Potsdamer Abkommen

1. Begriff und Kontext

Mit dem Begriff "Potsdamer Abkommen" werden die am 2. August 1945 abschließend protokollierten Beschlüsse der Potsdamer Konferenz (17. Juli bis 2. August 1945) bezeichnet. Da das Potsdamer Abkommen in der Form des Protokolls kein Abkommen im Sinne eines völkerrechtlichen Vertrages war, sind darüber hinaus auch andere Bezeichnungen üblich geworden. Das „Protokoll der Verhandlungen der Berliner Konferenz“ wurde ursprünglich auf den 1. August datiert, war aber tatsächlich am 2. August 1945 gegen 0.30 Uhr im Potsdamer Schloss Cecilienhof unterschrieben worden. Es wurde im Anschluss als „Mitteilungen über die Berliner Konferenz der Drei Mächte“ veröffentlicht. Erst am 24. März 1947 wurde der Text als „Protokoll der Verhandlungen der Berliner Konferenz“ publiziert. Veröffentlichungen eigener Konferenzdokumente der drei Teilnehmerstaaten folgten.

2. Fremdsprachige Entsprechungen, Übersetzungen, Übernahmen

Potsdamer Kommuniqué; Potsdamer Verlautbarung; Potsdamer Übereinkunft; engl. Potsdam Agreement; russ. Потсдамское соглашение (Potsdаmskoe soglašenie).

In der Regel wird auch nur die Bezeichnung Potsdamer Konferenz verwendet, offiziell zunächst Dreimächtekonferenz von Berlin; engl. Berlin Conference of the Three Heads of Government of the USSR, the USA and the UK; engl. Potsdam Conference; russ. Потсдамская конференция (Potsdamskaja konferencija); russ. Берлинская конференция (Berlinskaja konferencija); engl. Terminal (alliierter Code-Name für die Konferenz).

3. Historischer Abriss

Kontext

Die Potsdamer Konferenz und das Potsdamer Abkommen gehören in den Kontext des Endes des Zweiten Weltkriegs in Europa und Asien sowie in die Vorgeschichte des Kalten Krieges. Potsdam war der Ort der letzten Kriegskonferenz der Alliierten (USA, Sowjetunion, Großbritannien) im Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland und dessen Verbündete, in erster Linie Italien und Japan. An 16 Tagen fanden in Potsdam jeweils nach vorbereitenden Ausschussgesprächen und Außenministergesprächen insgesamt 13 Sitzungen der Staatschefs statt. An der Spitze der Delegationen standen für die USA Präsident Harry S. Truman (1884–1972), auf Seiten der Sowjetunion der Generalsekretär des ZK der KPdSU, Marschall Iosif V. Stalin (1878–1953), und für Großbritannien zunächst Premierminister Winston S. Churchill (1874–1965) sowie nach dessen Abwahl Clement R. Attlee (1883–1967).

