriftliche Verfassung des Königreiches, die Goldene Bulle.

Während der „Türkenherrschaft“ übte Stuhlweißenburg nunmehr als „türkische“ Grenzfestung zwischen dem Osmanischen Reich und dem habsburgischen Königreich Ungarn eine wichtige Funktion aus. Kurz nach der osmanischen Eroberung von Ofen/Buda 1541 geriet auch Stuhlweißenburg im Jahr 1543 unter die Herrschaft des Sultans und blieb dies fast durchgängig bis zu seiner Befreiung im Jahr 1688 durch die Habsburger. Die durch die zahlreichen Kriege verheerte Stadt erlangte danach nie mehr die Rolle, die sie in der Geschichte des Königreichs Ungarn mehr als 500 Jahre lang erfüllt hatte. Während der „Türkenherrschaft“ in Zentralungarn und auch danach bis 1830 fanden die Krönungen im habsburgischen Pressburg/Bratislava in der Kathedrale des Heiligen Martin statt, nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867 in der Liebfrauenkirche in der Ofener Burg (Budai Vár) in der heutigen Matthias-Kirche.

Neuzeit

Die Thesen der Revolutionäre und der von ihnen propagierte Freiheitskampf von 1848/1849 waren in der Stadt sehr populär. Zu erwähnen ist, dass sich zahlreiche Bürger deutscher Muttersprache mit den Ideen der Revolution identifizierten. Der Feldherr und Ban des Königreichs Kroatien und Slawonien, Joseph Graf Jelačić von Bužim (1801–1859), zog mit seinen kaiserlichen Truppen am 26. September 1848 in die Stadt Stuhlweißenburg ein. Am 3. Oktober 1848 zwang die aus Handwerkern, Ackerbauern und Beamten bestehende Stuhlweißenburger Truppe die kroatische Garnison zur Kapitulation. In den militärischen Auseinandersetzungen zwischen den Stadtbewohnern und den kaiserlichen Truppen fielen auch mehrere Deutsche (10. August 1849), zwei wurden von den Kaiserlichen als Vergeltungsmaßnahme hingerichtet.

Zeitgeschichte

Zwischen den zwei Weltkriegen nahm die Bedeutung von Stuhlweißenburg zu. Das hing auch damit zusammen, dass zahlreiche bedeutende Städte aufgrund des Friedens von Trianon (4. Juni 1920) nun außerhalb der neuen ungarischen Landesgrenzen lagen. 1922 erinnerte die Stadt an die Verkündigung der Goldenen Bulle 700 Jahre zuvor. 1938 wurde von der Regierung zum Jahr des ersten ungarischen Königs, Stephans des Heiligen, erklärt und es fanden zahlreiche Festveranstaltungen in Stuhlweißenburg statt.

Der Zweite Weltkrieg brachte schwere Schäden für die Stadt, zunächst wurde sie von deutschen, dann von sowjetischen Truppen besetzt.

Stuhlweißenburg wurde zu einem der Zentren der Revolution und des Freiheitskampfes von 1956.

Verwaltung

In Stuhlweißenburg sind mehrere Minderheitenselbstverwaltungen tätig, so die der Deutschen, der Kroaten, der Polen, der Armenier und der Serben.

Die Partnerstädte von Stuhlweißenburg in Deutschland sind Weißenburg in Bayern sowie Schwäbisch Gmünd. 

Bevölkerung

Bereits mit der „Landnahme“ im späten 9. Jahrhundert siedelten sich Ungarn an, eine stärkere Besiedlung erfolgte im 10.–11. Jahrhundert mit dem Ausbau der Residenz durch die ungarischen Herrscher. In den verhältnismäßig friedlichen Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts wurde auch die unmittelbare Umgebung von Stuhlweißenburg besiedelt.

Nördlich der Burg bildete sich um 1162–1172 die „Stadt der Lateiner“ (lat. civitas latinorum) , d. h. vor allem italienische und wallonische Handwerker, Händler und Bauern ließen sich hier nieder.[7] Die „Lateiner“ wurden nach dem Mongoleneinfall von 1241 durch König Béla IV. (reg. 1235–1270) auf das Gelände der königlichen Burg umgesiedelt. Östlich der Burg ließ sich wegen des sumpfigen Geländes keine Vorstadt errichten; dies war erst im 18. Jahrhundert möglich.

Während der osmanischen Besetzung (1543–1688) floh ein großer Teil der Bevölkerung aus der Stadt und an ihrer Stelle ließen sich Türken und in den osmanischen Hilfstruppen dienende südslawische Völker nieder. In den ersten Jahrzehnten nach dem Ende der „Türkenherrschaft“ bildete sich eine neue Einwohnerschaft heraus. Den in der Stadt gebliebenen Ungarn und „Raitzen“ (Slawen) schlossen sich neue Ansiedler an: Ungarn aus der unmittelbaren Umgebung und um 1700 bedeutendere deutsche und mährische Gruppen. Von den deutschen Siedlern, die sich zwischen 1688 und 1703 niederließen, konnte der Abstammungsort von 162 Personen identifiziert werden: 59,8 Prozent kamen aus Österreich, Böhmen, Mähren und Schlesien, 27 Prozent aus sonstigen deutschen Gebieten (Bayern, Schwaben, Franken), 2,7 Prozent aus nichtdeutschen Gebieten und 11,1 Prozent aus Westungarn.[8] Die meisten von ihnen waren Handwerker (aus dem Bau-, Bekleidungs- und Lebensmittelgewerbe, bzw. Töpfer, Böttcher, Schmiede, Seiler, Salpetersieder, Glaser).