Ziele und Leitlinien der Konferenz

In Potsdam sollte sich erweisen, ob die Großen Drei (USA, Sowjetunion, Großbritannien) nicht nur gemeinsam Krieg gegen Deutschland und Japan führen konnten, sondern auch den Frieden nach dem Sieg gemeinsam gestalten können würden. Zuvor, 1943 in Teheran und im Februar 1945 in Jalta, hatten die USA, die Sowjetunion und Großbritannien bereits Inhalte einer künftigen Friedensordnung besprochen. Zusätzlich war aus den regelmäßigen Begegnungen der Außenminister 1943 die European Advisory Commission (EAC) entstanden. Hier wurden die Inhalte der diplomatischen Gespräche weiter ausgearbeitet, so auch in den Zonenprotokollen auf Basis der Grenzen des Deutschen Reiches vom 31. Dezember 1937. Im Protokoll vom 14. September und in der Ergänzung vom 14. November 1944 waren bereits Strukturen der alliierten Besatzungszonen in groben Zügen festgeschrieben worden. Die Arbeit der Experten der EAC endete im August 1945 zusammen mit der Konferenz in Potsdam. Die in mehrere Schreiben aufgeteilte Zustimmung zu den Beschlüssen des nicht an der Potsdamer Konferenz beteiligten Frankreichs erfolgte am 7. August 1945. Dabei wurde die Verfolgung von Kriegsverbrechen uneingeschränkt befürwortet, aber auch betont, dass Frankreich im Vorfeld nicht an allen Verhandlungen beteiligt worden war und andere Auffassungen zur staatlichen und wirtschaftlichen Einheit vertrat. Die Abtrennung der Rheinlande, eine Internationalisierung des Ruhrgebietes und eine sofortige Aufteilung Deutschlands waren Vorschläge Frankreichs, denen man nicht gefolgt war. Außerdem wollte Frankreich nicht von den künftigen Friedensverhandlungen für die osteuropäischen Staaten ausgeschlossen werden. Die Potsdamer Konferenz muss auch parallel zur Gründung der Vereinten Nationen in San Francisco vom 26. Juni 1945 mit 47 anderen Staaten der Weltgemeinschaft gesehen werden. Die künftige Bedeutung der Vereinten Nationen wurde in Potsdam an den Regelungen deutlich, die Staaten, wie Italien, aufgrund eigener Verdienste für die Befreiung erlauben würden, die Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen zu beantragen.

Auf der Basis der umfangreichen Ergebnisse der Konferenz von Jalta sollte in Potsdam eine Übereinkunft über die politischen und ökonomischen Ziele der alliierten Besatzungsherrschaft in Deutschland erreicht werden. Neben den Reparationen wurden die so genannten „vier D“ zur Leitschnur aller Überlegungen: Denazifizierung, Demilitarisierung, Dezentralisierung, Demokratisierung. Die Zukunft Europas und vor allem Polens sowie der noch laufende Krieg in Asien waren weitere Themen der Konferenz.

Neben dem Militarismus und Nazismus in Deutschland selbst sollte die von Deutschland ausgehende Bedrohung anderer Staaten in der Mitte Europas langfristig beseitigt werden. Zu den diesbezüglichen Maßnahmen gehörte die Einrichtung von künftigen Kontroll- und Konsultationsorganen, wie ein Alliierter Kontrollrat und eine Konferenz der Außenminister. Die Deutschen sollten eine langfristige Perspektive zur Rückkehr in die Völkergemeinschaft erhalten. Tendenzen zur Dezentralisierung und Stärkung der regionalen Verantwortlichkeiten zielten vor allem auf Preußen als dem einst größten Teilstaat des besiegten Deutschlands. Hierbei spielten unterschiedliche Motive der Besatzer eine Rolle, weshalb es immer wieder zu pragmatischen Lösungen im Hinblick auf Versorgung und Verwaltung kam, so vor allem in der britischen Besatzungszone. Insgesamt war vor allem den West-Alliierten daran gelegen, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte durchzusetzen. Das Prinzip der Demokratisierung auf regionaler Ebene wurde durch die Absicht zur Abhaltung freier Wahlen einerseits verdeutlicht und andererseits durch Ziele der militärischen Sicherheit und der andauernden Besatzungsherrschaft in unterschiedlichen Einflusssphären relativiert. Der Umgang mit der Bevölkerung in den besetzten und annektierten Ostgebieten des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1937 und in Ostpolen sowie die Grenzziehungen sowohl am Bug wie auch an Oder und Neiße waren dabei rückblickend ein besonders sensibles Thema. Aufgrund des noch andauernden Krieges in Asien fand Japan im Rahmen der Potsdamer Konferenz am Rande ebenfalls Beachtung.