Die deutschen Siedler machten zwar immer eine Minderheit innerhalb der Gesamtbevölkerung aus, aber ihr Wohlstand und das höher entwickelte Niveau ihrer Verbürgerlichung sicherte ihnen das ganze 18. Jahrhundert hindurch eine führende Position in der Stadtverwaltung. Während des Rákóczi-Freiheitskampfes (1703–1711) gegen die Herrschaft der Habsburger spitzte sich der Konflikt zwischen dem ungarischen und dem deutschen Bürgertum zu: Das deutsche und serbische Bürgertum beschloss, die Stadt gegen die ungarischen „Kuruzen“ zu verteidigen, während sich das ungarische Bürgertum entschied, das eigene Hab und Gut zu schützen, aber gegen die aufständischen „Kuruzen“ nicht zu den Waffen zu greifen. 1704 wurde die ungarische Bevölkerung mit kuruzenfreundlicher Gesinnung aus der Stadt vertrieben. Erst nach dem Rákóczi-Freiheitskampf, bis zum letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, ließen sich die meisten deutschen Handwerker in Stuhlweißenburg nieder. Ihre Anzahl war aber wegen der gestellten Bedingungen nicht groß (Bezahlung der Neubürger-Steuer, also des Bürger-Pfennigs, Kauf eines Bürgerhauses, Aufnahme in eine Zunft) und betrug jährlich etwa 20–30 Bürger.[9] Für den Zeitraum 1688–1848 sind die Namen von 4.167 Stuhlweißenburger Bürgern bekannt. Von ihnen waren 1779 Ungarn, 1625 Deutsche, 642 Slawen, 14 Italiener, elf Latinisierte, 96 Sonstige (z. T.  nicht identifizierbar).[10]

Nach den Vorschriften der Privilegienurkunde von 1703 durfte ein Stuhlweißenburger Bürger nur römisch-katholisch sein. So ist es nicht verwunderlich, dass sich von den 4.167 Bürgern 4.025 zur römisch-katholischen, 67 zur griechisch-katholischen oder griechisch-orthodoxen, 37 zur calvinistischen, 14 zur lutherischen und zwei zu einer sonstigen „protestantischen“ Konfession bekannten.[11] Zugleich ist zu bemerken, dass die über volles Bürgerrecht verfügende Bevölkerung der Stadt zahlenmäßig in der Minderheit war. 1728 waren nur 453 von 5.460 Einwohnern „Bürger“ und 1828 verfügten nur 1.080 von insgesamt 20.069 Einwohnern über das Bürgerrecht.[12]

Wie oben erwähnt, nahmen die vermögenden deutschen Bürger in der Stadtverwaltung im 18. und am Anfang des 19. Jahrhunderts eine führende Position ein. Von ihnen sind Michael Hiemer (Metzgermeister) und Adam Schlosser (Gerbermeister) hervorzuheben, die mehrmals als Stadtrichter amtierten. Das Stadtrichteramt galt als wichtigster Posten der Stadtverwaltung; der Stadtrichter stand an der Spitze des sog. Inneren Rates. Zwischen 1703 und 1731 wurde der Stadtrichter jährlich abwechselnd aus den Reihen der ungarischen und der deutschen Bürger gewählt. Die Mitglieder des Inneren Rates waren am Ende des 17. und im 18. Jahrhundert jeweils zur Hälfte Ungarn und Deutsche. Der Innere und der Äußere Rat hielten durch einen Wortführer (Vormunder)[13] den Kontakt. Im 18. Jahrhundert gab es sowohl einen ungarischen als auch einen deutschen „Vormunder“. Aus den Reihen der Handwerker kamen die Viertelmeister. Vom letzten Drittel des 18. Jahrhunderts an verlangsamte sich die Ansiedlung der Deutschen, weil der Stadtrat nur Handwerker in Mangelberufen (Bildhauer, Drucker, Perückenmacher, Strumpfhosenmacher, Leimsieder, Kupferschmiede) ins Bürgertum aufnahm.

Im 18. Jahrhundert war die Sprache der Bevölkerung Ungarisch und Deutsch, die Sprache der Stadtverwaltung Ungarisch, Deutsch und Latein. Bei der Magyarisierung der Stadt im 19. Jahrhundert spielten neben der staatlichen Verwaltung die Kirche, die Schulen, die Theatergruppen und die in der Reformzeit ins Leben gerufenen Vereine eine wichtige Rolle. 1850 bekannten sich nur noch 23 Bürger zur deutschen Nationalität.[14] Die Deutschen hatten sich allmählich assimiliert. Die deutsche Sprache blieb in der kirchlichen Praxis am längsten erhalten; das Bistum stellte die deutschsprachigen Messen erst Anfang Dezember 1885 ein.

Für den Anfang des 18. Jahrhunderts wird die Bevölkerungszahl mit 3.000 Personen, 1787 schon mit 11.780, für den Anfang der Reformzeit im frühen 19. Jahrhundert mit 20.000 und 1846 mit 22.633 Personen angegeben.[15] Nach der Volkszählung von 2011 machte die Bevölkerungszahl 100.570 aus, davon waren 98,9 Prozent Ungarn, 0,4 Prozent Sinti und Roma, 0,3 Prozent Deutsche, 0,04 Prozent Slowaken und 0,36 Prozent Sonstige. 2015 betrug die Bevölkerungszahl 98.673 Personen.[16]

Wirtschaft

Die Stadt galt das ganze Mittelalter hindurch als wichtiges Handelszentrum: Bedeutende inländische Handelswege – nach Siófok, Fünfkirchen/Pécs, Feldwar/Dunaföldvár bzw. nach Wesprim, Raab/Győr, Gran und Ofen – und internationale Handelswege – von Italien nach Kiew/Kyjiv/Kiev und von Byzanz nach Westeuropa – führten durch die Stadt. Als eine der wichigsten wirtschaftlichen Kräfte von Stuhlweißenburg galt dementspreched der Markt im Mittelalter, der bereits in den Gesetzen von König Ladislaus I. (reg. 1077–1095) erwähnt wurde. Weit bekannt waren seine Wochenmärkte; zum Landesmarkt kamen Händler auch aus Hermannstadt/Sibiu und Bartfeld/Bardejov. Ein gewichtiger Faktor war, dass sich der Sitz der Salzkammer des Herrschers in der Stadt befand.

Die „Türkenherrschaft“ brachte das städtische Leben weitgehend zum Erliegen. Vor allem für die Osmanen wichtige Zünfte wirkten weiter. Einen Aufschwung erlebte das Zunftleben erst nach dem Ende der Osmanenherrschaft: Den meisten Stuhlweißenburger Zünften wurden 1692–1695 Privilegien verliehen. Eine tatsächliche Veränderung für die Stadt brachte erst die Privilegienurkunde von Kaiser Leopold I. (König von Ungarn 1655–1705, Kaiser 1658–1705) aus dem Jahr 1703. Am Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Zunftleben von Stuhlweißenburg auch auf Landesebene bedeutend: Die Zahl der Handwerksberufe stieg bis 1784 auf über 64 und bis 1841 auf über 86.

Die Niederschlagung der Revolution von 1848/1849 dämpfte den wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt. Neuen Schwung in die ökonomische Entwicklung brachte ab 1860 der Anschluss an das Eisenbahnnetz. 1879 wurde die Industrieausstellung des Königreichs Ungarn in Stuhlweißenburg veranstaltet.

In den beiden Weltkriegen erlitt die Stadt schwere Schäden. Nach 1945 – in der Zeit des Sozialismus – erlebte die als „klerikales“ Zentrum und „Bischofssitz“ gebrandmarkte Stadt weitere Stagnation. Es gab sogar Diskussionen darüber, ob Stuhlweißenburg die „Hauptstadtfunktion“ des Komitats Fejér behalten oder diese  an das neue „sozialistische“ Stalinstadt (Sztálinváros, urspr. Dunapentele, heute Dunaújváros) übergeben sollte. Mit der allgemeinen politischen Konsolidierung des Landes setzte ab den 1960er Jahren auch in Stuhlweißenburg eine stärkere wirtschaftliche Entwicklung ein. In dieser Zeit wuchsen bzw. entstanden Großbetriebe wie Videoton (Unterhaltungselektronik), KÖFÉM (Leichtmetallwerk/Aluminiumwalzwerk) und IKARUS (Bushersteller).

Der Systemwechsel und die damit einhergehende Privatisierung brachten die Stilllegung der sozialistischen Großbetriebe und Massenarbeitslosigkeit mit sich. Am Anfang der 1990er Jahre begannen internationale Unternehmen mit Investitionen in der Stadt und die ersten Industrieparks wurden angelegt, in denen sich mehrere Unternehmen der Textilindustrie, der Mechatronik, Elektronik, Informatik, der Lebensmittelindustrie und der Logistik niederließen. Stuhlweißenburg gilt heute als eines der wichtigsten Wirtschaftszentren und einer der bedeutendsten Verkehrsknotenpunkte Ungarns.

Militärgeschichte

Bei Stuhlweißenburg kreuzten sich die von Nordwesten nach Südosten und von Osten nach Westen führenden Heeresstraßen, die nicht nur bei der Entstehung der Stadt, sondern auch in ihrer späteren Geschichte eine wichtige Rolle spielten. Von Westeuropa aus konnten die Kreuzfahrer auf dem Landweg durch das Königreich Ungarn ins Heilige Land gelangen, so zogen mehrere Kreuzfahrerheere durch Stuhlweißenburg.