Ergebnisse der Konferenz

Die Ergebnisse der Konferenz wurden unter dem Gesichtspunkt einer vorbehaltlichen Regelung bis zu einem endgültigen Friedensvertrag getroffen. Neben den Regelungen zu Deutschland und Polen ging es allgemein um Ostmittel- und Südosteuropa sowie um kurzfristige Fragen eines baldigen japanischen Rückzugs aus China. Man einigte sich auf ein detailliertes Programm für die Kontrolle des besiegten Deutschlands unter einem Alliierten Kontrollrat. Mit der Besatzungsherrschaft sollten nationalsozialistische und militaristische Organisationen aktuell und künftig beseitigt und Deutschland als wirtschaftliche Einheit verwaltet werden. Die politische Entscheidung mit den wohl größten Auswirkungen für die Weltwirtschaft war bereits 1944 auf der Konferenz von Bretton Woods gefallen. Die wirtschaftlichen Folgen der Potsdamer Konferenz für Deutschland waren dennoch gewaltig, aber auch zeitlich und räumlich viel differenzierter. Die Probleme, die der Versailler Vertrag von 1919 nach sich gezogen hatte, waren den Siegermächten noch bewusst. Die Dezentralisierung der deutschen Wirtschaft unterstützte daher in erster Linie die Demilitarisierung. Gemäß den wirtschaftlichen Prinzipien des Potsdamer Abkommens sollten alle Güter kontrolliert werden, die für die Rüstungswirtschaft genutzt werden konnten. Die Demilitarisierung konnte so das gesamte militärische und rüstungswirtschaftliche Potential Deutschlands treffen. Dazu gehörte organisatorisch die Beseitigung der Wirtschaftskartelle.

Pressefreiheit, Religionsfreiheit und die Gründung von Gewerkschaften wurden grundsätzlich gewährt. Die Denazifizierung sollte damit verbunden werden, den Deutschen zu verdeutlichen, dass sie die militärische Niederlage und damit zusammenhängende Folgen selbst verursacht hätten. Mitglieder der ehemaligen NSDAP und ihrer Organisationen sollten aus öffentlichen Ämtern und wichtigen privatwirtschaftlichen Unternehmen entfernt und durch zuverlässiges, unbelastetes Personal ersetzt werden. Ebenso wurde die Entnazifizierung des Bildungs- und Rechtssystems geplant. Die NS-Funktionärselite sollte verhaftet und einstweilig interniert werden. Zur Aufarbeitung der Kriegsverbrechen und Verurteilung der Verantwortlichen sollten Militärgerichte geschaffen werden.

Mit dem Ende der Kämpfe in Europa hatten die USA die Hilfslieferungen im Rahmen des Lend-Lease-Programms für die Sowjetunion ohne eine Übergangslösung eingestellt. Die vorläufige Klärung der Reparationsfragen zugunsten der Sowjetunion ermöglichte danach deren Zustimmung zur Gründung der Vereinten Nationen. Die Fragen der Reparationen sollte jede Siegermacht vor allem in ihrer Besatzungszone eigenverantwortlich regeln. Dies betraf Waren und Ausrüstung, aber auch Industrieanlagen. Für die Sowjetunion, die besonders unter den Folgen der deutschen Besatzung und den Verlusten in der Bevölkerung gelitten hatte, sollten zusätzlich zehn Prozent des beweglichen Industriekapitals als pauschale Zahlung sowie fünf Prozent als Vergütung in Waren aus den West-Zonen geleistet werden. Dabei behielten die West-Alliierten den alleinigen Anspruch auf erbeutete Gold-Reserven. Während der Konferenz wurden auch Fragen des sowjetischen Verzichts auf Reparationen aus den West-Zonen mit der politischen Anerkennung der neuen Grenzen in Osteuropa verknüpft.