1242 erreichte der „Mongolensturm“ (Tataren) auch Stuhlweißenburg, aber nur die Vorstädte wurden dabei völlig vernichtet. Einschneidend wirkte nach dem Tod des Königs Matthias Corvinus 1490 die Belagerung und Besetzung der Stadt durch die habsburgischen Truppen Maximilians I. (Kaiser 1508–1519), dessen Söldner die ganze Stadt, so auch die königliche Basilika, brandschatzten und plünderten. Als schwierigste Periode in der Geschichte der Stadt galt die Zeit im 16.–17. Jahrhundert, als die Osmanen 1543 die Stadt eroberten und sie unter ihrer Herrschaft anderthalb Jahrhunderte lang eine wichtige Funktion im Verteidigungssystem an der nordwestlichen Grenze des Osmanischen Reiches übernahm. Im osmanischen Verwaltungssystem war der  Sandschak (Bezirk) von Stuhlweißenburg Teil des Ofener Vilâyets (Provinz).

Während des Rákóczi-Freiheitskampfes wurde Stuhlweißenburg zu einer der wichtigsten Basen der habsburgischen Armee. Die Kuruzen-Heere konnten die Stadt nur für kurze Zeit einnehmen. Nach dem Frieden von Sathmar (1711) wurde die Burg von Stuhlweißenburg – wie viele andere in Ungarn – geschliffen: Ihre Wehranlagen wurden gesprengt, ihre Mauern zerstört und niedergerissen und ihre Gräben zugeschüttet. In den folgenden Jahrhunderten blieb Stuhlweißenburg, mit Ausnahme der Revolution von 1848/49, von Kampfhandlungen verschont. Dies änderte sich erst im Zweiten Weltkrieg, als zunächst Flächenbombardierungen und danach Kämpfe zwischen deutschen und sowjetischen Truppen die Stadt verheerten.

Religions- und Kirchengeschichte

Die kirchliche Bedeutung der Stadt bestand nicht nur darin, dass bereits Großfürst Géza und sein Sohn Stephan I. der Heilige die Stadt durch Kirchengründungen zu einem sakralen Zentrum des Königreichs erhoben, sondern auch darin, dass das von Stephan I. dem Heiligen errichtete Domkapitel als Schatzkammer und Archiv des Königreiches, als Werkstatt der Schriftlichkeit des Königreiches, als Aufbewahrungsort der Herrschaftszeichen, des königlichen Throns und als Beglaubigungsort wichtiger Urkunden fungierte und dass die Pröpste des Kapitels im Königreich hohe Ämter ausübten. Von 1083 an wurde die von König Stephan I. dem Heiligen gegründete Basilika durch die Heiligsprechung Stephans I., seines Sohnes Emmerich (*zwischen 1000–1007 – † 1031) und des Bischofs Gerhard (Giorgio di Sagredo um 980–1046) zu einem wichtigen Wallfahrtsort.

Bereits im 11. Jahrhundert wurde der von Westeuropa über den Balkan in den Nahen Osten führende Pilgerweg nach Jerusalem in Stuhlweißenburg erwähnt. Beim zweiten Kreuzzug siedelte König Géza II. (1141–1162) 1147 die Johanniter in Ungarn an, zunächst in Gran, dann in Stuhlweißenburg. Die Franziskaner errichteten ihr Ordenshaus – nach manchen Vermutungen – noch vor dem „Mongolensturm“. Im 13. Jahrhundert gründeten die Dominikaner ein Kloster und eine Kirche. Seit dem Beginn des 14. Jahrhunderts ist auch das Kloster des Augustinerordens nachgewiesen. Von den Jesuiten wurde 1702 ein Gymnasium gegründet, das von den Paulinern, dann von den Zisterziensern übernommen wurde. 1777 wurde ein römisch-katholisches Bistum durch Königin Maria Theresia (1717–1780) und Papst Pius VI. (1717–1799) etabliert, was eine neue Traditionslinie begründete.

Die griechisch-katholischen Serben bildeten bis ins frühe 19. Jahrhundert die einzige religiöse Minderheit der Stadt. 1761 waren 288 Personen der Bevölkerung griechisch-katholisch, im Jahr 1830 bereits 378.[17] Zwischen der ungarischen und der deutschen Bevölkerung gab es keinen konfessionellen Unterschied. Ihre Seelsorge wurde von den Jesuiten, Karmelitern und Franziskanern übernommen. Die heutige Basilika wurde damals als „ungarische Kirche“, die Jesuitenkirche als „deutsche Kirche“ bezeichnet. Die Karmelitermönche waren vorwiegend deutschsprachig.

Juden aus den umliegenden Dörfern ließen sich erst Ende der 1830er Jahre in der Stadt nieder und organisierten ihre Gemeinde 1842. Die meisten von ihnen waren Händler. Nach 1910 zogen sie vor allem nach Budapest.

Im Mittelalter standen etwa 30 Gebäude (Kapellen und Kirchen) den Gläubigen der römisch-katholischen Kirche zur Verfügung. Während der 145 Jahre andauernden Osmanenherrschaft wurde ein großer Teil der Kirchen zu Moscheen mit Minaretten umgebaut. Heutzutage existieren etwa 30 Gebäude mit religiösem Charakter, von denen 16 römisch-katholische und drei evangelisch-reformierte sind, eine ist die evangelisch-lutherische und eine die orthodoxe Kirche; die anderen werden von den Adventisten, Baptisten, Unitariern, Pfingstlern oder Juden als sakrale Gebäude genutzt.

Kulturelle Institutionen

Im „Mittelalterlichen Ruinengarten“ (Középkori Romkert) findet man die Überreste der wichtigsten Kirche des Königreichs Ungarn im Mittelalter, der von Stephan I. dem Heiligen 1016 gebauten königlichen Basilika und den Stephans-Sarkophag von 1083. Das König-St. Stephan-Museum (Szent István Király Múzeum) befindet sich z. T. im ehemaligen Jesuitenkolleg, in dem zahlreiche archäologische Funde ausgestellt sind. Unter den Exponaten des 1938 eröffneten Diözesanmuseums zu Stuhlweißenburg (Székesfehérvári Egyházmegyei Múzeum) finden sich wertvolle liturgische und religiöse Gegenstände der Diözese. Ein im 18. Jahrhundert errichtetes Barockgebäude beherbergt das Apothekenmuseum zum Schwarzen Adler (Fekete Sas Patikamúzeum): Die Apotheke wurde 1688 von Johann Mehler gegründet, von dessen Erben die Jesuiten die Apotheke 1745 kauften. Deren Gebäude behielt seine Funktion bis 1971, seit 1973 beherbergt es das Museum. Bedeutend sind noch das Uhrenmuseum mit dem Figurenspiel (Óramúzeum és Órajáték), die Csók-István-Galerie (Csók István Galéria), die Stadt-Galerie (Városi Képtár), die Neue Ungarische Galerie (Új Magyar Képtár), das Spielzeugmuseum (Hetedhét Játékmúzeum), das Hiemer-Haus (Hiemer Ház) aus dem Mittelalter, ein 1781 im Zopfstil gebaute Bürgerhaus auf mittelalterlichen Grundmauern, sowie das Budenz-Haus (Budenz-Ház). Das Freilichtmuseum der „Palaststadt“ (Palotavárosi Skanzen) erhält die Häuser der einst hier wohnenden serbischen Händler, Handwerker und Ackerbauern und die 1772 gebaute serbisch-orthodoxe Kirche. Hervorzuheben ist weiterhin die von dem Architekten und Bildhauer Jenő Bory (1879–1959) 1923–1959 gebaute eklektische Bory-Burg (Bory vár) im Stil der Romantik. Erwähnenswert ist außerdem das Kulturhaus für Freie Bildung (Szabadművelődés Háza), in dem die Werke von zeitgenössischen jungen Vertretern der Bildenden Künste und von Photographen in Wechselausstellungenvorgestellt werden.

Die Stadt beherbergt die seit 1777 funktionierende Bischofsbibliothek zu Stuhlweißenburg (Székesfehérvári Püspöki Könyvtár) und die Vörösmarty-Mihály-Komitatsbibliothek (Vörösmarty Mihály Megyei Könyvtár) mit verschiedenen Filialen. Recherchierbar sind die Materialien des Bistums- und Domkapitelarchivs Stuhlweißenburg (Székesfehérvári Püspöki és Székeskáptalani Levéltár). Bedeutend ist auch das Stadtarchiv samt Forschungsinstitut (Városi Levéltár és Kutatóintézet).

Erste Ansätze des Theaterlebens in Stuhlweißenburg finden sich bereits im 18. Jahrhundert, im Jesuitengymnasium, in dem 1732–1771 Schuldramen vorwiegend auf Latein, in manchen Jahren aber auch auf Ungarisch und auf Deutsch aufgeführt wurden. Von großer Tragweite waren die Auftritte des deutschen Kindertheaters von Felix Berner (1738–1787) 1769 und 1774 in der Stadt. In den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts kamen deutsche Theatergruppen aus Ofen, Fünfkirchen und Agram/Zagreb nach Stuhlweißenburg. Im Jahrzehnt nach 1808 bereicherte die „Schauspielerische Gesellschaft“ (Színjátszó Társulat) des Priesterseminars das städtische Theaterleben, indem sie ungarische und ausländische Theaterstücke auf Ungarisch vorstellten.

1790 und 1794 gastierte die Operngruppe von Philipp Brandt, 1804 die von Alois Czibulka und Gabriel Karner sowie 1808 diejenige von Gindl Lorenz. Im Oktober 1813 etablierte sich die erste ungarischsprachige Theatergruppe um István Kultsár (1760–1828). 1818 wurde die „Stuhlweißenburger Nationale Schauspielerische Gesellschaft“ (Székesfehérvári Nemzeti Színjátszó Társulat) gegründet, die bis 1825 fortbestand. Nach 1825 gab es nur noch Wandertheatergruppen, die in verschiedenen Gasthäusern der Stadt ihre Theaterstücke aufführten. Als Wiege der ungarischen Schauspielkunst gilt das 1872–1874 im Sezessionsstil gebaute Vörösmarty-Theater (Vörösmarty Színház).

Eine weitere Unterhaltungsmöglichkeit bietet heute das Alba-Plaza-Kino (Alba Plaza Mozi).

In Stuhlweißenburg wurden die Schauspieler András Várkonyi (*1949) und Károly Kuna (*1957), die Schauspielerin Ildikó Seres (*1962) und der Filmregisseur Péter Mészáros (*1969) geboren. Die Schauspielerin Anna Kubik (*1957) erhielt dort ihre Ausbildung. Gegenwärtig wird das Kulturleben von Stuhlweißenburg auch durch zahlreiche Vereine belebt.