Bereits in Jalta hatte Stalin seinen Einfluss im künftigen Polen bekräftigt, worauf im Juli 1944 das Lubliner Komitee und im Juni 1945 die Provisorische Regierung der Nationalen Einheit unter sowjetischer Ägide entstanden, während die Beziehungen zur Londoner Exilregierung im April 1943, nach der Entdeckung der Massengräber polnischer Offiziere u. a. in Katyń, von Moskau abgebrochen worden waren. Wenige Tage vor der Potsdamer Konferenz entzogen die USA und Großbritannien der polnischen Exilregierung die diplomatische Anerkennung. Vor diesem Hintergrund wurden die territoriale Gestalt Polens, seine Grenzen und Bewohner wie auch subkutan die politische Selbstbestimmung Polens zu einem Politikum, auf das die legitime polnische Exilregierung kaum mehr Einfluss nehmen konnte. In den Erklärungen der Potsdamer Konferenz wurden Polen zwar „freie und demokratische Wahlen“ zugesichert und alle Exilpolen sollten bald zurückkehren können. Kontrollieren, geschweige denn durch die West-Alliierten durchsetzen ließen sich diese Prinzipien im sowjetischen Herrschaftsbereich allerdings nicht.

Weiterhin wurde vereinbart, dass die deutsche Bevölkerung in dem nun nach Westen verschobenen Polen, in der Tschechoslowakei und in Ungarn „ordentlich und human“ in die vier Besatzungszonen Deutschlands umgesiedelt werde sollte.[1] Der Volksrepublik Polen wurden die deutschen Gebiete östlich von Oder und Neiße bis zum südlichen Teil von Ostpreußen sowie das Gebiet der bis 1939 Freien Stadt Danzig/Gdańsk zugesprochen. Die Sowjetunion beanspruchte mit der Stadt Königsberg/Kaliningrad den nördlichen Teil von Ostpreußen für sich. Für Stalin war dies kein Verhandlungspunkt.

Das Gebiet des vormaligen Großdeutschen Reichs wurde besetzt, eine Sonderrolle kam jedoch Österreich zu. Die sowjetisch-britischen Absprachen zu einer Aufteilung des Balkans in Interessensphären aus dem Jahr 1944 hatte die Sowjetunion in Rumänien, Bulgarien und Ungarn für sich genutzt. Lediglich in Griechenland konnte Großbritannien seinen Einfluss zunächst geltend machen. Eine Art von britisch-sowjetischer Parität zeigte sich in Jugoslawien. Faktisch war aber überall dort, wo auf dem Balkan sowjetische Truppen als Besatzung vor Ort waren, die Machtfrage zugunsten Stalins geklärt und kein Gegenstand von weiteren Verhandlungen.

Mit dem Rat der Außenminister wurde ein künftiges Konsultationsorgan geschaffen, um die Fragen zwischen den Alliierten weiterhin zu klären und die zu schließenden Friedensverträge vorzubereiten. Aber Friedensverträge wurden 1946 nur für Italien, Bulgarien, Finnland, Ungarn und Rumänien ausgehandelt.[2] Dabei klärte man auch Fragen der künftigen Mitgliedschaft dieser Staaten in den Vereinten Nationen. Zunächst wurde davon ausgegangen, dass im Rat der Außenminister die USA, die Sowjetunion, Großbritannien, Frankreich und China vertreten sein würden. China nahm aber nur einmal im Herbst 1945 teil. Die Treffen wurden bis 1947 durchgeführt und während des Kalten Krieges nach den Stalin-Noten von 1952 in Berlin und Genf zu Fragen der Deutschlandpolitik bis 1959 fortgesetzt.

Die Konferenz zeigte insgesamt, dass die USA, die Sowjetunion und Großbritannien in wichtigen Fragen zunächst weiterhin gemeinsam handeln konnten. Mit Einzelfragen zum Iran, zum marokkanischen Tanger, dem Nahen Osten und dem Zugang zum Schwarzen Meer wurden weitere Themen besprochen und zum Teil auch im Protokoll verankert. Die Regierung Spaniens unter Diktator Francisco Franco (1892–1975) sollte aufgrund der Unterstützung der so genannten Achsen-Mächte Deutschland und Italien während des Krieges künftig kein Mitglied der Vereinten Nationen werden können. Die Fragen des Krieges im Pazifik waren nicht explizite Inhalte der Konferenz, wurden aber am Rande besprochen. Eine Ausnahme bildete die „Potsdamer Erklärung“ der USA, Großbritanniens und Chinas vom 26. Juli 1945, die kurzzeitig die Berichterstattung über die Konferenz beherrschte. In ihr wurde die Regierung Japans aufgefordert, entweder zu kapitulieren oder die Verantwortung für eine totale Zerstörung zu tragen. Japanische Truppen in der Mandschurei stellten damals noch ein Hindernis auf dem Weg zu einem schnellen Kriegsende dar. Schon während der Besprechungen in Jalta hatte sich Stalin daher als Preis für den Kriegseintritt in Asien den künftigen sowjetischen Einfluss in China und der Mongolei zusichern lassen. Dazu kamen geplante Annexionen auf Kosten Japans. Erst nach Beendigung der Konferenz und dem ersten Atombombenabwurf auf Hiroshima am 6. August 1945 erklärte die Sowjetunion am 8. August Japan den Krieg.[3]

Bereits am 9. August 1945 informierte US-Präsident Truman in einer Rundfunkansprache die US-amerikanische Öffentlichkeit über die Ergebnisse der Potsdamer Konferenz. Truman erklärte die Reparationen durch Sachgüter mit der Lehre aus den Fehlern des Versailler Vertrages, nach dem man Deutschland Geld geliehen hatte, um finanzielle Reparationen leisten zu können. Die Bevorteilung der Sowjetunion bei den Reparationen erklärte Truman mit der schieren Masse deutscher Rüstungsindustrien in den westlichen Besatzungszonen. Die Überlassung des nördlichen Ostpreußens an die Sowjetunion begründete Truman mit einer Vereinbarung, die schon in Jalta getroffen worden war, und mit dem Vorteil eines eisfreien Hafens für die Sowjetunion auf Kosten Deutschlands. Die Übernahme der deutschen Ostgebiete durch Polen erklärte er mit dem Ziel einer „more homogeneous nation“ und mit dem Vorteil einer leichter zu verteidigenden Grenze.[4] Eine damit verbundene Vertreibung der Deutschen war jedoch nicht Bestandteil der Rede des Präsidenten.

Die Ergebnisse der Potsdamer Konferenz wirken bis in das 21. Jahrhundert fort. Trotz aller Vorläufigkeit im Jahr 1945 wurde das Potsdamer Abkommen rückblickend vor allem für Deutschland und Polen geradezu konstitutiv zum Eckpfeiler für eine staatliche Entwicklung über die Jahrzehnte des Kalten Krieges hinweg. Vor allem der territoriale Status-Quo des Potsdamer Abkommens wurde mit der KSZE darüber hinaus zu einer Basis einer europäischen Verständigung erweitert, die ebenfalls bis heute nachwirkt.

4. Diskurse/Kontroversen

Mit der Potsdamer Konferenz verbanden sich über Jahrzehnte untrennbar Fragen nach der Endgültigkeit des Verlustes der Ostgebiete und dem Charakter der damit verknüpften Zwangsmigration. Eine endgültige Friedensregelung wurde mit dem Potsdamer Abkommen zwar in Aussicht gestellt, eine explizite Verhandlung über Grenzen aber nicht. Das nördliche Ostpreußen mit der Stadt Königsberg wurde von der Sowjetunion faktisch bereits 1945 annektiert, da diese Trennlinie im Potsdamer Abkommen bereits als Westgrenze der Sowjetunion bezeichnet wurde. Damit besaß dieses Gebiet eine Sonderstellung, die noch 1990 in einigen Medien zu Spekulationen führte, da in Potsdam, wo dies als Tatsache von der Sowjetunion präsentiert wurde, darüber gar nicht verhandelt worden war. Das südliche Ostpreußen und die deutschen Gebiete östlich von Oder und Lausitzer Neiße wurden dagegen zwar unter polnische Verwaltung gestellt; dabei war aber offensichtlich, dass dies nicht nur als vorläufige Maßnahme beabsichtigt war.