Bildung und Wissenschaft

Als erste bekannte Schule der Stadt gilt die von Stephan I. dem Heiligen gegründete Propsteischule (Domkapitel), in der nach europäischen Normen Grundkenntnisse vermittelt und die septem artes liberales gelehrt wurden. Nach einer Aufzeichnung von 1688 konnte die Stadt auch während der Osmanenherrschaft über eine ungarische Schule verfügen.

Die längere Friedenszeit nach den Kuruzenkriegen bewirkte einen allmählichen kulturellen Aufschwung der Stadt. Der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung gemäß existierten im 18. Jahrhundert zwei Elementarschulen, eine ungarische (Hung. Schull Haus) und eine deutsche (Teutsche Schull).[18] 1770 wurde eine Schule auch für die griechisch-katholischen Serben eröffnet. Im 1724 von den Jesuiten gegründeten Gymnasium  wirkten überregional bekannte Lehrer wie der Jesuit und Historiker György Pray (1723–1801), der einige Jahre auch im Wiener Theresianum lehrte und Kustos der Universitätsbibliothek von Ofen war, der Jesuit, Dichter und Spracherneuerer Dávid Baróti Szabó (1739–1819), der Pauliner und Dichter des ungarischen Sentimentalismus Pál Ányos (1756–1784) und der Pauliner, Historiker und Dichter Benedek Virág (um 1752–1830). Hier lernten bedeutende Persönlichkeiten wie der Theologe und Historiker György Fejér (1766–1851), der Historiker István Horvát (1784–1846),der Dichter, Schriftsteller und Übersetzer, eine der bedeutendsten Gestalten der ungarischen Romantik, Mihály Vörösmarty (1800–1855) oder der Ethnograph und Sprachgelehrte Antal Reguly (1819–1858). Die Einführung des ungarischen Sprachunterrichts erfolgte am Ende des 18. Jahrhunderts zunächst unter den Paulinern, dann auch unter den Zisterziensern, die das Gymnasium 1813 übernahmen und auch in den unteren Klassen auf Ungarisch unterrichteten.

Zur Zeit existieren 20 Kindergärten, 23 Grundschulen und 24 Mittelschulen in der Stadt. Die Kodolányi-János-Hochschule (Kodolányi János Főiskola) wurde als nichtstaatliche Hochschule 1992 gegründet. Die Universität Óbuda (Óbudai Egyetem) unterhält hier die „Alba Regia Technische Fakultät“ und die Westungarische Universität (Nyugat-magyarországi Egyetem) die „Fakultät für Geoinformatik“.

Alltagskultur

Die Arbeit der ehemaligen Handwerker (Schuhmacher, Stiefelmacher, Sattler, Kürschner usw.), besonders die Lebenswelt der Hutmacher-Dynastie Dietrich kann man im Freilichtmuseum der „Palaststadt“ (Palotavárosi Skanzen) nachvollziehen und miterleben. Im Haus der Handwerker (Kézművesek Háza) kann der Besucher beispielsweise die traditionelle Anfertigung von Musikinstrumenten und Backwaren, aber auch das Filzen oder die Papierherstellung kennenlernen.

Das König-St. Stephan-Museum (Szent István Király Múzeum) verfügt über eine ethnographische Ausstellung, in der die Volkskultur des Komitats Fejér detailreich vorgestellt wird.

Der Weinbau in Stuhlweißenburg und Umgebung ist bereits aus der Arpadenzeit bekannt. 2002 wurde der Sankt-Stephan-Weinritterorden von Noah-Berg (Noé-Hegyi Szent István Borlovagrend) gegründet. Die „Schomlauer Revolution” (Somlói revolúció), die Torte eines Stuhlweißenburger Zuckerbäckers, Balázs Damniczkis, wurde 2014 zu „Ungarns Torte“ (Országtorta, Magyarország tortája) gewählt, die immer am symbolischen Geburtstag des ungarischen Staates, am 20. August, dem Publikum in Budapest vorgestellt wird. Das Restaurant und Bistro 67 (67 Étterem és Bisztró) wurde 2015 vom Hennessy-Dining Guide zum vierten Mal zu den zehn besten Restaurants Ungarns gewählt. Stuhlweißenburg bietet zahlreiche Sportmöglichkeiten (Basketball, Fußball, Handball, Kricket, Eiskunstlauf, Tanz, Amerikanischer Fußball, Rugby); die Fußballmannschaft „Videoton FC” spielt in der Ersten Ungarischen Liga und wurde 2011 erstmals ungarischer Meister; der Eishockeyverein „Alba Volán Székesfehérvár” spielt in der österreichischen Liga.

In der Stadt wurden der Bootsplaner und –bauer Nándor Fa (*1953), der als Einzelsegler die Erde dreimal umkreiste, die Olympiasiegerin im Modernen Fünfkampf, Zsuzsanna Vörös (*1977) sowie der ungarische Schachmeister und internationale Großmeister Krisztián Szabó (*1989) geboren.

Kunstgeschichte

Der unter Großfürst Géza und König Stephan I. dem Heiligen gebaute Burgkomplex bekam seine endgültige Form im 14.–15. Jahrhundert. Die Stadt wurde neben Gran zur Residenz der ungarischen Könige ausgebaut.