In den ersten Jahren der Bundesrepublik Deutschland war die deutsche Frage eng mit dem Schicksal der Vertriebenen aus den Ostgebieten verbunden, was insbesondere innenpolitisches Konfliktpotential besaß. Für die Deutschlandpolitik der jeweiligen Bundesregierungen war die Frage der Ostgebiete bis in die 1970er Jahre auch ein Hindernis bei der Annäherung an die DDR und die Sowjetunion. Während die DDR diese Frage auf sowjetischen Druck im Görlitzer Grenzvertrag mit Polen vom 6. Juli 1950 löste, wurde von der Bundesrepublik erst mit den Ostverträgen und dem mit dem Moskauer Vertrag verbundenen „Brief zur deutschen Einheit“ von 1970 der Status Quo des Potsdamer Abkommens als Ausgangspunkt neuer friedlicher Beziehungen bestätigt. Zusammen mit der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) bildete dies eine wichtige Basis für die Möglichkeit einer Entspannungspolitik. Mit dem Zwei-Plus-Vier-Vertrag und der Charta von Paris 1990 endete schließlich das lange Provisorium des Potsdamer Abkommens. Mit der Ost-Erweiterung der Europäischen Union seit 2004 ergaben sich sogar neue Möglichkeiten des Zusammenlebens unter einem europäischen Dach.

Die Frage nach der Verbindlichkeit und Unverletzlichkeit von Polens Westgrenze prägte über Jahre die politischen, publizistischen und wissenschaftlichen Kontroversen, wobei sich alle Beteiligten auf den Wortlaut des Potsdamer Abkommens, jedoch mit unterschiedlichen Schlussfolgerungen, beriefen. Die Annahme einer noch nicht abschließend geregelten Oder-Neiße-Grenze unter dem Vorbehalt eines künftigen Friedensvertrages, fand u. a. ihre Bestätigung durch das Bundesverfassungsgericht.[5] Gegen diese Auffassungen sprachen jedoch Äußerungen der Alliierten während und vor allem nach dem Potsdamer Abkommen sowie die neuen Realitäten als Folge von Aussiedlung bzw. Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus Ostmitteleuropa und den Neuansiedlungen z. B. durch Polen und Tschechen in jenen Gebieten. In diesem Zusammenhang wurde meistens ausgeblendet, dass schon die 1939 zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion auf Kosten der Republik Polen und der baltischen Staaten ausgehandelten Interessenssphären Fakten geschaffen hatten, die sich nach 1945 auf sowjetisches Betreiben wie ein Junktim zu einer Westverschiebung Polens verbanden. Zudem wurden im Schatten dieser Kriegsfolgen die sowjetischen Annexionen im Baltikum und am Schwarzen Meer gar nicht mehr zum Thema. Die Westverschiebung Polens war von Seiten der Alliierten auch nicht erst in Potsdam, sondern schon in Jalta beschlossen worden. Dass daran festgehalten wurde, scheint aus Sicht der USA eine Vorbedingung für das Gelingen der Potsdamer Konferenz gewesen zu sein: „Das freie Polen wurde als Vorleistung für Potsdam geopfert“.[6] Durch die Verbindung der Fragen der Westgrenzen Polens und der Sowjetunion belastete man nicht nur das künftige deutsch-polnische Verhältnis auf unabsehbare Zeit, die Sowjetunion konnte dadurch auch bis zu den Ostverträgen als „Garantiemacht“ Polens auftreten. Dass daraus auch ein diplomatischer Hebel nach Osten werden konnte, zeigten die eben auch im Sinne der Sowjetunion geschlossenen jeweiligen Verträge der deutschen Staaten von Görlitz 1950 und Warschau 1970 sowie schließlich selbst noch der (gesamt-)deutsch-polnische Grenzbestätigungsvertrag vom 14. November 1990.