Die der Heiligen Jungfrau Maria geweihte und von Stephan I. dem Heiligen errichtete Krönungskirche wurde im 12. und 14. Jahrhundert sowie unter König Matthias Corvinus (1458–1490) zu einer spätgotischen Kirche ausgebaut. Während der Osmanenherrschaft explodierte 1601 das in einem der Kirchtürme gelagerte Schießpulver, worauf die Kirche vollständig abbrannte; sie wurde nicht mehr aufgebaut.

Die historische Innenstadt bewahrte die ehemalige mittelalterliche Straßenstruktur. In den Urkunden aus dem 13. bis 15. Jahrhundert wird eine Reihe von Palastbauten erwähnt. Nach 1720 begannen die großangelegten kirchlichen Bauarbeiten der Franziskaner, der Karmeliter und der Jesuiten. Während der Herrschaft Maria Theresias entstand ein neues Stadtbild (öffentliche Gebäude, Barockpaläste, Bürgerhäuser). Im 18.–19. Jahrhundert wurden hier Gebäude im Barock-, Rokoko- und Zopfstil gebaut. Aus der neueren Zeit sind das 1905 im Sezessionsstil erbaute Árpád-Bad (Árpád fürdő) und die Bory-Burg (Bory vár) zu erwähnen.

Musik

Die Anfänge des Musiklebens hingen mit den Ansprüchen der kirchlichen Liturgie zusammen: Der erste Sängerchor und die erste Musikkapelle, die vom Domkapitel und der Stadt unterhalten wurden, entstanden in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Ein modernes Symphonieorchester wurde 1837 gegründet, das 1838 Beethovens Oratorium, 1842 Mozarts Requiem und auch die Haydn-Messen aufführte.

In Stuhlweißenburg wurde der Opernsänger Miklós Szabó (1909–1999) geboren.

Buch-, Druck- und Mediengeschichte

Mit den Ansprüchen des Kirchenlebens, der Schulen, des Bürgertums und der Stadt- und Komitatsverwaltung wuchs auch der Buchhandel in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts signifikant. 1792 waren drei Buchbinder in der Stadt tätig. Die vom aus Augsburg stammenden Wesprimer (Veszprém) Drucker Michael Sammer († 1806) 1803 gegründete erste Druckerei konnte ihre Tätigkeit 1806 aufnehmen und blieb mehrere Generationen lang in Betrieb.

Heutzutage verfügt die Stadt über mehrere Fernsehkanäle, Radiosender und Zeitungen.

Literatur

In Stuhlweißenburg geboren wurden die Dichterin und Übersetzerin Sarolta Lányi (1891–1975), der Schriftsteller und Dichter Ferenc Jankovich (1907–1971), der Schriftsteller Péter Kuczka (1923–1999), die Dichterin und Schriftstellerin Éva Ihász-Kovács (*1930), der Dichter István Keszei (*1935), die Dichterin und Schriftstellerin Erzsébet Stancsics (*1944).

In der Stadt lebten der Dichter Mihály Vörösmarty (1800–1855), der Dichter János Vajda (1827–1897), der Schriftsteller, Publizist und Lehrer Dezső Szabó (1879–1945), der Dichter und Übersetzer Oszkár György (1882–1944), der Dichter Sándor Weöres (1913–1989) und der Dichter János Pilinszky (1921–1981).

In der Stadt lernte der Schriftsteller János Kodolányi (1899–1969).

Gedächtnis- und Erinnerungskultur

Der „Mittelalterliche Ruinengarten“ gilt als nationaler Erinnerungsort. Dem Freilichtmuseum der „Palaststadt“ wurde der Europa-Nostra-Preis verliehen. Dem König-St. Stephan-Museum wurde 1993 für seine archäologische Dauerausstellung der Sonderpreis der von der UNESCO ausgeschriebenen Bewerbung „Das europäische Museum des Jahres“ verliehen.

Von den zahlreichen Veranstaltungen der Stadt sind die Stuhlweißenburger Königstage – Krönungsfestspiele (Székesfehérvári Királyi Napok – Koronázási Ünnepi Játékok) hervorzuheben.

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Kornél Bárdos: Székesfehérvár zenéje, 1688–1892 [Die Musik von Stuhlweißenburg, 1688– 892]. Budapest 1993.
  • Péter Kovács, Károly Szelényi: Baroque in Székesfehérvár. Budapest, Veszprém 1993.
  • Péter Kovács, Károly Szelényi: Székesfehérvár die Krönungsstadt. Budapest, Veszprém 1998.
  • Gyula Lauschmann: Székesfehérvár története. I.k. A honfoglalástól a török kiűzéséig, 895–1688 [Die Geschichte von Stuhlweißenburg. Bd.1. Von der Landnahme bis zur Vertreibung der Türken, 895–1688]. Székesfehérvár 1993. II.k. A török kiűzésétől a 18. század végéig, 1688–1800 [Bd. 2. Von der Vertreibung der Türken bis zum Ende des 18. Jahrhunderts]. Székesfehérvár 1994. III.k. A városi polgárosodás évtizedei 1801–1848. A nemzeti függetlenségi küzdelem 1848–1849 [Bd. 3. Die Jahrzehnte der städtischen Verbürgerlichung 1801–1848. Der nationale Unabhängigkeitskampf 1848–1849]. Székesfehérvár 1995. IV.k. A szabadságharc leverésétől az első világháborúig, 1848–1914 [Bd. 4. Von der Niederschlagung des Freiheitskampfes bis zum Ersten Weltkrieg, 1848–1914]. Székesfehérvár 1996.
  • László Lukács: Székesfehérvár XVIII.–XIX. századi etnikai viszonyai [Die ethnischen Verhältnisse von Stuhlweißenburg im 18.–19. Jahrhundert]. In: Ethnographia 109 (1998/2), S. 549–572,
  • Gyula Siklósi: Adattár Székesfehérvár középkori és törökkori építészetéről [Datensammlung über die mittelalterliche und türkenzeitliche Architektur von Stuhlweißenburg]. Székesfehérvár 1990, S. 9–10 (deutsche Zusammenfassung auf S. 105–106).
  • Gyula Siklósi: Die mittelalterlichen Wehranlagen, Burg- und Stadtmauern von Székesfehérvár. Budapest 1999.
  • Lajos Thirring: Székesfehérvár és Fejér megye népességének fejlődése és összetétele [Die Entwicklung und Zusammensetzung von Stuhlweißenburg und des Komitats Fejér]. In: Magyar Statisztikai Szemle (1938/3), S. 217–218.
  • Csaba Veress D., Gyula Siklósi: Székesfehérvár a királyok városa [Stuhlweißenburg, die Stadt der Könige]. Budapest 1990.

Periodika

  • VÁR Irodalmi és Közéleti Folyóirat [Zeitschrift für Literatur und Öffentliches Leben VÁR (BURG)], hrsg. von der Vörösmarty-Gesellschaft [Vörösmarty Társaság].
  • Árgus Irodalmi és Kulturális Folyóirat [Zeitschrift für Literatur und Kultur Árgus].
  • Karitász – Szolgáló Szeretet [Caritas – Die dienende Liebe], hrsg. von der römisch-katholischen Kirche Stuhlweißenburg.

Weblinks

Anmerkungen

[1] Zu den lateinischen Bezeichnungen siehe: Gyula Siklósi: Adattár Székesfehérvár középkori és törökkori építészetéről [Datensammlung über die mittelalterliche und türkenzeitliche Architektur von Stuhlweißenburg]. Székesfehérvár 1990, S. 9–10.

[2] Gyula Kristó: Székesfehérvár legkorábbi nevéről [Über die älteste Bezeichnung von Stuhlweißenburg]. In: Gábor Farkas (Hg.): A székesfehérvári Boldogasszony bazilika történeti jelentősége. Az 1996. május 16-án rendezett tudományos tanácskozás előadásai. (Közlemények Székesfehérvár város történetéből) [Die historische Bedeutung der Liebfrauen-Basilika von Stuhlweißenburg. Die Vorträge der am 16. Mai 1996 veranstalteten wissenschaftlichen Tagung. (Beiträge über die Geschichte der Stadt Stuhlweißenburg)]. Székesfehérvár, 1996, S. 163–179, hier S. 163.

[3] Siklósi: Adattár (Anm. 1), S. 9.

[4] Siklósi: Adattár (Anm. 1), S. 10.

[5] Kristó: Székesfehérvár (Anm. 2), S. 163–179, hier S. 170.

[6] Kristó: Székesfehérvár (Anm. 2), S. 163–179, hier S. 172, 176.

[7] Csaba Veress D., Gyula Siklósi: Székesfehérvár a királyok városa [Stuhlweißenburg, die Stadt der Könige]. Budapest 1990, S. 22.

[8] László Lukács: Székesfehérvár XVIII.–XIX. századi etnikai viszonyai [Die ethnischen Verhältnisse von Stuhlweißenburg im 18.–19. Jahrhundert]. In: Ethnographia 109 (1998/2), S. 549–572, hier S. 552.

[9] Lukács: Székesfehérvár (Anm. 8), S. 553.

[10] Lukács: Székesfehérvár (Anm. 8), S. 553.

[11] Lukács: Székesfehérvár (Anm. 8), S. 553.

[12] Lukács: Székesfehérvár (Anm. 8), S. 554.

[13] Lukács: Székesfehérvár (Anm. 8), S. 555.

[14] Lukács: Székesfehérvár (Anm. 8), S. 558.

[15] Lajos Thirring: Székesfehérvár és Fejér megye népességének fejlődése és összetétele [Die Entwicklung und Zusammensetzung von Stuhlweißenburg und des Komitats Fejér]. In: Magyar Statisztikai Szemle (1938/3), S. 217–218.

[16] http://nepesseg.com/fejer/szekesfehervar (letzter Zugriff: 12.03.2021).

[17] Lukács: Székesfehérvár (Anm. 8), S. 549–572, hier S. 551.

[18] Lukács: Székesfehérvár (Anm. 8), S. 549–572, hier S. 556.

Zitation

Tünde Radek: Stuhlweißenburg/Székefehérvár. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2021. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32461 (Stand: 26.04.2021).

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