Das Potsdamer Abkommen war wegen der Umsiedlung und Zwangsmigration von Millionen Deutschen, Polen, Ukrainern und Angehörigen weiterer ethnischer Gruppen lange umstritten. Die Ursachen für Zwangsumsiedlungen nach 1945 lagen dabei nicht nur in der Potsdamer Konferenz begründet. Sie wurden durch sie aber politisch legitimiert und konnten von den Akteuren auf sie zurückgeführt werden. Neuere Forschungen haben dabei die Wirkmächtigkeit von nationalen Bevölkerungspolitiken in Osteuropa untersucht. So zeigte zum Beispiel die Aktion Weichsel (poln. Akcja Wisła) mit der Umsiedlung ethnischer Ukrainer, Bojken (poln. Bojkowie) und Lemken (poln. Łemkowie) in ehemalige deutsche Ostgebiete Dimensionen auf, die über das deutsch-polnische Verhältnis und die politisch-pragmatischen Beschlüsse des Potsdamer Abkommens hinausreichten.[7]

5. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Wolfgang Benz: Potsdam 1945. Besatzungsherrschaft und Neuaufbau im Vier-Zonen-Deutschland. München 2012.
  • Wolfgang Benz (Hrsg.): Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Ursachen, Ereignisse, Folgen. Frankfurt am Main 1995.
  • Włodzimierz Borodziej: Geschichte Polens im 20. Jahrhundert. München 2010.
  • Ernst Deuerlein: Deklamation oder Ersatzfriede? Die Konferenz von Potsdam 1945. Stuttgart 1970.
  • Richardson Dougall u. a. (Hrsg.): The Conference of Berlin (The Potsdam Conference). 1945. 2 Bände. Washington D. C. 1960 (= Foreign Relations of the United States. Diplomatic Papers).
  • Gerhard Kegel: Ein Vierteljahrhundert danach. Das Potsdamer Abkommen und was aus ihm geworden ist. Berlin (Ost) 1970.
  • Jochen Laufer: Pax Sovietica. Stalin, die Westmächte und die deutsche Frage 1941–1945. Köln, Weimar, Wien 2009 (= Zeithistorische Studien, 46).
  • Charles L. Mee: Meeting at Potsdam. New York 1975.
  • Wilson D. Miscamble: From Roosevelt to Truman. Potsdam, Hiroshima and the Cold War. New York 2007.
  • Krzysztof Miszczak: Deklarationen und Realitäten Die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der (Volks-)Republik Polen von der Unterzeichnung des Warschauer Vertrages bis zum Abkommen über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit (1970–1991). München 1993.
  • Michael Neiberg: Potsdam. The End of World War II and the Remaking of Europe. New York 2015.
  • Heiner Timmermann (Hrsg.): Potsdam 1945. Konzept, Taktik, Irrtum? Berlin 1997 (= Dokumente und Schriften der Europäischen Akademie Otzenhausen, 81).
  • Die Konferenz von Potsdam. Bearbeitet von Gisela Biewer. Kriftel 1992 (= Dokumente zur Deutschlandpolitik, II. Reihe/Band 1).
  • Das Potsdamer Abkommen 1945–2015. Rechtliche Bedeutung und historische Auswirkungen. Hrsg. von Christoph Koch, Frankfurt/Main 2017.
  • Potsdamer Konferenz 1945. Die Neuordnung der Welt. Hrsg. für die Generaldirektion der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg von Jürgen Luh unter Mitarbeit von Truc Vu Minh und Jessica Korschanowski. Potsdam 2020.
  • Gregor Schöllgen: Geschichte der Weltpolitik von Hitler bis Gorbatschow 1941–1991. München 1996.
  • David McCullough: Truman. New York u. a. 1992.

Weblinks

Aktenedition des Büros des Historikers des Außenministeriums der USA zur Potsdamer Konferenz in zwei Bänden:

Foreign Relations of the United States: Diplomatic Papers, The Conference of Berlin. The Potsdam Conference, 1945, Volume I and II (dabei das Protokoll mit dem Text des Potsdamer Abkommens)

URL: history.state.gov/historicaldocuments/frus1945Berlinv01

URL: history.state.gov/historicaldocuments/frus1945Berlinv02

URL: history.state.gov/historicaldocuments/frus1945Berlinv02/d1383

„Potsdamer Erklärung“ der USA, Großbritanniens und Chinas, 26. Juli 1945:

Proclamation by the heads of governments, United States, China and the United Kingdom. In: Truman-Library-Institute. Personal Papers. Rose A. Conway Papers, S. F. 1943–1980. President Truman's Travel Logs. 1945. Log of President Harry S. Truman's Trip to the Berlin Conference, C-1–C-2, S. 177–118.

URL: www.trumanlibrary.gov/library/personal-papers/subject-file-1943-1980/president-trumans-travel-logs-1945?documentid=NA&pagenumber=117 (18.12.2021).

Rundfunkansprache des US-Präsidenten Harry S. Truman über die Potsdamer Konferenz an das amerikanische Volk, 9. August 1945:

Harry S. Truman, Radio Report to the American People on the Potsdam Conference. In: Truman-Library-Institute. Public Papers.

URL: www.trumanlibrary.gov/library/public-papers/97/radio-report-american-people-potsdam-conference

(18.12.2021).

Anmerkungen

[1] Im Text des offiziellen Protokolls der Potsdamer Konferenz wurde die Zwangsmigration als Transfer umschrieben: „any transfers that take place should be effected in an orderly and humane manner“; Artikel XIII. Orderly Transfer of German Populations, URL: history.state.gov/historicaldocuments/frus1945Berlinv02/d1383 (18.12.2021).

[2] Zu den Verhandlungen kam man von Juli bis Oktober 1946 auf der Pariser Friedenskonferenz zusammen. Die Unterzeichnung der Verträge folgte 1947.

[3] Der erste erfolgreiche Atomwaffentest am Tag vor Beginn der Potsdamer Konferenz hatte auf deren Ergebnisse faktisch noch keine Auswirkungen gehabt. Der erste Atombombenabwurf auf Hiroshima am 6. August 1945 wird in der regionalen Potsdamer Gedenkkultur heute mit der dortigen Truman-Villa, dem „Little White House“ der Konferenz, verbunden.

[4] Harry S. Truman, Radio Report to the American People on the Potsdam Conference. In: Truman-Library-Institute. Public Papers. URL: www.trumanlibrary.gov/library/public-papers/97/radio-report-american-people-potsdam-conference (30.04.2021).

[5] Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 7. Juli 1975, BVerfGE 40, 141.

[6] Philipp Gassert: Im Schatten von Jalta und Hiroshima. Potsdam 1945 aus Sicht der USA. In: Potsdamer Konferenz 1945, S. 36–61, Zitat auf S. 48.

[7] Siehe hierzu Michael G. Esch: „Gesunde Verhältnisse“. Deutsche und polnische Bevölkerungspolitik in Ostmitteleuropa 1939–1950, Marburg 1998; Deutschsein als Grenzerfahrung. Minderheitenpolitik in Europa zwischen 1914 und 1950. Hrsg. von Mathias Beer, Dietrich Beyrau und Cornelia Rauh. Essen 2009.

Zitation

Heiner Bröckermann: Potsdamer Abkommen. In: Onlinelexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2022. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32743 (Stand 16.02.2022).

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